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Si. Jahrgang«

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Ka. 283.

verlagS-Fernfprecher No. 2S5S.

Sonntag» de« 21. Inm.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Morgen «Ausgabe.

Jmn Mord in Belgrad.

Eine interessante Beleuchtung des Mordes in Belgrad geht uns seitens eines unserer Mitarbeiter zu, dessen Artikel oster schon durch ihre unerbittlich scharfe Logik die lebhafteste Anteilnahme unserer Leserschaft erweckten. Es ist erklärlich, daß bei der Betrachtung der blutigen Mord­tat im Konak durch eine Anzahl fanatisch erregter Offiziere zunächst der Mscheu überwiegen wird und damit eine strenge Verurteilung des Gescheh­nisses; aber wenn dieses Gefühl überwunden, dann bleibt Raum, die Angelegenheit rein und sachlich und logisch und vom Standpunkt historischer Gerechtigkeit zu betrachten. Inwiefern unser geschätzter Herr Mitarbeiter dabei das Richtige getroffen, das zu entscheiden überlassen wir unserer Leserschaft. Jedenfalls regt der Artikel, nach­dem bisher die Stimmung, das Gefühl, bei dieser Sache die Vorhand hatte, mm auch zum Nachdenken au. Die Ausführungen lauten:

Das Ereignis in Serbien hat bis jetzt den Tagcs- blättern reichlichen Unterhaltungsstoff für ihre Leser ge­liefert, und viele haben dasselbe meist in dem Sinne au?- genutzt, daß sie sich in einen Strom von wahren und auch wohl erheuchelten Entrüstungsphrasen über die „Köiügs- mörder" ergingen. Es mutet den ernst denkenden Menschen ganz eigentümlich an, zu sehen, welches Aufgebot von Zeit, Geld yUd leeren Worten zur Schilderung des obigen Vorganges verwandt wird, während in der Regel ein Vater-, Bruder-, Gatten- oder sonst ein wirklich unver­ständlicher, gemeiner Mord mit wenigen Zeilen ab­getan wird, bei dessen Kunde sich das Sittlichkeits- und Menschlichkeitsgcfühl eines jeden in Wahrheit empört.

Am lautesten stoßen in die Posaune edlen Zorne? unsere hochmenschlichen, hochethischen Vettern jenseits des Kanals und es hat fast den Anschein, als ob sie sich für die berufenen Sittenwächter der ganzen Welt halten. Wäre der Gegenstand! nicht gar zu ernst, so müßte man über das Gebaren der englischen Presse laut auflachen, die ein V ö l k e r m o rd e n mit kaltem Lächeln übersieht ünd wohl für notwendig hält, wenn es sich um Besitz- mteressen der eigenen Nation handelt, ja deren eigene? Volk in Königsmord und ähnlichem eine außerordentlich bewegt« Vergangenheit aufzuweisen hat, und nun ange­sichts eines Doppelmordes, der fälschlich als Königs- >m o r d dargestellt wird, nicht Worte genug des gerechten Zornes finden kann.

Die Mörder Saschas und der Draga sind unseres Er­achtens bereits so viel angegriffen und nngehört ver­dammt worden, daß es auch an der Zeit ist, bei ruhigem Blute zu überlegen, was sie denn eigentlich getan haben

Feuilleton.

! Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindcnberg.

Berlin, wie es «eint und lacht — «ach de« Wahle«. — „Ja. hätte« wir das vorher gewußt!" — Das serbische Köuigsdrama ««d was man davon spricht. — „Alles schweiget!" — Geselligkeit ««d Übermüdung. — Fremde Gastspiele. — Muss es sei«? — Die I A«sstell«ng für Arbciterwohlsahrt. — „Briefe, die ihn nicht I erreichten."

Es war ja nur ein Zufall, daß am Abend des Wahl­tages im Schiller-Theater das alte Volksstück: „Berlin, w i e e s w e i n t u n d l a ch t" gegeben wurde, aber Zu­fälle haben oft ihre merkwürdigen Mucken und seltsamen Bedeutungen. So auch diesmal! Denn schon in ocr ! gleichen Nacht, in welcher die ersten Extrablätter mit oev | ungefähren Wahlergebnissen der Neichshauptstadt ausgc- ! rufen wurden, und noch mehr am folgenden Morgen, an dem das Resultat ziffernmäßig vorlag, da patzte jener Titel so recht auf unser Spree-Athen: „Berlin, wie es weint und lacht!" Auf der einen Seite siegcsfroher Über­mut, auf der anderen tiefe Niedergeschlagenheit. Jetzt konnte man oft genug den gewohnten Ausruf der gewohn­heitsmäßigen Schwächlinge und Leisetreter vernehmen: »Ach, hätte man das vorher gewußt!" und: „Ja, wie konnte mau so etwas ahnen!" Aber zur Klage und Reue war's zu spät. Diese in bestimmten Kreisen herr­schende Gleichgiltigkeit dem wichtigsten Ereignisse gegen­über ist besonders auffallend in der sogenannten Stadt der Intelligenz, deren Einwohncrschast doch sonst ein so reges Interesse an allen öffentlichen Dingen nimmt und sich gelegentlich leidenschaftlich dafür ereifern kann. Der bewußte Tag jedoch hatte uns gut Wetter beschert, und statt zur Wahlurne strebten Tausende, die für den Nach­mittag „frei" bekommen hatten, nach den lockenden Ort­schaften an der Spree, der Havel, im Grunewald. „Die Sonne schien gar so schön", hörte man tags daraus ver­legen als Entschuldigung. Wär's unfreundlich und rcn- »erisch gewesen, so hätte man sicher vernommen: „Di: Witterung war zu ungünstig, da blieb ich lieber in meinen vier Wänden"

und was sie zur Erreichung ihres Zweckes anderes hätten tun können. Der Hauptvorwurf, der den Offizieren ge­macht wird, liegt nicht etwa im Morde selbst, sondern im Königs morde und wir haben zunächst nachzuweisen, daß es sich in diesem Falle um einen solchen gar nicht handeln kann.

Wenn man das Königtum „von Gottes Gnaden" — wofür das serbische zweifellos mit seinen 21 Jahren viel zu jung ist — außer Betracht läßt, so muß man, uin wirklicher König sein zu können, vor allem die Zustimmung des betreffenden Volkes besitzen, und diese kann ihrerseits nur dessen Verträum und Zuneigung zu der betreffendn: Person entspringen. Wirft sich irgend ein Mensch, der im Besitze genügender Gewalt ist, zum Könige eines Volkes auf gegen dessen Willen, so ist dieses sich König nennende Individuum weiter nichts als ein ehr- imb be­sitzgieriger Usurpator, ein Tyrann, der sich nur durch die Größe seines Vergehens vom gemeinen Räuber unter­scheidet, und vor dessen Vetterschaft sich die Könige von Gottes Gnaden, vor allem aber „von Volkesgunst", sich mit Recht sehr energisch verwahren werden. Die Situalion eines vom Volke selbst proklamierten Königs unterscheidet sich in nichts von der vorigen von dem Augenblicke an, wo er die ihm anvertraute Gewalt mißbraucht, wo die Zu­neigung des Volkes sich in Abneigung und Haß ver­wandelt hat und die große Mehrzahl seinm Rücktritt wünscht. Ein Mann in dieser Lage hat moralisch schon aufgehört, König zu sein, es ist ihm nichts von seiner Würde geblieben als die äußere unwahre Form, und auch diese vermag er nur noch durch die brutale Gewalt und ähnliche gemeine Mittel aufrecht zu erhalten.

Wenn man nun die Beziehungen Alexander Obreno- witschs zu dem Volk seit seiner Verheiratung mit der ehr­geizigen und ränkevollen Draga näher untersucht, so kann man sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Ermordeten schon längst aufgehört hatten, König zu sein, nicht allein im Herzen des Volkes, also moralisch, sondern auch nach ihrer.eigenen Überzeugung, die ja in den Worten der Draga dem Gesandten, gegenüber klar aus­gedrückt ist: „Das Volk haßt uns und das Volk ist

mächtiger als wir, Sie werden sehen, wie recht ich habe." Diese Äußerung in Verbindung mit den steten Sicher­heitsmaßregeln beweisen zur Genüge, was das frühere Königspaar voll sich hielt, und die große Teilnahme an der Verschwörung, sowie die Zustimmung des Volkes zum Geschehenen legen beredtes Zeugnis für dessen Emp­finden ob.-

Ans dem Gesagten dürfte erhellen,, daß die Ver­schwörer absolut keinen Königsmord begingen, sondern sich und ihre Mitbürger durch Gewalt von 2 Menschen —•’ allerdings durch Mord — befreiten, welckie ihren Königsstuhl und die ganze Nation durch ihr Verhallen entwürdigten und schädigten.

Im Gegensatz zu dieser Teilnahmlosigkeit bezüglich der eigensten Interessen steht die lebhafte Erregung, mit der man hier in fast sämtlichen Schichten unserer Bevöl­kerung die Einzelheiten über das serbische KönigS- d r a m a anfgenommen, obwohl uns dasselbe eigentlich nichts angeht. Man beurteilt es auch garnicht vom poli­tischen, sondern vom rein menschlichen Standpunkte ans, und da gelangt das Gerechtigkeitsgefühl der breiten Massen zu sehr beredtem Ausdruck, überall werden die Fragen erörtert: Werden denn nicht die Mächte darauf dringen, daß diese Bluttat ihre Sühne findet? Hört man denn von keiner hohen oder offiziellen Stelle herab ein Wort des Abscheus oder Mitleids? Werden denn diese Mörder in serbischen Offiziersuniformen anders beur­teilt als die übrigen Totschläger? Konnten sich nicht die großen Kulturstaaten schnell einigen, daß sic ihre in Bel­grad ansässigen Vertreter so lange abbericfcn, bis die Verüber des unerhörten Verbrechens ihre Strafe erhär­ten haben?-So fragt das Volk . . . und es muß sich

selbst die Antworten erteilen; daß diese aber oft von recht scharfen Bemerkungen begleitet sind, darf niemand wnndernehmen. Diese vielfachen Erwägungen haben mit irgendwelchen Sympathiecn für König Alexander und seine Draga, welche eine so schwere Schuld trägt an den verhängnisvollen Wirren, nichts zu tun, das KönigS- paar ist den Berlinern höchst unwichtig, hier handelt es sich nur in unparteilicher Weise um Gesetz und um Ver­geltung. Und da trifft man auf eine sehr große Einig­keit der Ansichten, so groß, daß ein bißchen davon für den Wahltag sehr wichtig gewesen wäre! —

Sonst ist diesmal herzlich wenig vom Berliner Leben und Treiben zu berichten. „S t i m m u n g s l a u", lautet ja wohl der Börsenansdruck. „Nichts mehr los, wo gcht's nun hin?" sagen jene, die über freie Zeit und ein gespicktes Portemonnaie verfügen, indem sic das Fahr­planbuch zur Hand nehmen. Ein bischen Geselligkeit zu wohltätigen Zwecken wird unter freiem Himmel, falls dieser ein gnädiges Gesicht macht, ansgeübt, wie kürzlich im schönen Garten des Reichsamts des Innern; eine gleiche Veranstaltung ist für den Park ^es Reichskanzler- Palais geplant zum Besten armer Kinder, die an die See geschickt werden sollen. Bald ist'S aber auch mit derartigen

Nun meinen manche, man hätte sich begnügen sollen, das Paar über die Grenze zu schaffen, aber man scheint gar nicht daran zu denken, daß die Folge hiervon mög­licherweise ein Parteikrieg im eigenen Lande gewesen wäre, und daß andererseits Rußland und Österreich sich angemaßt hätten, besser zu wissen, was auf den serbischen Thron gehört, als die Serben selbst. Von den: Augen­blick an, wo Draga samt ihrem Sascha nicht freiwillig ent- sagen wollten, blieb in der Tat kein anderes sicheres! Mittel als deren Tod, und es war jedenfalls besser, daß diese beiden samt einigen Dienern starben, als wenn Tausende im Bürgerkriege hingemordet worden wären.

Es dürfte schwer zu ermitteln sein, ob die Offiziere sich aus rein persönlichen Motiven zu der Exekution — wie man die Bluttat richtiger nennen sollte — entschlossen, oder ob sie in der Überzeugung handelten, daß sie, die Waffenträger, für die Interessen des gesamten Volkes cinzutreten hätten. Wenn, wie aus der Äußerung des neuen Ministers zu schließen, das letztere der Fall war, dann ist freilich das Volk diesen Männern zu großem Danke verpflichtet, und selbst ein König muß wünschen, daß alle Soldaten in solch entschlossener Weise für die Ehre des Landes eintreten.

Jede Tötung, bei welcher eine Verteidigung des Opfers ausgeschlossen ist, muß füglich als Mord quali­fiziert werden, und in diesem Sinne ist auch eine gewöhn- liche Hinrichtung mit vorangegangenem Prozesse nichts anderes als ein Mord, trotzdem wird niemand einen Scharfrichter als Mörder bezeichnen wollen, mag er seinen Mitmenschen wegen seines traurigen Amtes noch so anti- pathisch sein. Auch in diesem Falle handelt es sich um ein? Hinrichtung, nicht um einen Mord im vulgären Sinne, auch hier war eine Verurteilung vorhergegangen, und die Exekutoren dieses Urteils müssen uns in ganz anderem, viel günstigerem Lichte erscheinen, weil sie unter dem direkten Eindruck des täglich sich breit machenden Un­rechtes standen, während ein Scharfrichter irgend einen Menschen auf Befehl seiner Vorgesetzten zu richten hat, ohne sich darüber klar zu sein, ob das Opfer auch den Tod verdiene.

War der neue König nicht in diesem traurigen Drama als Akteur tätig, dann ist die Wahrscheinlichkeit vor­handen, daß lautere Motivs die Verschwörer leiteten, und Peter Karageorgiewitsch wird sich wohl hüten, den Un­willen seines Volkes in so unsinniger Weise herauszu­fordern, hat er dagegen seine Hand dabei im Spiele ge­habt, dann wird er freilich gegen seine eigenen Werk­zeuge auf der Hut sein, allein dem Volke dürste dann durch den Wechsel kaum ein Vorteil erwachsen sein.

Tie vielfach in der Presse laut gewordene Forderung: König Peter solle die Verschworenen bestrafen, ist aus drei Gründen unausführbar, 1. dann unmöglich, wenn er selbst bei der Sack^ beteiligt >oar, 2. dann unmöglich«

Bereinigungen zu Ende, Berlin schickt sich an, in seinen Sommerschlaf hinüberzuduseln.

So recht gegönnt wird er ja der wintermüdcn Bevöl- kerung nicht, und der Tag muß noch geboren werden, an dem man erfreut ausrufen kann: „Gott sei Dank, heute ist Berlin vergnügungsleer!" Denn wenn unsere haupt­sächlichen Theater Schluß gemacht haben und die Lieb­linge unserer höheren Töchter, sowie der Studenten und sonstigen Bühnenschwärmcr in die Ferien gegangen sind, dann findet der Einzug fremder Mimen statt und werden wir mit theatralischen Überraschungen be­glückt, die wir uns nie träumen ließen. Zwar wird immer wieder vor ihnen gewarnt, und die Unternehmer seycn meistenteils ganz hübsche Summen zu, aber Berlin mutz nun einmal weit draußen iiw Gerüche unerhörten Geld- übcrflusscs stehen und die Berliner in jenem einer Thcaterwütigkeit, die sich auch in den heißesten Sommer­monaten nicht bezähmen läßt. Und genau das Gegenteil ist der Fall. Trotzdem hört man auch jetzt wieder von allerhand Gastspielen fremder Theatergesellschaften, bte uns binnen kurzem mit ihrer Gegenwart beehren wollen. Unter anderem wird das Gastspiel des Norwegisiyen Nationalthcatcrs angekündigt mit dem Zusatz, man werde dann endlich die Stücke Ibsens und Björnsons in einer würdigen, unmittelbar von den Dichtern beeinflußten Originaldarstellung sehen. Also endlich — als ob wir nicht schon zur Genüge in den verschiedensten Sprachen und Anssassungcn jene Werke vorgesetzt bekommen hätte», so oft und in so mannigfacher Darbietung, daß viele schon recht übersättigt worden sind. „Laß ab von der Liebe" — möchte man Björn Björnson, dem Sohne des Dichters, der jenes Nationalthcatcr in Christiania leitet, zurufen, denn wenn vielleicht auch ein literarischer Erfolg crzreH wird, an einen materiellen ist nicht zu denken. Was ist schließlich die Wirkung? Mißstimmung drüben und hüben! Wir hier sagen! „Ihr hättet uns verschonen können", und die in Norwegen meinen: „Die Berliner babcn kein Verständnis für die echte und rechte Kunst!" Denn dast er letztere einzig und allein gepachtet hat, vaS steht doch jeder Theaterleiter, der uns mit den Seinen öeimsncht, als selbstverständlich an.

Was diesem Berliner Sommer sein eigentümliches