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An,.ig°o-Ann°i,m- säst»: s a

Qff. 286. VerlagS^fernfprecher 91*. 2968.

Abend-Ausgabe.

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Sozialistische Wahlsrege.

Der 16. Juni mit seinen Ergebnissen hat den Sozial» Srmokraten einen Erfolg gebracht, wie ihn in dieser aus- gesprochenen Entschiedenheit keine Partei erwartet, wie chn die Sozialdemokratie selbst nicht zu erhoffen gewagt hatte. 64 Mandate — nach dem „Vorwärts" gar 58 — hat sie im ersten Anlauf erobert, über der Hauptstadt des Deutschen Reiches weht das Banner der Sozialdemokratie. Wahlkreise, die sie sonst erst in den Stichwahlen und auch da nur mit wenigen Stimmen Mehrheit zu erringen ver­mochte, zeigen jetzt schon beim ersten Wahlgange über­wältigende Übermachten. Zwei verlorenen Wahlkreisen stehen gegen 1898 31 aus den ersten Schlag neu ge­wonnene gegenüber.

Aber nicht allein diese definitiven Siege sind das Aus­schlaggebende, auch die gewaltigen Steigerungen der Mimmenzahl in Bezirken, in denen der Sozialdemokrat bisher kaum mehr als ein Zählkandidat war, geben zu denken. In Essen, wo 1898 4400 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden, schwollen diese am 16. Juni jcmf 22 700 ach während die beiden anderen Kandidaten, der des Zentrums wie der Nationalliberalen, beträchtliche Stimmverluste zu verzeichnen hatten. Ähnlich. sind in Dortmund die sozialdemokratischen Stimmen von 19 000 auf 33 000 gestiegen.

Den Hauptanteil an der Zeche bezahlen die frei­sinnigen Parteien, die im ersten Wahlgang keinen Sitz zu erringen vermochten. Allerdings war dies auch im Jahre 3.898 der Fall und das Ergebnis der Stichwahlen zeitigte fern wesentlich anderes Bild, jedoch liegen die Verhältnisse diesmal anders. Me freisinnige Volkspartei, die im alten Reichstage 28 Mitglieder zählte, kommt überhaupt dmr in 26 in die Stichwahlen, die freisinnige Vereinigung, die 15 Sitze innehatte, ist an 10 Stichwahlen beteiligt, jede von ihnen verliert endgültig 7 Wahlkreise. Von den änderen Parteien sind namentlich die Antisemiten und der Bund der Landwirte arg mitgenommen. Die bisherigen ' 12 Antisemiten haben nur 6 wenig aussichtsreiche Stich­wahlen, vom Bund der Landwirte sind die Führer Rösicke, Diederich, Hahn, Lucke-Patershausen vollständig ausgefallen, Oertel steht in seinem bisherigen Wahlkreise Freiberg i/S. in einer wenig aussichtsreichen Stichwahl. Auch die anderen Parteien haben teilweise, allerdings nicht so erhebliche Einbußen erlitten.

Wenn man diesen Tatsachen gegenüber sich die Frage oorlegt, in welchen Ursachen die außerordentlichen, sozial­demokratischen Wahlerfolge zu suchen sind, so wird man zu folgenden Ergebnissen gelangen:

Dienstag, de« 23. Juni.

Die Sicherung des Wahlgeheimnisses ist ihnen in erster Linie zu Gute gekommen. Die namentlich^ von freisinniger Seite aufgestellte Behauptung, daß die Sicherung des Wahlgeheimnisses sich gegen die Sozral- demokratie wenden und dem sozialdemokratischen Wahl- wrrorisnrus ein Ende macken werde, hat sich ab voll­ständig irrig erwiesen. Gerade der Freisinn hat dies m Berlin am eigensten Leibe erfahren, wo die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen gegen 1898 um 61 037 gestiegen ist, während der Freisinn prozentual erheblich zurückging.

Ein weiterer wesentlicher Faktor, der namentlich durch das Ergebnis in Essen demonstriert wird, ist die Wirkung der bekannten Loyalitätsadressen im Anschluß an die Essener und Breslauer Kaiserreden. Für den Zwang, dem sich die Arbeiter dainals untertverfen mußten, um nicht Brot und Arbeit zu verlieren, haben sie bei den Wahlen Vergeltung geübt.

Endlich dürfen die Vorgänge, die sich bei der Ver-° Handlung über den Zolltarif abspielten, nicht vergessen werden. Dieselben haben nachgewirkt und manchem den sozialdemokratischen Stimmzettel in die Hand gedrückt, der innerlich sich keineswegs zur sozialdemokratischen Partei bekennt. ...

Ist auf Grund aller dieser Tatsache der Fortschritt der Sozialdemokratie ein unleugbar großer, dessen Be- deutrmg man nicht unterschätzen darf, so wird Man sich doch hüten müssen, in das andere Extrem zu verfallen. Tie Sozialdemokratie wird im neuen Reichstage zwar eine der stärksten Parteien, sie wird nicht die ausschlaggebende. Dieser Eckstein bleibt auch in Zukunft das Zentrum, das jederzeit mit den liberalen und den Rechtsparteien eine Reichstagsmehrheit zu bilden im stände ist. Immerhin wird die Sozialdemokratie auf die parlamentarischen Arbeiten einen noch wesentlich stärkeren Einfluß ausüben können, als dies schon bisher der Fall gewesen ist, von chr wird es viel mit abhängen, ob dem neue:: Reichstage ein langes Leben beschieden ist. Wie von gut unterrichteter Seite mitgetestt wird, werden in der ersten Session dem Reichstage voraussichtlich der schweizerische und der russische Handelsvertrag zur Befchließung zugehen. Ohne eine Erhöhung der Nahrungsmittelzölle wird es hierbei nicht abgehen. Hält die Sozialdemokratie an ihrer Wahl­parole „keine Handelsverträge mit Erhöhung der Lebens­mittelzölle" fest und kommt dadurch mit der äußersten Reckten eilte Mehrheit zu stände, die die Verträge scheitern läßt, so wird die Regierung wahrscheinlich zur Auflösung schreiten. Ob jedoch eine solche Eventualität im Interesse der Sozialdemokratie liegt, ob vor allem die Überagrarier ein Interesse daran haben, dürfte sehr zweifelhaft sein.

Auch für die zukünftige Gestaltung der Sozial­reform wird das Verhalten der Sozialdemokratie von wesentlichem Einfluß sein. Tie noch bei der Novelle zum

Redaktions-Fernsprecher No. 62.

1963.

Krankenversicherungsgesetz geübte „Alles- oder Nichts- taktik" wird jedenfalls von ihr ausgegeben werden müssen. Beharrt sie auf diesem Wege, wirkt sie auch in Zukunft als Hemmschuh einer Sozialpolitik, die sich innerhalb der Grenzen des Erreichbaren bewegt, so kann leicht hier ein Stillstand eintreten, der alle die jetzt so hoffnungsvoll be­gonnenen Anläufe zur Lösung neuer Aufgaben derSozial- reform zum Stillstand bringt.

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tvb. Berlin, 23. Juni. Die „Nat.-Ztg." erfährt zu einer Leipziger Meldung des „B. T.", daß Staatssekretär Graf Posadowsky und Bachem bei dem Zeutrumsführer, Spahn, in Leipzig eingetroffen seien, um wegen des Zu­sammengehens der Ordnuugsparteien bei den Stich­wahlen zu verhandeln, und daß eine Einigung erzielt sei, daß Graf Posadowsky während der letzten Tage Berlin nicht verlassen habe. Es sei dagegen zutreffend, daß auch die Regierung dringend eine Verständigung der beide» Mittelparteien für die Stichwahlen wünsche.

Die ultramoutane „Kölnische Volkszeitung" äußert sich an leitender Stelle zu den Stichwahlen und sagt u. a., die Zentrumspartei könne die allgemein gehaltene Stich- wahlparole: „überall gegen die Sozialdemokratie" nicht aibgeben, vielmehr müsse die Stellungnahme des Zen­trums nach Lage der Verhältnisse einzelner Wahlkreise, sowie der in Betracht kommenden Persönlichkeiten eine verschiedene sein.

Frankreich und der Vatikan.

Das französische Ministerium des Äußern hat ein Gelbbuch über die diplomatischen Beziehungen Frank­reicks mit dem Vatikan herausgegeben. Es enthält, wie man der „Franks. Ztg." aus Paris schreibt, 26 diplo­matische Schriftstücke aus der Zeit vom 22. Mai 1899 bis zum 24. Juli 1902. ^ „ t „ „

Im Mai 1899 drückte der Kardinal Rampolla gegen­über dem Botschafter Nisard sein peinliches Befremden über die Vorlage des Vereinsgesetzes aus, sowie darüber, daß die unveränderliche französische Politik des Vatikans gegenüber Frankreich bei diesem so wenig Ermunterung gefunden habe.

Delcass5 antwortete am 25. Mai, daß er Waldcck- Nousseau die Bedenken Rampvllas mitgeteilt habe. Wal- deck-Rousseau habe im Einverständnisse mit dem Unter- richtsministcr keineswegs die Absicht, das Prinzip der Freiheit des Unterrichts zu erschüttern. In Bezug auf das Vereinsgesey könne jedoch die Regierung unmöglich auf die Vorsichtsmaßregeln und Garantieen verzichten, welche bei der Durchführung der allgemeinen Vereins, freiheit gegenüber den Kongregationen nötig seien.

Am 13. Oktober 1899 äußerte sich Rampolla über die Anträge der Budgetkommission der französischen Kammer, betreffend die Abschaffung des Kultusbudgets.

Im Meißen Kleide.

Roman von M. Böhme OD. Sandor).

(34. Fortsetzung.)

Im Laufe des Nachmittags besuchte Edel sie und er- zählte, daß ihr Vater am Mittage mit dem an diesem Tage abgehenden Orientexpreßzuge nach dem Süden ge- reist sei. „Ich war wie aus den Wolken gefallen, ab er mir seine Absicht heute früh mitteilte", sagte sie. „Me ganze Nacht haben sie gepackt, er und Behrend. Sie haben es doch gewußt, nicht wahr?" ,

„Ich?" fragte Maud betroffen, „wie sollte ich? Sw sehen mich ebenso überrascht, wie Sie nach Ihrer Ber- sicherung im ersten Augenblicke selber waren."

„Nun ich dachte, Väterchen hätte es Ihnen gestern abends spät gesagt, als er Sie in dm Salon bugsiertes fuhr Edel unbefangen fort, „die Sontheim »var auch wie vor den Kopf geschlagen, als Vater ihr seinen Entschluß mitteilte Sie hätte ihm in elfter Stunde noch gern dm Kopf warm gemacht, Herrn Arfst aus dem Hause zu schickm, aber Väterchen hat sich von ihr nichts, etnreden lassen. Ach, die Zeit überhaupt mit der Sontheim allein, mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich daran deiike. Gut,.daß Sie wmigstms hier sind.",

„Ich gehe auch fort — aber nur für kurze Zeit , setzte Maud lächelnd hinzu, als sie Edels bestürzte Miene ge- wahrte. „Nach meiner Rückkehr könnm wir dann jeben Tag zusammenkommen. Wie lange bleibt Ihr Herr Vater fort?" . , . ..

„Er hat selbst nichts Bestimmtes darüber gewußt, aber zwei Monate sicher. Er will die Türkei, Griechen-, land und Rußland bereism. Ich bin ganz ärgerlich, daß er mich nicht mitnimmt. Beim Abschied hat er mir frei- sich versprochen, daß wir im Herbst noch einmal zusammen an die See gehen." r

Maud überlegte einen Augenblick, ob sie nicht Edel SU Liebe auf die geplante Reise verzichten sollte. Dann schim es ihr aber doch besser, wmigstms sur kurze Zeit eine andere Umgebung aufzusuchen, um die unange­nehmen Eindrücke, die sie in sich aufgenommen hatte, zu verwischen.

Einigermaßen betrübt über die bevorstehende Trennung von der Freundin entfernte sich Edel nach einer Weile. Noch an demselben Tage begann Maud mit den Vor­bereitungen für die Reise. In der Mittagsstunde des folgenden Tages wurde ihr der Besuch des Barons Nietschmannshausen gemeldet. Maud ließ den Herrn m den Empfangssalon führen: nach eiiügen Minuten — sie war int Haus kleide gewesen und hatte sich erst ein wenig umziehen müssm — erschien sie auch dort und begrüßte ihn. Sofort beim Eintritt in den Salon fiel ihr die feierlich schwarze Toilette ihres Besuchers auf, ohne daß sie dieselbe natürlich zu dem Zwecke seines Besuches in Beziehung brachte. Erst als er nach einer Weile, nach­dem einige gleichgültige Stoffe besprochen waren, von seiner Familie zu reden anfing, seine Ahnen, die sich bis zu Konrad von Staufen verfolgm ließm, erwähnte und sein schönes altes Stammschloß schilderte, das so einsam und verlassen seit langen Jahren war und dem die Herrin fehlte, tagte Maud etwas von den Absichten des hoch­edlen kirchenmausarmm Freiherrn. Nach einer Weile kam er an den Kernpunkt der Sache. Fräulein Maud habe schon auf den ersten Blick Eindruck auf ihn gemacht, aber so recht bewußt, daß sie die einzige sei, die ihn mit ihrer Hand zum Glücklichsten aller Sterblichen machen würde, sei er sich eigentlich erst an jenem gemeinsamen Maiausfluge nach Hundekehle geworden . . .

„Nachdem Vater ihn über die ungefähre Ziffer unseres Vermögens unterrichtet hatte" — ergänzte Maud in Gedanken, während sie ihn ruhig sein Sprüchlein zu Ende sagen ließ. Fünf Minuten später hatte er den Hciratsantrag mit schön gesetzten Worten — sogar mit sentimentalen Anklänqen — heraus befördert.

Maud verriet natürlich mit keiner Miene, wie sehr das Anliegen des Barons sie überraschte. Sie antwortete ruhig, mit freundlicher Reserve. Selbstverständlich wisse sie die Ehre des Antrages zu schätzen, aber sie müsse trotz- dem ablehnen. Gründe sah sie sich nicht veranlaßt anzu- geben, aber ihre Antwort war bei aller Höflichkeit un­zweideutig bestimmt und ließ keine Zweifel aufkommen, daß eine etwaige Gesinnungsänderung ausgeschlossen sei.

S Ter Baron, der seiner Sache vollständig sicher ge- wesen w«K konnte kaum seine Bestürzung über das

negative Ergebnis seiner Werbung verbergen. Er hatte nie gezweifelt, daß die bürgerliche Amerikanerin, die Tochter des ehemaligen Leipziger Druckereisaktors, die dargebotene Ehre, Baronin Nietschmannshausen zu wer­den, mit beiden Händen ergreifen würde. Er hatte so gewiß auf eine Annahme seines Antrages reflektiert, daß es ihm gar nicht so eilig gewesm war, seine goldene Frei­heit mit der entscheidenden Frage zu opfern. Aber da am Tage vorher ein Ereignis eingetreten, das ihm die Beschleunigung der Angelegmheit doch wünschenswert machte; ihm war nämlich eine große Hypothek seines schwer belasteten Besitztums gekündigt worden, und da er keine Aussicht hatte, diese von irgend jemand zu er­halten und Nietschmannshausen somit in,absehbarer Zeit unter den Hammer kam, was fiir ihn gleichbedeutend mit vollständigem Ruin war, schien ihm die eilige Anschaffung eines vermögenden Schwiegervaters durchaus ratsam.

Im erstcii Augenblick glaubte er seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Aber da von einer Sinnestäuschung keine Rede sein konnte, mußt er sich wohl oder übel mit der Tatsache eines Korbes abfinden.

In ärgerlicher und niedergedrückter Stimmung langte er wieder in feiner Wohnung an. Die gekündigte Hypo­thek hing wie ein Damoklesschwert über seinem Haupte; obgleich das Besitztum ihm schon seit Jahren nichts ein­brächte, hatte es ihm doch noch immer einen beschränkten Kredit gesichert; selbst seine Aussichten auf eine reiche Heirat waren weit günstiger, so lange er wenigstens dem Namen nach Großgrundbesitzer war. Nietschmanns- hausen war ein gutmütiger, etwas andolenter Mensch. In demselben Maße, wie er die Annehmlichkeiten eines sorgenlosen Lebens schätzte, verabscheute er körperliche und geistige Anstrengungen. Mit Ach und Krach hatte er, der Tradition seines Hauses folgend, ein paar Jahre als Leutnant bei den Husaren gedient, um dann mit dem bunten Rock jede Verpflichtung geistiger und körperlicher Beschäftigung abzulegen. Seit der Zeit führte er das angenehme Leben eines Menschen, für den die Welt nur zum Genießen und Amüsieren da ist.

Der Baron hielt sich das ganze Jahr in Berlin auf und ließ es sich an nichts fehlen. Daß er auf Kosten seiner Gläubiger lebte und von Jahr zu Jahr tiefer in Schulden