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Sozialpolitische Umschau.

Das öffentliche Leben wird gegenwärtig bei uns durch den Wahlkampf beherrscht. Er wird auch um sozial­polittsche Jnterefsen geführt, denn die nächsten Reichs- tagswahlen werden entscheiden, ob in Deutschland die agrarisch-konservative Weltanschauung das politische Übergewicht behält oder ob eine liberalere Auffassung zur Herrschaft gelangt, die auch zahlreichen sozialpoli­tischen Forderungen, wie man erwcütet, mehr Entgegen- iMMMttt zeigt. Leider wird der Wahttamps in vielen Kreisen mit einer Schärfe geführt, die ahnen läßt, welche Verbitterung und Leidenschaft sich in den einzelnen poli- tischen Gruppen unseres Volkes angesammelt hat. Aber ganz gleich, welcher Partei man angehört, hat man sich im Kampf der Meinungen klaren Kops und sachliches Urteil bewahrt, so können tausend tönende Wahlreden die Über­zeugung nicht erschüttern, daß Deutschland mit seiner hochgetriebenen Schutzzollpolitik einen höchst bedenklichen Weg eingeschlagen hat. Der Sozialpolitiker muß seine Stimme immer wieder gegen eine Handelspolitik erheben, die, wenigstens in Jahren deutschen Mißwuchses, eine er- hebliche Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel zur Folge haben und, die Zukunft wird das lehren, unserer natürlichen Entwickelung ein starkes Hemmnis sein wird. Der Wahlkampf wühlt all die Gründe, mit denen diese Handelspolitik verteidigt und bestritten ist, nochmals auf. Aber eine neue Beleuchtung unserer wirtschaftlichen Fragen erfolgt nicht und der über dem wüsten Lärm des Tages stehende Politiker wird oft merkwürdig be- rührt durch die nawe Auffassung politischer Dinge. _ Zu jedem Handwerk gehört eine Summe von Kenntnissen und Fähigkeiten; in unserem politischen Leben scheint man jedoch immer mehr zu der Überzeugung zu gelangen, daß der Mann der beste Polittker ist, dessen Meinung von keinerlei Sachkenntnis getrübt wird. Denn nur so kann man es sich erklären, daß leider vielfach Reichstags- kandidaten ausgestellt sind, die augenscheinlich sich bisher um Politik Merhaupt nicht gekümmert haben. Mt einer völlig schülerhaften Kenntnis der polttischen und Wirt- schastlichen Dmge ausgerüstet, von denen in Deutschland Volkswohlfahrt und Entwickelung abhängt, sollen sie

plötzlich als Autorität urteilen und bestiminen. Es be­schleicht den Freund aufsteigenden deutschen Kulturlebens ein unheimliches Gefühl, wenn er sich vorstellt, daß diese polttische Ahnungslosigkeit einst im Reichstage am Schick- sale des deutschen Volkes hämmern darf. Ein Reichstags- kandidat, der seinen Wählern verspricht, gleichmäßig die Interessen der Industrie, der Landwirtschaft und des Kleingewerbes zu vertreten, der vor Arbeitern und Unter­nehmer eine gleich ttese Verbeugung macht, heute liberal und morgen konservatw schillert, ist vielleicht in irgend einem phstisttösen Beruf ein leidlich brauchbarer Mtt- mensch und ein guter Familienvater. Aber er soll bei seinen heimischen Suppentöpsen bleiben; in den Reichs­tag gehört er nicht, da er keine Ahnung von den treiben­den Kräften der Gegenwart hat. Der deutsche Reichstag soll sich nicht in den Dienst einseitiger wirtschafüicher Interessen begeben, aber er soll auch nicht der Paradeplatz für politische BLotter sein, die dort ihre Eigenliebe an die Sonne stellen.

Eine gesunde sozialpolittsche Entwickelung ist natür­lich nur möglich, wenn ihr ein so wichtiger gesetzgebender Fakwr, wie ss der deutsche Reichstag ist, ein genügendes, sich auf die Kenntnis deutschen Lebens und Arbeitens stützendes Verständnis entgegenbringt. Auch der nächste Reichstag wird wichttge sozialpolittsche Aufgaben zu er- füllen haben und zwar namentlich auf dem Gebier des Urbeiterschutzes, wo die Interessen der einzelnen Wirt- schastlichen Gruppen vielfach stark berührt werden. „ Es ist verfrüht, hierüber Betrachtungen anzustellen, erwähnt seien aber die vom Reichsantt des Innern angestellten Er­örterungen über die Herabsetzung der Arbeitszeit für ge­werbliche Arbeiterinnen, die vielleicht den Reichstag schon im nächsten Herbst beschäftigen wird, über die Möglich­keit der Herabsetzung der weiblichen Arbeitszeit auf zehn Stunden gehen die Ansichten weit auseinander. Nach dem Urteil sachverständiger Behörden, so z. B. in jüngster Zeit der badischen Gewerbeinspektion, ist diese Herab­setzung bereits heute in manchen Bernsen ohne Schä- digung von Unternehmer und Arbeiter möglich. Es wird da namenüich die ausgedehnte Cigarrenindustrie ge- nannt, bei der man die Erfahrung gemacht hat, daß in stillen Geschäftszeiten die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit eine Verminderung der Produktton nicht zur Folge hatte, da die Arbeiter eben die Zeit besser aus- nutzten. Ähnliche Erfahrungen hat man in anderen Er- werbszweigen gemacht; so haben bekanntlich zahlreiche Unternehmer freiwillig die Arbeitszeit zum Besten beider Teile verkürzt, ohne daß die Warenerzeugung geringer geworden ist. Je kürzer die Zeit, um so schneller wrrd gearbeitet. Natürlich hat das seine Grenzen und auch die Maschinen können nicht beliebig schnell laufm. Wenn die Arbeitszeit der gewerblich tätigen Frauen verkürzt wird, so macht sich in manchen Erwerbszweigen eine Übergangszeit um so mehr nöttg, da manche Industrien, in denen Frauen und Männer Hand in Hand arbeiten, natürlich auch die letzteren dann früher entlassen müssen.

Auch für die Schließung der größeren Geschäfte um drei Uhr Samstags ist unter den Handelsangestellten gegenwärtig eine Bewegung im Gange. Soweit es sich dabei um Geschäfte für den Verkauf im großen handelt, kann man im allgemeinen mit dieser Forderung einver-

standen sein. Sie ist schon heute in zahlreichen Handels­städten Frankreichs und Englands erfüllt und auch in sehr vielen deutschen Orten pflegen einzelne Bernfs- zweige, wie namentlich die Banken, wenn sie nicht ohne­hin die durchgehende Arbeitszeit haben, wenigstens an Samstagen bereits am frühen Nachmittag zu schließet. Ein Schluß der Geschäfte für den Kleinveftauf um diese Zeit ist auf absehbare Zeit noch völlig unmöglich und er wird unseres Wissens auch bisher nicht gefordert.

Alle diese Bestrebungen wurzeln in dem Verlangen nach immer erhöhter Fürsorge fir die Vottsgesundheit, die das vornehmste Ziel aller Sozialpolitik ist. Diese Sorge ist auch die tteibende Kraft der ausgedehnten Maß­regeln gegen die Tuberkulose, die in Deutschland heute die Unterstützung aller Menschenfreunde finden. Auch die jüngst in Berlin unter dem Vorsitz des Staatssekretärs von Posadowsky abgehaltene Versammlung des Haupt­ausschusses zur Errichtung von Hettstätten für Lungen­kranke bewies das. Die bei der Begründung dieser Körperschaft ausgesprochenen Hoffnungen haben sich in reichem Maße erfüllt. Schon der Kassenbericht bewies das. Im vorigen Jahre wurden über 900 000 Mark eingenommen, für 1903 hofft man auf mindestens 800 000 Mark. Auch mit den in den etwa 10 deutschen Lungenheilstätten erzielten Erfolgen kann inan zufrieden sein. Man darf natürlich von dm Heilstäftm keine Wunder erwarten, wohl aber geschieht in ihnen nach dem Stande von Wissmschaft und Erfahrung alles, um dm Leidmdm Besserung und, wmn es möglich ist, auch Ge­nesung zu bringen. Nach Professor vr. von Leydm zeigm die stattsttschen Nachweise über die Heilstäftm und Ver» sicherungsanstaltm eine wesenüiche Abnahme der Tuber» kulosesterblichkeit.

Auch gegen eine andere gefährliche Volkskrankheit, die von den meisten allerdings als Laster bezeichnet wird,, gegm dm Alkoholismus, wendet sich das öffentliche Ge­wissen hmte mehr als jemals. Der Kamps gegen den übermäßigen Alkoholgmutz ist schon jetzt nicht mehr, wie lange Zeit, die Sache einzelner, sondem er wird als eine Aufgabe der Allgemeinheit betrachtet und glücklicherweise stellen sich auch immer mehr Behördm verständnisvoll und mft Erfolg in den Dimst dieser Aufgabe. So habm jüngst in Prmßm der Kultusminister, der Mnister des Jnnem, der Minister für Landwirtschaft und derHandels- minister in einem Erlaß an die Oberpräsidmtm darauf hingewiesen, daß es notwendig sei, dem übermäßigm Ge­nuß berauschender Getränke entgegenzutreten. Den rechten Einfluß gewinnen alle diese Bestrebungen natür­lich erst, wmn unablässig im dmtschen Volk Belehrung über die Gefährlichkeit des übermäßigm Alkoholgermsses verbreitet wird. In dieser Beziehung kann man die Ge­pflogenheit des Jmaer Gymnasiums zur Nachachtung empfehlen, dessen Leitung schon seit Jahren unter dm Schülern Schristm zur Bekämpfung des Alkoholgenusses umsonst verteilen läßt. In dem Bericht über das letzte Schuljahr dieses Gymnasiums heißt es: Erst neuerdings ist das Lehrerkollegium übereingekommm, soweit fern Einfluß reicht, bei Schülern unter 15 Jahrm den Gmuß von Alkohol nicht zu dulden. Kinder sollten bis zu diesem Jahr überhaupt keine alkoholischm Getränke, also auch kein Bier, bei irgmd welcher Gelegenheit erhaltm. Es

Feuilleton.

Geheimnisse der Wilden.

So sehr die Weihen auch die wilden Völkerschaften in ihrer Kultur überragen und so viele Kenntniffe sie vor ihnen voraus haben, so besitzen manche Wilden dennoch Geheimnisse, in die noch kein Europäer hat ein- dringen können. Ein bekanntes Beispiel ist der „Feuer­tanz", über den schon soviel gestritten worden ist, ohne daß man eine völlig befriedigende Erklärung hätte finden können. Daß jemand mit bloßen Füßen auf eine Entfernung von mehr als 12 Fuß über rotglühende Steine gehen kann, klingt unglaublich, und doch hat man unleugbare Beweise, daß die Maoris und andere Ein­geborene der Südsee eine solche Leistung vollbringen können. Manche Polynesier können nicht nur unver­sehrt über glühende Steine gehen, sondern, wie sie «einen, ihre Macht auch anderen Völkern überttagen. Am 20. Januar 1899 war Oberst Gudgeon, der britische Resident auf der Cook-Insel Raratonga, Augenzeuge eines solchen „Wunders." Viele Stunden lang hatte man ein große» Feuer auf einem Fundament von großen Steinen erhalten, und um 2 Uhr nachmittag», al» die brennenden Holzkohlen beiseite gescharrt wurden, fand der Oberst die Steine so heiß, daß ein auf sie geworfener Zweig grünen Holze» in wenigen Sekunden ausflammte. Der eingeborene Priester schlug den Rand des Feuer» raum» dreimal mit seinem Zweig deS Tt-Drachen- baume», und dann ging er mit seinem Schüler langsam und bedächtig quer darüber hinweg. Der Schüler händigte einem anderen anwesenden Engländer, Mrc Godwtn, seinen Zweig ein und sagte: „Ich übertrage dir meine „mana" (Kraft). Gehe mit deinen Freunden hinüber." Darauf qingen vier Weiße, unter dmen

sich auch Oberst Gudgeon befand, hinüber. Dieser schildert den weiteren Verlauf des Experiments folgen­dermaßen: „Ich wußte ganz gut, daß ich über rotglühende Steine ging und ich konnte die Hitze fühlen, aber ich wurde nicht verbrannt. Ich fühlte etwas, daS leichten elektrischen Schlägen ähnlich war, während der Zeit und auch nachher; aber das war alles." Ein ähnliches Ge­heimnis besitzen die Shintos von Japan. In dem Houshi Shinskukyo-Tempel im Bezirk Kanda, Tokio, findet jedes halbe Jahr eine Zeremonie des Feuer­gehens statt. Eine andere ebenso geheimnisvolle Leistung ist das „vubana" oder die Probe mit kochendem Waffer. Dabei überfluten die Gläubigen sich buchstäblich mit Waffer aus Kesseln, die siedend heiß sind. Jedem anderen wäre die Haut verbrüht, aber auf den Körpern dieser Shintopriester erscheint auch nicht eine Blase. Die einzige Erklärung, die sie selbst geben, ist, daß sie den „Geist" aus dem Wasser ziehen und dieses dann unschäd­lich wird. Die Zulu» und andere südafrikanische Ein­geborene besitzen Mittel, Nachrichten zu verbreiten, von denen wir nichts wissen. Die Befreiung von Mafeking rvar am nächsten Tage in Zululand und auch 700 Meilen im Innern der Kapkolonie bekannt. Man hat gemeint, baß Läufer die Nachricht von Dorf zu Dorf tragen, daß Männer sie von Hügel zu Hügel rufen, ober daß Rauchsignale gebraucht werden. Keine dieser Erklärungen reicht aus, denn die Nachrichten reisen in einem flachen Waldland und selbst über Meere ebenso schnell wie inmitten der südafrikanischen „lropjes". Der berühmte Afrikareisende Kapitän Wellby machte eine ganz uner­klärliche Erfahrung, al» er sich vierzehn Tagereisen südlich von Abiö Adeeba in Aveffynien befand. Ein Mann stürzte in daS Lager und schrie: „Walamol

Walamo!" Er siel in einem Anfall nieder und war stundenlang tobsüchtig. Seine Leute sagten dem Forscher,

daß sie im Lande der Walamo oder der „vom Teufel besessenen" Leute wären. Diese, behaupteten sie, könnten einen Mann verrückt machen, und es wäre gefährlich, in ihrer Gegenwart zu essen. Einer von Kapitän Wellbys Leuten tat es und wurde auch verrückt. Der Kapitän beschloß, diesem Aberglauben ein Ende zu machen, und er selbst nahm eine Mahlzeit vor etwa hundert Walamo ein. Er dachte nicht mehr daran, bis er sich am nächsten Morgen sehr elend und krank fühlte, obgleich er bis zu jenem Tage nicht einen einzigen Augenblick während seiner Reise krank gewesen war. Er bekennt, daß er keinen Grund für die bösen Wir­kungen finden konnte, die sich aus einer Berührung mit diesem merkwürdigen Volk ergaben. Die Walamo waren keineswegs abstoßend. Die Männer rvaren groß und kräftig und die Frauen sehr hübsch. Er fügt hinzu, baß sie immer lachten und scherzten. Einen merkwürdigen Fall berichteten kürzlich englische Blätter von dem „papaloi" oder Obeahmann, der über die Neger vieler westindischer Inseln, besonders Jamaicas, eine unein­geschränkte Herrschaft ausübt. Dieser will Geheimnisse besitzen, die ihm diese Macht geben. Der alte vertraute Diener eines britischen Beamten in Jamaica wurde eines Tages verrückt. Er wurde stumm und konnte augenscheinlich nicht verstehen, was man ihm sagte. Sein Weib erklärte, er müsse unbewußt den Obeahmann be­leidigt haben. Sein Herr meinte natürlich, das wäre Unsinn, und ließ den Mann von einem tüchtigen euro­päischen Arzt behandeln. Nach drei Wochen, während welcher der Unglückliche ständig kränker wurde, gab der Arzt ihn als unheilbar auf. Darauf brachte sein Weib ihn den Berg hinauf zum Hause des Obeahmannes. Dieser untersuchte ihn, mischte dann einige Blätter zu einem dicken grünen Teig, von dem er essen mußte. Drei Tage später war er wieder völlig gesund.