1. KeilllM mm Wiesbadener Tagblalt.
Mo. 271. Morgen-Ausgabe
Sonntag, den 14. Juni.
Wir alle sind auf der Wallfahrt nach dem Gott in der j* 0 eignen Seele. Und wer uns den enthüllt, den nennen wir ^ geliebt. Carl Hauptmai»,. £
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Leutnant Lämmchens Abenteuer.
Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germani».
Im Vertrauen gesagt, er hieß gar nicht Lämmchen, sondern Baron Bock von Bockenthal. aber von dem Tage an, da er als ein schmächtiger, schüchterner und schweigsamer Jüngling dem flotten Reiter-Regiment zugesellt L-urde, hatte man aus dem Bock ein Lämmchen gemacht, und wie fatal ihm der zahme Spitzname auch sein mochte, einer gewissen Berechtigung entbehrte er nicht.
Leutnant Lämmchen war ein schneidiger Offizier, ein liebenswürdiger Kamerad und ein tüchtiger Mensch, aber seine rosige, lichtblonde Schönheit sah mädchenhaft zart aus in der hübschen, blauen Dragoneruniform, und selbst der mächtige Schnurrbart, den er wie ein köstliches Kleinod hegte und pflegte, vermochte chm kein martialische- Aussehen zu verleihen.
Dazu kam sein« krankhafte Scheu vor dem schönen Geschlecht. Damen gegenüber war er wirklich ein armes, wehrloses Lamm, und das Zusammensein mit ihnen versetzte ihn oft in die peinlichste Verlegenheit. Seine Sicherheit, sein Selbstvertrauen schwanden dann auf geheimnisvolle Weise plötzlich dahin, und da seine Befangenheit in gleichem Verhältnisse zu seiner Leibeslänge stand (er überragte die meisten seiner Kameraden um einige Zoll) erschien sie um so komischer und unbegreiflicher.
Bälle, Gesellschaften und Dennispartieen waren ihm unter diesen Umständen ein Greuel- er besuchte sie „der Rot gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", und bot sich dabei eine Gelegenheit, unbemerkt zu entschlüpfen, so benutzte er sie mit erstaunlicher Gelassenheit und großem Geschick.
An Neckereien und Strafpredigten der Kameraden fehlte es natürlich nicht, aber sie waren und blieben ohne jeden Erfolg. Lämmchen schien wirklich unverbesserlich zu sein, und da er unter seiner Schwäche offenbar litt, verschonte man ihn möglichst mit Anforderungen, denen er nun einmal nicht gewachsen war.
Auf diese Weise konnte er sich in der Garnison ziemlich ungestört seines Daseins freuen, und auch die Gefahren, mit denen die Manöverzeit seinen Frieden ernstlich bedrohte, hatte er bisher immer glücklich zu vermeiden gewußt. Niemand konnte übrigens bescheidener und anspruchsloser sein als er. Jedes Ouarrter war ihm recht, das nicht in einem herrschaftlichen Hause lag, und mit Todesverachtung nahm er schwere Federbetten, dünnen Cichorienkaffee und ungenießbares Essen mit in den Kauf wenn er nur frei blieb von gesellschafflichen Fesseln und
Verpflichtungen. In diesem Jahre waren tue Aussichten aber herzlich schlecht. Das Manövergelände befand sich in einer Gegend, in welcher es nur Rittergüter und große Domänen gab, und deren geselliger Verkehr als ein besonders reger und flotter gerühmt wurde. Bauern- quartiere fehlten gänzlich, und unter den Gutsbesitzern und Pächtern befand sich kein einziger, der nicht verheiratet war oder keine Damen in seinem Hause hatte.
Durch scherzhafte Andeutungen der Kameraden gewarnt, verließ Lämmchen bereits voll trüber Ahnungen die Garnison, und diese Ahnungen verdichteten sich während der Marschtage zu einer Gewißheit, welche ihm die ganze Stimmung verdarb. Wie ein hufgezwungenes Martyrium erschien ihm, was ihm für die nächsten Wochen mit Sicherheit bevorstand, und seine Niederge- schlagenheit war so groß, daß selbst Jessika, seine schone schwarzbraune Stute, davon angesteckt wurde und rhu scheinbar nur widerwillig dem gefürchteten Ziele ent- gegentrug. . .
Es war dies Ober-Süderau, ein sehr umfangreiches und wertvolles Gut, das sehr rationell bewirtschaftet wurde und schon seit Generationen in der Familie der Freiherren von Twielendorf war.
Baron Hosch von den braunen Husaren, mit dem Lämmchen von der Kriegsschule ber befreundet war und nun in einem Marschquartier zusammentraf, kannte die Menschen und Verbältnisse in Süderan ganz genau und gab die gewünschte Auskunft mit besonderem Vergnügen.
„Ein famoses Haus", sagte er lebhaft, „urgemütlich und dabei ganz erster Klasse. Guter Wein, gute Cigarren, eine vorzügliche Küche und ideale Betten. Der alte Baron isi ein reizender Kerl! Immer liebenswürdig, fidel, zu allen: aufgelegt: fein Sobn Max, der ihm bei der Bewirt- schaftung hilft, etwa? stiller und zurückhaltender, aber auch sehr nett; die Baronin eine kluge Dame, die zu repräsentieren versteht — na, und die jungen Mädchen —"
Er hielt einen Augenblick mne und blie? den Rauch seiner Cigarette in die Luft mit einem Ausdruck, welcher Leutnant Lämmchen lebhaft beunruhigte.
„Also die jungen Damen?" wiederholte er zaghaft.
Ter andere, der seine Weiberscheu kannte, lachte
laut auf. .
„Ja", meinte er dann, „das ist so recht etwas für Sie, da können Sie ihr blaues Wunder sehen. In dm Mädeln steckt Rasse, Charakter und eine gesunde, unver- fälschte Natur. Von dem üblichm Drill keine Spur, dafür aber jugmdliche Frische, Unbefangenheit und mitunter auch ein bißchm Übermut. Besonders Malve, die jüngste, ist höchst originell. Sie sagt, was sie dmkt, und tut was sie will, wird von ihrem Vater gründlich der- Wen und hat oft die seltsamftm Einfälle."
„Also wohl ein unartiger Backfisch?" ^ , ,
Durchaus nicht, sondern etn erwachsene« Frmrletn, das "im Wnter Bälle besucht und im Herbst die Schlepp- jagden mitreitet."
Lämmchm seufzte bang und schwer.
„Na", sagte er, „das kann ja nett werdm. Wie vielsind ihrer denn bei Twielendorfs?"
„Junge Damen meinm Sie?"
„Ja/
^O, eine ganze Menge, mindestens fünf. Drei unver- heiratete Töchter — Margot, Malve und MarieLuise eine Nichte, Mannia mit Ramm, und Mau MagdaUS, dis kinderlose Witwe des ältesten Sohnes, der vor drei Jahrm nach kurzer Ehe starb."
Baron Hosch lachte. „Nein, mem Lieber, das genügt den Twielendorfs noch lange nicht, ^ wenigstens nicht während der Sommermonate. Da ßibt es immer noch einige Freundinnen und Cousinm, die in Ober-Süderau auf Grasung sind, junge Malerinnen, Gesanglehrermnen und dergleichen, und wenn man eine Weile nicht dage- wesm ist, findet man immer wieder neue Gesichter. Das alles braucht Sie aber nicht zu beunruhigen, Lammchm. Sie gehen ja nicht, wie Daniel, allein in die Lowengruoe, sondern eine ganze Schar tapferer Kameraden begleitet Sie Die werden mit den jungen Damen schon fertig werden. Also mir Mut und frisch darauf IoS — c«n est que 1« premier pas qui cobte."
Lämmchen senkte in stummer Resignation da? Hcrupr. Niemand konnte ihn ganz verstehen, niemand begrnfen, wie unerträglich die aufgezwungene Situation ihm schrm. Eine peinliche Vorstellung folgte der anderen und pefsi- misüsch wie er war, stellte er sich die allernächste Zukunft so schwarz wie nur irgend möglich vor
Indessen die Wirklichkeit übertraf noch die dusteren Gebilde seiner Phantasie. Gott Amor, der schlinget, der arme Menschenkinder so oft und gerne m Verlegen- heit setzt, wählte diesmal Lämmchen als Werkzeug für seine gefährlichen, kleinen Privatmanöver aus, und während der junge Weiberfeind glaubte, sich ganz passiv verhalten zu können, griff er bewußt und unbmmht m die Geschicke anderer, ihm bisher unbekannter Personm ein. Schon der erste Tag brachte auftegende Momente und unangenehme Überraschungen.
Nach langem, anstrengendem Marsch überschritten die Dragoner um 11 Uhr vormittags die Grenze von Ober-Süderau und wurden kurz vorher noch von einem wolkenbruchartigen Gewitterregen heimgesucht, der sie ganz durchweichte. Triefend vor Nässe und mit Koth be- spritzt, trafen sie auf dem stattlichen, herrschaftlichen Gutshof ein, wo der junge Herr von Twielendorf ste er- wartete imd mit großer Herzlichkeit empfing.
Gleich darauf erschien auch der alte Baron. Dis übliche Vorstellung erfolgte, die Ställe wie die Quartiers dei- Mannschaften wurden flüchtig besehen, die Burschen instruiert, und dann begleiteten die Herren — etn Major, ein Rittmeister und acht jüngere Offiziere — ihren liebenswürdigen Wirt in da« Schloß, m dem sie selbst untergebracht waren.
(Fortsetzung folgt.)
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