1. Beilage nun Wiestmüener Tagblatt.
K». 261. Morgen-Ansgahr.
Sonntag, den 7. Juni.
61. Jahrgang. 1903.
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Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt.
Der hat in Rom gar einen schweren Stand:
Den» Rom will alles nehmen, geben nichts; Und kommt man hin, um etwas zu erhalten.
Erhält man nichts, man bringe denn was hin,
Und glücklich, wenn man da noch was erhält.
Goethe.
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(41. Fortsetzung.)
Spate Erkenntnis.
Roman von Alexander Römer.
Ellens Busen hob sich stürmisch. War Leopold solch einen Handel eingegangen, fragte sie sich. Hatte er sich erniedrigt zu solchem Spielzeug für müßige Stunden dieser sehr reifen Weltdame? Sie war dumm und unerfahren auf diesem Gebiete, sie konnte sich da nicht zurechtfinden. Aber nein — Leopolds Reden hatten Hoffnungen verraten, zu denen diese Circe chn berechtigt haben mußte — sie war es gewesen, die ihm Ehre und Gewissen ertötet hatte — sie-
Adine redete jetzt weiter, ihre Stimme klang berückend weich.
„Du verstehst nicht, warum ich dir diese Beichte ablege, ich weiß es selbst nicht — ich konnte ja nicht erwarten, dich noch zu sehen — aber — du hast es mir immer_ angetan, erinnere dich, schon in der Kinderzeit mußte ich dir immer alle meine dummen Streiche anvertrauen. Und nun sei nicht herbe, urteile nicht wie eine alte Jungfer. Dein Blut war von jeher kühler als meins, aber du bist doch jung und verstehst doch wohl so viel: ich habe Wonne und Glück ungemessen gegeben und gekostet, und nun ist das vorbei, — mußte vorbei sein — er hatte sich's lange ebenso sagen müssen, wir gehen beide fortan in solide Bahnen, in ebene Geleise."
„So", sagte Ellen und ihre Augen funkelten. „Warum Sie mir diese Beichte ablegen, ist mir allerdings »mverständlich, daß ich die Dinge mit einem anderen Rainen nenne, sollten Sie wissen. Und ich frage Sie jetzt, was haben sie dem Manne, dem sie Ehre und Gewissen einlullten, vorgespiegelt? was hat er geglaubt, wohl bis heute noch?"
Ellens Blick ruhte brennend auf dem schönen Gesicht, das ihr so vertraut war, und das sie ehemals geliebt hatte. Jetzt sprach ein glühender Zorn und eine tiefe Verachtung aus ihren Mienen.
Adine wandte sich ab, ein unsicheres Flackern kam in ihre Augen. Sre zuckte die Achseln.
.Ach! ich hätte es mir sagen sollen, daß du wie Hinz und Kunz denken würdest", murmelte sie balb wie für sich. „Besinne dich doch Ellen, an eine Heirat war in diesem Fall doch nicht zu denken. Er — er müßte ja seinen' Verstand verloren haben, wenn er emen Augenblick daran gedacht hätte."
„Fräulein v. Rodenfels, Gott wird geben, daß der Unglückliche, den Sie sich zum Opfer erkoren, seinen Ver
stand wiederfindet und sich glücklich preist, vor der Erfüllung seiner tollen Wünsche bewahrt zu sein. Der Mann, dem Sie jetzt Ihre Hand reichen, um in soliden Bahnen neben ihm zu wandeln, möchte sich bedanken, diese Hand zu fassen, wenn er wüßte, daß es die einer Ehrlosen ist."
„Ellen!"
Es war ein wilder Aufschrei von Adinens Lippen. Sie war kreidebleich geworden, ein bläulicher Schatten spielte um ihre Nasenflügel.
Ellen stand hochaufgerichtet vor ihr und hielt ihrem wütenden Blicke stand. Dann wandte sie sich und schritt ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.
*
Ellen zitterte an allen Gliedern, als sie das Haus verließ, und doch empfand sie unter dem Tumult ihrer Gefühle etwas wie Befreiung.
Armer Leopold! Die Verachtung, der Zorn gegen den Bruder, der sich in ihr angesammelt und sie fast ersfickt hatte, milderte sich zum Mitleid ab. Ihm waren schwere Versuchungen gemacht. In dem Leben, welches liebende Fürsorge ihm hatte ebnen wollen, waren seine schlimmen Eigenschaften ausgebildet worden — Selbstsucht und Eitelkeit.
Heimlich klagte Ellen in dieser Stunde auch die Mutter an, welche in ihrer Schwäche Lüge und Heuchelei bei ihm groß gezogen. Des Bösen Fluch ist seine fortwirkende Kraft — ihre Seele erschauerte m der Furcht vor dem nun Kommenden. Wie würde Leopold diese Schläge tragen. Eine schwache Hoffnung keiinte trotz des zentnerschweren Druckes, der auf ihr lastete, in ihr auf, er könne sich darunter aufrichten.
Die Mutter empfing sie heiter. Für morgen war die Testamentseröffnung angesetzt, allerlei Freundinnen und Bekannte waren da gewesen, man nahm allgemein Teil an der freundlichen Wende ihres Sasicksals.
„Du mußt mich nicht darum tadeln, Ellen", sagte die Doktorin halb verschämt, „wenn die Freude in mir hoch kommt trotz der Trauer um den Hingeschiedenen. Der liebe Mann, der nun in der ewigen Ruhe ist, hat mir eine große Sorgenlast abgenommen, aber er war ein sonderbarer Mensch, und ich habe mich immer vor ihm gefürchtet. Darum kann ich ihn auch nicht ver- missen."
Ellen sah auf ihre Arbeit, die sie mechanisch genommen. Sie horchte auf das Öffnen unb Schließen der Tür drüben — ob Leopold kam — ob er vielleicht schon drinnen war in seinem Zimmer — wußte er schon?-
„Nun, Mütterchen, als Poldel auf des Jusfizrats Kosten studierte, und ich für mich selbst erwarb, da brauchtest du doch nicht mehr ängstlich zu sorgen, und — im Grunde sollte die Hoffnung auf das Erbe ihn und auch dich nicht mehr so erfüllt haben —", bemerkte sie, hielt aber in ihrer Rede inne, in der Furcht mehr zu sagen, als heute gut und ratsam war. Es lag ihr ja nur daran, die Mutter von ihrer furchtbaren Spannung nichts merken zu lassen.
„Ach Kind!" Die Doktorin rückte näher an die Tochter heran und flüsterte vertrauüch, „du weißt das ja alles garnicht, ich konnte und wollte dir das damals nicht verraten — der Poldel reichte ja nie mit seinem Gelde. Zu mir kamen sie dann, diese schrecklichen Menschen, mit Rechnungen und Wechseln, Von denen ich nichts verstand. Was ich irgend machen konnte, das deckte ich, und im übrigen redete ich die Leute zur Ruhe und vertröstete sie, damit sie nur nicht zum Justizrat gingen."
„In der ersten Zeit, als er hier zu praktizieren an- fing, hat er einiges abbezahlt, und ich war so froh. Ach Ellen! mich hatten die fortwährenden Aufregungen krank gemacht. Aber später — na, nun hat ja gottlob alle die schreckliche Not ein Ende. Poldel kann alle seine Schulden bezahlen, und — du sollst es sehen — er fängt dann auch wieder an zu arbeiten. Es war Trotz bei ihm, glaub' es mir, er wehrte sich gegen die Fessel, ich kenne chn, ein guter Kern sitzt doch in chm."
Die alte Frau wurde in ihrer Herzenserleichterung redselig und Ellen ergrimmte wieder innerlich. Wie war es möglich, daß die Mutter so blind sein konnte.
Sie überredete sie, sich heute frich schlasen zu legen, da der morgende Tag jedenfalls viel Aufregung bringen werde. Ihr brach das Herz fast in dem Gedanken an dieselben, und wie die schreckliche Wahrheit der heut so Hoffnungsfreudigen dann nicht mehr zu verheimlichen war.
Als sie die Mutter zur Ruhe gebracht hafte, ging sie noch einmal hinüber, an des Bruders Zimmer nachzusehen. Die Tür war verschlossen — es packte sie eine Todesangst, sie probierte mft einem Stift am Schlüsselloch — wie sie vermutete, steckte der Schlüssel von innen — er war zu Hause.
Blitzähnlich flogen Überlegungen durch ihr Hirn. Sie wollte kein Aufsehen — sie konnte ja nicht wissen —■ und doch — diese Angst war unerträglich. Sie holte allerlei kleine Werkzeuge aus ihrem Nähkörbchen und machte leise und vorsichtig Versuche, den drinnen steckenden Schlüssel zu entfernen. Sie besaß einen zweiten und war dann mtschlossen, mit demselben zu öffnen und zu ihm hineinzugehen.
Nach mehreren vergeblichen Mühen gelang das Experiment, der Schlüssel fiel innen mit einem hörbaren Geräusch zu Boden, aber alles blieb sfill.
Leopold schien im zweiten Zimmer zu sein. Sie schloß leise auf und überschritt die Schwelle. Ein nervöses Zittern überfiel sie, sie kam sich wie ein Dieb und Einbrecher vor — aber wer konnte wissen, wohin ihn die Verzweiflung trieb. ^ m x.
Eine falbe Dämmerung herrschte m dem Gemach, schwarze Wolken standen draußen am Frühlmgshimmel, einzelne schwere Tropfen schlugen gegen die Fenster- scheiben.
Sie schrttt weiter — auch in dem folgenden Raum schien es dunkel zu sein. Leise machte sie die Tür auf — ihr Atem stockte.
«Fortsetzung folgt.)
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