Wiksbsdenkr iapatt.
51. Jahrgang.
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Mo. 266. Berlags-Fernsprecher No. 2958.
Abend-Ausgabe.
Dir Dtruerfragr im Wahlkampf.
Die ungünstige Reichsfinanzlage hat int Verlaufe des Wahlkampfes bei allen Parteien zur Debatte gestandem Die Tatsache, daß die stetig wachsenden Ausgaben durch die laufenden Einnahmen nicht mehr gedeckt werden, daß neue Einnahmen erforderlich find, um dem rns ungewrsfe fortschreitenden Anwachsen der Reichsschuld Einhalt zu tun, ist allseitig anerkannt worden. Trotzdem rst drefe Frage namentlich von den auf dem Boden der sozialen Reform stehenden Parteien bisher nicht in genügender Schärfe betont, und vor allem die Vorsicht, die Lücken tm Reichshaushalt durch neue indirekte Steuern zu füllen, nicht genügend bekämpft worden. Nicht erst wenn die Regierung mit der neuen Bier- und Tabakssteuervorlage an den Reichstag herantritt, darf der Kampf gegen diese neue Belastung der Minderleistungsfähigen ausgenommen werden, schon jetzt, wenn die Wähler zur Urne schreiten, müssen sie wissen, daß sie einem Manne ihre Stimme geben, der für ein Reichssteuersystem eintritt, das nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit in der Besteuerung vornehmlich die leistungsfähigen Schultern belastet, nicht aber den schon schwer genug tragenden der Steuerzahler mit kleinem und kleinstem Einkommen noch neue hinzufügt.
Wird auch dieses Prinzip heute von der überwiegenden Mehrzahl aller einsichtigen Sozial- und Steuerpolitiker anerkannt, so fehlt es doch bisher an emem bestimmten positiven Vorschläge, der mit der Möglichkeit seiner Durchführung eine genügende finanzielle Ergiebig- keit gewährleistet, um den Steuerplänen der Regierung entgegengestellt werden zu können und der unleugbar vorhandenen Notlage im Reichshaushalt wirkungsvoll abzuhelfen. Allen diesen Forderirngen entspricht am vollkommensten eine Reichserbschaftssteuer. Auch wenn man der Forderung nach einer Reichseinkommen- oder Reichv- vermöqenssteuer sympathisch gegenübersteht, so, können diese für eine augenblickliche Mittelbeschasfung, wie sie der neue Reichstag in seiner ersten Session, zu beimlligM haben wird, bei stirer Bedeutung für die Einzelstaats- finanzen nicht in Frage kommen. _ .
Anders die Erbschaftssteuer. In den Etats der Einzelstaaten bildet sie nach dem Gesamtdurchschmtt 3,38 % der Staatseinnahmen. Ihre Übertragung aus das Reich würde also ohne eine erhebliche Storung der Einzelstaatsfinanzen erfolgen können. >chre finanzielle Ergiebigkeit würde vollständig iind ohne Schwierigkeit bis zur Höhe der erforderlichen Mittel im Reickshaushalt gesteigert werden können. Ihr gegenwärtiger Gesamtbetrag in Deutschland beläuft sich aus 22 Millionen Mark,
Mittwoch» den 16. Juni.
ie belastet den einzelnen mit einem durchscknitüichen Be trage von 0,39 Mark. Der jährliche Mehrbedarf des Reiches nach der Entwickelung der Einnahmen und Ausgaben im letzten Jahrzehnt, verglichen mit dem- Anwachsen der Reichsschuld würde sich etwa aus 120 Mill. Mark belaufen. Eine Erhöhung der deutschen Erbschaftssteuer aus diesen Betrag würde den einzelnen mit einer Steuer von 2,34 Mark belasten, eine Summe, die noch lange nicht an die Belastung in einer Reihe vor anderen Staaten, namentlich Großbritannien mit einer Gesamteinnahme von 350 Millionen Mark und ca. 8 Mark pro Kopf und Frankreich mit 150—155 Millionen Mark beziehungsweise 3,95 Mark pro Kopf, heranreicht.
Vor allem aber würde die Erbschaftssteuer nach den Erfahrungen in den anderen Staaten vollständig nach dem Prinzip der Leistungsfähigkeit ausgebaut werden können. Zu diesem Zweck wären als die beiden Hauptgesichtspunkte hinzustellen: die Abstufung des Steuer
satzes nach dem Verwandtschaftsgrade, ferner die Festsetzung eines besonderen, progressiv wachsenden Steuersatzes nach der Größe des Erbschaftsanteils. In Bezug aus den ersten Punkt müßte der Kreis der von der Steuer mitbetrofsenen Personen erweitert werden und auch die nahen Verwandten mitherangezogen werden, etwa Kinder und Ehegatten mit 1 %, Enkel mit 2 %, Aszen- denten mit 3—4 %, Geschwister 4—5 %, entfernte Seitenverwandte 6—8 %, Nichtverwandte 10 %. Neben dieser Besteuerung nach dem Verwandtschaftsgrade müßten die einzelnen Erbteile mit einem besonderen, mit der Höhe des Erbteiles wachsenden Steuerzuschlag getroffen werden. x ,
Dem Grundsatz der Leistungsfähigkeit entsprechend, müßten kleine Erbschaften etwa bis zur Hohe von 10 000 Mark durchwegs steuerfrei bleiben. Für Er- werbsunfähige (Witwen, Minderjährige) müßte eine höhere steuerfreie Grenze, etwa 40 000 Mark, was einem Zinseinkommen von etwa 1200 Mark entsprechen würde,
festgesetzt werden. ... , . _ r , . y
Endlich wäre Abzugsfährgkeit der auf dem Erbteil ruhenden Schulden und Lasten zu fordern.
Eine nach diesen Grundsätzen geschaffene Steuer würde zwar das heute in Deutschland vorhandene Mißverhältnis in der Belastung des einzelnen durch direkte und indirekte Steuern nicht beseitigen, aber doch mildern und jedenfalls einer weiteren Verschiebung, wie sie die geplante Bier- und Tabakssteuer mit sich bringen würde, Halt gebieten. Wie kraß dieses Mißverhältnis ist, erhellt, wenn man sich vergegenwärtigt, daß schon rn Preußen, wo die direkten Steuern die Hauptsteuerquelle darstellen, das Verhältnis der indirekten zur direkten Belastung pro Kopf der Bevölkerung sich verhält wie 19,39 :6,11, in Bayern gar wie 26,18 :5,95. , ,
Daß diese Belastungsverteilung eme ungesunde ist, liegt auf der Hand. Im Interesse eines jeden Wählers,
R«iaktio»S-Fer»jpr«cktt R«. 58.
1863.
der sich ein gerechtes sozial-finanzielles Gefühl bewahrt hat, liegt es daher, hier Abhilfe zu fordern und nur die- jenigen Männer in der: Reichstag zu entsenden, die für eine gesunde Reform eintreten wollen. Mehr denn je gilt es hier, zu handeln, ehe es zu spät ist.
W
bck. Dresden, 9. Juni. Die „Dresdener Neuesten Nachrichten" schreiben: Wie wir von gut unterrichteter Seite hören, wird der demnächst zusammentretenden Konferenz bunöesrätlicher Finanzminister ein vom Reichsschatzamt bereits fertig ausgearbeiteter Entwurf eines Reichsfinanzrechts zur Begutachtung vorgelegt werden. Wir können bestimmt versichern, daß darin die Einführung einer Tabak- und Biersteuer vor. gesehen ist. Wegen der letzteren hatte Freiherr v. Pode. wils eingehende Besprechungen, ohne sich indessen irgendwie gebunden zu haben. __
Deutsches Reich.
Zinn Hirtenbrief des Kardinals Kopp.
Der Hirtenbrief des Kardinals Kopp gegen dis nationalpolnische Propaganda in Oberschlesien hat in den betroffenen Kreisen begreifliche Erregung hervorgerufen. Es wird über Äußerungen stärksten Unwillens berichtet, der sogar in den Kirchen bei Verlesung des Hirtenbriefs von den Kanzeln laut geworden ist. An der Stärke dieses Widerspruchs kann man ermessen, wie ernst die polnisch« Agitatton in Oberschlesien genommen werden muß. Und nun entsteht die Frage: Wie denkt der Erzbischof von Posen über den Hirtenbrief des Fürstbischofs von Bres- lau? Beide „Kirchensürsten" sind die Oberhäupter preußischer Diözesen; beide sollten also in Kernfragen des Verhältnisses der katholischen Gewissen zur weltlichen Gemeinschaft von Reich, Staat und Gesellschaftszuständen dasselbe Interesse haben. Aber es wird wohl nicht so sein, vielmehr es ist bestimmt nicht so. , Die Aufsässigkeit der polnischen Bevölkerung Oberschlesiens gegen das Zentrum und jetzt gegen den Kardinal Kopp wäre mit dem Tage vorbei, wo der Erzbischof von Posen den Wühlereien in jenen Gegenden Halt geböte. So deutlich nun aber die Stellungnahme des Kardinals Kopp ist, so stark ferner das Interesse des Zentrums an der rein- lichen Scheidung dem Polentum gegenüber sein muß, sa vollzieht sich diese Scheidung zwar in dem bedrohten Oberschlesien, wie sich schließlich von selbst der- steht, sonst aber kann das Zentrum nicht die Kraft finden, einen Trennungsstrich zwischen sich und dem Polonisnius zu machen. Es ist eine ewige Halbheit, ein Wollen und Nichtkönnen, ein Können und Nichtwollen« Wenn dieser Zustand nicht wäre, würde in manchen Wahlkreisen in Posen und in Westpreußen manches vielleicht anders aussehen. Aber vielleicht wird das Zentrum durch Schaden klug. Diese Partei ist ja nicht unbelehrbar.
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(24. Fortsetzung.)
Allmählich schmolzen die Barmittel der beiden Schicksalsgenossen zusammen, Thygos , Kasse reichte bestich noch ziemlich viel weiter als dreienuze des ehe- naliaen Philologen, der nicht diel mehr als das Reisegeld zehabt hatte. Sie machten gemeinschaftlichen Haushalt, ste Not ist meistens nicht nur eine gute Lehrmeistenn, ändern auch eine Erzeugerin inniger und echter rzreund- chaft, sie schließt Menschen enger aneinander als irgend stu anderes Lebensverhältnis. Albert Peters' und Lhygo machte diese Zeit gemeinsamen vergeblichen Ringens und gemeinsamer Entbehrungen zu Freunden
für das Leben. . „ w ■ y , .
Nach Monaten gelang es Peters, eine Novelle bei der „Illustrierten Zeitung" iinterzubringen; fast gleichzeitig er öffnete ficf) itjnt bie 2tu3fid)4, öurcfy äJemxiiteluncj ctnc§ ehemaligen Kommilitonen Stellung in einer Stttttgarter Redaktion zil bekommen, wohin er dann auch sofort
° Nun begami für Thygo die schwerste Zeit. Bis dahin hatte das Zusammensein mit dem Freunde und Leidens- genossen ihm noch einen gewissen Trost gewahrt, das Ge- fühl des Verlassenseins in der großen Stadt war nicht so in ihm aufgekommen-, jetzt erst kam ihm das Verzweif- lungsvolle seiner Lage, die jeden Tag hoffnungsloser wurde recht zum Bewußtsein. Den einzigen Weg, der ftus aller Not hinaiisführte und ihm ein leidlich gutes Auskommen sicherte, den Weg zum Handwerk zurück, sollte er nicht beschreiten. Die beiden Freunde hatten tzine gemeinsame Parole auf ihr Lebenspanier ge- schrieben: Entweder siegreich zum Ziel durchdringen oder ganz unterliegen — aber nie wieder zurück in die alten, ünerträglichen Verhältnisse. Siegen oder unterliegen. Ein Kampf auf Lebeir und Tod. Mit dem ganzen Trotz „nd der zähen Widerstandskraft, die dem nordischen Volke jeigcn ist. hielt Thygo diesen Wahlspruch.fest und das Bewußtsein, um ein erreichbares Ziel zu kämpfen, stählte
seine Entschlossenheit, diesen Kämpf bis auf das Äußerste
durchzusetzen. Allerdings paralysierten eine ttefe Nieder- geschlagenheit und Bitterkeit seinen Lebensmut; er hatte im Anfänge seines Berliner Aufenthaltes die verschiedenen Kunstausstellungen besucht und manche Bilder dort gesehen, deren Kunstwert nicht im entferntesten an ferne Schöpfungen heranreichte; trotzdem wurden jene gekauft, und ihn fertigte man mit einem Achselzucken und ein paar Redensarten ab, ohne seine Bilder auch nur erner eingehenden Prüfung zu unterziehen. ..
Eines Tages suchte er wieder jenen Kunsthändler aus, der ihm einige Bilder abgekauft hatte. Er traf ihn im Gespräch mit einem Herrn, der sich bald darauf verab- schiedet«.
Thygo hatte ein kleines Gemälde mitgebracht, das er dem Kunsthändler zu einem Spottpreis anbot; aber obgleich es halb geschenkt war, lehnte dieser ab.
„Sie tun mir leid, junger Mann", sagte er, „ohne Zweifel haben Sie ein großes, eigenarttges Talent, aber gerade die Eigenart Ihrer Bilder macht sie schwer der- käuflich. Ungewöhnliche Bilder pflegen nur dann An- klang und Beifall, folglich auch Käufer zu finden, wenn der Name des Künstlers sie sozusagen als „vollwertig" legitimiert. Sie glauben nicht, wie unselbständig und wie toenig entwickelt das Urteil und der Geschmack des Publikums ist. Ich kann Ihnen nur raten., sich auf irgend eine Art bekannt zu machen. Sehen Sie zu, daß Sie eines oder zwei Ihrer besten Bilder in die nächste Sezessionsausstellung bringen oder doch ein bekannter Kunstmäcen ein Bild von Ihnen in seinen Salon hangt, und wenn Sie's ihm schenken sollten. Vielleicht haben Sie sogar eine große Zukunft vor sich." ,
Me tiefe Mutlosigkeit und Trauer ,n des jungen Künstlers Zügen rührten den menschenfreundlichen Mann. „Da fällt mir etwas ein", fuhr er fort, „kannten Sie den Herren, der eben hier war? Nein? ?lber seinen Namen keimen Sie: Professor Gottburgsen, unsere erste Kiinstgröße hier am Platze, der berühmte Porträtmaler und zugleich ein uneigennütziger und freundlicher Be- schützer und Gönner aller strebenden jungen Talente. Ta? ist Ihr Mann. An den müssen Sie sich wenden. Geheim
sie zu ihm und zeigen Sie ihm Ihre Arbeiten, sagen Sie, ich hätte Sie geschickt. Der wird Sie mit Rat und Tat unterstützen, der weiß gleich, wo der Hebel anzusetzen ist, um eine junge tüchtige Kraft auf ihren Platz zu bringen: gehen Sie nur zu ihm."
Wenige Monate früher würde der Stolz des jungen Mannes 'es nicht zugegeben haben, sich einem Fremden mit der Bitte um Beistand zu nähern; jetzt griff er begierig nach dem Rettung verheißenden Strohhalm dieser letzten Aussicht. Gleich an demselben Tage ging er in di« Gottburgsensche Villa, traf den Professor aber nicht zu Hause. Zwei- oder dreimal wiederholte er, den Besuchs immer mit dem gleichen negativen Ergebnisse. Unterdessen waren ihm alle Mittel zum Leben ausgegangen. Die kleine Summe, welche sein Freund ihm bei seinem Fortgehen aufgedrungen hatte, war bis zum letzten Pfennig aufgebraucht, alle nur irgendwie entbehrlichen Kleidungsstücke waren längst auf das Versatzamt ge- wandert. Dazu setzte die Kälte im März noch einmal heftig ein, so daß es in der ungeheizten Mansarde nicht auszuhalten war. Der durch die wochenlangen Entbeh- rrmgen und die unzureichende Ernährung völlig ent- kräftete Körper des jungen Mannes ertrug den Hunger nicht lange; als er bei seinem letzten Besuch bei Goü- burgsen diesen wieder nicht antraf, schwand seine letzte Hoffnung auf eine bessere Wendung seines Geschickes. Hungergequält, in seinen dünnen Kleidern vor Frost klappernd, irrte er in dumpfer Verzweiflung durch die Straßen. Er hätte sich das Leben nehmen mögen, aber etwas in ihm, der natürliche Hang der Jugend, die sich schwer vom Leben trennt, war noch stärker als das Elend, dem er zu unterliegen drohte. Todmüde von dem ziellosen Umherirren, sank er gegen Abend auf eine Bank in den Tiergartenanlagen, und nach wenigen Minuten schlief er vor Erschöpfung und Müdigkeit fest ein. Als et nach Stunden halberstarrt erwachte, war es Nacht und die Gegend in seiner Nähe wie ausgestorben., Mühselig richtete er sich auf und taumelte weiter — wieder in die Stadt hinein, ohne Ziel und Richtung — bis es vor seinen Augen plötzlich dunkelte und ihn eine tiefe Ohnmacht umfing.
