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Wiesbs-km Tmlilält.

51 . Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PrekS: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzcigen-Äufnahme an bestimmt vorgeschricbencn Tagen wird keine Gewähr übernommen, zedoch nach Möglichkeit Sorge g>. g .

268. Beilags-Fernsprecher No. 29SB.

Freitag, den 12. Iurii.

RebaktionS-Fernfprecher No. 52.

1903.

Mbend-Musgabe.

Der Letzte der Otzrenowitsch.

ivb. Belgrad, 11. Juni. Eine in den Straßen ange­schlagene Proklamation teilt mit: Heute nacht wurden

König Alexander und Königin Draga erschossen. Es wurde eine neue Regierung gebildet. Die Verfassung vom 6. April 1901 Wurde wieder in Kraft gesetzt. Die Volksvertretung wurde ans den 15. Juni berufen. Es folgen die Unterschriften der neuen Minister. Das Er­eignis wurde vom Heere ausgeführt. Außer dem Königs­paar wurden der Ministerpräsident, Gencraladjutant Petrovitsch und der frühere Kriegsminister Patvlowitsch erschossen. Das Ereignis wurde ruhig ausgenommen. Die Leichen des Königspaares wurden im Konak ge­borgen. Das Ereignis spielte sich zwischen 11 und 2 Uhr nachts ab.

Denn alle Schuld rächt sich auf Erden! Das Ge­schick der Dynastie Qbrenowitsch, die ein Jahrhundert lang die Geschicke Serbiens geleitet hat, hat sich an demselben Tage vollendet, an dem 85 Jahre früher, am 10. Juni 1868, der Beste der Qbrenowitsch, Fürst Michael, der Großonkel des jetzt ermordeten Alexander, im Park zu Topschider unter den Streichen von Mördern fiel, dre von dem Fürsten Alexander Karageorgiewitsch, dem Vater des neu proklamierten serbischen Königs, gedungen worden waren.

Me Schuld rächt sich auf Erden. An dem König Alexander hat sich seine eigene Schuld wie die der Eltern gerächt. Die Lotterwirtschaft König Milans, der von 1868 bis 1889 das Land ausraubte, bis ihn die wachsende Erbitterung des serbischen Volkes zur Abdankung zwang, ist von Alexander dem Kleinen, der der getreue Sohn seines Vaters wurde, unverändert fortgesetzt worden, bis sich jetzt auch an dem Letzten der Qbrenowitsch das uner- bittliche Geschick vollzogen hat. Erst gelegentlich, des jüngsten Staatsstreiches in Serbien zu Anfang April cr. wiesen wir darauf hin, daß dort noch kein Fürst eines natürlichen Todes gestorben sei, es sei dtznn, daß er so vorsichtig war, vorher abzudanken. Auch König Alerander hat keine Ausnahme von dieser Regel gemacht.

An dem hingemordeten Königspaar hat sich das Wort erfüllt, daß, wer Haß sät, Sturm ernten wird. König Alexanders Regierung, der am 6. März 1889 mit zwölf Jahren den Thron bestieg, wobei er zunächst unter der Kontrolle einer Regentschaft stand, ist eine Kette von Staatsstreichen gewesen, getreu der väterlichen Tradition Am 13. April 1893 beging er den ersten Staatsstreich, indem er sich für volljährig erklärte. Am 27. Mai 189? folgte der zweite Staatsstreich, indem er an Stelle der

konstitutionellen Verfassung von 1888 die reaktionäre von 1869 setzte. Am 6. April 1901 kam der dritte Staatsstreich, indem Alexander die alte Verfassung aber­mals durch eine konstitutionellere ersetzte und der zweiten Kammer eine erste gegcnüberstellte. Und am 7. . April dieses Jahres wurde die Verfassung von 1901 (die jetzt von der neuen Regierung wieder in Kraft gesetzt worden ist) abermals beseitigt.

Zu der Erbitterung, welche dies rücksichtslose Willkür­regiment hervorrief, trat die Mißstimmung über die am 8. August 1900 erfolgte Heirat Alexanders mit der um 10 bis 12 Jahre älteren (genau steht das Alter Dragas nicht fest) ehemaligen Hofdame seiner Mutter Natalie, der Witwe Draga Maschin. Die Unbeliebtheit der Frau Draga, ihre Bestrebungen, ihren im Heere dienenden Brüdern die einflußreichsten Stellungen zu verschaffen, ihre politischen Jntriguen und die von ihr versuchte, aber mißglückte Kindesunterschiebung riefen die Erbitterung innerhalb des Heeres, insbesondere des Offizierkorps, wach, welches ohnehin von dem König Alexander vernach- lässigt wurde. Wer aber in Serbien das Heer hat, der hat das Volk. Erbittert über den König Alexander er­hob die Militärpartei den Thronprätendenten Peter Karageorgiewitsch auf den Schild, und auf dem in Serbien zwar nicht ungewöhnlichen, aber diesmal unge­wöhnlich blutigen Wege vollzog sich einer der ungeheuer- lichsten Staatsstreiche, welche die neuere Geschichte kennt.

Ter vom Heere zum König proklamierte. Peter Karageorgiewitsch steht im 67. Lebensjahre und er ist ein Enkel des erster Karageorg und ein Sohn des im Jahre 1846 zum Fürsteir von Serbien erwählten und 12 Jahre später vertriebenen Alexander Karageorgie­witsch. Aus seiner Ehe mit der verstorbenen Prinzessin Zorka von Montenegro stammen zwei Söhne, die in Petersburg leben, ebenso wie auch sein Bruder Arsen im russischen Heere dient. Wenn sich Peter Karageorgiewitsch, der ein Bruder Leichtfuß ist, auch infolge seiner Ver­schwendungssucht schon vor längerer Zeit nicht nur mit dem Fürsteir von Montenegro, sondern auch mit dem Zaren verkrachte, so hat er doch durch seine beiden Schwägerinnen, die Großfürstin Militza Nikolajewitsch und die Herzogin Stana von Leuchtenberg, am russischen Hose so einflußreiche Beziehungen, daß er dort vielleicht trotz der recht bedenklichen Form seiner Thronkandidatur auf das Wohlwollen, dessen er zur Zeit dringend bedarf, rechnen kann.

Am Wiener Hofe freilich wird man von dieser Wen­dung der Dinge nichts weniger als erbaut sein, denn die Karageorgiewitsch sind dort recht schlecht accreditiert. Das österreichisch-russischeBalkan-Ein- vernehmen wird somit auf eine schwere Probe gestellt, aber zum Schluß wird man sich auch an der Donau zu der Meinung bekennen, daß es das beste sein wird, die Serben möglichst nach ihrer eigenen Faxon selig werden zu lassem

Es kommt dazu, daß das neue serbische Kabinett, das sich

unter dem Führer der liberalen Partei Avekumowitsch gebildet hat, aus den hervorragendsten Mitgliedern der serbischen Parteien besteht und anscheinend die Masse des Volkes hinter sich hat. Angesichts der vollzogenen Tat- sache, vor welche die Mächte gestellt sind, wird ihnen zum Schluß nichts weiter übrig bleiben, als dafür zu sorgen, daß die blutigen Vorgänge in Belgrad auf ihren lokalen Charakter beschränkt bleiben, und im übrigen gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ein gewisser Trost liegt ja immerhin in derErkenntnis, daß das böseSpiel schlimmer, als es bisher in Serbien war, schlechterdings nicht mehr werden kann.

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^.Berlin, 11. Juni.

Ihr Vertreter sprach heute auf der serbischen Gesandt- schaft vor, um die dort herrschende Auffassung über die entsetzlichen Ereignisse von Belgrad zu erforschen. In der Gesandtschaft zeigte sich begreiflicherweise dre größte Bestürzung. Die ersten Nachrichten hatte man durch dre auf der Straße verbreiteten Extrablätter erhalten, die erste offizielle Nachricht kam erst um die Mittagsstunde, sie enthielt die Mittesiung von der Einsetzung der neuen Regierung, sie blieb aber an Einzelheiten hinter den in- zwischen schon eingetroffenen Telegrammen des Wolff- schen Bureaus zurück und nannte auch nur einen Teil der Mitglieder des neuen Ministeriums. Unser Gewährs- mann äußerte sich über die mutmaßlichen Folgen des ein­getretenen Umsturzes mit erklärlicher Zurückhaltung. Das Ereignis wird unabsehbare Wirkungen haben, so erklärte er, aber im Augenblick läßt sich nichts Sicheres aussagen. Wenn in den Belgrader Depeschen von eurer Mlitarrevolution gesprochen werde, wenn es so dargestellt werde, als ob „die Armee" gewissermaßen als Kollektiv- begriff einheitlich und unbedingt geschlossen vorgegangen sei, so müsse dem doch widersprochen werden. Gewiß seren Militärs an der Schreckenstat Beteiligt gewesen, aber man habe kein Recht, nun sogleich zu folgern, daß die gemein- same Armee hinter den militärischen Mitverschworern stehe. Was den Prinzen Karageorgiewitsch betreffe, so müsse festgestellt werden, daß bie serbische Bevölkerung kaum noch eine Beziehung zu der Familie habe. Die Verdienste der Karageorgiewitsch aus früheren Zeiten seien gern anzuerkennen, aber ein lebendiges Bewußtsein des Zusammenhanges zwischen dem Volke und der ehe- maligen Dynastie bestehe nicht, und es dürfe bezweifelt werden, daß der Prätendent einen größeren Anhang finden werde. Anderereits, so wurde hinzugefügt, sei zu berücksichtigen, daß mit dem gewaltsamen Todedes Königs AlexanderdieFamilie Qbrenowitsch vollständig ausgestorben sei, daß also von dieser Seite her keine Ansprüche auf den Thron jemals wieder geltend gemacht werden könnten. Mit einer Behutsamkeit, die sich durch die Schwierigkeit

Im meitzen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(25. Fortsetzung.)

In der folgenden Nacht kam nur wenig Schlaf in seine Augen. In elfter Stunde fiel ihm plötzlich dre Angst - ein, daß seine Hoffnungen ihn doch vielleicht betrugen könnten. Wenn der Meister seine Arbeiten nur für das Erzeugnis eines Dnrchschnittstalentes erachtete oder sie . gar abfällig kritisierte, war alles verloren, alles ver­gebens. Bei der bloßen Vorstellung fing er vor Angst und Aufregung an zu schluchzen. _ „Dann verbrenne ich den ganzen Rummel und hänge mich auf!" Erne Weile überließ er sich ganz dem schmerzlichen Erwägen solcher traurigen Eventualitäten, danii siegte die übermütige Zu- verficht seiiies Künstlerbewußtseins über alle ängstlichen Gedanken. Ein Stümper war er nicht: das wußte er. Über eine Stunde lang saß er aufrecht rin Bett und starrte mit großen, leuchtenden Augen in das Dunkel. Seine Phantasie bevölkerte die Mansarde mit beit Ge- stalten und Seenen einer an Erfolg und Ruhm reichen Zukunft, und draußen begleitete die Musik des unauf­hörlich niederrauschenden Regens mit ihrem monotonen, einschläfernden Rhythmus die wechselvollen Bilder seiner Träume: Mairegen — Gedeihregen. Die Erde hatte seit Wochen nach diesen erquickenden Segensströmen ge- schmachtet Eine ferne Kirchenuhr schlug Mitternacht. Allmählich wurde der Regen langsamer. Nach einer Weile war es nur noch ein leises Rieseln und Rauschen, ein langsames Tropfen von der Dachrinne und ein sanf­tes Aufklatschen auf die nassen Schiefer. Darüber schlief

Thygo ein. „, _. „ . .

Späwr als gewöhnlich erwachte er. Ein Gluck, daß es kein Werktag war, sonst hätte er zum ersten Mal die Arbeitszeit verschlafen. Mit einem Satze sprang er aus dem Bett und begann sich mit feierlicher Umständlichkeit anzuziehcn. Am Abende vorher hatte er sich von seinein ersparten Geld einen neuen Sonntagsanzug gekauft, der aus Anlaß des wichtigen Besuches eingcweiht werden sollte.

In richtiger Sonntagsstimmuiig machte er sich gegen 11 Uhr auf denWeg. DieSonne schien wieder wie an allen vorhergehenden Tagen. Nach dem Regen der Nacht sah die Natur wie ein frischgewaschenes, lachendes Sonntags­kind aus: klarblau und wolkenlos weitete sich der

Himmel über die Bäume, die Rosen, die Blumen, Luft und Sonne, sogar die würdevolle Geheimratsmiene des alten Behrend in der Villa Gottburgsen verzog sich zu einem freundlichen Grinsen, als er den jungen Mann, der nach dem Professor fragte, erkannte.

„Wir haben Sie lange erwartet, junger Herr", sagte er. „Ich hatte leider vergessen, Ihren Namen damals zu notieren. Gut, daß Sie wicderkommcn, Herr Professor wird Sie gleich empfangen."

Im Atelier war Besuch. Der Diener führte Thygo in den kleinen an das Atelier stoßenden Empfangssalon. Bei seinem Eintreten erbob sich in der Fensternische Edels helle Gestalt und ging ihm entgegen. Sie begrüßte ihn freundlich und bat ihn, Platz zu nehmen.

„Die Herrschaften drinnen werden sich nicht mehr lange aufhalten", sagte sic. „Vater erwartet Sie, Herr Arfst . . . nicht wahr, so ist doch Ihr Name? Edel Niklasson —" setzte sie auf die znstimmende Verneigung des jungen Mannes sich vorstellend hinzu. „Vater hat mir gesagt, daß Sie kommen würden. Übrigens habe ich Sie schon einmal geszchcn, neulich in dem Breubachschen Neubau — ich qlaube wenigstens — Sie waren es doch? Ja? Kaum hätte ich Sie wiedererkannt."

„Das glaube ich", lachte Thygo, „ich war damals in einem schönen Aufzug."

„O — das weniger", sagte Edel. „An Farbenflecke und Terpentingeruch bin ich gewöhnt. Aber Sie waren , so blaß, und heute sehen Sie ganz frisch und gesund aus."

„Das macht das Glück —"

„Sind Sie glücklich?" fragte Edel neugierig.

„Ich hoffe, es zu werden", versetzte Thygo etwas er- rötend, „vor der Hand bin ich in dieser Hoffnung glück- lich. In einer Stunde wird es sich entscheiden, ob meine Hoffnung berechtigt ist oder nicht."

„Ach. wenn es nur vom Vater abhängt, werden Sie gewiß keine Enttäuschung zu befürchten brauchen", meinte

Edel. „Vater hilft gern, wo er kann. „Sie sind auch wohl noch nicht lange in Berlin? Man hört es an Ihrer Sprache."

„Seit einem halben Jahre."

„lind Sie sind gern hier?"

„Bis jetzt habe ich nicht viele erfreuliche Eindrücke von Berlin empfangen."

„Ich hänge furchtbar an Berlin", sagte Edel. „Sie glauben nicht, was ich in der Pension für Heimweh nach Berlin gehabt habe — —." Jetzt war sie im Zuge. Merk- würdigerweise kam ihr der junge Maler gar nicht fremd vor, und Edels kindlich unbefangenes Wesen ließ auch in Thygo keinen Anflug von Befangenheit, die er vielleicht in der Unterhaltung mit einer anderen fremden jungen Dame empfunden hätte, aufkommen. So plauderten sie harmlos drauf los und merkten gar nicht, wie die Zeit verstrich und daß bereits eine volle Stunde vergangen war, als endlich die Flügeltüren zum Atelier zurück- wickln und der Professor, bleich, sichtlich leidend, mit der gewohnten milden Freundlichkeit in den feinen Zügen, auf der Schwelle erschien und Thygo zum Nähertreten einlud.

„Ich wünschte, Väterchen nähme sich des arnien Menschen an", dachte Edel, als sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte. Der iunge Mann gefiel ihr; sein unbefangenes und zugleich bescheidenes Auftreten stach vorteilhaft von dem zudringlichen, anmaßenden Wesen der jüngeren Herren ab, ntit denen sie hin und nieder in Berührung gekomnren war. Mit leichtem Gähnen griff sie nach dem Novellenband, dessen Lektüre sie bei Thygos Eintritt unterbrochen hatte. Edel langweilte sich. Fräu- lein Reischig war anr vergangenen Ahend abgereist, am Montag wollte die Sontheim eintreffen, vor deren Kommen sie indessen einen geheimen Schrecken hegte.

Nach einer kleinen halben Sttinde trat Thygo wieder aus dem Atelier. Aus seinem erhitzten, strahlenden Ge­sichte las Edel, die bei seinein Erscheinen aufsprang, daß der Besuch zu seiner Zufriedenheit abgelaufen war.

„Nicht wahr. Vater will Ihnen helfen?" sagte sie.

Er konnte kaum Antwort geben vor Aufregung.

„Es ist zu viel — zu viel", murmelte er, „ich bin