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**• Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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Mo. 8. BrrlagS^erniprecher N». 29».

Abendausgabe.

Donnerstag, den 18. Iunr.

Nedaktions-FerulpreLer No. L2.

Iur Neichstagswaht.

Die Wahlen in Berlin.

P. Berlin, 17. Juni.

Der Ausfall der Reichstagswahlen in den sechs BerlinerWahlkreisen bedeutet einen unleugbarenSieg der Sozialdemokratie, welche gegen die Wahlen von 181)8 einen ganz erheblichen Stimmenzuwachs zu verzeichnen hat. Bei jenen Wahlen siegten die Sozialdemokraten im ersten Wahlgang nur im 4. und 6. Wahlkreis, die von jeher als ihre unbestrittene Domäne galten, während es in den anderen 4 Berliner Wahlkreisen zu Stichwahlen kam, aus denen 3 Freisinnige und nur 1 Sozialdeinokrat als Sieger hervorgingen. Bei der Nachwahl von 1898 siel freilich auch noch der zweite Wahlkreis an die Sozial­demokratie, so daß Berlin im Reichstage durch 2 Frei­sinnige und 4 Sozialdemokraten vertreten war. Dies­mal hat die Sozialdemokratie 5 Berliner Wahlkreise beim ersten Ansturm erobert und im ersten Wahlkreis kommt der Sozialdemokrat, der auch hier die meisten Ssimmen auf sich vereinigt hat, mit dem Freisinnigen in die Stichwahl.

Was die Ergebnisse im einzelnen betrifft, so hat im 4. und 6. Wahlkreis ein eigentlicher Kampf gar nicht stattgefunden, da hier der starke Zuwachs der Arbeiter­bevölkerung jede bürgerliche Kandidatur aussichtslos machte. Im 4. Wahlkreis ist der Sozialdemokrat <Nngcr mit 67 118 Ssimmen (gegen 46 293 im Jahre 1898) ge­wählt worden, während auf den freisinnigen Kandidaten Löhning 8692 und auf den Konservativen Wegner 8258 Stimmen fielen. Im 6. Wahlkreis wurde Ledebour mit 78 662 Stimmen gewählt, während Liebknecht im Jahre 1898 58 778 und Ledebour bei der Ersatzwahl von 1900 58 895 Ssimmen erhielt. Auf den Freisinnigen Liebenow fielen bei der gestrigen Wahl 14 610, auf den Antisemiten Ulrich 13 118 Stimmen.

Ein ernsthafter Kampf fand lediglich in den anderen 4 Wahlkreisen statt, der jedoch im 2., 3. und 5. mit dem Siege der Sozialdemokratie geendigt hat. Den zweiten Wahlkreis verloren die Freisinnigen zum ersten Mal 1893 an die Sozialdemokratie; 1898 gewannen sie ihn zurück, um ihn bei der Nachwahl von 1899 aufs neue zu verlieren. Der Sozialdemokrat Fischer siegte gestern mit 34 993 Stimmen gegen 26 269 im Jahre 1898. Der Freisinnige Kreitling erhielt 16 063, d. h. fast ebenso viel Stimmen wie im Jahre 1898, der Konservasive von Wenckstern hat mit 10 603 Stimmen einen Rückgang von rund 750 Ssimmen zu verzeichnen. Im 3. Wahlkreis Hut der Sozialdemokrat Heine mit 15 221 Stimmen ge-

1909.

siegt gegen 11 411 Stimmen im Jahre 1898. Der Frei- sinnige Jäger hat 6721 Ssimmen gegen 8031 bei der letzter: Wahl, der Antisemit Hahn 3672 gegen 3809 er- halten. Den 5. Wahlkreis hat der Sozialdemokrat Schmidt mit 14 400 gegen 6574 freisinnige und 3144 antisemitische Stimmen erobert. Bei der Hauptwahl von 1898 erhielt der Sozialdemokrat 10 025, der Freisinnige vr. Zwick 7085, der Antisemit 3286 Stimmen.

Zu einer Stichwahl kommt es also nur im 1. Wahl- kreis, und zwar zwischen dem Freisinnigen Kämpf und dem Sozialdemokraten Arons. Im Jahre 1898 hatte der Freisinnige Or.-Langerhans 5667 Stimmen erhalten, während diesmal auf Kämpf nur 4266 fielen. Me meisten Stimmen hat Arons mit 5315 erhalten, während der Sozialdemokrat bei der letzten Wahl nur 3635 Stimmen erhielt. Der konservasive Kandidat General­major z. D. Bartels hat es trotz außerordentlich starker Agitation nur auf 2924 Stimmen gebracht, aber immer­hin 800 Stimmeir mehr erhalten als der Konservative bei den letzten Wahlen. Bei der Stichwahl wird es ganz darauf ankommen, ein wie großer Teil der konser­vativen Wähler ihrer Wahlpflicht nachkommt, gegen den Sozialdemokraten zu ssimmen. Voraussichtlich wird dies in ziemlich großer Anzahl geschehen, so daß ivenigstens dies eine Berliner Mandat wohl noch gegen den Ansturm der Sozialdemokratie erfolgreich verteidigt werden dürfte.

Vergleichen wir die Gesamtziffern der abgegebenen Stimmen, so sehen wir, daß der Zuwachs der' Wahl- berechtigten in Berlin von 397 501 auf 444 871 lediglich der Sozialdemokrasie zu Gute gekommen ist. Von den 323 523 abgegebenen Stimmen kommen zwei Drittel, riämlich 215 709, auf die Sozialdemokrasie, die gegen die letzten Hauptwahlen, bei denen sie 155 411 Stimmen erhielt, einen Zuwachs von rund 60 000 Ssimmen zu verzeichnen hat, also mehr als die Zunahme der Wahl- berechtigten. Es ist mithin auch die stärkere Wahl­beteiligung gestern fast nur der Sozialdemokratie zu Gute gekommen. Me Anzahl der freisinnigen Ssimmen ist nahezu konstant geblieben, denn sie betrug bei den letzten Hauptwahlen 65 324 und gestern 55 926. Me konservativ-antisemitischen Stimmen sind im Vergleich zum Jahre 1898 von 37 530 auf 41 719 gewachsen. Be­merkenswert ist es, daß diesmal auch das Zentrum eine stärkere Wahlagitation entfaltet hat, wobei es in allen 6 Wahlkreisen zusammen 8280 Stimmen erzielte.

Auf Seiten der freisinnigen Partei wird aus der Niederlage, die sie erlitten hat, kein Hehl gemacht. Die Ursachen dieser Niederlage liegen einmal in dem An­wachsen der Arbeiterbevölkerung, zweitens in den mancher­lei Streitigkeiten im freisinnigen Lager, drittens in der im Vergleich zur Sozialdemokratie geringeren Rührigkeit der Partei. — Was die bisher vorliegenden Wahlergeb­

nisse aus dem Reiche betrifft, so zeigt sich schon jetzt, daß die Hauptentscheidung diesmal irr den Stichwahlen fallen wird, deren Anzahl gegen 1898 eine weitere starke Zunahme zu verzeichnen hat.

*

L. Berlin, 17. Juni.

Man irrt, wenn inair glauben sollte, daß der Wahl« ausfall air maßgebenden Stellen besondere Bestürzung hervorgerufen hätte. Auf ein Anschwellen der sozial­demokratischen Stimmenzahl und der entsprechenden Mandatsziffer war nran mit nüchterner Resignation auch vorher schoir gefaßt. Eine Zunahme um 12—15 Mandate schieir nicht vermieden werden zu können, und es wird auch jetzt nicht angenommen, daß die radikale Partei in dm Stichwahlen, obwohl sie hier reichlich beteiligt ist., Erfolge im Verhältnis zu der Fülle der Entscheidungen erzielen iverde. Vielmehr besteht die Erwartung, daß der Zusammenschluß der bürgerlichen Parteim in Anbetracht der ernsten Lage schneller und reibungsloser als sonst wohl stattfinden werde. Wenir die Scharfmacher der ver­schiedenen Grade und Parteien glauben mögen, daß gerade infolge des Wachstums der Sozialdemokrasie die Zeit für grundstürzende Änderungen des Wahlgesetzes oder für gleichwertige Ausnahmebestimmungen nahe sei, so dürftm sie sich in einem argen Irrtum befinden. In Unterhaltungen mit namhaften politischen Persönlich- keitm bekommt man nicht den Eindruck, daß der Reichs­kanzler zu solchen Versuchen die Hand bietm möchte, wie er denn auch mit Fug und Recht noch jetzt, vielmehr jetzt mehr denn je, davon überzeugt sein wird, daß er wohl­getan hat, die ihm angetragene Parole des Kampfes gegm die Sozialdemokratie zurückzuweisen. Denn die Gewinne der Sozialdemokratie wären dann wohl noch größer ge­worden. Unser Gewährsmann glaubte, darauf aufmerk­sam machen zu sollen, daß das Anschwellen der Sozial­demokratie in gewissem Sinne als Begleiterscheinung der fortschreitendeil Jndustrialisieruiig unseres Vaterlandes anznsehcii sei. Auch müsse das enorme Wachstum der Großstädte und der Jndustriebezirke in Anschlag gebracht werden. Damit ist nun freilich nicht erklärt, daß die Sozialdemokratie auf dem platten Lande so erheblich zu- genommen hat. Selbst in die festesten Agrarierburgen sind sie eingedrungen, und wenn sie hier auch nicht in die Stichwahl kommen, so bleibt die Tatsache ihrer Aus- breitung in Ostelbien nicht iveniger bedeutsam. Zum Teil mag dazu die größere Sicherung des Wahlgebeimnisses beigetragen haben. Was die Einbußen des extremen Agrariertums betrifft, so kann man es den leitenden Per- sönlichkeitcn nach den maßlosen Angriffen, denen sie von dieser Seite her ausgesetzt gewesen sind, menschlich nach­fühlen, daß sie über die Ausmerzung der Herren Roesicke, Hahn und Lucke nicht gar zu unglücklich sind. Wundern aber muß man sich, daß die Landbündler ihre Stärke der-

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sanbor).

(30. Fortsetzung.)

Das hatte ihm gerade gefehlt, den Richtspruch seiner Handlungsweise, den er längst selber gefällt, mit dürren, ttoLnen Worten in unerbittlicher Rücksichtlosigkeit und Deutlichkeit aus einem anderen Munde zu hören.

Er lachte grimmig in sich hinein und vertiefte sich in den köstlichen, goldhellen, von leiser, duftiger Blume um­schwebten Rüdesheimer. Aber das milde Feiler des Weines, das ihn sonst erwärmte und erfrischte, versagte heute seine Wirkung; während er glühende Hitze in sein gesicht steigen fühlte, schauerte er innerlich unter einer sonderbaren Kälteempfindung zusammeir. Das Herz klopfte ihm zum Zerspringen. „Gleich wird sie mir's ins Gesicht sagen, was sie denkt und was sie voir der Geschichte hält", dachte er, und doch hielt ihn ein unerklärliches Ge- suhl davon ab, mit irgend einer Bemerkung ein anderes Gespräch anzubahnen und das heikle Thema damit zurück­zudrängen. Auch Maud schien keine Lrist zur Fort­setzung der Unterhaltung zu haben; eiir drückendes Schweigen, das jedes aus seine Art peinlich empfand, Machte sich minutenlang geltend.

„Wollen wir nun an den See gehen?" fragte Maud

endlich.

„Wie Sie befehlen", erwiderte Gottburgsen. froh, die unerträglich werdende Situation veränderir zu können, indem er nach seinen Handschuhen und dem breitkrämpi- Mn Strohhut griff, die neben ihm auf einem Stuhl wgen, und aufstand.

Maud ging etwas voran, Gottburgsen hielt sich ge­flissentlich hinter ihr zurück, aber obgleich die Entfernung uur wenige Schritte betrug, hatten beide die Empfindling, äaß irgend etwas Unsichtbares, Fremdes, Kindliches zwischen ihnen ivandle und die räumlich geringe Ent- wNiiing bis ins Unermeßliche vergrößere. Gottburgsen raffte seinen ganzen Optimismus zusammen nird suchte ach, so gut es ging, zu beruhigen. Unzählige Make vor­her hatte das Gespenst seiner Furcht ihir geäfft, um Hinter­her in eitel Lust rmd Mrnst zu verfließen, so entbehrte

seine Angst auch jetzt wahrscheinlich jeder wirklichen Be- gründung. Wie sollte Maud auch überhaupt auf den Gedanken kommen, daß er von sich gesprochen und ein Bild seines Lebens vor ihr entrollt hatte. Lächerlich! Und wenn sie sich dennoch dergleichen merken ließ, wollte er so auftreteii, daß sie ihren Verdacht schon fallen lassen mußte. Ihre augenscheinliche Verstimmung rührte jedenfalls nur von der Meinungsverschiedenheit her, die sich am Schlüsse des Gespräches in Bezug auf den Fall Ledizes zwischen ihnen erhoben hatte; sie konnte es weder verstehen noch vergeben, daß er ihrem geraden, schlichten, ehrlichen Urteile nicht unbedingt zustinmite-.

„Wenn sic wüßte! Wenn sie wüßte!" dachte Gott­burgsen und seufzte.

Schweigend schritten sie weiter durch die bunte Sommcrpracht der Nattir, über die schon die violetten Schatten des beginnenden Abends huschten. Ganz von fern her trug ein Lüftchen die abgerissencir Töne einer Geige, der in einer abseits liegenden Villa jenrand die sanfte wchmütige Melodie eines Volksliedes entlockte, herüber, aufsingend und in der Abendstille verzitternd wie die Akkorde einer Aeolsharfe. Wie ein Spiegel, glitzernd in Blau und Silber, mit reichduftigem Grün drapiert, lag der See da in seiner Wendruhe vor ihnen. Wie ein zärtliches Kosen mit Land und Sand klang das leise melodische Glucksen und Rauschen der Wellen, die das Ufer umspülten. Goldeire und silberne Lichtfunke ,i sprühten über die kristallhelle Fläche, auf der hin und wieder wie eine große weißgefiederte Möve ein Nachen mit aufgespanntem Segel sichtbar wurde, den der schwache warnie Westwind langsam vor sich her trieb.

Maud beschattete die Augen mit der Hand nnd spähte über die blanke blendende Flut; in einen: der dem Ufer am nächsten fahrenden Boote erkannte sie die Gesiichten, worauf sie mit den: Taschentuche winkte und die beiden mit heller Stimme heranrief. Sofort machte das kleine Fahrzeug Kehrt, die beiden Insassen erwiderten den Taschentuchgruß. und nach etwa zehn Minuten legte der Nacken am Ufer an. Mit lackenden Gesichtern und strahlenden Augen, zwei übermütige Kinder, denen der Himmel voller Geigen hing, kamen Thhgo und Edel Gottburgseil und seiner Begleiterin entgegen.

Gottburgsen richtete es so ein, daß bei dem Spazier- gang am Ufer enüang Thygo an seiner Seite blieb, wäh­rend Maud und Edel eine kleine Strecke hinter den Herren zurückblieben. Wie in einen: stillschweigenden Überein­kommen mit dem Professor hatte Maud den Arm ihrer jüngere,: Freundin genommen und sie so an sich und für sich behalten.

„Sie hatten mir nach Tisch einen Herrn ins Atelier geschickt, Herr Professor", sagte Thygo.

„Ein Stuttgarter Kunsthändler. Jawohl. Er wollte sich Ihre Landschaften ansehen."

„Das hat er gründlich besorgt. Er will inir das Heidehaus vielleicht abkaufen, er schien sehr befriedigt davon —"

»So, das Heidehaus darf Ihnen aber für Frenide nicht fett sein. Ich selber möchte es behalten. Hoffentlich räumen Sie mir das Vorkaufsrecht ein."

„O, Herr Professor! Sie scherzen hoffentlich." Thygo errötete vor Freude. „Als ob Sie vom „Kaufen" meiner Bilder reden dürften, wo ich nie im stände sein werde, meine Schuld bei Ihnen zu tilgen. Es würde mich un- bändig stolz machen, wenn Sie das Heidehaus für sich be- halten wollten."

„Ich habe schm: einen Platz dafür ausgesucht. Es soll über meinem Schreibtisch hängen. Das Bild meiner Frau kommt nach unten in den großen Salon."

Thygo strahlte. „Das ist eine unerhörte Ehre für mich und macht mich glücklicher, als wenn eine öffentliche Galerie das Aild ankaufte."

„Na, na! So weit werden wir's auch vielleicht noch einmal bringen."

Ein Blick zärtlichen Wohlwollens streifte den jungen Mann, der. ahnungslos, welche nahen Bande des Blutes ihn mit feinem Wohltäter verknüpften, freudestrahlend neben ihm herging. Ein Gefühl der Dankbarkeit gegen die Vorsehung, die ihm den Sohn in die Arme gesiihrt hatte, hob in diesen! Augenblick Gottburgsens Brust Ohne diese wunderliche Schicksalsfügung würde er auch für die verfehlte Existenz des jungen Mannes verantwort- lich gewesen sein, denn nur das finstere Geheimnis seiner Familie hatte die Brücken zwischen diesem und der Hei- mat abgebrochen.