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«*»• Jahrgang.

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280. Berlags-Fernsprecher No.

295 ».

Freilag» den 19. Inni.

RebaktionS-Fernfprecher N». 52.

1903.

Aiiesisl-Ausgabe.

Aas Ergebnis der Keichstagswahlen.

Me Wahlschlacht ist zwar geschlagen, aber die eigent­liche Entscheidung über die Zusammensetzung und den Charakter des neuen Reichstages werden, ebenso wie bei den Wahlen von 1898, erst die Stichwahlen bringen. Bei den Wahlen von 1893 waren infolge der zunehmenden Parteizersplitterung bereits 180 Stichwahlen notwendig geworden, bei den Wahlen von 1898 stteg die Zahl der Süchwahlen auf 187. Die Vermutung, daß diesmal sich noch mehr Stichwahlen notwendig erweisen werden, hat sich als unzutreffend herausgestellt. Wenn mithin in nahezu der Hälfte der Wahlkreise die endgültige Ent­scheidung erst in der Stichwahl falle,: wird, so läßt sich doch im großen und ganzen die Konstellation im neuen Reichstage schon jetzt wenigstens ungefähr beurteilen. Von besonderem Interesse ist es, die Anzahl der von den Parteien in der jetzigen Hauptwahl errungene : Mandate mit denen zu vergleichen, die sie bei den Haupt­wahlen von 1898 davontrugen. Hierbei ist freilich zu beachten, daß, wie^ bei jeder Wahl, so auch diesmal in Bezug aus die Parteistellung einzelner Kandidaten noch manche Berichtigung cinlaufen dürfte.

Die stärkste Partei des Reichstags war und bleibt das Zentrum. Die Partei war an: Schluß der Legislatur­periode 100 Mann stark, bei den Wahlen von 1898 er­zielte sie 102 Mandate, davon bei der Hauptwahl bereits 82. Diesmal hat das Zentrum bei den Hauptwahlen be­reits ein Plus von 3 bis 4 Mandaten zu verzeichnen. 1898 errang die Partei bei den Stichwahlen 19 Mandate und sie wird allem Anschein nach diesmal ihren Bestand von rund-100 Mann behaupten. Die zweitstärkste war und bleibt die Sozialdemokratie, die 58 Mann stark war und bei den Wahlen von 1898 56 Mandate, davon 32 bei den Hauptwahlen, errang. Ae Partei hat diesmal schon bei den Hauptwahlen einen Zuwachs von 22 Mandate:: zu verzeichnen. Wieviel zu ihren bisher errungenen 54 Mandaten noch hinzu kommen werden, das entzieht sich freilich jeder Berechnung und wird sehr von dem Ver­halten der Parteien und von der Rührigkeit, bezw. der Säumigkeit der bürgerlichen Wähler abhängen.

Die drittstärkste Partei war die nationalliberale, welche beim Reichstagsschluß 53 Mitglieder zähste und bei den Wahlen von 1898 47 Mandate, darunter 9 bei den Hauptwahlen, erzielte. Diesmal hat die Partei nur 5 Mandate bei den Hauptwahlen errungen; sie steht aber in 65 Stichwahlen.mit zum großen Teil günstigen Aus­sichten, so daß sie (die Partei hat auch 1898 durch Stich­wahlen 38 Mandate errungen) im wesentlichen ihren Be­stand behaupten dürste. Die viertstärkste Partei war die

konservative mit 60 Mitgliedern; sie erzielte bei den letzten Wahlen 56 Mandate, davon 38 in der Hauptwayl. Auch diesmal hat die Partei bei den Hauptwahlen 37 Mandate errungen und sie steht in ebenso viel Stich­wahlen, so daß sie ebenfalls ungefähr ihren bisherigen Besitzstand behalten dürfte. Die Reichspartei bestand aus 20 Mitgliedern; sie erzielte bei den letzten Wahlen 23 Mandate, davon 12 bei den Hauptwahlen. Diesmal hat die Partei nur 6 Mandate errungen, und wenn sie auch in 16 Stichwahlen steht, so dürfte sie doch einige Verluste erleiden.

Starke Einbußen werden die beiden freisinnigen Par­teien zu erleiden haben. Die freisinnige Volkspartei war 27 Mitglieder stark; bei den Wahlen von 1898 erzielte sie 29 Mandate, davon nur 1 in der Hauptwahl. Dies­mal ist sie in der Hauptwahl ganz ausgefallen und an nur 24 Stichwahlen beteiligt. Wenn sie hier auch zum großen Teil gute Aussichten hat, so muß sie doch auf alle Fälle mit einem wesentlichen Verlust rechnen. Das gleiche Schicksal dürste die freisinnige Vereinigung treffen,' die 14 Mitglieder stark war und bei den letzten Wahlen

13 Mandate, davon 1 in der Hauptwahl, erzielte. Dies­mal ist die Partei in der Hauptwahl ausgefallen und sie ist an nur 11 Stichwahlen beteiligt. Die süddeutsche Volkspartei war 7 Mann stark und errang bei den letzten Wahlen 8 Mandate. Sie ist diesmal, ebenso wie 1898, in der Hauptwahl ausgefallen und an 8 Süchwahlen be- testigt.

Den hervorstechendsten Zug in dem diesmaligen Wahl­bilde ist neben dem Anwachsen der Sozialdemokraüe die schwere Niederlage des Bundes der Landwirte. Von seinen 6 Mandaten hatte der Bund bei den letzten Wahlen 1 in der Hauptwahl und 6 in den Stichwahlen errungen. Diesmal hatte er ganz besonders große Anstrengungen gemacht, um im Reichstag als selbständige Gruppe auf- treten zu können, aber dieser Versuch hat mit einer radi­kalen Schlappe geendet. Der Bund ist in der Hauptwahl ausgefallen und kommt, so viel bisher feststeht, nur in eine Stichwahl; die Bundesführer vr. Roesicke, Dr. Hahn und Lucke sind aus der „Wahlstatt" geblieben. Der bayerische Bauernbund, der 3 Mandate hatte, wovon er 1898 1 in der Hauptwahl errang, hat diesmal 3 in der Hauptwahl erzielt und geht in 3 Stichwahlen. Die Anti­semiten aller Schattierungen besaßen 10 Mandate, wo­von sie 1898 4 in derHauptwahIerrungenhatten. Mesn-al haben sie nur 1 Mandat errungen und gehen in 13 Stich­wahlen. Die Polen hatten 14 Mandate, wovon sie 8 bei der Hauptwahl erzielten. Diesmal haben sie schon jetzt

14 Mandate errungen und gehen in 8 Stichwahlen.

Was die Stichwahlen anbetrifft, so wird es hierbei in

erster Reihe darauf ankommen, daß die bürgerlichen Par­teien der Sozialdemokratie mit allen Kräften das Feld streitig machen, um deren unabwendbare Verstärkung nach Möglichkeit einzuschränken.

hd. Dresden, 18. Juni. Die bei der Reichstagswahl im Königreich Sachsen abgegebenen sozialdemokratischen Stimmen haben, nach einer Mitteilung der „Dresü. Neuest. Nachr.", um 151809 zugenommen. Damit hat die sozialdemokratische Partei 140 000 Stimmen mehr er­halten, als alle übrigen Parteien zusammen genommen.

Nom, 17. Juni. Die „Tribuna" meint, der Gang des Kaisers nach Kanossa habe bei den Wahlen nichts ge­nützt; die Formel „Thron und Altar" habe heutzutage ihre Zugkraft verloren, ebenso wie die Accentuierung eines über dem Volkswillen stehenden Einzelwillens. Immerhin werde Graf Bülow im Hinblick auf die Han­delsverträge mit dem Anwachsen der sozialdemokratischen Partei zufrieden sein.

Die Dorgiinge in Serbien.

hd. Belgrad, 18. Juni. Der russische Gesandte Czarikow erschien gestern im Ministerium des Äußern, wo er mitteilte, daß der Zar die Wahl Peters I. aner» kannt habe.

M. Berlin, 18. Juni. Nach einer Pariser Meldung des „B. L.-A." wird die französische Regierung in Über­einstimmung mit dem russischen Kabinett den Wunsch aus Bestrafung der serbischen Königsmörder aussprechen, ohne jedoch die Bestrafung als Bedingung für die Fort­setzung der beiderseitigen Beziehungen zu machen.

hd. Rom, 18. Juni. Der König von Italien wird einen Spezial-Gesandten nach Genf senden mit dem Auf­trag, Peter I. zur serbischen Thronbesteigung seine Glück, wünsche zu überbringen.

hd. Belgrad, 19. Juni. Die Ausweisung der Schwestern der Königin Draga ist nunmehr aufgehoben und ihnen gestattet worden, sich frei in der Stadt zu be­wegen. Sie haben der neuen Regierung die Bitte unter­breitet, das Vermögen der Königin Draga, sowie die Geschenke, welche sie als Königin erhalten hat, ihnen als Erben auszufolgen.

wb. Belgrad, 18. Juni. Heute früh reiste die Ab­ordnung der Nationalversammlung nach Genf ab. — Die Schwestern der Königin Draga begaben sich nach Wien.

*

Wie König Alexander erschossen wurde. Der „Pestcr Lloyd" erzählt, daß sein nach Belgrad gesandter Spezial­berichterstatter auf seiner Heimfahrt nach Budapest den­selben Zug benutzt habe, auf welchem die drei zur Ein­holung König Peters I. entsendeten serbischen Ordonnanz- Offiziere, Popowitsch, Kostitsch und Grnitsch, die Reisö nach Genf machten. Während des Gespräches mit dieses drei Offizieren habe der eine derselben das folgende An­suchen an den Berichterstatter gerichtet: Ich wünsche, daß! man die volle Wahrheit über den Tod des Königs erfahrt und bitte Sie daher, das folgende zu veröffentlichen: Ich

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(31. Fortsetzung.)

Thygo glaubte aus dem kurzen Tone des Professors etwas wie Unwillen und eine leichte Gereiztheit zu hören. An die kleinen Eigentümlichkeiten des Meisters bereits gewöhnt, schwieg er, und da Gottburgsen das Gespräch n:cht wieder aufnahm, legten sie denRest desWeges stumm Kmick. Im Garten des Pavillons nahmen sie mit den Manien an demselben Tische Platz, an dem sie vorhin ge­sessen hatten.

Vor der Rückfahrt wollte man noch einen Imbiß ein­nehmen. Edel wünschte einen Eierkuchen zu speisen, und »:e anderen bestellten sich ein paar kalte Gerichte. Als Getränk bestellte Gottburgsen Rotwein und MoSt.

Ein paar Gläser Sekt waren immer seine besten -taimeleiter. Niemals war es ihm so notwendig er­schienen, sich mit allen Mitteln in Stimmung zu bringen, chie in diesem Augenblick. Eine dumpfe Bangigkeit war ui ihm zurückgeblieben und wollte nicht weichen, obgleich sich sehr zusammennahm und mit forcierter Launigkeit sogar einige Anekdötchen und lustige Pointen zum besten gab, die von Thygo und Edel mit großem Beifall aufge- »ommeu und lebhaft belacht wurden. Maud blieb da­gegen auffällig ernst und wortkarg; kaum daß ein kühles '-.ächeln hin und wieder über ihre feinen Lippen flog. Nach einer Weile gab Gottburgsen seine Versuche auf, unbehagliche Atmosphäre, die sichtbar zwischen der lUngcn Amerikanerin und ihm wehte, zu verscheuchen, ">ld „ui: führte Edel fast allein das Wort. Die Kleine ^ar ausnehmend gut aufgelegt; unter normale:: Ver- baltnissen hätte ihre Heiterkeit ansteckend gewirkt, so churde eigentlich nur Thygo von ihrer guten Laune mit wrtgerissen.

.. Nach zehn Minuten brachte der Kellner den Wein und ^ Platte mit den Speisen. Gottburgsen schenkte zuerst dekt ein und trank Maud zu. Sie hob den Kelch ein ll 'enig, fließ aber nicht mit dem Professor an und setzte

das Glas wieder unberührt nieder. Er tat, als bemerke er es nicht, und hielt sein Glas lächelnd Edel und Thygo hin, die mit ihm anstießen. Im füllen erzitterte er aber.

Während Edel mit kleinen behagt:chen Schlucken das prickelnde Naß schlürfte, funkelten ihre Augen mit lusti­gem Erstaunen über den Kelch zu ihrem Vater und von diesem zu Thygo, dann umgekehrt von dem jungen Künst­ler zu Gottburgsen zurück.

„Wahrhaftig, sie hat recht!" sagte sie pfiffig.

„Wer hat recht?" fragte Gottburgsen zerstreut, wäh­rend er sein Roastbeef zerschnitt.

„Die Sontheim. Sie behauptet, du und Herr Arfst sähet euch so ähnlich. Ter Ähnlichkeit nach könntet Ihr Vater und Sohn sein. Und sie hat wirklich recht; es ist mir noch nie so ausgefallen wie jetzt. Finden Sie nicht auch, daß Herr Arfst große Ähnlichkeit mit Väterchen hat, Fräulein Maud?"

Gottburgsen ließ in der Bestürzung die Gabel fallen. Ter Schreck nahm ihm jede Überlegung. Er starrte zu Maud hinüber und begegnete ihren: vollen ernsten, mehr traurigen als zürnenden Blick, und in diesem Augenblick empfing er die Überzeugung, daß sein Geheimnis ihr nicht mehr verborgen war, daß er sich keiner Täuschung mehr hingeben durfte, daß sie alles wußte. Um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er das Besteck wieder aus und beschäftigte sich mit dem Filet, aber seine Hönde zitterten dabei, und Personen und Gegenstände ver- schwammen vor seinen Augen zu umrißlosen schwankenden Schatten.

„Es ist wirklich so", fuhr Edel in aller Unschuld fort, „eine ganz merkwürdige Ähnlichkeit! Dieselbe Kopfform, fast die gleichen Gesichtszüge, gleiche Augen, gleiche Nase und ähnliches Haar. Wenn du nicht einen anderen Bart trügest und dir das Haar seitwärts anstatt in der Mitte scheiteltest, würdest du genau so aussehen wie Herr Arfst, nur etwas älter natürlich."

„Aber Sie entdecken diese wunderbare Ähnlichkeit doch erst jetzt", warf Thygo, der instinktiv fühlte, daß Gottburgsen unangenehm von Edels Geplauder berührt wurde, scherzend ein.

»Die Sontheim sagte es schon früher."

„Fräulein Sontheim hat ein Auge mehr als andere Menschen", sagte Gottburgsen unwirsch, „damit sieht sie allerlei Dinge, die andere nicht sehen und die meist gar nicht vorhanden sind."

Edel lachte. Unbefangen, wie sie war, überhörte sie die ungewohnte Schärfe in Gottburgsens Ton. „Manch­mal hat sie sogar zwei Augen und zwei Ohren mehr als andere", rief sie munter. „Was die nicht alles sieht und hört! Und aus allem zieht sie so merkwürdige Schluß­folgerungen."

„Nun also!" ^

Minutenlang machte sich nur das diskrete Geklapper der Messer und Gabeln als einziges Geräusch bemerkbar. Edel nippte sich allmählich einen Spitz an. übermütig forderte sie auch Thygo zun: Trinken aus, und Gottburg­sen füllte stillschweigend immer wieder die halb oder ganz geleerten Gläser der beiden. Ae heitere Stimmung der „Kinder" kam ihm ganz gelegen; während sie Sekt tranken und einander in übermütigen Scherzen über- boten, schenkten sie ihren zwei Tischgenossen wenig Auf- merksamkeit; so fiel ihnen auch nicht die Schweigsamkeit derselben und die einem genaueren Beobachter wohl merk­bare Spannung zwischen beiden auf. Gottburgsen faßte sich allmählich, wenigstens gewann er wieder äußerlich Macht über sich, er brachte es sogar fertig, mehreremale das Wort an Maud zu richten, und kein noch so leises Zucken verriet die Aufregung, mit der er ihre Antworten entgegennahm und in dem unverändert ruhigen freund­lichen Klang ihrer Stinune nach einem Widerhall ihrer Gedmtt'en forschte.

Es war schon dämmerig, als mau aufbrach und die Heimfahrt antrat. Die Luft hatte sich dunkel umzöge::, die Schwüle bereitete auf ein Gewitter vor, das sich in blei­schwarzen Wolken im Osten züsammenbällte. Zeitweilig phosphoreszierte ein Wetterleuchten über de» dunstigen Wolkenbehang des Abendhimmels.

Die Damen saßen im Fond des Wagens, ihnen gegen- über auf den: Vordersitz die Herren. Die beiden Jüngsten hatte,: ihre fröhliche Laune vom Tische mit ans den Weg genommen, und da es sich übers Kreuz — Gottburgsen saß vor Edel, Thygo vor Maud — nicht so gut plauderte