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Eine moderne Persönlichkeit.

Man sagt unserer Zeit nach, Laß sie nicht reich an Persönlichkeiten sei. Die „allgemeine Bildung" wirkt gerade dadurch, daß sie eine Menge Kenntnisse und An­schauungen verallgemeinert aber nicht vertieft, glättend, und Europens „übertünchte Höflichkeit", von der man fleilich augenblicklich mehr von der mürben Tünche als von der Höflichkeit merkt, schleift äußere Ecken und Kantm ab, so daß die einzelnen leichter sich zum Mosaik- vild fügen, des selbständigen Gepräges aber verloren Schm. Anderseits trägt die weit vorgeschrittene Differenzierung unserer Berufsbildung die Schuld daran, daß es wenigen vergönnt ist, auf mehreren Gebieten gleichzeitig so gründliche Kenntnisse zu erwerben, um ein Mstandlges Urteil sich bilden zu können. Im harten Kanipf ums Dasein bleibt für die meisten gar keine Dkuße, die Persönlichkeit iiach ihren verschiedenen Seiteii hin zu pflegen. Tenn zu dieser gehört nicht allein kraftvoller Charakter, sondern gleichermaßen eine abgeklärte Welt­en,chauung und Gleichgewicht der Seele, des Verstandes und des Willens. Zur modernen Persönlichkeit aber ge­hört noch eines, daß sie sich unserer gesamten Ent­wickelung auf religiösem, politischem, technischem Gebiet mit hoffnungsfreudigem Optimismus hingibt. In diesem Lmne war der alte Carlyle, der sich auch in Deutschland mehr und mehr einbürgert, trotz aller Strafpredigten, die er einem Prediger in der Wüste gleich seinen Zeitgenossen Schalten hat, eine moderne Persönlichkeit, während Frie­drich Nietzsche wohl ein moderner Prometheus, aber keine moderne Persönlichkeit genannt werden kann und die Weltanschauung vieler seiner Anhänger ist eigentlich mehr modernd als modern. Um modern zu sein, dazu ge- brlcht's Nietzsche an sozialen! Empfinden, an Würdigung der Entwickelungsnotwendigkeit der Masse, die für ihn

Freitag, de« 19. Inni.

nur eine Suimne der „Vielzuvielen" ist. Rechnerische Exaktheit, naturkräftebezwingende Technik sind Nietzsche quantitiis n^gligeables. Auch seine Gottesleugnung, trotz ihres heroischen Zuges, möchte ich nicht als modernen Zug bemerken, denn modern, d. h. fruchtbringend in der Zukunft ist der Atheismus heute nicht mehr, obgleich er es zu einer gewissen Zeit als Reaktion gegen Verknöche­rung und Jndifferentismus auch war. Heute beginnt der aufbauende Glaube, wenn auch nicht nach kirchlich approbiertem Schema, wieder Kulturkraft zu werden; und damit wird er zum Merkmal des Modernen in Kunst, Literatur und öffentlichem Leben.

Ein kleines, eben erschienenes Buch*) stellt sich nun die Aufgabe, eine inoderne Persönlichkeit dem Publikum näher zu bringen, und zwar nicht in Form einer trockenen Abhandlung, sondern durch eine Auslese aus Schriften und Aufsätzen eben dieser Persönlichkeit. Aber auch das Vorwort ist sehr lesenswert!

Friedrich Naumann, der ehemalige Pfarrer, ist ja längst kein Unbekannter mehr, aber int Gewoge der poli­tischen Leidenschaften ist es selten seine Gesamtpersönlich­keit, die beachtet wird. Diese aber muß man kennen, will man sein öffentliches Auftreten im innersten Kern ver­stehen. Neben der theologischen Fachbildung dehnt sich Naumanns Wissen aus weit hinein in die Geschichte, die Naturwissenschaften, die Technik, die Gesellschafts- und Staatswissenschäften; außerdem begabt mit feinem Kunst­verständnis und lebhaftem Sinn für Naturschönheit, spiegelt sich in seinem Geist das ganze Werden, Wollen und Empfinden der Gegenwart ivider. Die kleinen Aufsätze im „Nauniann-Buch" bieten eine Blütenlese eigenartiger Gedanken und Betrachtungen. Naumanns abgeklärte Religiosität, seine „darwinistische Frömmig­keit, seine Stellung zur farbenfreudigen und stimmungs­vollen modernen und alten Malerei, sein philosophisches Verständnis für das Wesen derMaschine und der „Masse", fiir die in der technischen Entwickelung noch schlummernde Ethik, sein weite Perspektiven umfassender politischer Blick, seine herrlich geschilderten Reiseeindrücke, die so recht zeigen, wie ein mit der „ganzen Bildung seines Jahrhunderts ausgerüsteter Tourist" die weite Welt an­schaut: Alles dies spricht aus den 43 kleinen Kabinetts­stücken aus 182 Oktavseiten zu uns. Eini.re kurze Sätze aus dem „Eisenwerk" seien zur Kennzeichnung seiner Weltanschauung angeführt:

Der Arbeiter kann Gott am Hochofen nur dann dienen, wenn er sich die ganze moderne Technik als Ausfluß göttlichen WaltcnS vorftcllt. Ist die Technik nicht von Gott und zu Gott, dann kann man in der Technik nicht fromm fein, dann wird die Frömmig­keit im besten Falle eine Familienerinnerung, die neben der Arbeit hcrgcht und die den Menschen in seinem Kern nicht mehr

*1 Naumann-Buch. Eine Auswahl klassischer Stücke aus Friedrich Naumanns Schriften, herausgcgeben von Or. Heinrich Meycr-Benfey. Mit Naumanns Bildnis. Göttingen 19Q.9, Bandenhocck u. Ruprecht. 182 S. Preis 1.75 Mk., gcb. 2.50 Mk

Redaktions-Fernsprecher No.

erfaßt. Wie aber ist es möglich, daß der Blaugekleidetc gelegent- ich m ferner Arbeit die Empfindung hat, die der Hirte aus svimiger Halöe so leicht bekommt: Gott ist gegenwärtig?

Ein altes merkwürdiges Wort sagt, daß Gott seine Engel zu Winden macht und seine Diener zu Feuerflammen. Das heißt sur uns: Dorst, wo die Hirten Engel sahen, sehen wir gewaltige Naturkrafte. Diese Naturkräfte werden dem Reiche Gottes unter den Menschen dienstbar, wenn sie in feste Bahnen gezrvunge» werden. Die Gluten und Gebläse müssen mithelfen, daß es bester wird unter den Menschen, sie find Urkräfte einer neuen Zeit. Als solche muffen sie geglaubt werden, denn noch liegt die neue Zeir die aus der Technik geboren wird, im Schoße der Zukunft. Noch hat sie ihren Segen nicht enthüllt. Aber nur in diesem Glauben kann überhaupt die Arbeit in der Technik einen religiösen Wert bekommen. Wir müssen glauben, daß Gott nicht nur in Le» Wolken des «>inai vor Zeiten gewohnt hat, sondern daß er in dem Hochofen nicht weniger allgegenwärtig ist als im Hai» Mamre. Gott ist im modernen Getriebe. Wenn er es nicht ist. dann hat es keinen Zweck, ihn vor Menschen zu verkündigen, deren ganzes Leben an Bächen fließenden Eisens gepflanzt ist.

Die intimste Seite der Persönlichkeit, wie sie sich als Sohn, als Familienvater und Freund gibt, freilich dies kann der Leser nur aus einzelnen Betrachstingen ahnen, während der Eingeweihte weiß, daß auch hier Theorie und Praxis nicht voneinander abweichen. Der unbefangene Leser gewinnt unwillkürlich den Eindruck, daß jeder Satz der Ausfluß einer mächtigen, aufbauend wirkenden Per- sönlichkeit ist, einer der besten Vertreter unseres Volkes. Möchte es dem deutschen Volk beschießen sein, ihn bald auch als Volksvertreter zu gewinnen. p. s.

Die Vorgänge in Serbien.

Serbiens Parlament.

Ein hübsches Stimmungsbild von der Skupschtina, die am Montag die Königswahl vorgenommen hat, zeich­net Herbert Vivian, der im August vorigen Jahres einer Sitzung des jetzigen serbischen Parlaments beigewvhnt hat. „Von der Belgrader Hauptstraße, Terazia, in der der Palast liegt, führt eine breite Straße, an der große Regierungsbureaus liegen, zum Bahnhof. An der Ecke einer Seitenstraße liegt ein niedriges verfallenes Ge^ bäude, das den Eindruck eines Provinztheaters macht. Als ein serbischer Freund mir sagte, daß dies das natio. nale Parlamentsgebüude sei, wollte ich es Photographie, rcn,- aber er bat mich, davon abzustehen. „Das ist nur ein provisorisches Gebäude, und eines Tempels der ser. bischen Freiheit unwürdig. Warten Sie, bis eine wür. digere Stätte errichtet ist." „Lieber Freund", entgeguete ich, „da werde ich wohl lange warten müssen. Ich bewun. öere im Gegenteil das Gebäude sehr. Es drückt die Der- achtung für demokratische Einrichtungen wunderbar aus. Sie haben stolze Paläste für Ihren Herrscher und seine Minister,- aber diese elende Bude wird für die Beratung der Abgeordneten für gut genug gehalten." An einem Seiteneingang lungerten Journalisten und Schreiber um. her, und Fremde warteten darauf, daß sie eine baufällige Treppe zu den Galerieen ersteigen durften. Am Vorder.

Feuilleton.

Sporthygrenr.

Don vr. mell. Th. Hövel«.

Mit dem Frühjahr nimmt die Menschheit jede Art von Sport, der im Freien ausgeübt wird, mit Freude und Eifer wieder auf. Das ist besonders für die moderne, nervöse Generation von größter Wichtigkeit, denn für sie lst jede Art von Sport gesund. Bedingung ist nur, daß man vernünftig dabei zu Werke geht, denn jede Über­anstrengung ist schädlich. Besonders sind es das Herz, die Lunge und andere edle, innere Organe, die durch zu ßroßc Muskelanstrengung in Mitleidenschaft gezogen werden. Das sollten sich die berufsmäßigen Vertreter irgend eines Sports ganz besonders merken. Wenn sie schon infolge ihres Berufes große Ansprüche an die Mus­keln und Nerven ihres Körpers von Zeit zu Zeit stellen müssen, so ist es ihre Pflicht, in der Zwischenzeit so solide und regelmäßig, wie möglich, zu leben.

Bet allen Sportsleuten, die keine Mäßigung kennen, tritt frühzeitig schon eine Erkrankung der Arterien, der Pulsadern ein, die in einer mangelhaften Elastizität der­selben besteht. Weitere bedenkliche Krankheiten sind Hcrz- unü Lungenerweiterungen, sowie Überlastung der Nieren.

Genuß von Alkohol und Rauchen von Tabak be­günstigen die Entwicklung aller Sportskrankheiten.

Die moderne Sporthygiene hat den Satz aufgestellt: "Niemand, der über 30 Jahre alt ist, darf sich weder zum Sportstrainieren, noch zu anstrengenden Wettkämpfen verleiten lasten". Es fehlt leider nicht an Beispielen, oaß das Ende eines Wettkampfes den Tod des einen oder anderen Mitbewerbers herbeigeführt hat, indem ent­weder das Herz oder die Lunge jäh versagte.

Dagegen ist jeder mit Vorsicht ausgeübte Sport von Vorteil, und zwar in jedem Lebensalter,- das Kind kann ihn beginnen und der Greis ihn fortsetzen. Jeder mit Methode und Vorsicht ausgeübtc Sport, mag er nun Rad­fahren, Reiten, Rudern, Schwimmen oder Turnen heißen, uat seine großen Vorzüge, denn er wird in der freien, 'rikchen Luft ausgeführt und bringt eine Anzahl von

Mnskelgruppen zur gesunden Tätigkeit und steigert wohl­tuend Blutumlauf und Stoffwechsel. Wer aber seine Mus­keln stärkt, der kräftigt seine Nerven. Sport und Nervosi­tät sind zwei Gegner, die nicht nebeneinander bestehen können, von denen der letzte stets unterliegt und weicht, wenn der Sport richtig betrieben wird.

Was die Kleidung anbetrifft, so soll sie leicht und doch warm sein, am besten Wolle als Unterkleidung. Die Ober- kleiöung richtet sich dann nach der Witterung, warm bei Kälte, möglichst hell und leicht bei Hitze^

Im Frühjahr ist besonders darauf zu achten, daß die Kleidung, Ober- und Unterkleidung, sobald wie möglich gewechselt wird, sobald sie mehr oder weniger durchnäßt ist. Die meisten Menschen ahnen nicht, wie viel Wärme dem Körper entzogen wird, wenn dieser gezwungen wird, die nasse Bekleidung durch seine eigene Wärme zu trock­nen. Die Wissenschaft hat festgestellt, daß die Wärme­abgabe des Körpers bei nasser Kleidung zwei- bis drei­mal so groß ist als unter normalen Umständen.

Der Sport eignet sich in erster Linie für Menschen, die viel im Zimmer sitzen müssen, die zwar von Natur aus gesund sind, aber es versäumt haben, ihren Organismus auszubilden, zu kräftigen und abzuhärte».

Wer im Studier- oder Arbeitszimmer, im Laden oder in der Schule fast den ganzen Tag zubrtngen muß, der sollte sich einem Sport widmen. Aber das genügt nicht für denjenigen, der seine Gesundheit kräftigen will. Wer es gut mit seinem Organismus meint, der verlege die Ausübung des Sports nicht auf den Abend, wie es die Regel ist, sondern benutze die schöne, würzige Morgen­luft dazu, besonders in der Frühlingszeit. Anfangs mag eS ermüden, beispielsweise eine Stunde vor Beginn der täglichen Arbeiten zu radeln oder zu rudern, aber bald gewöhnt man sich daran und wird den Segen dieses Be­ginnens schnell merken: selbst das Alter wirb wieder die Biegsamkeit, die Kraft und den Saft der Jugend fühlen.

Die Kräftigung aller Körpermuskeln, eine Steigung des Appetits sind die ersten angenehmen Wirkungen des Sports. Dann auch verbraucht die gesteigerte Muskel- tättgkcit das überschüssige Fett, nud die Entfettung des Herzens und der großen Adern hat den unschätzbaren Vorteil, daß der Umlauf des Blutes erleichtert und be­

schleunigt wird. Wem das Blut aber leicht durch die Adern rollt, der ist gesund au Leib und Seele, der ist stet« arbeitslustig und glücklich, denn Gesundheit hat Heiter, keit und Lebenslust im Gefolge.

Ängstliche Menschen halten manchen Sport, wie den Rad- und Wassersport, für ein gefährliches Vergnügen, iveil hier und da ein Unglück dabei geschieht. Wenn man aber die Summe von kranken und halbkranken Menschen zusammenzählt, die jährlich in der kultivierten Welt durch den Sport wieder gesund, arbeits- und lebensfreudig werden, so fallen die wenigen und meistens kleinen Un­glücksfälle wahrlich nicht ins Gewicht. Diese überängst­lichen vergessen ganz und gar, daß durch große Verweich­lichung eine bedeutende Anzahl von Menschen frühzeitig stirbt. Diese Verweichlichung ist durch die Kultur so groß geworden, daß die Ausübung eines Sports für unsere ganze Generation ein unerläßliches Bedürfnis geworden ist. Zu bedauern ist es aus diesem Grunde auch, daß es für die Damenwelt nach den herrschenden Ansichten nicht schicklich ist, sich jedem Sport zu widmen. Und geradezu notwendig wäre irgend ein Sport für das weibliche Ge- schlecht, dessen Nerven so häufig den mannigfachsten Martern ausgcsetzt sind. Im Anfang schien es, als ob das Fahrrad auch für die Daulcuwelt ein allgemeines Sportsmittel werden würde. Dann aber kam in dieser Hinsicht ein Rückzug. Die allmächtige Göttin Mode ge- stattet nun einmal nicht jeder Dame jeden Sport. So muß sich denn das weibliche Geschlecht mit dem Spazierengehen oder -Fahren und den» jenigen nicchanischen Heilmitteln begnügen, welche cs im Zimmer benutzen kann, die aber nie- mals den genügenden und wünschenswerten Erfolg haben, weil jede Stärkungs- und Abhärtungs-Methode mangelhaft ist, die nicht in freier, frischer Luft vollzogen werden kann. Manche bleichsüchtige und blutarme Dame könnte sich die teuren und unangenehmen medizinischen Eisenpräparate sparen, wenn sic irgend einen Sport methodisch und ausdauernd betriebe.

Der Sport schließt die Schönheitspflege durchaus nicht aus, wie viele Damen glauben. Ein vernünftig getriebe­ner Sport stärkt wohl die Muskeln und die Organe, aber er verunziert sie icht. Das tut nur die Übertreibung.