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1. Beilage Min Wiestmüener Tagdlntt.

Uo. 273. Morgett-Ansgaüe.

Dienstag» den 16. Juni.

61. Jahrgang. 1903.

Des Meuschkn Schuldbuch ist sein eigenes Gewissen, ^ ! Darin durchstrichen wird kein Blatt noch ausgerissen. Z * Friedrich Nuckert. ^

^ ______ l-I»

(1. Fortsetzung.)

Leutnant Lämmchens Abenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis.

Das Schloß war ein mächtiger, kastenartiger Bau, öer einst von einem großen Herrn begonnen, aber nie ganz vollendet worden war und darum auf den ersten Blick einen etwas befremdlichen Eindruck machte. Zwei Stockwerke und ein hohes, mit grüner Patina bedecktes Kupferdach türmten sich übereinander, und die hübsch gegliederte Front mit ihren großartigen Dimensionen wies nicht weniger als siebzehn große Fenster auf. Von ornamentalem Schmuck war aber nichts zu sehen. Der­selbe war, der ganzen Anlage nach, augenscheinlich beab- sichügt, aber aus irgend einem Grunde nie ausgeführt worden, und man hatte sich schließlich damit begnügt, das Haus in heller Sandsteinfarbe anzustreichen. Dazu kam, daß nur die beiden unteren Stockwerke, das Erdgeschoß und die erste Etage, ausgebaut und bewohnbar waren. Oben zeigten die rohen Ziegelwände keinerlei Bekleidung, Ofen, Türen und Schwellen fehlten gänzlich, die Decken waren nicht bergipft und der Fußboden bestand aus ein- fachen Brettern, die man notdürftig zusammengefügt Hatte. Auch dre Fensteröffnungen waren bis zu ihrer halben Hohe mit Backsteinen versetzt, und die prachtvollen Raume wurden, ebenso wie ein Dell des luftigen Dach, bodens, als Getreidespeicher für die Wirtschaft benutzt.

Zu diesem Zwecke hatte man in dem dem Hofe zuge­wandten Giebel in allen Stockwerken Türen durchge­brochen und eine hohe, hölzerne, mit einem Regendach versehene Außentreppe davor angelegt. Durch diese ge­langte man auch in die Wohnung der unverheirateten Beamten im ersten Stock, und darunter befanden sich Milchkeller, Mägdeftube und Gesindeküche .. • diese Seite des Schlosses nur praktischen,

wirtschaftlichen Zwecken gewidmet, so zeigte die andere ein iim so freundlicheres und vornehmeres Gesicht.

Hier war die mächtige Giebelwand bis oben hin mit dichtem, lebendigem Grün bedeckt. Glycinien und Kletterrosen rankten in üppiger Fülle neben kleinblätt- ngem Efeu empor, und eine niedrige, von blühenden Topfgewächsen flankierte Freitreppe, die sich oben zu einer breiten Plattform erweiterte, führte zu den Wohnräumen der Familie empor. Auch war hier die nächste Umgebung besonders gepflegt.

im^.^dhreud die eigentliche Front des Hauses, in deren Mitte sich der Haupteingang befand, imr auf einen großm Grasplatz und dichte Bosketts herabsah, hinter denen sich wiederum die Landstraße befand, breiteten sich hwr intensiv grüne, kurzgeschorene Rasenflächen 'mit "unten Teppichbeeten aus, uiid daran schloß sich der große varkahnliche Garten mit seinen Karpfenteichen und alb modischen, schattigen Buchengängen, die in der ganzen Gegend berühmt waren.

Auf der Plattform machten die Herren, ehe sie ins Haus gingen, einen Augenblick Halt und genossen, neben dem Hausherrn stehend, die schöne Aussicht, welche sich von hier aus bot. Nur Lämmchen machte eine Aus­nahme. Zerstreut, voll inneren Unbehagens, musterte er das Schloß, das so viel unvermeidliche Weiblichkeit in seinen festen Mauern barg, schaute zu den grünumrank- ten Fenstern empor und seufzte tief.

Da flog ihm plötzlich ein feuchtes, duftendes Etwas ins Gesicht, uiid eine Rose, vollerblüht und noch regen- schwer, fiel zwischen seine gestiefelten und gespornten Füße herab. Unwillkürlich bückte er sich, um sie aufzu­heben, aber erschreckt fuhr er wieder zurück, denn nun traf ein unreifer, kleiner Apfel, scharf wie ein Geschoß, seine rechte Hand, und zugleich erklang unterdrücktes Kichern und Flüstern von oben herab. Helle Gestalten neigten sich Sekunden lang zum offenen Fenster hinaus, und dann folgte eine ganze Ladung kleiner, scharf ge­dachter Papierkugeln, deren eine sogar dem alten Baron in höchsteigener Person einen heftigen Nasenstüber ver­setzte.

Lämmchen glaubte, der alte Herr werde über diese eigenartige Begrüßung nicht wenig empört sein und den Übeltätern mit einem Strafgericht drohen, aber von irgend einer Mißstimmung war bei ihm nichts zu bemer­ken. Er blickte nur flüchtig zu den oberen Fenstern empor, rieb sich die Nase und sagte lachend:

„Dacht' ich mir's doch, die verdammten Mädel liegen wieder im Hinterhalt und bombardieren uns. Wenn die zusammenstecken, geht's ohne eine kleine Teufelei nicht ab, und wir tun gut, aus ihrem Gesichtsfelde ganz zu verschwinden. Kommen Sie, meine Herren! Ehe Sie sich umziehen und ausruhen, müssen Sie noch schnell einen kleinen Imbiß nehmen. Der Gedanke an Ihren verreg- neten äußeren Menschen braucht Sie dabei nicht zu be­drücken. Meine Damen erscheinen erst um fünf Uhr zum Diner, und während des Frühstücks sind wir ganz unter uns."

Er öffnete die breite Glastür, welche hier ins Haus führte, und die Offiziere betraten einen großen, luftigen, hell dekorierten Raum, welcher der Familie im Sommer als Hauptaufenthaltsort diente und sehr behaglich einge­richtet war.. Bunte Sportbilder bedeckten die Wände, tveiche, originelle Seidenkisscn die bequemen Korbmöbel; die Steinfliesen des Fußbodens waren mit japanischen Strohmatten belegt und in den tiefen Fensternischen standen herrliche Topfgewächse. Die Mitte des Garten- saales aber nahm eine reich besetzte Tafel ein, auf welcher sich ein wahres Stillleben von Blumen, Früchten, Flaschen und vielversprechenden kalten Schüsseln befand, und während man denselben mit bestem Appetit zusprach, emp­fand man das taktvolle Fernbleiben der Damen als große Erleichterung. Besonders Lämmchen war ganz entzückt davon. Nach allem, was er gehört und soeben erlebt hatte, graute ihm förmlich vor dem ersten Zusammen- treffen mit der übermütigen Schar, und er freute sich, diesen Moment noch um einige Stunden hinausgeschoben zu sehen. Nach dem Frühstück suchten die Offiziere sofort ihre Zimmer auf. Dieselben lagen alle nebeneinander im ersten Stock, nach vorn heraus, und waren sämtlich durch Türen mfteinander verbunden. Der iunae .6err

von Twielendorf geleitete sie selbst hinauf, bat sie das Haus seines Vaters ganz als das ihre zu betrachten und ersuchte sie schließlich, sich kurz vor dem Essen im Salon seiner Mutter einzufinden.

Als die Herren allein waren — der Rittmeister und der Major hatten je ein Zimmer, von den Leutnants wohnten immer zwei und zwei zusammen — entwickelte sich in den betreffenden Räumen ein reges Leben. Die Offlziere liefen plaudernd hin und her, riefen nach den Burschen, schimpften über das verspätete Eintreffen des Gepäckwagens, der durch einen Unsall aufgehalten wor­den war, entledigten sich ihre nassen Uniformen und ließen sich die hohen Stiesel ausziehen. Dann gingen sie sammt imd sonders zu Bett und schliefen nach wenigen Minuten den Schlaf des Gerechten.

Auch Lämmchen schlief, aber seine Ruhe wurde durch böse Träume gestört. Kleine Kobolde, die w,e lebendig gewordene Puppen aussahen, neckten und peinigten ihn mit grausamer Beharrlichkeit, zogen ihn an den Sprtzen seines langen Schnurrbarts und verlachten ihn lvegen seiner feigen, unbegreiflichen Weibcrfurcht. Dann wieder hielt er eine duftige, rote Rose in der Hand und wollte sie betrachten, da verwandelte sie sich plötzlich in eine zierliche Balleteuse, deren kurze Röckchen aus lauter Rosenblättern bestanden, während ihr pikantes, schelmisch lächelndes Antlitz auf ein Haar dem seiner gestrengen neuen Kommandcuse glich.

In diese Phantasieen hinein erklang dann plötzlich die rauhe Stimme seines braven Kommißsklaven, Wrebki genannt, der zitternd und bebend vor feinem Bette stand und mit kläglicher Miene berichtete, daß der Gepäck- wagen nun zwar da sei, der Koffer des Herrn Leutnants aber fehle. Wahrscheinlich sei derselbe bei dem etwas eiligen Aufbruch ani Morgen aus Versehen auf den Krümperwagen der anderen Schwadron gekommen, und der Inspektor lasse nun mlspaiinen, damit er, Wiebke, gleich in die umliegenden Dörfer fahren und die Quar­tiere der Dragoneroffiziere nach dem vermißten Stuck absuchen könne. Irgendwo mußte der unselige Koffer doch sein. t

Lämmchen war nicht nur wütend über die uner- wartete Hiobspost, sondern einfach verzweifelt. Er ries den Zorn des Himmels auf den unglücklichen Wiebke herab, der durch seine Dummheit und Fahrlässigkeit das ganze Unglück verschuldet hatte, überschüttete ihn mit militärischen Kosenamen und gebot ihm, sofort abzw fahren.

Die Sache war für Lämmchen auch wirklich fatal. Die verregnete Uniform, welche er auf dem Marsche ge- tragen hatte, war noch völlig durchnäßt — er durfte froh sein, wenn er sie den nächsten Morgen, zum Dienst an- ziehen konnte — die Kameraden hatten auch nur das Notwendigste mit und außerdem konnte er von ihnen überhaupt nichts entlehnen, denn dank seiner ungewöhn- lichen Körperlänge waren ihm ihre Sache ja viel zu klein. Ihm Paßte erfahrungsmäßig ja nie ein Stuck, das einem anderen gehörte, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als dem stillen Veilchen gleich, im Verborgenen zu blühen und auf das Diner im Familienkreise für heute zu vex. zicbten.

(Fortsetzung folgt.)

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Wiesbaden, den 13. Juni 1903. 1(544

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