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«. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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|Id, 2TO* BerlagS-Ferusprecher R«. 2958.

Abend-Ausgabe.

Zur Lage im Dmmurrich.

Die Äußerungen des Grafen Goluchowski über die kritische Lage in Ungarn und die Erregung, mit der das magyarische Nationalgefühl auf diese vermeintlrche Ern- Mischung in innere Angelegenheiten Ungarns antwortet, sind keine Sache, die uns Deutschen gleichgültig fern könnte. Graf Goluchowski hat in der Unterredung mit einem ungarischen Publizisten u. a. auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die dem Bündnisse zwrschen dem Donaureiche und Italien von dem Anwachsen der rtalie- Nischen Jrredenta drohen, und wenn dies Bündnis unter den jüngsten Vorgängen in Italien leiden kann, dann ist, um alles mit einem Worte zu sagen, der Dreibund ein Ding von gestern. Schon damit allein ist gesagt, daß wrr kein geringeres Interesse als die öffentliche Bdeinung in Österreich-Ungarn daran haben, wohin der mögliche Ein­tritt gespannter Beziehungen zwischen Wien und Rom führen kann. Indem nun aber Graf Goluchowski die italienische Gefahr gleichwertig neben die kroatische stellte, indem er also nicht bloß die Politik der ungarischen Regierung, sondern auch die der österreichischen kritisch be­leuchtete/sollte er wirklich von dein Verdachte frei sein, es auf die Herausforderung der ungarischen Opposition abgesehen zu haben. Der Leiter der auswärtigen An- aelegenheiten des Donaureiches mag sich bei, seinen Äußerungen im Ton vergriffen haben, er mag die Emp- sindlichkeit der Magyaren unterschätzt haben, aber vom Standpunkt sachlicher Würdigung aus niuß man wohl sagen: Seine Mahnungen und Warnungen sind vollauf berechtigt. Sie sind das umsomehr, als sie sich, um das zu wiederholen, an die Adresse der österreichischen Regie- rung nicht weniger als an die der ungarischen wenden. Ließen sich die Berliner maßgebenden Persönlichkeiten über die Strömungen und Unterströmungcn in den viel­verschlungenen Verhältnissen des Donaureiches zum Sprechen bringen, oder, richtiger gesagt, wäre es am Platze, ihre wohlverständlichen Andeutungen und Be sorgnisse mitzuteilen, so würde sich vielleicht ein Bild er geben, das in nichts von dem vom Grafen Goluchowski entworfenen abwiche. Aber es ist ja gar nicht nötig, Dinge auszusprechen, die für sich selber sprechen, die schon durch ihr bloßes Dasein bekunden, welche ernsten Möglichkeiten in ihnen stecken. Dies mindestens wird man uns Deutschen in Wien wie in Pest hoffentlich mcht übelnehmen, daß wir den sehnsüchtigen Wunsch haben, es mögen die ärgsten Fehler vermieden werden, Fehler, an denen man in beiden Hauptstädten einen gleich zuge- messenen Anteil hat. Von hier aus ist mit keinem Worte Stellung genommen worden zu den mißlichen Derhält-

Samstag» de« 13. Irrni.

nissen, wie sie sich durch die Behandlung der italienischen

Anliegen seitens der österreichischen Regierung und durch die Gegendemonstrationen in Italien herausgestellt haben. Aber die Sorge, daß diese Vorgänge unbeschadet der äußerlichen Korrektheit des Vertragszustandes zwischen Wien und Rom einen Stachel zurücklassen könnten, läßt sich nicht bannen, und man hat ein erhöhtes Recht zu dieser Befürchtung, nachdem jetzt auch Graf Goluchowski keinen Anstand genommen hat, sich m gleichem Sinne auszusprechen. Was aber die Lage in Ungarn betrifft, so kann man es uns in Pest doch schwer­lich verargen, wenn wir wünschen, daß die militärische Leistungsfähigkeit der Donaunwnarchie durch Annahme der heiß umstrittenen Wehrvorlage so gesichert werde, wie es die Militär-Verwaltung im Einklänge mit den beiderseitigen Regierungen und den beider­seitigen Parlamentsmehrheiten für unumgänglich hält. Wenn von allen diesen Dingen bei uns nicht so viel gesprochen wird, wie es der Ernst der Sache erfordern würde, so geschieht das aus Gründen einer natürlichen und bestens begreiflichen Zurückhaltung, indessen hat das Gebot bundesfreundlicher Höflichkeit schließlich auch seine Grenzen dort, wo die gemeinsamen und damit die eigensten Interessen in Frage kommen. Und dies ist jetzt der Fall, da nicht abzusehen ist, wie das Ministerium Szell mit der hartnäckigen Obstruktion fertig werden will und kann.

Re-aktionS-Ferusprecher No. 52.

1903.

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(26. Fortsetzung.)

Die Sontheim war wenig erbaut von dem Zuwachs, den der kleine häusliche Kreis durch Gottburgsens Schutz- ling, den jungen Maler, erhielt; da aber die diskreten Äußerungen ihres Mißfallens anscheineiid nicht ver­standen, jedenfalls aber nicht beachtet wurden, mußte sie sich mit der Gegenwart des jungen Mannes, der an alleir gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilnahm und von dem Professor und Edel als förmlich zur Familie gehörend behandelt wurde, schlechterdings aussohnen. yast. noch unangenehmer als Thygos Gegenwart waren ihr Maud Dickens häufige Atelierbesuche; aber auch daran füimte sie nichts ändern. ^ ^ , , „ „ ,

Seit Wochen war Maud allein. Ihr Vater hatte sich durch wichtige geschäftliche Interessen veranlaßt gesehen, nach Cincinnati zu reisen; sein Geschäftsnachfolger war durch einen Sturz vom Rade verunglückt — tot. Da er keine Angehörigen besaß, Dirken aber noch mit einer be- deutenden Summe an dein Geschäft interessiert war, hatte er sich entschlossen, den Verkauf an Ort und Stelle, zu regeln. Vor den Herbstmonaten konnte er mcht zurück- erwartet werden.

Edel hatte sich der sungen, liebenswürdigen Amcri- kanerin innig angeschlossen, und Gottburgsen gewöhnte sich nachgerade so an Maud, daß er eine nervöse Unruhe empfand, wenn sie morgens zur gewohntm Stunde sich nicht einstellte. Sie pflegte stets pünktlich um hr'b elf Uhr zu kommen; war eine halbe Stunde über die Zeit ver­strichen, schickte er meistens den Diener in ihre Wohnung oder begab sich selbst zu ihr, um sich nach der Ursache ihres Ausbleibens zu erkundigen. Mauds Bild machte gute Fortschritte, dank der Hilfe iind den Winken des Meisters versprach es eine wirklich hervorragende Kunstleistung zu tOCtbcn«

Gottburgsen wartete noch immer vergeblich auf seine ■ Offenbarung". Eigentlich wartete er freilich nicht mehr; seine Pinsel und Farben hielten ihren Winterschlaf, er

Ium Königsmord ln Serbien.

Die weiteren Nachrichten aus Belgrad sind geeignet, die Zuversicht zu befestigen, daß sich die Neuordnung der Dinge dort ohne stärkere Erschütterungen vollziehen wird. Die Auffassung der Großmächte, wonach keine Veran­lassung vorliegt, in den Umbildungsprozeß, dm Serbien jetzt vollzieht. irgendwie einzugreifen, wird durch die ge­gebene Lage sowohl gerechtfertigt wie gestärkt. Es liegen sichere Anzeichen dafür vor, daß bereits ein klärender Gedankenaustausch zwischen Wien und Petersburg statt- gefunden hat. Die heftige Sprache, mit der die meisten russischen Blätter die Greueltat vom 11. Juni brand­marken, braucht nicht daran irre zu machen, daß russischer seits der Dynassie Karageorgiewitsch nichts Ernstliches in den Weg gelegt werden wird. Freilich muß, damit Öster- reich, wie Rußland, wie auch die übrigen Kabinette den Prinzen Peter als König anerkennen, eine vom elemen tarsten Sittlichkeitsstandpunkt aus unerläßliche Voraus­setzung erfüllt sein, nämlich daß der Prätendent schlechter ding/nichts mit den Vorbereitungen zur Ermordung des Königspaares zu tun gehabt hat. Nach den entgegen- kommenden Auslassungen der Wiener Offiziösen zu ur- teilen, muß Prinz Peter in der Tat unschuldig an dem vergossenen Blute sein. Man darf sagen: er müßte es

selber ruhte, nur die Schöpfungen und Fortschritte seiner „Jünger" regten ihn noch an und erfreuten ihn.

Mit dem scharfen Auge des Künstlers und Kenners hatte er sofort Thygos besondere Begabung für die Schilderung düster charakteristischer Landschaften erkannt. Vielleicht wäre es für die künstlerische Entwicklung des jungen Mannes gedeihlicher gewiesen, wenn er schon jetzt seine Studien irr dem Atelier und unter der geistigen Führung eines bedeutenden Landschafters der neuen Rich­tung begonnen hätte, aber Gottburgsen wollte vor allem erst den Menschen kennen lernen, ehe er dem Künstler und dessen berechtigten Anforderungen nähertrat. Zu den „Neuen" gehörte Thygo ohne Zweifel, seine Motive lehn­ten sich ohne jedes Pathos der Natur an, wie er malte, so war es da; Übertreibungen und poetische Verklärungen verschmähte seine rein mit natürlichen Mitteln und Wir­kungen rechnende Kunst.

Die Gegensätze zwischen dm Angehörigen alter und neuer Kunstrichtungen, zwischen Akademikern und Sezessionistm nahmen mehr und mehr die Form eines er­bitterten Parteikampfes an. Gottburgsen beteiligte sich nicht an den feindseligen Reibungen beider Lager, er wußte im voraus, daß all das übertriebene, Krause, Groteske, jene ungebärdigm, an Karikatur streifenden Auswüchse, die der Tatendrang der „Jungen" noch hier und da zeitigte, allmählich ganz von selber, ohne äußere Einwirkungen verschwindm würden, gerade wie der gärmde, schäumende, aufgeregte Most mit der Zeit einen feinen, stillm, klaren Wein gibt. So stand er zwischen oder, wie Deuzmann spottend bemerkte, „wie ein kleiner Herrgott über den Parteien". In seinem Hause der- kehrten Alte und Moderne. So viel wie möglich suchte er die beidm Kunstströmungen zusammenzuführen, die Gegensätze zu mildern, aber während die Neuen seine Bestrebungen dankbar anerkannten, faßten die Aka­demiker. welche in ihm bisher einen der Ihren gesehm hatten, seine vollständige Neutralität als unfreundlichen Akt auf. Am meisten erboste sich Dmzmann, der durch ieineSchwägerin über alle Vorgänge im Gottburgsmscl)cn Hause auf dem Laufenden gehalten wurde, Wer das Liebäugeln mit dem ^modernen Schwindel"; sein Groll

besonders ungeschickt anfangen, wenn er erfolglos bleiben sollte. Er wird weder mit einer starken Gegenpartei im Lande noch mit einer ausgesprochenen Mißgunst der Mächte zu rechnen brauchen, von denen Wohl und Wehe Serbiens stets abhängig warm. Er macht nach allem, was man von ihm hört, dm Eindruck eines gebildeten Mannes, eines Mannes von europäischer Kultur, dem sich das Exil als eine Wohltat für seinen inneren Menschen erwiesm hat. Solchen König kann Serbien wohl ge­brauchen; es ist mit dm überfirnißten Halbbarbaren Milan und Alexander ja nicht verwöhnt wordm. Was im besonderen die Stellung der deutschen maßgebenden Kreise betrifft, so kann wied-erholt werdm, daß von einer eigentlichen Stellungnahme nur insoweit gesprochen wer­den kann, als es sich darum handelt, die Gewißheit der Verständigung zwischen dm in dm Balkanfragen führen- dm beiden anderen Kaisermächtm zu erlangm. Mess Gewißheit aber besteht, und damit ist das Interesse der dmtschm Politik an Serbien im Grunds genommen er­schöpft.

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Belgrad, 12. Juni. Aus den heutigen Extrablättern ist über die gestrigen Vorgänge folgendes zu melden: 86 Offiziere aller Waffengattungen waren in das Geheimnis eingeweiht, das streng zu wahren gelang. Eine große Anzahl war im Laufe der letzten Tage nach Belgrad ge­kommen, vorgestern nachmittag berieten sie zuerst zu­sammen im Stadtpark Kalimegdan, alsdann speisten sie gemeinsam im Offizierkasino unter fortwährendem Auf­spielen des Marsches der Königin Draga und des Kolo­tanzes, um den Verdacht abzulenken, als seien sie Feinde der Königin. Um 1 Uhr 40 Min. drangen sie durch das Schloß in den Hof ein, nachdem sie die Wache entwaffnet hatten, wobei ein Gefreiter verwundet wurde. Mit Dyna­mit sprengten sie die Türen des Schlosses, wobei der Oberstleutnant Michailo Naumowitsch, der um die Ver­schwörung wußte, umkam. Zunächst drangen sie in das Zimmer des überaus verhaßten Freundes der Königin, des General-Adjutanten Lasar Petrowitsch. Dieser mußte das Versteck des Königspaares auf dem Boden des altm Schlosses zeigen. Der König wollte nur hervorkommen auf die Versicherung auf Ehrenwort, daß ihm von den Offizieren nichts geschehe, auch wollte er im Angesicht des Todes die in letzter Zeit über den Zwist mit dev Königin Draga verbreiteten Gerüchte widerlegen, wes­halb er sie dreimal küßte. Darauf krachten Revolver­schüsse, beide schwammen im Blute, wurden herunterge­zerrt und zum Fenster hinaus in den Garten geworfen. Als man die Leichen später von dort in das Schloßgebäude trug, soll der russische Gesandte, Tschartkow, zugeschen haben, was erklärlich ist, da die Gesandtschaft gegenüber liegt. Überall hatte man vorher, das Köntgspaar suchend, die Gemächer und Säle durchforscht; ein Hofbeamter hatte versucht, die Verschwörer irre zu führen durch die Be­hauptung, das Königspaar sei verschwunden. Der Kom-

darüber machte sich, wenn er gelegentlich mit Gottburgsen zusammentraf, in allerhand scharfen, anzüglichen Be- merkungen Luft, ohne daß dieser davon Notiz nahm. Stundenlang verweilte Gottburgsen in dem kleinen improvisierten Atelier seines Schützlings. Stolz und Freude leuchteten aus seinen für gewöhnlich schwermütig blickenden Augen, wenn er den jungen Künstler beobach­tete, wie dieser sich mit begeisterungsvoller Hingabe in seine Arbeit vertiefte. Das war echt, das war kein Blendwerk, keine Talent genannte gleißende Jmitasion des wahren Genies, das war gestempelt von Gottes Gnaden — richtige, wirkliche Kunst. Auch die Schöpfung, die unter seinen Augen aus dem Pinsel des Malers herauswuchs, erregte seine lebhafte Teilnahme. Thygo malte sein heimatliches Gehöft. Das breite, niedrige Heidehaus mit seinem teilweise ^ausgebesserten, über­hängenden Strohdach und dem Storchennest auf den« einen Schornstein. Rechts der Soot mit dem aufragenden Schwengel und links vom Hause das Gartenstaket aus Naturstäben, an denen entlang sich blaudoldiges Flieder­gebüsch, blühender Hollunder und leuchtender Goldregen drängten: dariiber ein blauer Frühlingshimmel und zitterndes, funkelndes Sonnenlicht, das in weichen, goldigen Wellenlinien über dem braunen Heidegrunde spielte. Thygo hatte anfangs, seiner Vorliebe für tragische Landschaftsmotive folgend, die düstere Beleuchümg eines wolkenverhangenen Spätherbsttages wählen wollen, wo­durch das Bild einen wesentlich anderen Charakter bekommen hätte, aber der Professor, dem er die Skizze zuerst vorgelegt, hatte ausdrücklich die freundlich an­mutige Frühli'ngsstaffaye für das Haus gewünscht, und natürlich war er ohne jode Einwendung der Direktive seines Gönners und Beschützers gefolgt.

In dem kleinen Atelier hing auch die Bleistiftzeichnung seines Vaters, das einzige Andenken an die Heimat, das er mitgenommen hatte. Wenn Thygo nicht anwesend war. stand der Meister oft lange, in andächtiges Schauen versunken, vor dem Bilde. Es ergriff ihn es stimmte ihn wehmütig, es regte eine Fülle Gedanker und Betrach­tungeil in ihm an. Der Meister und K' siiker lächelte wohl über das erste schüchterne Flügelheben des werden-

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