51. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ansgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgaffe 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeilc für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeilc für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
Anzeigen-Annahme
für die Abend-AuSgabc bis 12 Uhr mittags, für die Morgen.Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst- erschcinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgefchriebcncn Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
282. Berlags-Fernfprecher No. 2953.
Abend-Ausgabe.
Politische Übersicht.
Die Hauptschlacht im Wahlkampf ist geschlagen, aber es lag in der Statur der Sache, daß sie die eigentliche Entscheidung nicht bringen konnte. Infolge der wachsenden Parteizersplitterung und der noch mit regerem Eifer als vor fünf Jahren betriebenen Aufstellung der Kandidaturen ist diesmal eine noch größere Anzahl von Stichwahlen notwendig geworden als bei den letzten Wahlen, so daß sich das endgültige Charakterbild des neuen Reichstags erst nach dem Stichwahltage entrollen wird. Immerhin habei: aber schon die Ergebnisse der Hanptwahlen einige sehr bemerkenswerte Erscheinungen erkennen lassen, welche der neuen Volksvertretung ein von der alten nicht unwesentlich abweichendes Gepräge geben werden. Die auffallendsten dieser Erscheinungen ist das ebenso verblüffende wie bedauerliche Anwachsen der Sozialdemokratie, die nicht nur einen außerordentlichen Gewinn an Stimmen, sondern auch einen wesentlichen Zuwachs an Mandaten zu verzeichnen hat. Wer die Kosten dieser Zeche der Sozialdenwkratie zu zahlen hat, das wird sich endgültig erst nach den Stichwahlen beurteilen lassen, doch steht schon jetzt fest, daß ein Test davon auf das Konto der beiden freisinnigen Parteien kömmt, welche nicht ohne wesentliche Verluste ans dem Wahlkampf hervorgehen werden. Eine weitere, schon jetzt in die Augen springende Tatsache ist die schwere Niederlage, welche der Bund der Landwirte erlitten hat. Im Vergleich zu den ungeheuren Anstrengungen und der rücksichtslosen Wahlagitation des Bundes wiegt dies Ergebnis doppelt schwer.
Bekennt sich bei uns nach dern Ausfall der Wahleir manche Partei zu dem Grundsatz: „wer die Wahl hat, der hat die Oual!", so wird P e t e r K arageorgie - w i t s ch über dieses Sprichwort lachen und vielleicht die Anordnung treffen, daß bie§ Sprichwort, falls es sich im serbischen Sprachschatz vorfinden sollte, aus demselben ebenso radikal ausgemerzt wird wie das Haus Obreno- witsch aus der Geschichte Serbiens. In Serbien vollziehen sich derartige Umwälzungen mit ganz erstaunlicher Geschwindigkeit. Kaum war der letzte Obrenowitsch nebst seiner Gemahlin und seinem Anhang niedergemetzelt worden, da hieß es schon getreu der alten in Frankreich üblich gewesenen Losung: Der König ist tot, es lebe der König! Die Nationalversammlung hat den Prinzen Peter einstimmig zum König gewählt, und schon sind im Konak zu Belgrad etliche zuverlässige und erprobte Scheuerfrauen tätig, um die Blutspuren wegzuwaschen,
Samstag» den 20. Iimi.
welche Peter I. von Serbien allzu aufdringlich daran erinnern könnten, auf welche Weise und ans welchem Wege er König von Serbien geworden ist. Aber wenn auch die doppelte und dreifache Anzahl von Scheuerfrauen selbst zu lebenslänglicher Tätigkeit angestellt werden sollte, aus den: Buche der serbischen Geschichte, in welche die furchtbare Bluttat mit ehernem Griffel eingezeichnet ist, werden sie die verdächtigen roten Flecken nicht fortwaschen können.
Freilich,' auf dem roten Purpurmantel Peters I. wird man diese Flecke nicht wahrnehmen können. Der neue König ist vorsichtig genug gewesen, jede Verbindung mit der Mordtat weit von sich zu weisen. Aber die Vorteile dieser Tat nimmt er gern in Anspruch, und für die Bestrafung der Mörder will er sich, um nicht undankbar zu sein, nicht weiter interessieren, denn die Mordtat lag ja vor seinem Regierungsantritt! Vielleicht werden die Mörder auch strafbefördert werden. Jedenfalls haben die Mächte, auch die in erster Reihe in Betracht kommenden, wie -Österreich-Ungarn und Rußland, die Umwälzung in Serbien als vollzogene Tatsache hingc- nommen, und sowohl Kaiser Franz Josef wie der Zar von Rußland haben die Mitteilung Peters I. von seiner Thronbesteigung in ganz besonders freundschaftlicher Weise beantwortet.
Ter Umstand, daß Serbien neuerdings auf dem Balkan in den Vordergrund getreten ist, hat die Aufmerksamkeit von den Vorgängen in M a c e d o u i e n abgelenkt. Aber wenn auch der türkische Nachrichtendienst neuerdings fast ganz verstummt ist, so darf daraus doch nicht geschlossen werden, daß die Situation in diesem europäischen Wetterwinkel weniger kompliziert geworden sei.
Ganz außerordentlich zugespitzt hat sich die Situation in Ungarn, wo das Kabinett Szell durch die schrosfe Opposition gegen die Wchrvorlagen zum Rücktritt gezwungen wurde. Nuuniehr wollte Graf Tioza. der als der Mann der starken Hand gilt, mit der Opposition fertig zu werden suchen, seine Mission scheiterte, worauf der Kaiser den Grafen Scapary mit der schwierigen Arbeit betraute. Hoffentlich hat er mehr Glück.
In Italien nimmt die Kabinettskrisis einen verhältnismäßig harmlosen Ausgang, denn der Ministerpräsident Zarnadelli benutzt die Gelegenheit der durch die Attacke auf den Marineminister hervorgernfenen Krisis zu einer kleinen Rekonstruktion seines Kabinetts, dem er auf diese Weise ueue Lebenskraft einzuflößen gedenkt.
Der zwischen Frankreich und Marokko ausgebrochene Konflikt ist endgültig beigelegt worden, aber die Wirren in M a r o k k o dauern unverändert fort. Es_ scheint, daß die marokkanische Frage in diesem Sommer die Rolle der bekannten „Seeschlange" spielen wird!
Re-aktionS-Fernsprelber No. SS. 1903.
Zur Deichslugswuhl.
bä. Berlin, 19. Juni. Den oberschlesischcn Blättern zufolge haben die Nationalpolen und die Sozialdemokraten eiir Kompromiß für die Stichwahlen abgeschlossen, durch welches dem Großpolen Korfanty in Kattowitz und dem Sozialdemokraten l)r. Winter in Beuchen zum Siege über die Zentrums-Kandidaten verhelfen werden soll. —- Wie aus Kattowitz gemeldet wird, hatte in dem Wallfahrtsorte Bogutschütz der Ortspfarrer wegen den bei der Reichstagswahl abgegebenen zahlreichen . polnischen Stimmen die Predigt eingestellt und zahlreiche Kinder vom Religions-Unterricht ausgeschlossen. In Liegnitz beschloß der nationalliberale Verein einstimmig, in der Stichwahl für den freisinnigen Kandidaten Justizrat Pohl mit allen Kräften einzutreten. In Landsberg, wo der bisherige freisinnige Abgeordnete Schräder unterlegen ist, hat die liberale Partei beschlossen, bei den Stichwahlen für den Kandidaten der konservativen Partei Bönning gegen den Sozialdemokraten einzutreten. — Tie Anhänger der agrarischen Richtung des rheinischen Bauernbundes machen im Wahlkreise Mülheim, wo der Zentrums-KandidatGilsbach mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl kommt, ihre Unterstützung von bestimmten Konzessionen des Zentrums in anderen Wahlkreisen abhängig.
hd. Berlin, 19. Juni. Die in Bayern für das Zentrum abgegebenen Stimmen sind, nach der „Germania"« um 67 000 gestiegen.
Die Dorgiinge in Serbien.
Belgrad, 19. Juni. König Peter wird hier Mittwoch vormittag 10 Uhr cintreffen. Als Erben des Königs Alexander haben sich bisher dem Gerichte gemeldet der frühere Oberst und Schwiegervater des montenegrinischen Prinzen Mirko, Alexander Konstantinowitsch, die ungarische Krone, Bartsch und Nikolitsch, sowie der Vizepräsi- dent des ungarischen Abgeordnetenhauses, Bela Tallian. Tie Königin Natalie hat sich noch nicht gemeldet. Tie Schwestern der Königin Traga haben ihreRechtsansprüche auf die Hinterlassenschaft der Draga ihrem Rechtsanwalt anvertraut und sind heute nach dem Ausland abgcreist, nachdem man ihnen das sistierte Barvermögen (50 000) ausgefolgt hatte. Die Schwestern sind inzwischen in Budapest eingetroffen.
Belgrad, 19. Juni. Das Amtsblatt veröffentlicht ein Communiqud voin 5/18. Juni: Der hiesige russische Ge- sandte teilte dem Minister des Äußern mit, daß er die Beziehungen mit der serbischen Regierung heute wieder aufnehme,' da der Kaiser Nikolai den König Peter anerkannt habe.
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(32. Fortsetzung.)
„Sagen Sie mir, was Sie denken, Maud. Aus- ichtig, rücksichtslos. Ich vergehe — ich ertrage Ihr schweigen nicht. Was denken Sie —"
Maud wich einen Schritt rückwärts.
„Sie leiden", sagte sie sanft. „Ich beklage Sie. ich wünschte, daß Sie den Weg zur Genesung finden löchten!"
„Deii Weg zur Genesung! Wie verstehe ich das?" st lächelte nervös. „Das ist keine Antwort auf meine rage. Ich bitte um Offenheit. Ich habe das Recht, ne zu fragen, Ihr Verhalten zwingt mich dazu. Sie nd so sonderbar gegen mich. Sie scheuen sich plötzlich, 'eine Hände zu berühren, als ob Blut daran klebe oder er Schnmtz irgend eines gemeinen Verbrechens. Meine tähe geniert Sie plötzlich, ich habe das Empfinden, daß ne mir auch in diesem Augenblick nur widerwillig zu- ören. Was haben Sie? Was ist geschehen? Was tat h Jhneii zu Leide?"
Maud schüttelte den Kopf. „Das willst Dil wissen? Veißt D>i es nicht?" fragten ihre Augen, aber ihre ippen blieben stumm.
Ihr Schweigen steigerte seine Nervoptat. „Wenn icht gerade Sie es wären, die mich so behandelte! Venn Sie Hinz lind Kunz oder jede andere wären, würde h beit Kuckuck danach fragen, was Sie von mir dächten, lber ich schätze Sie. An keines Menschen Urteil liegt nr so viel als aii dem Ihrigen. Ihre Verachtung er- rage ich nicht. Sie haben auch keine Ursache, mich zu erachten. Was tat ich denn? Daß ich nicht so rasch >n Verurteilen und Verdammen biii wie Sie — — soll as „Schuld" sein in Ihren Augen —" .
„O, Herr Professor, warum reden Sie nur so m üch hinein und machen sich selber noch kränker, als Sie hnehin sind", sagte Maud traurig. „Soll ich Ihnen tomödie Vorspielen und Ihnen versichern, das; Sie mir ie Geschichte eines Freundes erzählten. Nein. Ich
kann nicht lügen. Ich will auch nicht. Gleich als Sie voii der Heide als her angeblichen Heimat Ihres Kollegen sprachen, wußte ich, dag Sie mir etwas aus Ihrem Leben mitteilen wollten, denn Sie hatten mir schon früher einmal gesagt, daß die Heide Ihre Heimat sei. Und der Auserwählten unter den Künstlern, derjenigen, die den Gipfel erreichen, sind so wenige, daß jeder einigermaßen mit der zeitgenössischen Kunst vertraute sie dem Nanien nach nttb meistens ihre Biographieen kennt. Aber selbst, wenn nicht alles, was Sie mir voii Ihrem Freunde mitteilten, auf Sie uich Ihre Verhältnisse gepaßt hätte-ich hätte trotzdem gewußt, von wem
Sie sprachen!" — Maud hielt inne. Ein aufflammender Blitz setzte sekundenlang den großen Raum unter bläuliches Feuer, eine halbe Minute später krachte-der Donner durch die Stille. Dann war alles still, heiß, dunkel wie zuvor. Die brennenden Kerzen mit den merkwürdig langen schinalen zitternden Flammen verbreiteten einen kleinen gelben Lichtkreis um sich, dahinter versank alles in Schatten.
Gottburgsen war Schritt für Schritt weiter in das Dunkel zurückgctreten. Beinahe die halbe Breite des Salons trennte ihn von Maud.
„Weiter", sagte er matt, „bitte, reden Sic weiter!"
„Ich verurteile und verdamme nicht", fuhr Maud erregter fort. „Ich richte niemand. Ich kann cs nur nicht fassen, nicht begreifen, daß der Manu, in dem ich bis dahin das Ideal eines vollkommenen Ehrenmannes und eines guten liebenswürdigen Menschen gesehen hatte-"
„So schlecht, so gemein, so erbärmlich, so gesinnungslos ist — vollenden Sie doch", sagte Gottburgsen bitter, „ich habe Ihr Urteil ja doch schon einmal vernommen."
„Daß derselbe Mann so wenig Kraft besitzt-zu
kraftlos zur Sühne . . . Das hatte ich nicht erwartet, nicht für möglich gehalten. Nun wissen Sie es. Ich will Sie nicht verachten. Ich will nicht. Aber Sic sind inir freind geworden. Ich komme nicht mehr über die Schranke
dieser-Verschiedenheit unserer Ansichten von Recht
und Moral hinweg-das ist es ^ "
„Maud! Maud!" Ehe sie die Tür erreicht hatte,
stand er vor ihr und vertrat ihr den Weg, so daß sie wieder in das Zimmer zurückkehren mußte. „Nur eine Minute noch! — Gehen Sie nicht so fort! Sie nicht!"
„Ich bitte Sie, Herr Professor, lassen Sie mich jetzt gehen. Es ist Mitternacht. Sie bringen mich Ihren Hausgenossen gegenüber in eine sonderbare Stituation
, wenn Sie mich morgen noch etwas fragen wollen —• — Aber nein — das ist nicht schön."
Er hatte ihre Hände genommen und zwang sie, sich in einen der umherstehenden Sessel niedeczulassen.
„Zürnen Sie mir. Verachten Sie mich! Ich kann ja doch nichts daran ändern, aber lassen Sie mich nicht in dieser Gemütsverfassung zurück", sagte er mit fliegendem Atem, indem er sich dicht vor sie hinstellte, so daß sie rächt aufstehen konnte, ohne ihn zu berühren. „Sie wissen alles. Gut. Ich leugne nichts. Es ist alles so, wie Sie es sich auslegen. Ich selbst bin jener Unglückliche oder, wenn Sie wollen, jener Unselige. Das ist mein Geheimnis, dessen einzige Mitwisserin Sie sind. Ich bin auf Ihre Willkür angewiesen — oder — verzeihen Sie —- der Ausdruck ist ungeschickt — auf Ihren _ guten Willen. Ein Wort von Ihnen, und mein Geschick erfüllt sich."
Maud machte eine hastige abwehrcnde Handbewegung. „Sie werden das Wort nicht sprechen. Ich weiß es, mein Geheimnis wird in Ihrer Brust ebenso sicher, vielleicht noch sicherer begraben sein als in meiner eigenen. Aber das genügt mir nicht. Ich will nicht Ihr Mitleid. Aber ich will auch nicht Ihre Achtung und Ihre Freund- schaft verlieren. Ach Maud" — seine Stimme wurde schwankend und heiser — „Sie ahnen nicht, was ich in den Jahren, die hinter mir liegen, gelitten habe. Glauben Sic nicht etwa, daß ich meine Schuld vor mir selbst be- schönige. Nein, ich urteile genau so hart über mein Vergehen wie Sie, und in den langen Jahren habe ich Tag für Tag hart gebüßt. Manchmal wollte ich mich über den Schwerpunkt meines Leids hinweg philosophieren. Ich wollte mir die Überzeugung einrcden, daß ich, als ich Edels Mutter heiratete, mich in einem Zustande völliger Unzurechnungsfähigkeit befunden hätte, ich hätte mich gar zu gern auf den Standpunkt jener modernen Philo-
