Witsbsdkmr T
31. Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27.
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264 . verlags^erusprecher No. ASS.
Abend'Ausgabe.
Englands Außenhandel.
Unser Lo n d o n e r n.-Korrespondent schreibt unterm 6 Juni: In einem Augenblick wie dem gegenwärtigen, wo England Gefahr läuft, sich zum Bruch mrt dem Freihandelsprinzip verleiten zu lassen, vermögen selbst Blau- bücher über das Geschäft Großbritanniens die Anziehungskraft populärer Romane auszuüben. Ganz kürzlich erschien ein solches, das den Welthandel der Firma John Bull u. Ko. zum Gegenstand hatte, und aus dem hervorging, daß der Handel Englands mit fremden Ländern zu demjenigen mit seinen Kolonieen im Verhältnis von ungefähr 3 zu 1 steht und ferner, daß im Falle des ersteren während der letzten fünf Jahre eine ungleich stärkere Zunahme zu verzeichnen war als in dem des letzteren. Gestern wurde ein zweiter Band über das gleiche Thema veröffentlicht, in dem ein Vergleich zwischen den Jahren 1898—1902 angestellt ist. In diesem Buche wird die Gesundheit der kommerziellen Position Englands, sowie das große Prinzip, auf dem sie sich aufbaut, beleuchtet und bewiesen. Aus der ersten Tabelle in demselben geht hervor, daß der Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr von 23% in 1898 aus weniger als 17% in 1902 zurückging. Im vorigen Jahre belief er sich aus 179 152 495 Psd. Sterl. In der Mehrzahl der Fälle ist die Einfuhr größer als die Ausfuhr, und die vornehm- lichsten Ausnahmen von dieser Regel bilden Italien, Spanien und Österreich, die ungleich mehr von John Bull u. Ko. kaufen, als sie ihm liefern. Im Verkehr mit Deutschland herrscht fast vollständiges Gleichgewicht, denn England exportierte dahin im vorigeii Jahre für 83 094 565 Pfd. Sterl. und empfing von da für 33 633 956 Pfd. Sterl. Frankreich dagegen verkaufte nach England für 50 642 928 Pfd. Sterl. und bezog kür nur 22 275 721 Pfd. Sterl. Großbritanniens größter Kunde bleiben die Vereinigten Staaten, mit denen sich !der gesamte Verkehr auf 154 696 632 Pfd. Sterl. in 11898 und auf 170 042 674 Psd. Sterl. in 1902 stellte. In 1898 aber bezog England für 95 467 678 Pfd. Sterl. Mehr als es beit Amerikanern lieferte, und in 1902 war das mit 83 880 628 Pfd Sterl. der Fall. Die Ausfuhr nach den britischen Besitzungen, und ebenso die Einfuhr ivon da weist eine gesunde Steigerung auf, erstere wuchs ßn dem bewußten Zeitraum um etwa 17 Mllwnen, und letztere um mehr als 7 Millionen. Wie bereits gesagt, stellte sich der gesamte Handelsverkehr zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten aus 170 042 674 Pfd. Sterl., während der zwischen ersterem und seinen Besitzungen und Protektoraten 224 304 61a Psd. Sterl., rnd das gesamte Geschäft zwischen England und fremden
Dienstag» den 8. Juni.
Ländern 653 326 538 Pfd. Sterl. betrug. Es handelte sich da natürlich um das gesamte Geschäft, das England als Spediteur, Makler, Zwischenhändler und Produzent machte. In letzterer Eigenschaft allein aber erzielt es sehr befriedigende und immer besser werdende Resultate. Tie gesamte Ausfuhr von Fabrikaten und sonstigen Pro- dukten aus dem Vereinigten Königreiche stellte sich m 1898 auf ungefähr 232 000 000 Pfd. Sterl. und in 1902 auf 283 000 000 Pfd. Sterl., so daß also eine Steigerung um 50 000 000 Pfd. Sterl. oder etwa 21% stattsand, aus der hervorgeht, daß England als Produzent ungleich schnellere Fortschritte macht, denn als Makler, Zwischenhändler oder Spediteur. Die gesamten Zolleinkünfte des Vereinigten Königreichs beliefen sich in 1898 auf 21 431 131 Pfd. Sterl. und in 1902 auf 37 140 599 Pfd. Sterl. Bei einer Untersuchung der betreffenden Tabellen finden wir jedoch, daß die Steigerung nur zum kleinen Teil dem Aufschwünge des Geschäftes und in der Hauptsache dem Anziehen der Zollschraube zuzuschreiben war. In 1902 lieferte z. B. der Getreidezoll 1 882 918 Pfd. Sterl. und derjenige auf Zucker 6 320 970 Pfd. Sterl. Beide Einnahmequellen bestanden aber bekanntlich in 1898 noch nicht und bildeten lediglich das Produkt des Transvaalkrieges. Der einzige Schluß, den ntcnt aus all diesen Ziffern ziehen kann, ist der, daß England bezüglich seines Geschäftes umsoweniger Ursache hat zu klagen, als die Statisfiken einen unverkennbaren Fortschritt selbst in Jahren Nachweisen, in denen im Auslande vielfach ausgesprochene geschäftliche Depression herrschte. _
Re-aktionS-Ferusprecher No. SS.
1963 .
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(23. Fortsetzung.)
Seit langer Zeit war ein ernstes Streben nach innerer Vertiefung der Hauptinhalt seines Lebens eine tiefe Sehnsucht nach dem Höchsten, Heiligsten, das einem Menschenleben Wert gibt und ihm den Weg zum letzten, erhabensten Ziele zeigt. Aufs Geratewohl schlug er das Büchelchen auf und las:
„Ich weiß deine Werke; denn du hast den Namen, daß du lebest und bist tot. Sei wacker und stärke das andere, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht völlig erfunden vor Gott." v
„Gedenke, wie du empfangen und gehört hast, und halte es und tue Buhe. So du nicht wirst wachen, werde ich über dich kommen wie ein Dieb, und wirst nicht wissen, welche Stunde ich über dich kommen werde."
„Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angelegt werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buche des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln."
„Wer überwindet!"
Gottburgsen schlug das Buch zu und legte es wieder auf die Bank. Sein Entschluß war gefaßt. Eine ab- geklärte heitere Ruhe lag plötzlich auf seinen, Zugen und auf seiner entwölkten Stirn, während er mit gefalteten Händen dasaß und die Bäuerin mit den harten, groben Zügen anblickte. Die Sehnsucht nach dem „weißen Kleide" schlug alle Zweifel und Bedenken, die ihn vorhin noch peinigten, nieder.
.überwinden. Sich selber überwinden-durch
Buße."
7. Kapitel.
Am Spätnachmittage des anderen Tages sandte Doktor Lausten durch dieStadtpost die Adresse des jungen Schriftstellers. Nur die Anwesenheit eines großen Londoner Kunsthändlers, mit dem er öfters Geschäfte machte, hielt Gottburgsen zurück, seinen beabsichtigten Besuch bei
Deutsches Deich.
Zum Besuch des Königs von Italien in Paris.
L. Berlin, 8. Juni.
Der für den 16. Juli angekündigte Besuch des Königs von Italien in Paris konnte für die hiesigen maßgebenden Kreise keine Überraschung bedeuten. Es kann als sicher angenommen werden, daß schon während des Aufenthalt des Kaisers Wilhelm in Rom entsprechende Mitteilungen stattgefunden haben und mit einer durch das gegebene Bundesverhältnis gerechtfertigten Befriedigung ausgenommen worden sind. Denn man darf nicht außer acht lassen, daß der selbstverständliche Gegenbesuch Loubets im Ouirinal eine neue wichtige moralische Anerkennung Roms als italienischer Hauptstadt durch ein kacholisches Staatsoberhaupt bedeuten wird. Namentlich in diesem Sinne wird die Angelegenheit in Berliner politischen Kreisen mit einer gewissen Genugtuung und jedenfalls ohne eine Spur von Mißtrauen beurteilt. Ae Beziehungen zwischen den Kabinetten von Berlin und Rom sind so eng, das Bündnis ist so gut gesichert, sein Vorteil für Italien liegt so sehr auf der Hand, daß jeder
dem Schriftsteller sofort auszuführen. Als sich der Eng länder endlich empfahl, war es schon sieben Uhr vorbei; dennoch machte Gottburgsen sich noch auf den Weg, Thygo Arfst aufzusuchen. „
Eine ungeduldige Erwartung erfüllte ihn, nichts anderes. Kaum war er sich recht bewußt, was er bei dem jungen Manne wollte, wie er seinen Besuch begründen sollte. Er gab einfach eineni starken individuellen Drange nach, ohne die etwaigen Folgen dieses Schrittes zu überlegen.
Der Schriftsteller wohnte weit draußen im Norden; eine Strecke benutzte Gottburgsen die Pferdebahn, dann ging er zu Fuß durch das Gewirr der Straßen und schmalen Gassen, bis er endlich am Ziele war.
Ein Hinterhaus, die. Treppen hoch. Auf der dritten Stiege begegnete ihm eine Frau mit einem großen Korbe frisch gebügelter Wäsche. Gottburgsen blieb stehen: „Entschuldigen Sie, liebe Frau. Können Sie mir vielleicht sagen, ob hier oben der Schriftsteller Herr Thygo Arfst wohnt?" fragte er, seinen Hut berührend, mit einem zweifelnden Blicke nach der letzten steilen Treppe, die offenbar in die Mansarde des ärmlichen Hauses führte.
„Einer von beiden ist noch da. Ob's der Schriftsteller oder der Maler ist, weiß ich nicht", gab die Frau zur Antwort.
Seufzend stieg Gottburgsen auch noch die letzten ausgetretenen Stufen der geländerlosen Treppe hinauf. Oben vor der Tür des Bretterverschlages stand er eine Weile still und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war so schwül draußen — und das Herz hämmerte ihm nun doch in dumpfen Schlägen gegen die Brustwand.
„Überwinden. Meister!" murmelte er, überwinden!" und klopfte an die Tür. Zugleich näherten sich von innen Schritte. Me Tür wich zurück, und in dem gelblich rosigen Abendschein, der den Mansardenraum durchwogte, sah Gottburgsen zu seinem Erstaunen sich seinem Schützling, dem jungen Maler aus der Villa Helene, gegenüber.
„Herr Professor", muimelte der junge Mann er- rötend, indeni er zurücktrat, um Gottburgsen den Eingang freizugeben. „Sie selbst — die steilen Treppen —"
Anlaß entfällt, die Kommentare der franzosenfreundlichen Blätter Italiens zu der Reise des Königs nach Paris als mehr denn als die Kundgebung von Minderheitsparteien anzusehen. Mit besonderem Interesse wird hier die Frage verfolgt, ob Loubet im Vatikan . einen Besuch machen wird. Wenn aus Rom gemeldet wird, der Papst habe sich bereits mit äußerster Entschiedenheit geweigert, den Präsidenten der Republik zu empfangen, so braucht damit noch lange nicht das letzte Wort in der Situation gesprochen zu sein. Empfängt der Papst Herrn Loubet schließlich doch (was sehr wohl erwartet werden kann), so wäre die Tragweite dieses Ereignisses groß im Hinblick aus die immer noch ungelöste kritische Frage des Gegenbesuchs des Kaisers Franz Josef in Rom. Sollte Papst Leo sich icherwinden können, den Präsidenten als Gast bei sich zu sehen, so wäre kein rechter Grund mehr ersichtlich, weshalb Kaiser Franz Josef nichts auch nach Rom gehen sollte, um dort sowohl den König wie den Papst zu besuchen.
Wiederum der Fall Havcnstcin.
L. Berlin, 8. Juni.
Man erinnert sich vom Winter her des Falls Havenstein. Im Februar oder März war in hiesigen Blättern zu lesen, daß der Kammergerichtsrat Havenstein aus dem Strafsenat in einen Civilsenat versetzt worden sei, und zwar ohne sein Ansuchen und gegen seinen Willen, und daß er zwei Tage nach seiner Versetzung einen dreimonatigen Urlaub genommen habe. Aese Aufsehen erregenden Mitteüungen kamen auch im Abgeordnetenhause zur Sprache. Der Justizminister erklärte die Behauptung für falsch, daß auf das Präsidium des KammergerichtL ein Druck ausgeübt worden sei. Er möchte den Mann sehen, der dergleichen versuchte, „und welche Geschäfte ein Herr machen würde, der diesen Versuch unternehmen wollte." Aes also war im Winter. Jetzt kommt die „Vossische Zeitung" auf die Sache zurück und stellt Fragen, die so ernst sind, daß die Öffentlichkeit von ihnen erfahren mutz, weshalb wir sie hier wiedergeben. Das Blatt schreibt: „Ist es wahr oder unwahr, daß verschiedene hohe Amtsstellungen Vorstellungen über die wiederholte Entscheidung des Strafsenats gegen die Gültigkeit hon Polizeiverordnuqen gemacht haben? Den Justizminister haben wir dabei nicht im Auge. Ist es wahr oder un- wahr, daß der Präsident des Kammergerichts, Wirklicher Geh. Rat v. Drenkmann, in derPräsidialsihung auf jene Vorstellungen hingewiesen hat? Ist es wahr oder un- wahr, daß er mit dem Hinweis auf diese Vorstellungen die Versetzung des Herrn Havenstein befürwortete? Hier, gibt es nur eine Antwort: Ja oder nein." So die „Voss. Ztg.", die weiterhin ausdrücklich danach verlangt, den Beweis für ihre allerdings befremdlichen Angaben vor Gericht zu führen. Um ihr dies zu ermöglichen, wäre nur eine Kleinigkeit nötig, nämlich die Entbindung der
„Ja, das ist in der Tat ein seltsames Zusammentreffen", sagte Gottburgsen, „ich wollte nämlich Sie nicht besuchen. Hier soll ein Schriftsteller wohnen oder ge- wohnt haben — Herr Arfst — kennen Sie ihn vielleicht?"
„Er ist mein Stubben- und Schlafkamerad. Seit sechs Wochen ist er in Stuttgart. Ich bekam vor einigen Tagen einen Brief von ihm. Wenn ich Ihnen mit seiner Adresse dienen kann —"
„Danke, es wäre mir lieb. Ich werde ihm schreiben."
Gottburgsen war näher getreten und sah sich aufmerksam um. Der viereckige Raum mit dem schräg abfallenden Dach und den gekalkten Wänden war nur mit den notwendigsten Einrichtungsgegenständen versehen. An der einen Breitwand ein zweischläfriges Bett mit sauberem, rot- und weiß gewürfeltem Überzug, daneben ein einfacher, gleichfalls peinlich sauberer Waschtisch, in der Ecke ein durch Kattunvorhänge abgeteilter Ranm, der dem Bewohner zum Aufbewahren seiner wenigen Garderobestücke dienen mochte, und an der Fensterwand zwei Stühle und ein tanncner Tisch, ans deni die Über- reste eines einfachen Abendessens und eine kleine Sprit- Maschine, auf der das Teewasser wohl soeben gekocht hatte, standen. Trotz der primitivsten Ausstattung machte die Mansarde keinen unfreundlichen Eindnick. Die weit ostenstehenden Fenster ließen Luft in Hülle und Fülle hinein. Ein Strauß frischer Frühlingszweige in einer Tonvase und eine Anzahl aus Zeitungen geschnittener und zierlich an der Wand geordneter Holzschnitte, die in Ermangelung von Rahmen teilweise mit Tannengrün umgeben waren, zeugten von dem Schönheitssinn des Bewohners. Gottbürgsens Blicke wurden wie von einer magnetischen Kraft von dem Mittelpunkte des improvi- sierten Wandschmuckes — einer eingerahmten Zeichnung: der zwölfjährige Jesus im Tempel — nngezogen. Wort- los, in tiefer Bewegung blieb er davor stehen. Wie aus tveiter Ferne schlug die Stinnne des jungen Malers an sein Ohr, ohne daß er den Sinn des Gesprochenen verstand. Er hätte auch nicht antworten können, das erste Wort hätte seinen Zustand verraten, er fühlte, er würde aufschluchzen, sobald er den Mund öffnete. Die Erschütterung des Augenblicks war zu mächtig.
