61 . Jahrgang.
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U0. 274. VerlaEernIvrechcr Ro. LR». DieNStag» 16. I«M.
ReSaktionS-Fernsprecher No. 53. 1903. 1
Abend-Ausgabe.
Ms WrltlslhnMseinKllmen auf den Kops in der Kindt Wiesbaden.
Das veranlagte Einkommen der Gesamtheit der preußischen Einkommensteuerzensiten beträgt für das Steuerjahr 1902, welches mit dem 81. März d. I. zu Ende gegangen ist, rund 8560 Millionen Mark gegen rund 8376 Millionen des Vorjahres, also eine Vermehrung um rund 184 Millionen. Auf einen Kopf der Einwohnerzahl bei der Personenstandsaufnahme, welche auch der Einkommensteuerung für 1902 vvrgeschriebener- maßen wieder voranging, ergeben sich hieraus durchschnittlich rund 2277 Mk. Einkommen.
In diesen Ziffern ist unser Regierungsbezirk Wiesbaden mit einem Einkommen von zusammen 493 278 550 Mark enthalten, wovon der Anteil von 432 612 848 Nil. auf die Städte und derjenige von 60 665 702 Mk. auf das Land entfällt, und zwar kommen auf einen Einkommensteuerpflichtigen bei uns 3255,51 Mk. durchschnittlich veranlagtes Einkommen. Das Durchschnittseinkommen eines Einkommensteuerpflichtigen in den zur Zeit vorhandenen 86 preußischen Stadtkreisen stellt sich auf 2741,40 Mk. und ist gegenüber dem vorjährigen Betrage von 2786,67 Mk. mithin um 45,27 Mk. zurückgegangen.
In Wiesbaden ergeben sich an Durchschnittseinkommen für einen der zusammen 18 608 Einkommensteuerpflichtigen des soeben abgelaufenen Steuerjahrcs 4209,88 Mk.
Im Laufe der 11 Jahre, seit welchem das jetzige Einkommensteuergesetz gilt, hat sich diese Ziffer wie folgt gestaltet, und zwar:
1892/93
1893/94
1894/96
1895/96
1896/97
4063,34 Mk. 4484,81 „
4277,56 „
4073,80 „
4274,59 „
1897/98
1898/99
1899/00
1900/01
1901/02
1902/03
4185,44 Mk. 4646,17 „
4819,49 „
4876,55 „
4390,15 „
4209,88
Auch bei uns zeigen diese Ziffern also, wie dies vor- tehend auf die beiden letzten Jahre für die Gesamtheit er preußischen Stadtkreise nachgcwiesen worden ist, eine ückläufige Tendenz, so daß sich hieraus auch für uns der Schluß ergibt, daß die Einkommensverhältnisse sich nicht n dem Maße vorwärts bewegt haben wie die Zahl der rinwohner.
Das will aber angesichts der Tatsache nrchts weiter be- «tKen, daß unsere Stadt mit ihrem Betrage von 4209,88 ür 1902 unter den 86 preußischen Stadtkreisen nach wie »or an zweiter Stelle steht, also einen ganz außerordent- ich hervorragenden Platz einnimmt. Von diesen 86 Stadtkreisen sind es überhaupt nur 4, in welchen das
Durchschnittseinkommen eines Einkommensteuerpflichtigen über 4000 Mk. steigt, und zwar:
Bonn . . . 4756,58 Mk. Charlottenburg. 4124,95 Mk. Wiesbaden 4209,88 „ Frankfurt a. M. 4114,74 „ Den niedrigsten Betrag weist, beiläufig anzuführen, Rixdorf bei Berlin auf, nämlich 1458,42 Mk.
Wir können mit unserer Stellung nach dieser Richtung also nur vollauf zufrieden sein! Hat doch die Reichs- Hauptstadt Berlin nur die Ziffer 2653,57 Mk. aufzuweisen!
In den je 6 preußischen Stadtkreisen, welche nach der Volkszählung von 1900 unmittelbar vor, bezw. unmittelbar hinter Wiesbaden standen, wurden, mit dem bezüglichen Ergebnisse für unsere Stadt zufammengestellt, für 1892 und für 1902 folgende Durchschnittseinkommensziffern ermittelt, und zwar:
1892 1902
Posen ....
. 3096,46 Mk.
3126,73 Mk.
Kiel .....
„
2212,36 „ 2449,54 „
Krefeld ....
Kassel ....
. 2363,25
„
3389,15 „
Duisburg . . .
„
2327,13 „
Wiesbaden .
. 4663,34
„
4209,88 „
Erfurt ....
. 2680,07
2510,63 „ 2790,29 „
Görlitz ....
. 8013,44
„
Bochum . . .
. 1677,03
„
2004,81 „ 1697,87 „
Spandau . . .
. 1764,38
„
Münster . . .
. 3284,90
„
2951,73 „
Schöneberg und Rixdorf sind hierbei nicht mit in Be-
tracht gezogen, da diese beiden Städte im Jahre 1892 noch nicht in der Reihe der Stadtkreise enthalten waren. Schöneberg hat sich vor, Rixdorf aber nach Duisburg eingeschoben. Von den angeführten zusammen 11 Städten haben in dem hier in Betracht stehenden Zeiträume drei ein Vor-, 8 aber ein Rückwärts aufzuweisen. Unser Rückgang wiegt also, auch von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, nicht schwer. Die zweite Stellung im Staate wird uns hoffentlich keine andere Stadt streitig machen!
Ein Bülow gegen den Zweikampf.
Das „Deutsche Adelsblatt" veröffentlicht gegenwärtig umfangreiche „Vorschreibungen für den Adel bezw. für die Familie v. Bülow aus deren Familienbuche vom Jahre 1780, gewidmet dem Herzog Karl Eugen, regierenden Herzog zu Württemberg und Teck rc. Verfaßt von Jakob Friedrich Joachim v. Bülow, herzoglich Mecklen- burgisch-Strelitzscher Geheimer Kammerrat." Darin finden sich Vorschriften, wie der Edelmann sich zu benehmen hat am Hofe, als Minister, Kriegsmann rc. Dann folgen Vorschriften über das Benehmen bei Zweikämpfen, die auch heute noch gelesen zu werden verdienen. Hier (Nr. 24 vom 14. Juni) heißt es:
Besonders ein Edelmann kann dabei oft in verdrießliche Situationen geraten. Die Zweikämpfe waren vor
mals zu den Zeiten erlaubt, da noch das Faustrecht galt und keine Gerichtshöfe bestellt waren, vor welchen der Adel seine Sache zur richterlichen Entscheidung bringen konnte. Man glaubte, daß Gott durch dieses Mittel demjenigen den Sieg zu schenken pflege, der das Recht auf seiner Seite hätte; man meinte auch, es ließ doch gleich, wohl besser und sei einem tapferen Rittersmann anständiger, sein Recht mit dem Schwert zu verfechten, als mit vielen weibischen Zänkereien und lateinischen Aövokaten-- streichen vor dem Gericht sich herumzuziehen und sich um sein Geld bringen zu lassen. Allein dieses war so viel, als ein großes Übel vermeiden, um ein noch größeres zu begehen. Wie sollte man die Gerechtigkeit einer Sache auf die Stärke des Armes oder die Zufälligkeit eines zweifelhaften Sieges ankommen lassen? Es ist eine traurige Wirkung verkehrter Begriffe, daß wir die Rettung unserer Ehre in einer der schändlichsten Taten suchen. Eine schändliche Tat ist diejenige, welche wider die Religion, wider die Vernunft und wider die Gesetze begangen wird.
Der Zweikampf läuft wider die Religion, denn sie befiehlt uns, unserem Nächsten die Beleidigung so zu vergeben, wie wir selbst wollen, daß uns Gott unsere Missetaten und Sünden vergeben solle. Christus, unser Heiland und Gesetzgeber, predigt nichts als die Liebe und verbeut die Sclbstrache als das größte Verbrechen.
Der Zweikampf läuft wider die Vernunft, denn es ist unsinnig, einem Menschen zu Gefallen, der unser Feind ist, auch sein Leben preiszugeben. In einem Zweikampf kann sowohl der Beleidiger den Beleidigten» als dieser jenen des Lebens berauben. Ist dieses eine Gerechtigkeit? Ist dieses eine Ehrenrettung? Fürwahr, unvernünftiger kann man nicht denken! Hastet die Ehre nicht auf unseren Taten? Kann man uns diese nehmen, wann wir unschuldig und tugendhaft sind? Ist es nicht ein närrischer Hochmut, daß man nicht leiden will, daß andere Übels von uns denken oder reden? Müssen nicht die größten Könige und Helden sowohl, als die iveisesteu und tugendhaftesten Leute sich lästern und verspotten lassen?
Der Zweikampf läuft wider die Gesetze. Bei allen gesitteten Völkern ist derselbe als eine ungerechte Hand, lnng verboten. Alle bürgerlichen Gesetze betrachten den, der einen anderen im Zweikampf erlegt, als einen Mörder oder Totschläger, und gewiß, die Wahrheit wird weder mit dem Degen noch Pistolen entschieden. Gesetzt, ich schlüge mich mit zehn herum, werden deswegen die Leute nicht von mir glauben, was sie wollen? Ja, sagt man, wenn man einen Schimpf auf sich sitzen lässet, so wird man für einen gehalten, und andere Offiziere dienen nicht mehr mit einem! Dieses ist allerdings ein empfindlicher Umstand. Soll man sich durch den Schein einer vermeinten Zaghaftigkeit um seinen Dienst und um sein zeitliches Glück gebracht sehen? Allein, ist es denn erlaubt, deswegen ein Verbrechen zu begehen, um seinen Dienst zu erhalten und sein Glück in der Welt zn
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sanbor),
(28. Fortsetzung.)
Gottburgsen schellte dein Kellner und bestellte noch eine Flasche Rüdesheimer. Als der Wein gebracht war und er Maud und sich eiugeschenkt hatte, nahm er das Gespräch wieder auf. „Ich werde auch nächstens wieder fleißig, Fräulein Maud. Bis jetzig haben Sie mich nur im edlen Müßiggänge bewundern können. Aber nächstens geht's wieder mit Volldampf voraus." Ein paar Sekunden pausierte er, dann sprach er von den großeit Werken, die er demnächst der Welt schenken wollte, einer Reihe monumentaler Christusbilder, deren erstes „Christus vor dem Statthalter Herodes" im Geiste von ihm bereits ent- warfen tvar. . .
Mauds Augen glänzten bei seiner Mittellung. „Das ist herrlich, das macht mich glücklich", sagte sie, „es berührte mich immer so sonderbar, beinahe traurig, daß Sw Ihre wundervolle Kunst so lange brach liegen ließen. Vielleicht beginnen Sie das Werk noch, bevor rch das Bild in Ihrem Atelier vollende."
„Ja — vielleicht. Vielleicht fordere ich jetzt Revanche.
-Sie würden eine vundervolle Mariensigur stellen,
Fräulein Maud."
„Natürlich stände ich zu Ihrer Verfügung", sagte Maud lächelnd. „Wirklich, Sie sollten bald beginnen. Ihre Kunst würde Ihnen alle Schwermutsanwandlungen vertreiben. Ich verstehe wirklich nicht, wie ein Künstler wie Sie überhaupt schwermütig sein kann. Ich dächte, durch das Prisma eines echten Künstlerauges müßte dre Welt immer in Sonne und Farben leuchten, solch ein Können muß nach meiner Ansicht doch beseligen."
Gottburgsen nickte. Er antwortete nicht gleich. Eme geheimnisvolle Macht arbeitete in ihm und drängte ihm etwas auf die Lippen, gegen dessen Herausgabe sein Verstand entschieden protestierte. Aber schließlich war das unbezeichenbare Etwas in ihm stärker als die Vernunft, die immer kleinlauter wurde Und zuletzt schwieg.
„Ja. die Welt ist auch schön. Ich sagte es schon vor- hin. Mich dauert nur, daß so wenige sich dieser Schön
heit voll bewußt werden, daß das Leben oder vielmehr die Menschen so unvollkommeii sind. So viel Sonne über uns, und so viel Schatten, Schuld und Schicksal zwischen uns — unter uns."
„Über Schuld und Schicksal läßt sich streiten."
„Meinen Sie?" fragte Gottburgsen hastig, „ich habe diese Frage auch öfters bei mir erörtert. Das Schicksal eines mir nahe stehmden Freundes und Kollegen drängte sie mir auf. Vor einigen Tagen erhielt ich ein Schreiben von ihm — ein seltsames Schicksal — wenn es Sie interessiert, will ich Ihnen die eigentümliche Geschichte erzählen, es würde mir von Wert sein, einmal zu hören, wie Sie diese wunderbare Sackte beurteilen."
Maud neigte zustimmend den Kopf, Gottburgsen räusperte sich ein wenig, nach einer Pause begann er seine Erzählung.
„Mein Freund — der Name tut nichts zur Sache —- nennen wir ihn Thomas Ledizes — ist im äußersten Norden Deutschlands, gegen die dänische Grenze hin, zu Hause. Seine Mutter hatte ein kleines ländliches Besitz- tum. Es lag einsam, mitten in der Heide. So weit das Auge reichte, sah man nichts als den braunen Hcidegrund, in der Ferne ein schwarzes Moor, und über allem den die meiste Zeit des Jahres trüben, wolkenverhangenen Himmel.
Thomas war von Kind an ein stiller, schwächlicher, verträumter Knabe, bei deni sich schon früh ein ungewöhnliches Talent zum Zeichnen geltend machte. Er beobachtete gut und hielt alles Sehenslverte, was vor seinen Blicken auftauchtc, mit seinem Bleistifte fest. Am liebsten wäre er Maler geworden, aber die Mutter, die schon seit Jahren Witwe war und ihr Anwesen selber ver- waltete, wartete sehnsüchtig auf die Zeit, wo ihr einziger ihr eine Stütze sein würde, und so waren seine Wünsche von vornherein aussichtslos. Als er sah, daß er sich in das Unabänderliche fügen mußte, bemühte er sich redlich, die Hoffnungen seiner guten Mutter zu erfüllen. Aber es ging nicht sonderlich von der Hand mit feinem Schaffen. Einmal reichte seine körperliche Kraft nicht für die schwere Arbeit aus, und zum anderen fehlte ihm das Interesse für die ländliche Beschaftlgung. Die alte Frau sah mit Schmerz den Rückgang der Wirtschaft unter
der Leitung ihres Sohnes, und da ein schweres Leiden ihre eigene rüstige Mitwirkung ausschloß, überredete sie Thomas — er war damals einundzwanzig Jahre alt —> sich zu verheiraten. Nur schwer entschloß er sich, den Bitten seiner Mutter uachzugeben, aber schwächlich, wie er nicht nur körperlich, sondern in jeder Hinsicht war, fügte er sich schließlich und erklärte sich bereit, die ihm von der Mutter ausgewählte Braut heimzuführen. Sie war ein großes, robustes, frischwangiges Bauernmädchen, das neben einer stattlichen Mitgift ein paar fleißige, arbeitsgewohnte Hände mit in die Ehe brachte. Von einer gegenseitigen Neigung und einer wirklichen Harmonie war zwischen beiden natürlich keine Rede, aber vielleicht wäre es trotzdem ein ganz erträgliches Zusaimnen- leben geworden, tvenn die junge Frau, die wie alle Frauen ihres Standes nur die größere Kraft im Mann« schätzte und achtete, nicht mit unverhohlener Geringschätzung auf den viel schwächeren und zu praktischer Arbeit beinahe untauglichen Mann an ihrer Seite herab- gesehen hätte, während dieser sich von ihrem harten, plumpen, oft sogar rohen und gemeinen Wesen aufs äußerste abgestoßen fühlte. Auch die Geburt eines Kindes nach Jahresfrist milderte die Gegensätze nicht, und als bald darauf die alte Frau — Thomas' Mutter — starb, und damit das versöhnende Element aus dem Hause schied, spitzte sich das Verhältnis des jungen Paares immer mehr zu einer tief unglücklichen Ehe zu.
Gleich nach dem Tode der Schwiegermutter sah sich die junge Frau nach einer männlichen Kraft zur Stütze .in der Arbeit um, die sie in der Person eines tüchtigen Knechtes bald genug fand. Es dauerte nicht lange, da hatte sich der Knecht durch seinen Fleiß und seine praktische und intelligente Auffassung seiner Stellung zum leitenden Herrn des Anwesens gemacht, während der wirkliche Besitzer wie eine Null neben herging. Der kümmerte sich wenig darum und war froh, die Last auf andere Schultern wälzen zu können.
Um jene Zeit kam einmal ein alter fremder Herr, dev zu Gott weiß welchen Zwecken oder nur aus Liebhaberei die Heide nach allen Windrichtungen durchstreifte, in das Heidehaus und ließ sich dort für Geld und gute Worte eine Erfrischung reichen. Dabei wurde er auf eine Zeich-
