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Minne mm Wiesbadener Tngbintt.

Ps. 265 . Morgerr-Ausgake

Mittwoch, den 16. Juni.

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So groß ist keiner, daß er mich als Werkzeug Gebrauchen darf! Wer Dienste von mir fordert.

Die mich, vollbracht und nichl vollbracht, wie'S kommt. Schmachvoll dem sichern Untergange weih'n.

Der spricht mich los vo» jeder Pflicht, dem muß Ich zeigen, daß es zwischen Königen Und Sklaven eine Mittelstufe gibt.

Und daß der Mann auf dieser stedt!

Hebbel, „HerodcS und Mariamne".

*f?¥W****it *************** *********¥??*

(43. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Er schüttelt unwillig den Kopf. „Gott mag wissen, was für ein Leben dann vor mir liegt."

„Gott weiß es und wird es dir zeigen", sagte sie zu­versichtlich.

Ellen schlief fest und traumlos. Die Natur forderte ihr Recht. Als sie erwachte, legte sich freilich der Alp wieder auf ihre Seele. Sie tat sich Gewalt an, ihn ab- fuschütteln. Die Zuversicht, welche sie gestern abend, als sie den Bruder verließ, erfüllte, sollte wieder die Ober­hand gewinnen. . . „

Sie sah Leopold nicht. Er hatte gefrühstückt, wie sie durch das Mädchen erfuhr, hatte sich sorgfältig ange­kleidet und war fortgegangen.

Um 9 Uhr fand in den Räumen des Verstorbene die Lestamentseröffnung statt. Dabei durfte er nicht fehlen. Wenn sie nun doch ein anderes Resultat ergäbe, als sie fürchtete, dachte Ellen bei sich, unmöglich war es nicht.

Während die Mutter aufgeregt hin und her ging, und mehr redete, als sonst ihre Gewohneit war, hing Ellen ihren schwankenden Gedanken nach.

Die Mutter ging, sich sorgfältig anzukleiden, sie er- Wartete ja heute mancherlei Besuch. Ellen saß am Fenster, den Kopf in die Hand gestützt und dachte, daß dieser Zu­stand der Spannung unerträglich sei.

Da fuhr sie jäh zusammen, eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie war so versunken gewesen, daß sie das Offnen der Tür nicht gehört hatte. Welcord stand neben ihr.

Ihr entfuhr unwillkiirlich ein lauter Ausruf, und sie war kreidebleich. An ihn hatte sie eben gedacht, — ob er noch kommen werde, ihr Adieu zu sagen.

„Sie — Sie wollen reisen", stammelte sie mit bleichen Lippen.

Er hielt ihre Hand und sah so sonderbar auS, so strahlend.

„Ja — ich reise bald, aber vorher — Fräulein Ellen, ich bin glücklich. Sie allein zu treffen, ich — o l Sie müssen eö ja längst wissen — ich meinte oft in Ihrem Herzen zu lesen — ich bin jetzt ein freier Mann, und komme zu fragen, ob Sie — aber mein Gott

Ellen hatte ihm starr ins Gesicht gesehen und wankte jetzt. Er fing sie in seinen Armen auf. „Ellen, meine einzig Geliebte! was ist dir?"

Sie barg ißt jetzt erglühendes Gesicht an seiner Brust und rang mühsam nach Fassung. Das war zu über

wälfigend gekommen, das vermochte sie noch nicht zu

tragen. Sie richtete sich auf und versuchte sich aus fernen Armen zu lösen. t ,

„Sag mir, ob du mich lieb hast, oder ob rch nnch irrte", bat er leite.

Sie faßte mit ihren Händen frrt ihren Kopf. „Oh! mein Gott!"

„Aber Angelika" — kam es von chren Lippen.

„Mt Angelika bin ich einig", sagte er lächelnd, „meinst du, daß ich vor-dich hingetreten wäre, um dich zu werben, trenn nicht alles geklärt war? Aber ich habe noch keine Antwort."

Da streckte sie ihm ihre Arme entgegen. „O! Du über alles geliebter Mann!"

Sie hielten einander fest umschlungen, er küßte sie wieder und wieder.

Sie wurden es nicht gewahr, daß die Doktorin ernge- reten war. Sie hatte ihr bestes schwarzes Wollkleid an­gelegt und sah sehr fein und feierlich aus, stand jetzt aber vor dieser Scene wie eine Bildsäule.

Ellen gewahrte sie zuerst. Mit einem jubelnden Auf- schrei flog sie auf die Verwirrte zu.

„Mütterchen! Du hattest doch Recht, nun kommt heute das Glück!" „ ri

Herr Welcord trat auf, die Mutter semer Erwählten zu und küßte ehrerbietig die Hand.

„Geben Sie uns Ihren Segen", bat er, „aber ich muß es Ihnen nur gleich sagen, ich möchte Ihnen die Tochter bald und weit entführen, wenn auch nur ein paar Jahre. Ellen, bist du bereit, mit mir übers Welt- meer zu gehen, nach Valparaiso?"

„Bis an das Ende der Welt", sagte sie leise, und chre Augen leuchteten in unaussprechlichem Glück.

„Aber wie ist denn dies möglich?" stammelte Frau Doktor Kramer.

„Ellen sagte mir doch, Sie seien der Verlobte-"

„Der präsumtive, Mamachen", berichtete Herr Wel- cord lachend, „wir hatten beide noch nicht Ja gesagt, weder Angelika noch ich. Ellen, meine geliebte Braut, bitte bezeuge es mir ehrlich, auch du hast nach der ersten Stunde, wo du uns zusammengeschen, nicht daran ge- glaubt, daß wir ein Paar würden."

Er hielt sie immer noch im Arm und wendete keinen Blick von ihr.

Sie schüttelte den Kopf. „Da irrst du, rch habe oft

— jetzt will ich's gestehen, unter heimlichen Qualen — gemeint, ihre Schönheit, ihr jugendlicher Liebreiz habe es dir angetan, und jeden Augenblick gedacht, nun treten sie vor dich hin als ein Brautpaar."

' „Nicht möglich!" rief er, und trat in höchstem Staunen einen Schritt zurück. „Schon ait f - dem Fest und in jener Nacht doch, als ich dich geleitete, und man uns schon für ein Ehepaar hielt, mußtest du wissen-"

„Nichts, Geliebter, wie konnte ich. Du warst sehr güttg, und ich fühlte mich dir innerlich oft sehr nahe, aber

— ich, ein armes, nicht einmal hübsches Mädchen-"

Er lachte laut. „Ja freilich — Angelika besitzt ein

ansehnliches Vermögen, das wird dem Herrn von Mollen- bach __ wie ich erfuhr, ein ganz mittelloser Leutnant mfi etlichen Schulden — sehr willkommen sein."

Gestern habe ich Angelikas Sache bei der Mutter ge-

führt und chr den Geliebten erobern helfen. Sie macht« mich zum Vertrauten, das gute Kind, im Grunde das Beste, was sie tun konnte. Ich ließ es mir wenigstens angelegen sein, einige Erkundigungen über den jungen Herrn einzuziehen und darnach scheint er ganz gut für Angelika zu passen. Du siehst also, sie hat mrr^bemah« einen Korb gegeben", fuhr er in scherzhaftem .^on fort, „und ich war sehr froh, daß es nun von memer Ser^ nicht nötig war. Ich fühlte mich durch meine. Unters Wünsche verpflichtet, vorurteilsfrei zu prüfen, und als ich hierher kam, war mein Herz noch frei nem, nicht mehr ganz — die Erscheinung im Mondschein auf der „Vienna" war mir schon entschieden gefährlich gÄvoMN.

Es schallte ein fröhliches, glückliches La^n durch da» Stübchen, Ellen vermochte sich kaum m den Wechsel zu

^ ” Welcord entwickelte nun seine Pläne. In vierzehn Tagen mußte Hochzeit sein, seine Abreise ließ sich Nicht

Iä T«“5tÄn[im D-rMtM- S-w-hÄ-n SMtato klang die Auseinandersetzung dessen, was Weüord rhrec Tochter zu bieten hatte, wie ein Märchen Sw saß ba nnt glänzenden Augen und gefalteten Händen und erlebte einen Moment vollen Glückes. Nicht für lange.

Da stand ihr Sohn Leopold in der Tür, fahl, mit hef eingesunkenen Augen. So hatte sie ihn me gesehen. Sie flog auf ihn zu.

' C? wehrte sich urid sagte rauh, mit heisere^ unnatürlicher Stimme: „Bitte, falle nicht m Ohnmacht bei der Nachricht, die ich bringe. Sem Vermögen Hai der Justizrat milden Stiftungen vermacht,, außerdem der- schiedene Legate, für mich kems — ich bm ja vefiorgt aber dir, Ellen, fallen 60 000 Mark zu — tmtm Pflegerin hat er in den letzten stunden vor fernem Tods

mit ehrenden Worten gedacht"

Die Doktorin stand sprachlos, wie vom Donner s rührt. Sie faßte diese verschiedenen Überraschungen

^Leopold gewahrte jetzt erst den Fremden,.

Ellen trat an ihn heran. Diese Faimlienscene^d« fiefe Einblick, den Welcord in der ersten Stimde gewann, war ihrem Feingefühl sehr peinlich.

„Leopold! Dieser Herr ist mem Verlobter , sagte st«

Wüku«chrer Worte blieb rückst aus. sah sie einen Moment starr an, als habe „er nicht ver- standen, dann wechselten Rote und blasse iah auf seriwiN Gesicht. Er richtete sich mit einem Ruck straffer auf mrd nahm die dargebotene Hand des neum Schwagers Em scheuer Blick streifte die hohe imponierende GAtdeS ihm nicht ganz Fremden, er war über dessen keit und Verhältnisse genug orientiert, um d-re « dieses unerwarteten Ereignisses zu einnessen.

„Ich gratuliere", sagte er schwerfällig.

„Aber Poldel! ich verstehe noch gar nicht, wie ist

denn das möglich —" . . , . tv -

Die Doktorin Kramer war m einen Sessel gesunken, ihr wankten die Kniee, sie sann verwirrt der, uiwrhortsrr Tatsache nach, daß ihr Sohn nicht der Erbe fei.

«Fortsetzung folgt.)

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