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Beilage 5 um MesbaLener Tagklatt.

Ps. $81. MerSerr-Ansgabe.

Samstag, de« $0. Juni.

81. Jahrgang. 1903.

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Sei selbst Dir Ziel und Sinn!

Was Deine Hand erschafft Sei nur der Ueberschutz Aus Deines Werdens Kraft.

Julius Bab.

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*

(6. Fortsetzung.)

Leutnant Lämmchens Adentener.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germamis.

Gleich darauf ging man zu Tisch. Lämmchen reichte Malve den Arm, um sie nach dem Eßsaal hmüber zu führen, und dicht hinter ihm schritt sein Kamerad, Leut­nant Gmz, mit einer niedlichen jungen Engländerin, welche in Süderau deutsch lernen wollte und von aller Welt nur Missy genannt wurde. Da hörte er, wie diese plötzlich ganz laut und ungeniert sagte:

„O sehen Sie, wie merkwürdig I Diese Leilnant Lemmchen sein uirklich groß genug für meine lrebe Malve. Wirklich, eine schöne Paar, serr schön, das nmhß ich sagen."

Lämmchm wurde feuerrot, Malve aber drehte sich blitzschnell zu ihrer Freundin um und entgegnete, ohne iemeSpur von Verlegenheit: „Mind jour own business, 'Missy. Schön ist anders, bei uns handelt es sich nur um die Länge, aber auch die ist ein schätzenswerter Vorzug", und mit komischer Grandezza schritt sie an seiner Seste xuhig an ihren Platz.

Lämmchen fühlte sich neben chr nicht ganz so unbe­haglich, wie er gedacht hatte. Sie ließ chn ungestört seine Suppe essen und ein Glas Wein trinken — erst als er ruhiger geworden war und mit sichtlichem Interesse die fröhliche Tafelrunde musterte, sagte sie in ihrer frischen, ^unvermittelten Art:

„Sie tun mir aufrichtig leid, Baron!"

„Leid — ich Ihnen?" — Er starrte sie fast er- schrocken an, aber sie nickte ganz gleichmütig.

„Ja Sie, Baron Bock von Bockental, genannt Lämm­chen. Es muß schrecklich für Sie sein, in Gesellschaft so vieler junger Damen zu speisen — das reine Fegefeuer."

„Aber ich bitte Sie", wandte er höflich abwehrend ein, „wie können Sie glauben, daß —"

Malve ließ ihn nicht ausreden.

„O", meinte sie lachend, „ich glaube eS rächt nur, ich weiß es ganz genau. Sie haben eine ganz furchtbare gingst vor uns. Weißgekleidete Jungfrauen sind Ihnen ein Greuel und ein töchterveiches Hcars das reine — Gtrafguartier. Sie befinden sich in einer Zwangslage, di« Ihnen unerträglich erscheint, und denken ernstlich daran den Abschied zu nähmen, nur, um kein Manöver mehr mitmachen zu nrüssen."

„Und woher wissen Sie das alles?" sagte er, unfähig, -roch langer zu leugnen.

„O, von Herrn von Panthenau und den anderen. Wir haben sogar schon früher von Ihnen gehört, und sch freute mich riesig darauf, Ihre Bekanntschaft zu machen."

i „Wirklich? — Das ist kaum zu begreifen."

„Ihre persönliche Erscheinung hat mich aber, offen den, mstäuscht. Ich hatte Sie mir viel schlimmer stellt und vor allem auch viel interessanter. Ein

echter Weiberfeind muß eigentlich pechschwarz sein, mit verwilderten: Bart und finsterem Gesicht, und ungefähr aussehen wie eine leibhaftige Illustration des schönen Verses: Den Dolch trug er im Gewände."

Er mußte lachen, und mit diesem Lachen schwand ein Teil seiner quälenden Befangenheit unerwartet schnell dahin.

„Sie vergessen, daß ich ein Offizier bin, mern ändiaes Fräulein", sagte er ruhig. „Eine Rinaldo- . inaldini-Erscheinung dürste in der preußischen Armee unmöglich sein, und verletzen, sei es auch nur durch Un­höflichkeit, möchte ich erst recht niemand. Man scheint mich überhaupt bei Ihnen verleumdet zu haben. Frei- lich, ich bin keine Leichtlebige, gesellige Natur, sondern schwerfällig und ungeschickt, aber das Gute und Schöne erkenne ich doch, und dre liebenswürdige Aufnahme, die uns hier zu Teil wird, kann mich mich nur zu tiefftem Danke verpflichten."

Sie zuckte die Achseln. „Dankbarkeit ist eine schöne Tugend, aber mitunter doch recht unbequem, und wir legen auch keinen Wert darauf. Gern sollen Sie hier sein, lustig sollen Sie sein — aber das bringen Sie in Damen- gesellschast natürlich nicht ferfig. Nun sagen Sie mir bitte nur eins: Weshalb hassen Sie die Fraum?"

Lämmchen wurde rot. „Pardon", meinte er, „ich hasse sie nicht, ich verehre sie sogar."

„Aber Sie gehen Ihnen doch möglichst aus dem Wege?"

„Allerdings, das kann ich nicht leugnen."

„Das muß doch einen Grund haben."

Er sah sie unsicher an.

„Ich wüßte keinen."

„Margot meint. Sie hätten entweder schlimme Er- fahrungen gemacht, oder kennten die Fraum überhaupt noch nicht."

„Das letztere stimmt."

„Und darum sind Sie Ihnen unheimlich?"

„Vielleicht."

„Sehen Sie — was man nicht kennt, soll man mcht verurteilen. Übrigms ist die Tatsache an sich schon wunderbar gmug. Haben Sie dmn keine Schwestern und Cousinen, keine Jugendsteundinnm, Baron?"

Lämmchm smfzte. „Nichts von alledem. Als Waise kam ich sehr stüh aus dem Hause, wurde im Kadetten­korps erzogen und verbrachte meine Ferien bei meinem unverheirateten asten Onkel, der als Königlicher Ober­förster mittm im Wald lebte. Seine zahnlose, alte Haushälterin und ein paar derbe Mägde warm die ein- Agm weiblichen Wesm, die ich zu schm bekam, und sie sHenen nicht gerade geeignet, mein Verständnis für die Vorzüge des zartm Geschlechts zu erweitern."

Malve lachte. „Allerdings! Aber später im Regi­ment hatten Sie gewiß Gelegenheit, das Versäumte nach zuholm."

Lämmchm blickte nachdenklich in sein Glas. „Ich glaube nicht, daß dergleichm sich nachbolm läßt", sagte er ernst. „Jugmdeindrücke in ihrer Unmittelbarkeit und Nachhaltigkeit sind später ebenso wmig zu ersetzen, wie unbewußte Gewöhnung, und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr."

Das junge Mädchm warf unwillig dm Kopf zurück. „Ach was", sagte es verächtlich, „das ist auch eins von dm Sprichwörtern, die nur dazu da sind, um Jrrtümer zu verbreiten. Beim Lernm kommt es nicht aufs Alter,

sondern auf den Willen an, und wenn man dm richtigen Lehrmeister hat, holt man vieles nach."

„Und wenn es an einem solchen fehlt?" ,

„So nimmt man ebm eine Lehrmeisterin, das ist rn Ihrem Falle sogar noch besser."

'Lämmchm dachte an die neue Kommändmse, die eifrig um sein Wohl bemüht war, und schüttelte den Kops. „Auch die habm nicht immer die rechte Methode." Malve wollte etwas erwidern, aber Panthmau, der ihr gegmübersaß und bis dahin eifrig mit Mannia,. seiner Nachbarin, geplaudert haste, hob nun grüßend das Glas, um ihr zuzutrinken. Sie sah es, nickte ihm freund­lich und vertraulich zu wie einem alten Freunde und tat ihm Bescheid. . „ , ..

Inzwischen sah Lämmchm sich einmal nach semtti Nachbarin zur Linken, der jungen Frau von Twrelmdors, um-, die er bis dahin ganz ignoriert hatte. Er wollte seine Unhöflichkeit wieder gut machen, und da dre Ge- legmheit gerade günstig war, sagte er ihr ein paar passende Worte. Sie erwiderte dieselbm rn freundlicher Weise, und als irr diesem Augenblicke lhre Serviette herabglist, bückten sich beide gleichzeitig, um sie auM- heben Dabei streifte ihr Haar einm Moment sem Gesicht,, und eine leichte Dnftwelle glitt darüber hm ,

Das rief wie durch einm Zauberschlag dre Erinnerung an sein gestriges Abenteuer in ihm wach. Unter der Fülle neuer Eindrücke hatte er es während der letzten, halben Stunde ganz vergessm gehabt, nun fühlte er stch plötzlich wieder in dm dunklm Buchengang zurückversetzt und erlebte den ganzm Vorgang im Gerste noch ernmal.' „Wäre es möglich", dachte er, „daß die junge Wttws die geheimnisvolle Dame ist?" Er schaute sie zum ersten Male prüfend, fast nmgierig an und bemerkte daber mrt hoher Gmugtmmg, daß diese neue Erfahrung, dre Er- innerung an das Erlebte, ihm ern ganz nmes Gefühl von Überlegenheit gab. „ , ,, . ,

Die junge Frau war mittelgroß, haste erne hübsche, zierliche Figur, schönes dunkelblondes Haar, ein schmales, blasses Gesichtchm und sanfte, graue Augen, dre mrt einem ängstlich-schwermütigen Blick rn dre Welt sahen und gleichsam nur Verzechung zu bitten schimen, daß sie existiere. Sie besaß auch eine gewisse, vornehme Anmut, aber keine Spur von weltgewandter Sicherheit mm bildete so dm dmkbar größtm Gegensatz zu ihren Schwär gerinnm, deren Erscheinung und Wesen zur Beachtung und Bewunderrrng förmlich herausforderte.

Lämmchm war ganz erregt bei dem Gedanken, daß sie es gewesm sein könnte, ivelche rn der Dämmermrg auf verbotenen Pfaden gewandelt war, und konnte der Versuchung, chr ein wenig auf den Zahn zu fühlen, nicht widerstehm. Ihre weiche Stimme war gewrß zarürchm Modulattonm fähig, und vielleicht unterhielt sie Bs- ziehungm, zu betten sie sich, aus Furcht vor ihren Ver­wandten, nicht öffmtlich bekennen Allst So sprach « dmn von @öbercm und der hübschen Umgebung des Schlosses, dem herrlichen Garten, dm schattigen Archen, aänqen Er gestand sogar, am vorhergehenden Abend eine einsame Mondscheinpromenade gemacht zu haben, aber nichts regte sich dabei m ihrem füllen Gesicht, fern roter Schein stieg verräterisch rn ihre Wangen empow Gleichmütig lauschte sie seinenWorten, gleichmütig wandte sie sich wieder ihrem- Tischherrn zu, und Lämmchen ge­wann trotz allem und allem die Überzeugung: ..Nein,

ich habe mich geirrt, diese Frau Magdalrs war es nicht!

(Fortsetzung folgt.)

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