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Beilage rum Wiesbadener Tagklatt.

Mo. 273. Morgen-Ausgabe.

Mittwoche den 17. Juni.

61. Jahrgang. 1803.

Heilige das Leiden, wenn Du bandeln willst, echten Biedermännern ist das Leiden eitel Teufelei.

Carl Hauptmann.

K»

Slllci. *

(2. Fortsetzung.)

Leutnant Lämmchens Adenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis.

Während Lämmchen, auf der Bettkante sitzmd, seinen schmerzlichen Erwägungen Worte lieh und wehmütig auf seine weiße Untergewandung herabsah, die mit der Un­schuld leider nur die Farbe gemein hatte, machte sein Freund und Stubengenosse, Leutnant von Panthenau, umständlich und sorgfältig Toilette. Er ließ sich von seinem Burschen, den er zum gewandten Kammerdiener erzog, das Haar brennen, polierte seine rosigen Finger­nägel, legte für einige Minuten die wunderwirkende Bartbinde an und parfümierte sich arrsgiebig mit Heliotrop.

Lämmchen beobachtete ihn unwillkürlich und seufzte üef. In feinen Augen war dieser unbedeutende, aber hübsche und gewandte Jünger des Mars ein ganz be­sonders glücklicher, beneidenswerter Mensch.

Die Eigenschaften, welche ihm selbst Damen gegeir- iiber so gänzlich fehlten, nämlich Selbstbewußtseirr und Selbstvertrauen, besaß Panthenau in reichem Maße, und dieselben äußerten sich bei ihm in einer liebenswürdigen Unverfrorenheit, welche immer und überall ihre Wirkung tat. Was er mitunter zusammenredete, war ganz un­glaublich, aber er hatte bei dem schönen Geschlecht immer Erfolg. Sein sicheres Auftreten gefiel den Damen, seine lebhafte Huldigung schmeichelte ihrer Eitelkeft, und seine schönen dunklen, schwermütigen Augen, die immer mehr versprachen, als er je zu halten gesonnen war, richteten viel Unheil an. Er selbst verliÄte sich auch bei jeder Gelegenheit, aber ein Eindruck verdrängte bei ihm den anderen, und das helle Strohfeuer brannte nie.lange Zeit.

So war Panthenau auch heute in freudig erregter, erwartungsvoller Stimmung. Die Erwägung, daß cs hier nicht ganz leicht sein würde, Herzen zu bezwingen, üeß chm den Sieg doppelt ruhmreich erscheinen; in seinem Übermut neckte er Lämmchen, der sein Intimus war, er­barmungslos nüt seinem Mißgeschick.

Auch die anderen Kameraden zeigten, als sie von der Kosfergeschichte hörten, mehr Schadenfreude als Mit­gefühl, ergötzten sich über die tragikomische Situation, welche Lämmchen zu längerem Stubenarrest verurteilte, mrd behaupteten, der schüchterne Jüngling habe selbst die Verwechslung heimlich veranlaßt, um dem gefürchteten Zusammensein mit den Damen für heute zu entgehen.

Natürlich wies er diesen Verdacht mit Entrüstung von sich und bat die Kameraden, sein Fernbleiben in mög­lichst unauffälliger Weise zu entschuldigen, aber ih: lachend gegebenes Versprechen bot wenig Sicherheit, und « die Überzeugung, daß seine Angelegenheit bei Tisch eifria I

besprochen und lächelnd kommentiert werden würde, drängte sich ihm mit unabweisbarer Sicherheit auf. Das war aber gerade dasjenige, was er am ersten zu ver­meiden wünschte. Alles, was ihn aus dem gewohnten Rahmen heraushob und der allgemeinen Aufmerksamkeit preisgab, war ihm im Grunde der Seele verhaßt. Er verschwand am liebsten in der Menge, und nun, bei diesem schrecklichen Manöver, geriet er gleich am ersten Tage in eine Lage, die entschieden mehr lächerlich als bedauer­lich war und unfehlbar die Spottlust der fremden jungen Damen wachrufen mußte.

Zehn Minuten vor Fünf erschien ein Diener um die Offiziere in Frau von Twielendorfs Salon zu geleiten, und Lämmchen hörte sie lachend und sporenklirrend die Treppe hinabgehen. Dann verschwanden auch die Burschen, nachdem sie noch etwas Ordnung gemacht hatten, und schließlich war Lämmchen in der langen Zimmerflucht ganz allein.

_ Er versuchte wieder zu schlafen, aber der Versuch mißlang. Auch ein französischer Roman, den Panthenau ihm geliehen und dringend empfohlen hatte, vermochte ihn nicht zu fesseln; was er auch tun mochte, er lang­weilte sich sträflich. Immer wieder sah er nach der Uhr, hoffend, daß die Zeit schon vorgeschritten sei, aber der Zeiger rückte nur langsam vorwärts, und bei dem herr­lichen Wetter fand er seinen Stubenarrest doppelt schmerz­lich und hart.

Da nahte, ganz unerwartet, ein rettender Engel in der unscheinbaren Gestalt der alter: Haushälterin, die von seinem Mißgeschick gehört hatte und sich verpflichtet fühlte, ihm beizustehen. Sie war eine behende, kleine Person mit lebhafter: Augen und dunklem Haar, die in ihrer ganzen Art und Weise etwas Energisches, Ver­trauenerweckendes hatte und seine Sympathieen sofort gewann. Sie faßte auch ganz ungeniert vor seinem Bett Posto, und auf einen Packen Kleider deutend, den sie neben ihn auf den Stuhl legte, sagte sie lächelnd:

„Na, Herr Leutnant, da bringe ich etwas — ob's passen wird, weiß ich freilich nicht. Die Sachen sind von unserem verstorbenen jungen Herrn und weder neu, noch elegant. Er trug sie nur, wenn er auf Urlmrb hier war, und nannte sie immer sein Räubercivil, aber der Bursche von Herrn Panthenau meinte, die Länge wäre bei Ihnen die Hauptsache, und das stimmt nun gerade. Lang sind sie, mächtig lang, und dazu auch ziemlich weit. Unser Ältester war der größte von allen — unb ein Jammer ist's, daß er so früh sterben mutzte."

Lämmchen wollte seinen üef gefühlten Dank aus­sprechen, aber Frau Klingebefl ließ ihn gar nicht aus- reden, sondern fuhr eifrig fort:

„Ich wäre gern schon eher gekommen, aber es aing nicht, ich mutzte beim Anrichten helfen und hatte keinen ruhigen Augenblick, bis der Braten drin war. Nun sollen Sie aber auch etwas zu essen haben. Ich decke Ihnen hier den Tisch, und während ich alles herbeihole, ziehen Sie sich an. Wenn Sie erst einen Teller Suppe cm Leibe haben, werden Sie die Welt ganz anders an- sehen."

Lämmchen folgte ihrer Weisung mit freudigem Eifer,

sprang aus dem Bett und machte eilends Toilette. Dis dunkle Hofe und die graue Jagdjoppe mit steifem! Kragen, die man bis zum Kinn hinauf, schließen konnte, paßten ihm wirklich; auch ein paar Süefeletten, die vor> sorglich hingestellt waren, konnte er mit einiger Schwierig^ feit anziehen, und als die Alte wiederkam, trat er ihis bereits fix und ferüg entgegen.

„Na, das lasse ich mir gefallen", sagte sie vergnügt^ „so können Sie sich sehen lassen. Wenn auch nicht unten im Salon, so doch sonst überall — im Garten, auf der) Landsttaße, in Feld und Wald, und wenn Sie auf best Tennisplatz wollen — auch das können Sie ruhig wagertz — die jungen Damen —"

Lämmchen hob abwehrend die Hand.

„Um Goüeswillen", sagte er, „nur das nicht. TenniZ spiele ich nur, ^enn ich muß, und von den Herrschaften unten soll mich niemand sehm. Aber einen werten Spaziergang möchte ich machen, und wenn Sie mrp sagen können, wie ich unbemerkt auf das Feld gelange^ so werde ich Ihnen sehr dankbar sein. Ich liebe es, aller« umherzustteifen."

Frau Klingebeil nickte. „Auch da kann ich helfen, Herr Leutnant", sagte sie befriedigt. „Es gibt hrer nrw kleine Pforte nach dem Garten hinaus, dre sehr versteckt liegt und von draußen gar nicht zu sehen ist. Dre zergS ich Ihnen nachher und weise Ihnen dm Weg nach dein Gemüsegarten, hinten herum. Von da kommen Sre auf die Dorfstraße und können gehen, wohin Sre wollen Vorerst essen Sie aber mal ordentlrch, Essen halt Leib und Seele zusammen, rrnd ich habe Ihnen von dem! ganzen Menu nur das beste ausgesucht. Auch erne FlaschS Wein müssen Sie trinken. Was wünschen Sre, werß oder? rot? Ich habe beides mitgebracht."

Lämmchen wählte den kühlen Mosel und ließ es sich trefflich schmecken, während Frau Klingebeil rhren ande­ren Geschäften nachging. Nach einer halben Sirrnde abep kam sie wieder mit Hut und Stock und gelertete ihren Schützling über Trepperr rrnd Korridore, die chm etwas labyrinthartig erschienen, drrrch den versteckten Ausgan- ins Freie.

Kein Mensch begegnete ihm außer einem Gärtner« burscherr, und höchst vergnügt, die Cigarre rin Munde, wunderte Lämmchen auf einem schmalen Feldwege denn Walde zu. Für diesen hatte er seit ferner frühesten Jugend eine leidenschaftliche Vorliebe, und auch heut« übte er den alten Zauber auf ihn aus, so daß er langen blieb, als er wollte und ihn erst nach Sonnenuntergang verließ.

ES war spät, als er endlich heirrckehrte. Ws ^ißq Schleier zogen die Nebel über die grünen abgemichten Wiesenftächen hin, der Mond stand am Hrmrnel, und im Freien war es ziemlich hell, so daß man das Tageslrch« kaum entbehrte. Als aber Lämmchen den Brichengang bettat. welcher sich an der Grenze des Gartms entlang zog und bis zum Schlosse hinführte, fand er ihn so dunkel, daß er sich kaum zurechtfinden konnte und am Emgang einen Augenblick stehen blieb, unr die geblendeten Auge« an den jähen Wechsel des Lichtes zu gewöhnen.

(Fortsetzung folgt.)

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