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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 202.

Dienstag. 3l. Nugust.

istlb.

lL Fortsetzung.) 5riedel§ Liebe. «Nachdruck verboten.)

Roman von Anny von Panhuys.

„Braucht der Deibel ausgerechnet auch gerade die Rinacher heute hierher zu führen!" fluchte er innerlich. Nun mußte er ihr in der Pause natürlich einen Besuch in ihrer Loge machen. Wenigstens hatte er noch Zeit, sich eine Ausrehe zurecht zu legen, weshalb er ohne Schwiegereltern und Braut, ja nicht mal in Gesell­schaft eines Kameraden, 'das Theater ausgesucht. Und dann nach einein tiefen Gongschlag hob sich der Vor­hang und die Szenen des Ohnetschcn Schauspiels zogen an Hans Buckenbach vorüber, der all die Vorgänge auf der Bühne gar nicht im Zusammenhang erfaßte. Er sah nur ein zierliches Persönchen in entzückenden kleidsamen Roben mit seinem Köpfchen und tiefen schimmernden Augen. Rostbraune dicke Wellen scheitelten sich über einer -geraden weißen Stirn und ein mächtiger Knoten des Haares zog mit seiner Schwere den schönen Kopf in $en Nacken. Weiße Zähne glänzten, und der kleine Mund sprach klare, klingende, zärtliche Worte und auch Worte tiefsten Hasses, tiefster Enrpörung. Hans Bucken­bach sah nur Magda Bergens Spiel, und ihre Reden schwangen sich zu ihm herüber, als wären sie an ihn ge­richtet, nur an ihn. Und Hans Buckenbach, der passio­nierte Herrenreiter Hans Buckenbach, lauschte, als seien solche Worte noch nimmermehr vordem gesprochen wor­den, und seine Blicke verfolgten das Spiel der schönen Schauspielerin, als hinge seiner Seele Seligkeit von jeder ihrer Bewegungen ob.

Nach dem zweiten Mte kam eine größere Pause. Der Offizier begab sich zur Exzellenz Rinacher. die ihn, nachdem er den obligaten Handkuß angebracht hatte, ein­lud, sich ein paar Minuten niederzulassen.

„Ich wundere mich, lieber Gras, Sie so allein hier zu sehen", begann die verbindlich lächelnde Dame.

„Ja, Exzellenz, -das begreife ich, und ich wundere mich, offen gestanden, selbst." Er tat ein wenig geheim­nisvoll: „Doch, ich will mich Exzellenz anvertvanen.

Jsch hatte -vormittags -mit meiner Braut eine Meinungs­verschiedenheit und da ich keine Lust verspürte, ins Kasino zu gehen, und um Friede! ein wenig zu ärgern, auch Sorhagens nicht aufsuchen mochte, nahm ich mir ein Billett fürs Theater", erklärte er.

So! die Lüge würde ihm die alte Spionin sicher glauben und sie nicht mal weiter tragen, da sie dazu viel zu uninteressant war, denn Brautleute zanken sich öfters nral, dachte er befriedigt.

„Ihr Zwist mit Friede! Sorhagen ist hoffentlich nicht von Bedeutung?" fragte Exzellenz.

„Nein, es handelt sich nur um eine Kleinigkeit, um eine Bagatelle", gab er zur Antwort.

„Das freut mich wirklich: Friede! Sorhagen paßt ja auch so vorzüglich zu Ihnen, Graf", fuhr sie fort. „Beide treiben Sre allen möglichen Sport, Ihre Braut «ist eine vorzügliche Reiterin und bekundet den größten jErser für alles, was Pferde und Rennen angeht."

„Gewiß, -darin haben Exzellenz recht; ja, Friede! und ich passen schr gut zusammen."

Und als der nächste Mt begann, saß er wieder auf

sernLin Platz und hatte ganz vergessen, daß es überhaupt eine Friede! Sorhagen gab. Aber eine Magda Bergen gab es, das wußte er, die war schön wie eine Märchen­prinzeß, doch pulsierte -warmes rotes Menschenblut in dem herrlichen Körper. Daß es so etwas Schönes wie die inng-e Schauspielerin gab, so etwas Betörendes, Be­strickendes, Weiches! Jhrii war noch niemals so etwas in den Weg gekommen. Und die süße Stimme! Ganz warm wurde dem Artilleristen, als hätte er viertausend Meter auf „Laufbengel" zurückgelggt, und er vergaß Zeit und Ranrii über dem Ton der melodischen Stimme.

Während der Vorstellung verdunkelte sich der Saal, doch die alte Exzellenz hielt ihr Glas krampfhaft vor die Augen und spähte aufmerksam hinüber zum Grafen Buckenbach. Der „Hüttenbesitzer" hatte sowieso keinen Slerz wehr für sie, den kannte sie fast auswendig, so "st hatte sie ihn bereits gesehen. Graf Buckenbach, der Ver­lobte der Komtesse Friede!, der allein die Vorstellung dieses Rührstückes bcsilchte, war ungleich intevessanrer. Und am allerinteressantesten war die Legende von dem Zwist mit seiner Braiit, die er ihr erzählte. Und flir wie dumm hielt er sie eigentlich! Lächerlich, ihr solchen Bären auszubinden! „Pour passer le temps" saß Graf Buckenbach sicher nicht io allein hier. „Was meinen Sie, beste Gneisenow, warum der Buckenbach heute ins Karl-Theater gegangen ist?" sagte die Dame in der lila Poirettoilette zu ihrer Vertrauten, dem Gesell­schaft ssräulein.

Die Gneisenow wiegte bedenklich das dünn behaarte, graue Haupt und erwiderte nachdenklich: „Wenn ich mir Exzellenz gegenüber eine Vermutung auszusprechen gestatten darf —". Sie zögerte.

„Nun, nur heraus mit der Vermutung, liebste Gneisenow", drängte die andere.

„Dann möchte ich Exzellenz darauf aufmerksam machen, daß der Graf die Bergen mit seinem Opernglas etwas zu sehr beobachtet. Sobald die Bergen die Bühne verlaßt, -achtet er gar nicht mehr auf die Vorstellung. Die Bergen ist ja sehr schön", setzte sie hinzu, und lang­sam, fast lauernd schloß sie: „schöner als Komtesse Sor­hagen I"

„Sie sind eine famose Beobachterin, Gneisenow- cheii", lächelte Exzellenz Rinacher vergnügt und gab ihrer Gesellschafterin einen scherzhaften Schlag mit dam zusammengerollten Theaterzettel. Von nun an nahm Exzellenz ihr Glas überhaupt nicht mehr von den Augen, und da fand sic die Worte der Gneisenow voll bestätigt.

Hans Buckenbach ahsr ahnte nichts von der Kon­trolle, unter der er stand; er war froh, der klatsch­süchtigen Exzellenz eine glaubwürdige Ausrede aufge­hängt zu haben.

Die Vorstellung war zu Ende; in dem riesigen Zu» schauerraum flammten die Lichter auf und das PMi» kum schob und drängte den Ausgängen zu. Der Früh­lingsabend war so lau und milde wie der neulich nach dem Rennen,"da er mit Friede! und ihren Eltern auf