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Beilage zum Wiestmüener Tagklatt.

Us. 277. Morgen-Arrsgabr.

Donnerstag, de« 18. Juni.

81. Jahrgang. 1903.

Die Natur ist mitleidlos, um so mehr ist dar Mitleid 5 * dar wahrhaft Ethische, da» Bewußte im Gegensatz zu dem A ! Unbewußten. Malwida von Mcyscnbng. ;*

(3. Fortsetzung.)

Leutnant Lämmchens Abenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis.

Da geschah, von ihm ungeahnt, etwas ganz Selt- samens. Eine Helle, weibliche Gestalt tauchte in der Ent­fernung von einigen Metern vor ihm auf, zögerte, wie es schien, Sekrmden lang und eilte dann mit einem kurzen Jubellaut auf und ihn zu. Gleich darauf lag sie, tief aufatmend, an seiner Brust. Zwei Arme schlangen sich wie sanfte Fesseln um seinen Hals, eine kleine Hand > Log seinen Kopf mit zwingender Gewalt herab, und 1 ' warme, weiche Lippen küßten zärtlich seine Wange rind seinen Mund. _ Dann gab es einen festen, innigen Händedruck, eine duftige Haarwelle streifte, zurück- gleitend, sein Kinn, und eine süße Stimme sagte lebhaft:

»Endlich, inetrt Liebling, endlich nach so langer Zeit. Wie glücklich bin ich, daß du gekommen bist, wie dankbar, daß —"

Die Sprecherin schrak plötzlich zusarrmren und wich betroffen einen Schritt zurück. Etwas in Lämmchens Haltung und Bewegung machte sie stutzen und verriet ihr, trotz der Dämmerung, das Charakteristtsche seiner Per­sönlichkeit. Entsetzt schlug sie die Hände vors Gesicht, rief stammelnd: „O Gott, es ist ein anderer, ein Fremder!" und eilte in die Tiefen des dunklen Ganges zurück.

Der ganze Vorgang, den: offenbar eine Verwechslung zu Grunde lag, spielte sich so schnell und unerwartet ab, «jfe Lämmchen erst zur Besinung kam, als er wieder allein war. Zur Ablvchr und Warnung blieb ihm gar keine Zeit, und nun mußte er sich verwrrrt und ganz eigentümlich bewegt gestehen, daß solch einKuß von frischen Mlädchenlippen doch nicht der Übel allergrößtes sei. Zu- gleich beschüfttgte ihn die Frage, wer die Betreffende ge­wesen, aufs lebhafteste.

Bei der unsicheren und schwachen Beleuchtung hatte er weder ihre Gesichtszüge noch ihre Haarfarbe zu unter­scheiden vermocht, aber daß es eine Dame war, mit der der Zufall ihn so nahe zuscnmnengeführt hatte, be- zweifelte er keinen Augenblick, und ebenso war er über- Mgt, daß sie zu den Bewohnern des Schlosses gehörte. Ein kleines Taschentuch mit buntem Rande, das er wenige. Schritte Wetter vom Boden aufhob, bestärkte ihn in dieser Annahme. ES trug, wie er später feststellte, das Mono- gramm M. T. und die Fveiherrnkron«, aber viel klüger Wurde er durch diese Entdeckung nicht. Begannen doch sämtliche Namen der Twielendorfschen jungen Damen mit einem M., und es bedurfte noch weiterer Nachsorschun- ~ t und Proben, um die Eigentümerin des interessanten genstmides zu ermitteln.

Gern hätte er mit Panthenau über die Sache ge­sprochen und seine Meinung gehört, aber was der Zufall ihm verraten hatte, durfte er um keinen Preis weiter er­zählen. Diskretion war in diesem Falle einfach Pflicht,

und das einzige, was er sich erlaubte, war, Panthenau im allgemeinen etwas auszuhorchen.

Dazu fand er an demselben Wende noch reichlich Ge- legenheit. Da die Offiziere am nächsten Morgen um fünf Uhr heraus mußten, ging die Gesellschaft verhältnis­mäßig früh auseinander, aber Panthenau gehörte zu den Leuten, die am Wend nie müde werden, während sie früh ganz ungenießbar sind. So saß er auch heute noch mit seiner Cigarre und einer Flasche Mer, die sein Bursche ihm verschafft hatte, bei Lämmchen, gratulierte ihm zu Wiebkes glücklicher Heimkehr und schwärmte von den Damen, die sein leicht entzündbares Herz in helle Flammen versetzt hatten.

„Donnerwetter, ja", sagte er, „so ein Quartter wie dieses gibt's nicht wieder; alles ürst rate, und dabei diese süßen, reizenden Frauenzimmerchen! Man weiß gar nicht, welche einem am besten gefällt. Ich habe mich ganz famos amüsiert, besonders bei Tische, und wenn ich der Pfirsichbowle etwas mehr zusprach, als vielleicht gut war, so ist die kleine Hexe, die Malve, dran schuld. Sie saß mir gegenüber und trank mir immer zu, wobei sie natür­lich nur nippte und ich mein Glas bis auf den letzten Tropfen leeren mutzte. Alles auf dein Wohl, alter Junge! Du solltest nämlich ihr Tischherr sein, und da du nicht kamst, nahm sie ihren großen, schwarzen Pudel, setzte ihn neben sich auf den leeren Stuhl und band ihm eine Ser­viette vor. Übrigens ein hübsches, gewandtes Tier, dieser Hund, und unheimlich klug. Obgleich sie ihm immer etwas auf den Teller legte und ihm zuredete, doch ja zu- zulangen, rührte er nichts an und blickte ernsthaft vor sich hin. „Eigene Dressur", sagte sie stolz und aß dann selbst mit großem Appetit."

Lämmchen, der über die Wiedererlangung seines Koffers sehr glücklich war und gerade anfing, sich behag- lich zu fühlen, seufzte tief auf.

„Ich Unglücklicher!" sagte er kleinlaut, „daß mir auch das passieren muß. Fräulein Malve soll ja die Schlimmste von allen sein, und ich bin ihr entschieden nicht annähernd gewachsen. Ob sich da noch eine kleine Schiebung vor­nehmen ließe? Versuche es doch einmal, vielleicht gelingt es, und ich bleibe ganz ohne Dame."

Panthenau lachte laut auf. „Da kennst du sie aber schlecht", meinte er lebhaft. „Die Plätze sind nach reif­licher Erwägung verteilt, und dabei bleibt es. Nur wenn Gäste kommen, werden Ausnahmen gemacht. Außerdem hat Fräulein Malve ihren Vater gebeten, dich neben sie zu setzen, damit sie dich bester studieren könne. Sie hat durch Bekannte von deiner Damenscheu gehört und findet es nun sehr interessant, endlich einmal einen Weiberfeind kennen zu lernen."

„Ob sie mich bekehren will?"

„Das glaube ich kaum. Sie fühlt nur das dringende Bedürfnis, dich unter die Lupe zu nehmen und zu be- trachten, etwa wie ein seltenes und höchst merkwürdiges Insekt."

„Eine recht angenehme Anssicht, und woher weißt du das alles?"

„Von Fräulein Mannia, die wiederum meine Tisch­dame ist."

„Gefällt sie dir?"

„Sehr. Sie ist interessant und hübsch. Weißt du.

__ .... bißchen satirisch

als der Durchschnitt der Damen."

„Und Marie Luise?" , rr

„Ist wieder ganz anders. Madonnenhaft, olond, rosig, heiter, strahlend, mit regelmäßigen^ Zügen und einem reizenden, sinnverwirrenden Lächeln."

„Sie hat sich aber an dem Bombardement beteiligt?* „Allerdings." . , .... „

„Also ist auch sie voll heimlicher Tücke und Hinterlist. Lämmchen seufzte wieder einmal, dann meinte er zögernd: „Sage mal. Pan, ist meine Koffergeschichte bei Tisch be­sprochen worden?" , ^ , on .

Panthenau schlug sich schallend aufs Knie. „Aber natürlich, alter Sohn", sagte er lachend, „war za em ganz kapitaler Spaß, durften uns den nicht entgehett lassen. Drr hättest nur hören sollen, wie an.chaulich ich deine Verzweiflung schilderte, wie herzbewegend dem un­freiwilliges Verweilen im Bett. Daß du den Dusel hoben! würdest, passendes Civil zu bekommen, ahnte ich ja nichtt Man bedauerte dich lebhaft und sprach dm Wunsch aus,, dein glänzendes Gefieder möge dir nicht gar zu lange vor- enthaften bleiben. — Fräulein Malve wäre am linsten selbst auf Entdeckungen ausgegangen. Sie fand die Saa>« sehr amüsant." ,, „ .. ,

„So-wie sieht sie denn eigentlich au-.', dre klein«

„Kleine Malve — ist gut", meinte Pattenau. „och glaube, sie hat das Gardemaß und ist höchstens einen halben Kopf kleiner als du."

„Für eine Dame ein bißchen viel."

„Doch nicht; bei ihr erscheint es ganz berechtigt und natürlich. Die Figur ist gut proportioniert, schlank und geschmeidig, und auch der feine Kopf mit dem kurzgelockteri dunklen Haar paßt ganz vorzüglich dazu."

„Wie ist sie denn sonst?"

„Braun wie eine Haselnuß und nicht sonderlich . nur sehr pikant. Sie hat ein keckes, frisches Knabengesto schöne Zähne und prachtvolle Augen. Ihre alter« Schwester Margot, die Maut, sieht ihr auffallend ahm lich, aber sie ist mehr Dame und nicht so anziehend und impulsiv wie sie." ,

Lämmchen dachte darüber nach, ob wohl Malve eL gewesen fetrt könnte, die ihn irrtümlicherweise so zartncy umarmt hatte, aber darüber mußte der persönliche Erm druck entscheiden, und so sagte er nur:

„Me waren denn die jungen Damen gekleidet. < Panthenau starrte ihm mit einem ungläubigen Lächeln ins Gesicht. „Wie sie gekleidet waren?" wieder, holte er langsam, „daS willst du wissen, du, der Weiber- feind pur exoellence, der von der Wichügkett dev Toilettenfrage keine Ahnung hat? Beichte, Mensch, wi« kommst du dazu?"

Lämmchen lächelte etwas befangen. „Du lieber Gott", sagte er, „wenn man so in einem ftemden Haus« Stunden lang allein ist und nichts zu tun hat, denkt mast an allerlei. Die Sache ist ja auch ganz nebensächlich, mtt du weißt wahrscheinlich selbst nichts von den Stoffen nutzt Farben."

(Fortsetzung folgt.)

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