ifsliaiViirr Sagblatt.
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Mittwoch» de« 17. Juni.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
ISO».
Morgen-Ausgabe.
Die Einkommensteuer in Frankreich.
Unser Pariser Korrespondent schreibt: Die Fran- zosen huldigten bis in die letzte Zeit der Meinung, daß nach den kürzlich in Kraft getretenen Steuergesetzen über die Getränke und die Erbschaften die Steuerkraft des Landes für einen längeren Zeitraum in Ruhe gelassen würde, und machten sich Hoffnung, daß nach der Erschütterung, welche namentlich das erstgenannte Gesetz dem Steuersystem zugefügt hatte, die Finanzverwaltung das Bedürfnis fühlen dürfte, erst -einmal die Ergebnisse der Neuerungen abzuwarten, bevor sie sich in neue Wen- teuer stürzte. Diese Hoffnung hat sich als Illusion erwiesen. Me Kommission der Deputiertenkammer für fiskalische Gesetzgebung forderte den Finanzminister kategorisch auf, vor dem 15. Juni einen Gesetzentwurf über die Einkommensteuer einzubringen und droht damit, falls dieser ihrem Verlangen nicht Nachkommen sollte, selbst ein solches Projekt der Kammer zu unterbresien. Rouvier wird, auch wenn er, ivie zu erwarten ist, dem Befehl gehorcht, unschwer im stände sein, zu beweisen, daß es ein Ding der Unmöglichkeit ist, das neue Gesetz schon für die Finanzperiode 1904 in Geltung treten zu lassen. Me Vorbereitungsarbeit für die Erhebung der direkten Abgaben ist gegenwärtig in vollem Gange und die Steuerverteilung für das Jahr 1904 zum Teil schon beschlossen. Die Behörden sind- gerade in diesem Augenblick mit auf die Steuer bezüglichen Arbeiten überlastet und bereits im August haben die Generalräte der Departements definitiv über die Verteilung der Abgaben aus beweglichem und unbeweglichen: Besitz zu entscheiden. Daß Kammer und Senat ein so außerordentlich wichtiges Gesetz wie die Einkommensteuer bis zum August fertig stellen können, erscheint gänzlich ausgeschlossen, zumal da das. Parlament in diesem Jahre früher in die großen Ferien gehen wird als sonst.
Me Einführung der Einkommensteuer bedeutet für ^Frankreich eine finanzielle Umwälzung, wie sie seit vielen Jahren nicht vorgekommen ist, und dürfte eine ganze Kammersefsion in Anspruch nehmen, wenn ein wirklich brauchbares und in seiner Anwendung juristisch unanfechtbares Gesch zu stände gebracht werdet: soll. Der kluge und vorsichtige Finanzminister ist sich der ungeheueren Schwierigkeiten bewußt, denen die geplante Reform begegnen wird und entschließt sich sicherlich nur schweren Herzens zu derselben. Rouvier weiß von vornherein, daß Enttäuschungen über die Erträgnisse der neuen Steuer nicht ausbleiben werden. Ein großer Teil der Bevölkerung steht derselben höchst unsympathisch
gegenüber und ist mit den jetzt bestehenden vier direkten Abgaben mehr als zufrieden, die ja mehr oder weniger alle auf dem Einkommen basieren. Die Steuerverwaltung wünschte nichts Besseres, als das bisherigeSystem beizubehalten, das mit mathematischer Gewißheit stets die vorausberechneten Ergebnisse zeitigt. Die Eingänge entsprechen dem Betrag der Steuerrollen und die Steuerschraube funktioniert, wenn auch unerfreulich für den Zahler, so doch tadellos für den Erheber. Mit dem geplanten Gesetz vollführt der Fiskus nach der hiesigen, weitverbreiteten Ansicht einen Sprung ins Dunkle, der für die französischen Staatsfinanzen verhängnisvoll werden kann. Me Franzosen malen sich die Schwierigkeiten der Reform schwärzer aus, als uns Deutschen, denen die Einkommensteuer als etwas Natürliches und Gerechtes gilt, verständlich erscheint. Ta die Selbst- deklaration, wie es den Anschein hat, in dem Gesetzentwurf Rouviers keinenPlatz findet, weil sie dem nationalen Temperament absolut nicht zusagt, fragt man mit Erstaunen: Wie soll es möglich sein, das Einkommen eines Kaufmanns oder Industriellen, eines Arztes oder Rechtsanwalts, eines Künstlers oder Schriftstellers zu bestimmen? Rouvier wird sich vielleicht damit aus der Affäre ziehen, daß er seine Steuer auf die „äußeren Zeichen des Reichtums" gründet. Es liegt auf der Hand, daß die Besteuerung aus dem Gesichtspunkt der äußerlichen Zeichen, welche schon seit gerauiner Zeit in den Köpfen der Steuerumwälzer spielt, eine Menge von Ungerechtigkeiten in sich schließt. Kürz, die Einkommen- steuer wird hier auf Hindernisse stoßen, die in Deutschland längst geebnet sind. Pessimisten prophezeien aus ihrer Einftchrung die Auswanderung der Kapitalien, die Entwertung des Grundbesitzes, die Steigerung der Mietpreise und ähnliche Mnge mehr.
Wenn der Gesetzgeber übrigens redlich die Absicht hat, durch die allgemeine Einkommensteuer die Armen zu entlasten und- die Reichen schärfer anzusassen, warum ist denn niemals die Rede von einer Änderung des indirekten Steuersystems, welches auf arm und reich in gleicher Weise lastet und daher die ungerechteste Besteuerung ist, die sich denken läßt? Me direkten Abgaben treffen in Frankreich die minder begüterten Klassen in sehr geniilderter Form, während die indirekten eine drückende Bürde sind. Auf dem Gebiete der letzteren wäre vom. Standpunkt der Mehrzahl der Bevölkerung aus eine Reform dringend zu wünschen. An diese denkt aber ernstlich kein Mensch. Auf die zukünftigen Verhandlungen über die Einkommensteuer in der Deputiertenkammer darf man um so mehr gespannt sein, als bei dieser Gelegenheit die politischen Leidenschaften heftig aufeinander platzen werden, da viele befürchten, daß das neue System dazu benutzt werden wird, um Parteige- hässigkeiten zu befriedigen.
Deutsches Deich.
Die Zahnpflege im Heer.
Erst vor kurzem ist einmal darauf hingewiefen worden, daß die häufigste Krankheit des Menschen überhaupt die Caries, das Stocken der Zähne, sein dürste. Wenn dieser Vorgang noch immer von vielen nicht als eigentliche Krankheit betrachtet wird, so ist das eine gewaltige Verkennung seiner Bedeutung und seiner möglichen Folgen. Nach dieser Richtung hin verdienen die Ausführungen von I)r. Sickinger in Professor Mendelsohns Monatsschrift „Die Krankenpflege" eine weitestgehende Beachtung. Einen sehr guten Maßstab für die Wichtigkeit dieser gewöhnlichsten Zahnkrankheit bietet ihr Vorkommen im Heer, wo ja eine besonders sorgfältige Aufsicht in gesundheitlicher Beziehung stattfindet. Man kann geradezu die Frage stellen, ob und in welchem Grade die Schlagfertigkeit des Heeres durch eine mangelhafte Zahnpflege beeinträchtigt wird. Die Statistik gibt darauf eine überraschende Antwort. Nach den Feststellungen Sickingers in der österreichischen Armee kamen in vier Jahren 9408 Erkrankungen an Zahnleiden mit 62 070 Krankheitstagen vor, außerdem auch zwei Todesfälle. In diese Zahlen sind aber nur Leute einbegriffen, die sich krank gemeldet hatten, und die Ziffer würde geradezu unglaublich hoch werden, wenn jede einzelne Zahuer- krankung darin berücksichtigt werden würde. Daß Zahn- krankheiten durchaus nicht leicht zu nehmen sind, beweisen nicht nur die gelegentlichen Todesfälle, sondern auch die weit zahlreicheren Abgänge aus der Armee infolge solcher Krankheiten, die gewöhnlich von Störungen der Gesichtsnerven und der Kieferknochen bedingt wurden. Außerdem aber ist in Betracht zu ziehen, daß stockige Zähne oft Krankheitserreger aller Art enthalten und dadurch das Mittel zu anderen lebensgefährlichen Ansteckungen werden. Der Zustand der Zähne ist nach den bisher gesammelten Erfahrungen auch bei den Soldaten ein äußerst trauriger. Seitz hat ermittelt, daß von je 1000 Mann nur 390 Höchstens drei kranke Zähne hatten, 480 dagegen vier bis sechs und 130 mehr als sechs. Sickinger selbst hat im Verlauf von 10 Jahren an über 10 000 Mann Untersuchungen vorgenommen und dabei die traurige Tatsache festgestellt, daß nur 1,8 v. H. der Leute ein vollkommen tadelloses, volles Gebiß besaßen. Man muß angesichts dieser Zahlen noch bedenken, daß die gemeinen Soldaten doch zum größeren Teil vom Lande und aus Verhältnissen stammen, in denen die Zähne durch die Einwirkungen der Kultur weniger angegriffen werden. Dr. Sickinger sieht das einzige Mittel zur Besserung dieser betrübenden und gefährlichen Lage in einer eingehenderen zahnärztlichen Beaufsichtigung der Schulkinder, und dazu findet er wiederum die Möglichkeit nur in der Anstellung weiblicher Schulzahnärzte, von denen er erwartet, daß sie billiger zu haben sein werden,
Feuilleton.
Der friedliche Serbe.
Ein interessantes Charakterbild der Serben, das angesichts der furchtbaren Ereignisse in Belgrad überraschend ist, zeichnet der Engländer HerbertVivian, der sich m seinem Buche „Servia, the Poor Man’s Paradise"
ein ausgezeichneter Kenner des Volkes erweist. Daß das serbische Volk an den Verbrechen in Belgrad unschuldig ist, davon ist der Verfasser vollkommen überzeugt. Bei seinen Reisen in Bulgarien hat er nur mürrische, ver- sthlagene, boshafte und häßliche Gesichter gesehen; in Serbien dagegen fand er nur lächelnde, glückliche und zu- >riedene Menschen. Es gibt in Serbien weder reiche noch arme Leute. Keiner hat sehr viel Geld; aber dort braucht An Mann auch nicht viel, denn er fertigt seine eigene Kleidung an, die Nahrung wächst ihm zu, und Geld oraucht er kaum auszugeben. Er arbeitet nicht einmal Wr schwer, da der Boden fruchtbar ist, die Schweine sich lehr schnell vermehren und bei warmen Wetter einige Stunden täglicherArbeit genügen, um alle seineBedürfnisse j&u befriedigen. Er murrt uur darüber, daß er Steuern bezahlen muß. Für die Unterhaltung der Wege und Anliche Einrichtungen arbeitet er lieber zwei bis drei Tage im Jahre, und bis jetzt hat die Regierung seine Wünsche beachtet. Um die Politik kümmert er sich nur vom ökonomischen Gesichtspunkte aus, und der radikalen Partei hat er nur deshalb angehört, weil die Führer der Radikalen in ihren Versprechungen am verschwenderffch- sten waren. Am Wahltage jedoch stimmt er, wie die Beamten es ihm eingeschärft haben. Während die Serbm gern über Fortschritt, Civilisasion, Demokratie und ähnliche Ideale sprechen, bleibeir sie doch das ausgesprochenste Beispiel des Mittelalters in der Welt. Das ist viel- ^cht am auffallendsten an ihrer wunderbaren Beobachtung des vierten Gebots. Der Familienvater genießt >n seinem kleinen Gebiet alle Autorität und Achtung eines despotischen Königs. Ein Serbe träumt nicht davon, zu heiraten, zu kaufen, zu verkaufen, auszuwandern oder
eine auch noch so uirbedeutende Handlung zu begehen, ohne das Familienhaupt zu befragen. Man kann in Serbien noch große Haushaltungen von 70, 80, ch selbst 100 Leuten finden, die in völliger Freundschaft und Disziplin zusammenleben. Ein Mann, der nicht einmal der älteste sein muß, herrscht absolut über sie. Es beginnt damit, daß ein Mann mit allen feinen Kindern, Enkeln und deren Frauen zusammenlebt. Nach seinen: Tode geht seine Herrschaft nicht notwendigerweise aus den ältesten Sohn über, sonder:: auf das einflußreichste und beliebteste Mitglied des Haushalts. Man findet, daß ein junger Bauer nicht nur seine Kinder, sondern seine Geschwister, Schtvägerinnen, Vettern, Cousinen, Onkel und Tanten befehligt. Die Verdienste aller fließen in seine Tasche und werden nach seinem Urteil ausgegeben. Gibt er seine Einwilligung zur Heirat eines seiner männ- lichen Untertanen, so wird von der ganzen Familie ein neues Häuschen gebaut, und dort wohnt die junge Frau. Alle Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen und von dm Krauen aufgetragen, die nachher die kaltm Über- bleibsel essen dürfen. Die Stellung der Frauen ist ganz mittelalterlich. Ich bin oft zum Frühstück oder Mittag von einem wohlhabenden Landmann bewirtet worden, der vielleicht Mitglied des Parlaments ist; ich bin mit vielen Männern hereingekommen, die sich mit mir auf die besten Sofas und Stühle setzten, während Frau und Töchter, sogar die weiblichen Gäste, schüchtern an der Tür standen oder Liköre und Obstmarmeladcn hole:: mußten, die einem Gast angeboten werden, sobald er das Haus betretm hat. Die vollkommene Unterwersiing der Frauen erhält sich natürlich nur bei der Landbevölkerung, die aber 90 / 100 des Volkes ausmacht. Die Belgrader diplomatische Gesellschaft, die einen äußeren Anstrich westlickM Sitten hat, beschränkt ihre Höflichkeit gegen die Frauen auf bloße äußere Förmlichkeit und verteidigt instinktiv die Überlegenheit des männlichen Geschlechts. Bei den förmlichsten Gesellschaften in der Hauptstadt rauchen, spielen und amüsieren sich die Männer, während die Frauen gewöhnlich in einer Gruppe zusgmmenstehen und ohne Lebhaftigkeit schwatzen. Tn die Serbinnen gewöhnlich sehr schön sind, erklärt sich diese Haltung nur
durch die langen Jahre der Unterwerfung durch d:S Türken. Heiraten sind Familienangelegenheiten, und die jungen Lmte finden nur feitet: Gelegenheit zu vertrautem Umgang. Ist die Familie eines Mannes nicht groß genug, um sein Stück Land zu pflügen oder zu ernten, so ladet er alle seine Nachbarn zur „mvba" ein, und sie kommen ihm dann zur Hilfe. Da die Serben sich nicht überarbeiten, finden sie Zeit zu allerhand unschuldigen Vergnügungen. Am beliebtesten ist das Tanzen. Beim nationalen „kolo" bilden alle Frauen eine lange Kette und alle Männer eine zweite. Dann neigen sie sich beim Klange der Sackpfeifen oder einsastiger Jnstrilmente in träunierischem, rhythmischen Schritt hin und her. Dieser Tanz ist sehr anmutig und verschiedenartig, er hat zahllose Schritte und Weisen, die zum Teil politische Bedeutung angenommen haben. Bei Hochzeiten und andere« Lustbarkeiten ist eine Zigeunerkapelle notwendig, deren Musik sich von der Zigeunermusik in Ungarn sehr unterscheidet. Die Dirigenten der verschiedenen Kapellen sind sehr berühmt und verdienen viel. Die Phantasie ihrer Weisen ist aber auch einzigartig, und dabei sind sie unermüdlich. Wenn sie nachmittags beginnet:, werden sie immer leidenschaftlicher und spielen ohne einen Augenblick der Ruhe bis zum Tagesanbruch. Bei der Musik einer Zigeunerkapelle sieht man allerdings auch, daß den Serben, wie ihre Feinde behaupten, noch eine latente Wildheit innewohnt. Dagegen hegen sie noch viele, halbheidnische Überzeugungen. Sie erzählen wunderbare Geschichtet: vot: Vampiren und menschlichen Weset:, die von Vampiren besessen sind und nachts schlafenden Kindern das Lebensblut aussaugen. Sie glauben auch blind an die „Villas" oder Heinzelmännchen, die in den Bergen wohnen und armen Leuten Gutes tun. Wer die Serben kennt, mutz sie lieben. Sie sind impulsiv und ziehen sich als Briganten in die Berge zurück, wenn sie einen Fehler begangen haben; sie sind übereilt, unbesonnen und gedankenlos und haben viele Instinkte der Kinder. Aber sie sind immer edelmütig, und ihre Gast- freundschaft ist unbegrenzt; sie hegen niemals langet: Groll, was für Kränkungen man ihnen auch zugefügt haben mag.
