51. Jahrgang.
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Uo. 273.
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Aas bedrohte Helgoland
Bon Dr. H. Wille.
EZ verlautete von neuem, daß wiederum und zwar in Diesem Frühjahre eine Abbröckelung der Felsmassen der Insel Helgoland erfolgt ist und daß namentlich der Kommandeurstand und Beobachtungsposten an der Westseite, in der Nähe der Luunnefelseu, bedroht sei. Im Jahre 1898 bewilligte das preußische Abgeordnetenhaus für die Erhaltung der Insel mehr als'eine halbe Mllion^Mark und gegenwärtig haben erneute umfangreiche Schutzarbeiten begonnen. Die ausgewaschenen Höhlungen sollen mit Beton ausgefüllt werden und an einer bedrohten Stelle soll sogar eine Schutzmauer von 15 Meter Höhe gezogen werden. Ob indessen alle diese menschlichen Maßnahmen dieses Eiland, das deutsche Gibraltar, erhalten werden, erscheint mehr als fraglich, denn gar mächtig ist der Feind, der täglich, stündlich die Insel bedroht. Alle Bewegungen des an sich so unschnl- digen Wassers bleiben nicht ohne Einwirkung ans das Land. Der unaufhörliche, nie rastende Wellenschlag des Meeres wirkt in derselben Weise wie fließendes Wasser, lösend und lockernd, nur stärker noch, besonders wenn Flut und Wind wahre Wasserberge gegen Land und Felsen anstürmen lassen, «elbst die Zerstörung mächtiger Felsklippen schreitet rasch vor sich, wenn unter dem harten Gestein in einer den Wellen erreichbaren Höhe weichere Massen, wie Schiefer oder Ton sich befinden. Dann werden die Felsen allmählich von den immer wiederkehrenden, nie ruhenden Wellen unterspült und unterwühlt, und schließlich stürzt die obere Masse, ihres Haltes beraubt, in die Tiefe des Meeres. Solchem Schicksal sieht auch die Insel Helgoland entgegen, welche langsamen aber sicheren Schrittes ihrer völligen Auflösung entgegen geht, wenn nicht die geplanten Vorsichts- und Schutzmaßregeln gründliche Abhilfe schassen.
Feuilleton.
Pariser Kries.
Paris, 9. Juni.
Kaum hatte sich die ungeheuere, durch den Unglück- ffchen Verlaus des Automobilfahrens Paris-Madrid her- vorgerufene Erregung etwas gelegt, so stand die französische Hauptstadt von neuem eine volle Woche hindurch Unter dem Banne sportlicher Begeisterung. Diesmal Ivurde die Freude von keinem schrillenZMißton getrübt. Die „Grand« Semaine", die große Sportwoche, liegt hinter uns und ist zu allgemeiner Zufriedenheit verflossen. Das Derby in Chantilly und die große Steeple- chase von Autcuil wurden am vergangenen Sonntag würdig gekrönt durch den Grand Prix von Longchamps. Letzteres Rennen hat wie kein anderes sportliches Ereignis des Jahres die Gabe, die große Masse der Bevölkerung in Bewegung zu setzen. Lauge zuvor schon beschäftigt der Grand Prix die Gemüter und jeder Pariser, der sich respektiert, schmiedet Pläne für einen Ausflug nach dem grünen Rasen des Bois de Boulogne. Reich und arm, hoch und niedrig hält es für seine Pflicht, diesem Nationalscst bciznwohnen, und cs dürste wenig Einwohner der Riesenstadt geben, die nicht mindestens einmal in ihrem Leben den Grand Prix besucht hätten. Damit die Festfreude eine vollständige sei, ist es freilich nötig, daß die Sonne mit von der Partie ist. Dies war am Sonntag der Fall, welcher, weil weder zu warm, noch zu kühl, geradezu einen Jdealtag für ein Pferderennen abgab. Selten hat das Boulogncr Gehölz eine solche Menschenfülle gesehen. Bereits beim ersten Leuchten der Morgendämmerung waren die Wege des Bois von Fußgängern angefüllt, welche, mit Eßkörben beladen, dem Rennplatz in der Erwartung zustrebten, einen Platz ausfindig zu machen, wo sie dem Schallspiel mit Nutzen und Vergnügen, aber ohne den Beutel zu ziehen, folgen könn- ten. Wer sich unter diese morgendlichen Wanderer mischte und ihren Gesprächen lauschte, fragte sich mit Erstaunen:
^ Früher glaubte die Wissenschaft, die Verteilung des Festen und Flüssigeil auf unserem Planeten sei mit einem gewaltigen Ruck geschehen, plötzlich ohne langen Kampf. Das ist aber eine Ansicht, welche die moderne Wissenschaft mit Recht verwirft. Sie nimmt nicht mehr, wie es die alte Theorie tat, an, daß zu einer Periode alle großen Landmassen am Äquator angehäuft gewesen seien, zu einer anderen Periode an beiden Polen, während das Wasser am Äquator sich befand.
Diesen Theorieen, welche gewaltsame, erschütternde Entwickelungsstadien fordern, steht die moderne Wissenschaft ablehnend gegenüber. Mächtig sind zwar die vollzogenen Änderungen, großartig die Arbeiten, die zu ihrer Durchführung geleistet wurden, aber von eincnl Stadium zunl anderen schreitet die Umwälzung' doch überall durch deutlich uilterscheidbare Stufen vorwärts.
Die neue Wissenschaft erkennt heute, daß niemals wesentliche Ortsvertauschungen zwischen Land mrd Meer sich vollzogeil haben. In ihren Grundzügen sind die großen Formen unseres Planeten schon iir der geologischen Urzeit vorhanden. «schon in der frühesten geologischen Periode wurdeir die Grundlinien vorgezeichnet, auf denen die Gestaltung der Erdrinde sich bis zu ihrem heutigen Zustande entwickelte. Kein Festland ist auf einmal als ‘eilt Ganzes und Fertiges emporgestiegen. Langsam, allmählich, man möchte sagen schrittweise, sind die Inselwelten zu den Gestalten gemacht worden, die mls heute als die großen Kontinente entgegentreten. Soweit das große Gailze in Betracht kommt, hat sich das Feste langsam im Kämpfe irritt dein Ozean nach oben durchbcrllngen. Während im allgerneilien das Laird siegreich vorgeschritten ist, finben wir vereinzelt manche Stellen, bei denen, das Meer sich mit Erfolg bemüht, das verlorene Terrain wiederzugewinnen. An lnanchen Stellen zeigt sich das Meer auch als Sieger. Das ganze Land d;r Friesen ist solch ein Schauplatz. Tiefe Meerbusen hat die gierige Welle in die Küste gewühlt, so die Zuider-Sce, den Tollert und den Jähdebusen. Tie Zer- rlssenheit der Nordseeküste von der Scheldemündnng bis Jütland spricht ebenfalls deutlich genug von denl immerwährenden Kampfe zwischen See und Land.
Einen sehr ansgesetztcn Posten in diesem ewigen Ringen nimmt die Insel Helgoland ein. Es existieren heute noch Karten von der Insel aus den Jahren 800 und 1300 nach Christi. Vergleicht man diese Darstellungen niit den heutigen, so sieht man, wie in den letzten sechshundert Jahren der Umfang der Insel geradezu erschreckend ab genommen hat.
Die eigentliche Insel Helgoland bildet ein felsiges, schmales, mit der Spitze nach Nordwest gerichtetes Dreieck. Östlich von demselben liegt eine schmale, gestreckte Sandinsel, die bekannte Düne, wo die Badeeinrichtungen sich befinden, die man nur durch eine Kahnfahrt, die je nach Wind und Wellen eine viertel bis halbe Stunde
Bin ich in Frankreich oder in England? Wörter wie performances, canter. walk-ovcr, Outsider, dead- heat :c. durchschwirrcn die Luft. Und doch sind diese radebrechenden Engländer nur harmlose Spießbürger der Seinestadt, die sich wunder was für ein Air zu geben vermeinen, wenn sie mit englischen Brocken um sich werfen. Im Grund richtet sich ihr Augenmerk weniger auf die Chancen dieses oder jenes Pferdes, als vielmehr auf die vergnügliche Aussicht, von einer gnädigen Sonne bestrahlt oder im Schatten der alten Laubbäume auf den behaglichen Moosbodcn gelagert, den Inhalt des mitgebrachten Korbes einer minutiösen Prüfung zu unterziehen. Man gibt sich als echter Snob den Anschein, für alles, was mit Sport zusammenhängt, grenzenlos zu schwärmen und vertilgt stillznfrieden einige Flaschen Chablis, Ölsardinen, kalten Kalbsbraten und Schweizer Käse. Nach gehaltener Mahlzeit streckt man sich behäbig zur Siesta ans, träumt von allem anderen als von Startern und von Außenseitern und erwacht mit dem etwas peinlichen Gefühl, daß nunmehr nach dem Vergnügen die Arbeit beginnt mW daß es gilt, Frau und Kind über die Vorfälle des Rennen sachgemäß zu belehren. Da die Sonne den Zenith noch nicht überschritten, läßt man sich zunächst in ein instruktives Gespräch mit den graubärtigen Parkwächtern ein, welche nicht genug von der in letzter Zeit im Boulogner Wäldchen verübten Schandtaten zu erzählen wissen, und amüsiert sich damit, den Vorbereitungen für das Nennen zuzuschaucn. Emsige Arbeiter durchforschen die Rennbahn, stopfen hier ein Loch zu, entfernen dort einen Stein, der Pferd und Reiter gefährlich werden könnte, kurz, verwandeln die Wiese in einen tadellosen Teppi ch. An der offiziellen Tribüne sind unzählige Leute dabei, die letzten Teppiche aufzuhängen und das französische Wappen (ein geschmackloses ir. P.) anzubringen. Stallknechte führen die Rennpferde spazieren, die augenblicklich keineswegs eine erobernde Miene zeigen, so sehr sind sie in wollene Decken vom Kopf bis zn den Füßen vermummt. Allmählich wixd es lebhafter auf dem Platz. Tie Pferdeeigentümer geben den Reitern die letzten Anweisungen, rotbäckige und feiste
dauert, erreichen kann. Bis zum Jahre 1720 waren Düne und Insel zu einem Ganzen vereinigt. In dem genannteir Jahre brach eine gewaltige Sturmflut überdies Insel herein und zerriß sie in jme uns bekannten zwei Teile.
Ter Schreck und das Entsetzen der Helgoländer war groß über diese Zerstörung der Elemente. Aber bald faßten sie sich und wußten dem Unglück eine gute Seite abzugewinnen. Es wurden alle Mittel aufgeboten, kn Rest der Düne zu erhalten. Dann wurden die Kähne der- mehrt und die Badegäste täglich nach der Düne gefahren. Heute nimmt die Badedircktion für die Hin- und Herfahrt von jedem Badegaste sechzig Pfennige. So wurde die Teilung der Insel für bereit Bewohner eine neue, bedeutende Geldeinnahmequelle. So macht die Düne beit Helgoländern recht viele Freude, zumal sie nicht mehr abnimmt, im Gegenteil sich vergrößert. Die eigentliche Insel aber geht dem sicheren Untergang entgegen, wenn es nicht gelingt, genügende Schutzvorrichtungen anzubringen. Stetig arbeitet die nagende und unkerwühlende Kraft der See. Der 200 Fuß hohe Felsen ist an vielen Stellen mürbe und bröcklig. Der äußere Rand ist nur mit Gefahr zu betreten. Im Jahre 1000 war die Insel über eine halbe Ouadratmefle groß. Heute ist das Oberland mir ca. 2300 Schritte lang und 650 breit. Tie Düne ist annähernd 600 Schritts lang und 200 breit. Der letzte Einsturz geschah am Nordende der Düne, wo ein hoher Kreidefelsen von den Fluten so unterwühlt war, daß er endlich zusammenstürzte. Es war gerade diejenige Stelle, wo ein Steinwall nach dem Unterlands führte. Jetzt bewirkt ein moderner Fahrstuhl die Auf- und Niederfahrt. Auch kleinere Einstürze sind in neuerci Zeit vorgekommen. So stürzte vor etwas mehr als 60 Jahren ein Stück des „großen Mönches" in das Meer. Kleinere Stücke des Klipprandes rollten häufig mit Ge- töse in die See. Vor 1700 war der Vorstrand bei niedrigem Wasser, bei der Ebbe, beinahe eine Meile breit, jetzt überschreitet man ihn bequem in sechs Minuten. Nach genauen Messungen der letzten dreißig Jahre hat der Felsen auf der Westseite, der am meisten dem Ansturm der Wellen ausgesetzt ist, um beinahe 2 Meter abgenommen.
Geht die Vernichtung so weiter, so wird in absehbarer Zeit Helgoland von der Weltkarte zu streichen sein. Höchstens wird ein warnender Vermerk in den Seekarten darauf Hinweisen, daß hier blühendes Land und Leben haben versinken müssen. Mögen die Maßnahmen der Regierung wenigstens das eine erreichen, daß die Vernichtung dieses nicht nur schönen, romantischen gesunden, sondern auch als wirksames Schutzmittel der deutschen Elbmündung äußerst wertvollen Eilandes durch das Meer so lange hinausgcschoben wird, als es als deutsches Gibraltar für die Sicherheit der deutschen Nord- Westküsten unentbehrlich ist.
Engländer halten vor einem Kreis von Neugierigen gelehrte Vorträge, denen alle Welt wie einem Orakel zuhört, die Damentribüne beginnt sich zu füllen und allein der Anblick dieser Tribüne ist wert, daß man die kleine Reise nach dem Bois macht. Nichts Entzückenderes gibt es auf der Welt als diese Vereinigung von Pariserinnen, die, alle nach der neuesten Sommermode gekleidet, ein harmonisches und bezauberndes Bild bieten, das schon mancher Maler verewigt hat, welches aber in natura gesehen werden nmß, um ganz gewürdigt zu werden. Den schönen Rahmen um die duftigen Toiletten und hübschen Gesichtchen bilden die im bläulichen Tunst gehüllten Berge von Sävres und Saint-Cloud. Endlich ertönt das Signal zum ersten Rennen. Die Mienen erhellen sich, die Hälse strecken sich und ich breche ab in meiner Schilderung. Denn wie es wenig Pariser gibt, die dem Grand Prix noch nicht beigewohnt haben/ so dürften Nicht viele Deutsche existieren, welche nicht von ihm gelesen haben. Wer eine lebendige und klassische Beschreibung desselben haben will, der mag das betreffende Kapitel in Emile Zolas „Nana" durchlesen. Das Schauspiel ist in jedem Jahr ungefähr dasselbe. Als Besonderheit des heurigen Rennens ist aber zu ver- zeichnen, daß kein englisches Pferd als Konkurrent auf- trat und daß der Rennstall des Herrn Edmond Blanc mit drei Pferden siegreich aus dem Streit hervorging, was in den Annalen des Grand Prix noch nicht dagewesen ist. Edmond Blanc dielt schon bisher den Rekord, da er schon fünfmal die Palme dieses Tages davon- getragen hatte, während Baron v. Schickler als Nüchst- kommender erst viermal gesiegt hatte. Das Trifolium der siegreichen Pferde Blancs, nämlich Ouovadis, Eajus und Vinicius (lauter lateinische Namen, die an die altrömischen Wettrennen erinnern), wird noch lange das Gespräch der Sportswelt beherrschen. Präsident Emile Loubet war auch heuer, wie in den Vorjahren, pünktlich zur Stelle und begegnete allgemeinen Sympathicen, da der Pariser von Tag zu Tag stolzer ans sein Staatsober. Haupt wird, das demnächst den König von England besucht und vom König von Italien besucht wird.
