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1. Mimik min Mesbaüener öLngblntt.

Po. 283. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 21. Juni.

61. Jahrgang. 1903.

Mensch, was Du liebst, in das Wirst Dn verwandelt werden,

Gott wirst Du, liebst Du Gott,

Und Erde, liebst Du Erden.

Angelus SilestuS.

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(6. Fortsetzung.)

Keutnant Lämmchens Abenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Gcrmanis.

Malve ließ ihm auch keine Zeit mehr, seinen Gedanken nachzuhängen. Sie plauderte in ihrer lebhaften Weise unausgesetzt, sprunghaft von einem Thema zum anderen ulend, und wurde einmal von Mannia unterbrochen, die sie über den Tisch hinüber anrief:

„Bitte, gib die Salatschüssel weiter", sagte sie mahnend. „Ändere Leute wollen auch etwas haben."

Malve folgte mit zerstreuter Lässigkeit deni Gebot und wandte sich darin wieder an Lämmchen.

„Sehen Sie", sagte sie lächelnd, „so ist Mannia immer. Scheinbar kümmert sie sich um nichts, und dabei behält sie alles im Auge. So jetzt zum Beispiel. Sollte man nicht glauben, daß sie mit Ihrem Freunde, Herrn von Panthe- nau, kokettiere und selbstvergessen seinen Worten lausche? Nch sage Ihnen, es ist alles Schein. In ihrem Innern jdenkt sie nur an ihre Wirtschafts-Angelegenheiten, und ohne die Augen zu heben, bemerkt sie es sofort, wenn die Diener irgend eine Dummheit machen."

Lämmchen schaute aufmerksam zu der Dame hinüber, die Panthenau ihm so begeistert als nixenhaft geschildert hatte. Er mußte ihm Recht geben, sie war sehr schön, aber es lag etwas in ihren Zügen, was ihm nicht gefiel — etivas Verhaltenes, Verschlossenes, das mit ihrer Jugend gewissermaßen im Widerspruch stand. Sollte sie es etwa gewesen sein, die gestern im Buchengang war?

Ein leichtes Unbehagen beschlich ihn bei dieser Vor­stellung, und er fragte/wie lange Mannia schon im Hause sei.

j! „O, einige Jahre erst", meinte Malve, „aber sie hat sich in der kurzen Zeit schon unentbehrlich gemacht. Es ist ganz wunderbar, was sie alles kann und leistet, und in der Wirtschaft ist sie so tätig, daß Mama meint, sie sei chr mehr wert als wir anderen alle zusammengenommen. So ist sie zum Beispiel die einzige, die regelmäßig früh auffteht. Mag sie am Abend noch so spät zu Bette gehen

— früh um sechs Uhr ist sie wieder auf dem Posten, und dabei merkt man bei ihr nie etwas von Wspannung und Müdigkeit. Sie weiß alles, sie bemerkt alles, sie denkt mt alles, und scheinbar macht sich bei ihr alles von selbst."

„Ist sie mit einer von Ihnen besonders befreundet?"

Malve zögerte einen Augenblick. „Nein", sagte sie, „das eigentlich nicht, aber sie steht sich mit allen gut und ist der Liebling von Tante Rippchen."

„Tante Rippchen?" wiederholte er fragend, „wer ist denn das nun wieder?"

Malve lachte. „Eine Schwester von Papa, aber eine unverheiratete. Sehen Sie die alte Dame da oben, sie sitzt neben ihm. Smd Sie ihr denn nicht vorgestellt worden?"

— -

Lämmchen beeilte sich, zu versichem, daß dies wahr­scheinlich geschehen sei, und Malve fuhr fort:

„Sie ist immer nur während der Sommermonate hier und paßt eigentlich gar nicht mehr zu uns. Sie ist nämlich eine eifrige Spiritistin, und wir lachet: sie natür- lich nur aus, wenit sie von ihren Geistergeichichten spricht. Mannia ist die einzige, die aufmerksam zuhört, und da­durch gewinnt sie Tante Rippchens Herz."

Rach dem Essen strömte alles ins Freie, und dort wurden auch Kaffee utrd Ligueur gereicht.

Als Lämmchen sich nach Tische vor der Baronin ver­neigte und ihr „Gesegnete Mahlzeit" wünschte, wie bte§ auf dem Lande noch Brauch ist, reichte sie ihm ganz freundschaftlich die Hand und sagte, mit einem Seiten­blick auf den Rittmeister, der gerade in der Nähe stand v

„Nun, haben Sie sich beruhigt, Baratt Bock? Sie sahen vorhin bei unserer Unterhaltung zuletzt ganz ver­stört aus, und wie mir scheint, machen Sie sich jetzt noch Skrupel über Ihre Äußerungen, aber Sie gehen darin entschieden zu weit. Bedenken Sie nur: Sie haben mir ja nichts verraten, sondern nur bestäsigt, was ich schon wußte. Von einer Indiskretion kann also gar nicht die Rede sein. Außerdem — die Sache bleibt ganz trnter uns, wir wollen nun nicht mehr davon reden."

Lämmchen wurde siedend heiß. Seit er mit den jungen Tamei: zusammen war, hatte er an die unselige Verlobungsgeschichte nicht mehr gedacht, nun weckten die Worte der Hausfrau sein Schuldbewußtsein, und er wurde sich erst klar darüber, was er in seiner Verwirrung an­gerichtet hatte. — Er nahm sich vor, die Sache so schnell wie möglich zu redressieren, und als die anderen beim Tennis waren, legte er dem Rittmeister ganz zerknirscht eine umfassende Beichte ab.

Dieselbe wurde aanz anders aufgenommen, als er ge- fürchtet hatte. Herr von Wacht war durchaus nicht unge­halten — im Gegenteil, er amüsierte sich köstlich bei der lebenswahren Schilderung des ganzen Vorganges und pries das Mißverständnis, das Lämmchen scheinbar be­stätigt hatte. Er strich sich schmunzelnd den rötlichen Vollbart, und den jungen Offizier auf die Schulter klopfend, sagte er vergnügt:

„Das haben Sie ganz famos gemacht, Lämmchen, einen größeren Dienst konnten Sie mir gar nicht er­weisen. Sie wissen ja — als unverheirateter Schwadrons­chef mit etwas Vermögen gelt ich bei dm Damm für eine gute Partie und sehe meine Freiheit häufig bedroht. Gegen solche Angriffe bin ich nun für die nächsten Wochen gefeit. Die Baronin wird nicht ermangeln, sämtlichen Hausgenossen unter dem Siegel der Verschwiegenheit von tneiner heimlichen Verlobung zu erzählen, tind für die jungen Damen bin ich dann mit einer für andere unsicht­baren Wamungstafel behaftet, auf" welcher deutlich zu lesm steht: „Ungefährlich, nicht mehr zu haben!" Das ist für mich geradezu wundervoll und ich werde auch die anderen Kameraden bittm, nur vielsagend zu lächeln, wenn man darauf hindmten sollte, daß ich schon ge­bunden sei."

Lämmchen fiel ein Stein vom Herzen, aber ganz klar war ihm die Sache noch nicht. „Sonderbar", sagte er sinnend, „wie kommt nur die Baronin zu der irrigen An- nähme? Sie meinte doch, sie habe unter der Hand schon

von dieser Verlobung gehört und die Braut sei sogar eine Verwandte von ihr."

„Stimmt auch", meinte der Rittmeister, „nur mit dem Unterschied, daß der glückliche Bräutigam ein Namens­vetter von mir ist, der bei den Dragonern in: Elsaß steht. Er hat auch eine Schwadron, genau wie ich, und wir Werden häufig mit einander verwechselt. Erst neulich bekam ich eine Schneiderrechnung, die für ihn bestimmt war, und ihm wird es wohl ähnlich ergehen."

Lämmchen nickte. „Ach, nun begreife ich! Tie Baronin ahnt wahrscheinlich nichts von der Existenz dieses Doppelgängers und glaubt. Sie seien derjenige, den man ihr genannt hat. Run, hoffentlich wird der Irrtum bald aufgeklärt."

Der Rittmeister lachte. „Das wünsche ich weder, noch glaube ich es. Vergessen Sie nicht — ich bin ja nur heim­lich verlobt, .und, ich mag tun unsi lassen, was ich will, die Leute werden in ihrer vorgefaßten Meinung Zimmer nur bestärkt werden. Die Sache macht mir wirklich Spatz!

Am Abend desselben Tages, als die übrigen Schloß- bewohner schon der Ruhe pflegten, saß die alte Barontn noch in ihrem Allerheiligstett, dem Ankleidezimmer, uno schrieb einen vertraulichen Brief an ihre Schwester, die Generalin von Specht. Darin hieß es unter anderem:

„Dir weißt, liebe Lotte, daß nicht allein die sorge für den großeti Haushalt auf meinen. Schultern ruht, sondern auch die ganze Verantwortung ihr das W<. hl meiner Kinder. Mein Mann ist ein vorzüglicher Land- Wirt und ein liebenswürdiger Kavalier, aber em sehr mittelmäßiger Finanzier und viel Zu leichtlebig und sanguinisch, um das Familienschifs geschickt und sicher durch alle Klippen hindurch zu steuern. Das uberlaßt er gern und vertrauensvoll mir und ich kann es nicht leugnen - mit gutem Erfolg. Mitunter empfinde ich die doppelte Aufgabe aber doch als recht druckend und schwer, allerlei Zweifel und Bedenken steigen m mir aus, und während die anderen sich ungestört ihres Lebens fretien, habe ich sorgenvolle Tage tind schlaflose Nachte.

So sah ich auch der Einquartierung diesmal mit sehr gemilchten Gefühlen entgegen. Meinem Mann und den Töchtern ist sie eine willkommene Abwechslung, und ich gönne ihnen das Vergnügen, meiner Schwiegertochter Wegen war mir die Sache aber höchst fatal.

Du kennst ja nie ine Pläne in Bezug auf Lies. Ihr großes Vermögen, das sich während der letzten <>ahre noch bedeutend vermehrt hat, soll und muß der Familie von Twielendorf erhalten bleibet: und men: sohn Max, der Landwirt, ihr zweiter Gatte werden.

Schon damals, als unser Ältester starb, mitten in meinem tiefen Schmerze, faßte ich diesen wepen Ent­schluß und handelte danach vom ersten «Menbl cke an. Der Umstand, daß Lies Waise ist und auch saust keme nahen Verwandten besitzt, kam m:r zu Hilfe, ebenso ihr liebenswürdiger, anspruchsloser und biegsamer Charak- ter In ihrer Vereinsamung wurde unser Haus eine zweite Heimat für sie, mit meinen Töchtern lebt sie wie mit leiblichen Schwestern, und kern fremder Einfluß störte je unsere herzlichen Beziehungen zu ihr.

(Fortsetzung folgt.)

Langgas se 18 u.Wilhel m str.14-.

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