febaiViirr Tagli latt.
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Politische Übersicht.
Nach der kurzen Ruhepause des Pfingstfestes hat die Wahlarbeit wieder mit verstärktem Eifer eingesetzt, denn wir treten jetzt in die letzte Woche vor den Wahlen, und die Entscheidung rückt mit schnellen Schritten heran. Die Parteien haben ihre Schlachtreihen formiert, und die Aufstellung der Kandidaten ist im wesentlichen vollendet. In der letzteren Beziehung ist diesmal ein bisher uner- reichter Rekord geschaffen worden, da sich nahezu 1200 Kandidaten, von denen etliche mehrfach und einige sogar recht vielfach aufgestellt siud, um die „Gunst eines wohllöblichen Publikums" bewerben.
Aber wir leben zur Zeit nicht nur in der Ara der Wahlversammlungen, sondern auch der gemeinnützigen und wissenschaftlichen Versammlungen, in der Ära der Kongresse, die von jeher die Zeit um Pfingsten herum mit Vorliebe für ihre Jahresversammlungen benutzt haben. In Potsdam hat der deutsche Schulverein, in Darmstadt der evangelisch-soziale Kongreß seine Tagung abgehalten; Lehrer- und Lehrerinnentage haben sich mit der Förderung des Schulwesens befaßt, die Geographen und Chemiker bemühten sich um den Fortschritt ihrer Wissenschaft, die Chirurgen um die Förderung der Heilkunst. Und in Frankfurt a. M., wo sangesfrohe Kehlen um die Palme des Sieges ringen, erklang die Parole: „Strömt herbei, ihr Völkerscharen!", denn — wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.
Auch der englische Kolonialminister, Herr Cham- b e r l a i n, ist gar nicht ein so böser Mensch, wie er ausschaut. Er hat von seiner heißblütigen Zollkampfparole schon bei den jüngsten Verhandlungen im englischen Unterhause ein gut Teil abgelassen, und er wiegelt jetzt weiter ab. Herr Chamberlain hat erklärt, wmn die
Kolonieen nicht auf die von chm geplante Zollunion ein- grngen, dann sei eben nichts zu machen und man müßte auf solche Pläne verzichten. Das klingt sehr resigniert und ganz in der Tonart einer bekannten Parodie: Wenn du noch eine Mutter hast und ihr wollt beid' nach Dresden spritzen — und ihr habt beid' den Zug verpaßt, dann breibt ihr eben beide sitzen.
Auch die anti-österreichischen Kund- gebungen, die in dm letzten Tagen von i t a l i e - nischenStudenten veranlaßt worden sind, braucht man nicht allzu tragisch zu nehmen und sind auch in Österreich nicht tragisch genommen worden. Jugend kennt keine Tugend, und insbesondere der itasienische Student, wie der romanische überhaupt, ist von jeher ein Freund tumultuarischer Manifestationen. gewesen. Alles in allem ist es ja auch bei den Kundgebungen der italienischen Studenten verhältnismäßig civilisiert zugegangen im Gegensatz zu den Unruhen in Kroatien, wo die scharfe und schärfste Tonart noch immer überwiegt, ohne daß es bisher der ungarischen Regierung gelungen ist, die Geister, die freilich nicht ohne schwere Schuld der Regierung in Erregung versetzt waren, zur Ruhe zu bringen.
Recht schwach sind auch die Erfolge, welche die türkische Regierung bisher bei derselben Tätigkeit gegenüber den aufrührerischen Macedoniern erzielt hat. Die Pforte hat zwar schon so und so oft verkündet, daß der Aufstand völlig niedergeschlagen fei', und daß die verschiedenen interessanten Stämme, welche in Macedonien beheimatet sind, die Reformen angenommen haben, aber die blutigen Tatsachen haben bisher noch stets die Versicherungen der türkischen Beschwichtigungshofräte Lügen gestraft.
Immerhin hat sich die, Lage auf dem Balkan insofern gebessert, als Bulgarien infolge der Verwarnung der Mächte seine Putschversuche in Macedonien eingestellt hat. Als ganz besonders „ordnungsliebend" spielt sich zur Zeit die serbische Regierung auf, welche wiederum die Türkei beschuldigt, daß es ihr mit den Reformen nicht ernst ist. König Alexander von Serbien ist auch stolz auf die Erfolge seiner Regierung, denn bei den Wahlen zur Skuptschina sind nur regierungsfreundliche Abgeordnete gewählt worden. Man weiß freilich, wie so etwas in Serbien gemacht wird!
Ebenso wie auf dem Balkan dauern auch in Marokko die Wirren fort, und die Lage wird immer verworrener. Nunmehr ist durch die Beunruhigung der algerischen Grenze auch Frankreich in die marokkanischen Wirren hineingezogen worden, doch versichert die französisckie Regierung, daß ihr hierbei jegliche Eroberungssucht fern liege. Hoffentlich ist diese Versicherung ehrlicher gemeint als die der russischen Regierung, welche noch immer in gemessenen Zwischenräumen die bevor- stehende „endgültige Räumung" der Mandschurei ankündigt. Voraussichtlich dürfte es aber dabei noch zu mancherlei Mandschureibungen kommen!
Deutsches Deich.
Die Berliner Katholiken.
L. BerIin, 8. Juni
Eine Versammlung von Zentrumswählern in der an- geblichen Stärke von 3000 Personen füllte gestern abend den Circus Busch. Eine solche Versammlung hat es in Berlm noch nicht gegeben. Praktisch mag sie nicht viel bedeuten, denn es ist undenkbar, daß der Klerikalismus hier jemals Wahlerfolge erringen könnte. Er könnte das höchstens, wenn die 200 000 Katholiken, die der Zen- trumskandidat für Berlin, der Priester Stephan, für die Hauptstadt herausrechnete, sämtlich in einem Wahlkreise wohnten und sämtlich dem Zentrum angehörten. Wer den meisten hiesigen Katholiken fällt es garnicht ein, sich zum Zentrum zu rechnen. Ein großer Prozentsatz der katholischen Bevölkerung wird von den handarbeitenden Klassen gestellt und ist der Sozialdemokratie zuzuzählen. Viele andere sind ehrliche Liberale, die meisten verharren in ihrer Passivität, weil Erfolge des Zentrums überhaupt nicht in Betracht kommen können. Wenn von den katho- lischen Wählern, wie Herr Stephan erzählte, bei den letzten Wahlen nur der zehnte Teil gewählt hat, so spricht sich darin allein schon der unabänderlich gegebene Zustand aus. Möglich, daß die Zahl diesmal etwas anschwillt, aber sie wird auch dann, um banal zu sprechen, den Kohl nicht fett machen. Nun bleibt die Berliner Zentrums- Wählerversammlung aber doch ein sehr bemerkenswertes Ereignis, nämlich als lehrreicher Beitrag zu den umwälzenden Wirkungen der deutschen Binnenwanderung, dieses großen geschichtlichen Prozesses im sozialen Leben des gegenwärtigen Deutschlands. Der Anteil der katho- lischen Bevölkerung ist in Berlin weit über das prozentuale Verhältnis gestiegen, das den Katholiken bei normaler Entwicklung zukäme. Darin spricht sich aus, daß die flavische Flutwelle auch hierher mit besonderer Macht vorgedrungen ist, und daß die Anziehungskraft Berlrns auf die katholische Bevölkerung im Reiche beträcht- sicher ist, als man nach dem üblichen Gerede von Ab^ neigung gegen die deutsche Hauptstadt vermuten sollte.
Waldcrsee.
Dem Grafen Waldersee ist es mehrfach schon bescheinigt worden, daß sein wenig glücklicher Gedanke, den Jesuitengeneral in Rom zu besuchen, auf sein alleiniges staatsmännisches Konto kommt. Der Feldmarschall muß über diese Bescheinigung jetzt von neuem quitsieren. In einer Notiz, deren Wilhelmstraßen-Ursprung genügend erkennbar ist, wird gesagt, daß seine römischen Besuche aus seiner eigenen Initiative hervorgegangen seien, daß er keinen amüichen Auftrag gehabt habe. Man erkennt aus diesen wiederholten Feststellungen, wie unangenehm jene Vorkommnisse dem Grafen Bülow gewiesen sein müssen und noch sind.
Am weißen Meide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(21. Fortsetzung.)
„Wer warum müssen Sie gerade eine alte Jungfer werden — gerade Sie" — er wollte hinzufügen: „Mit Ihrer Schönheit", aber er verschluckte den Zusatz.
„Ich muß nicht. Schließlich fände sich schon noch ein Mann für mich, obgleich ich nächstens achtundzwanzig Jahre werde."
„Sie verachten die Männer?"
Maud schüttelte lachend den Kopf. „Im Gegenteil, ich habe die Männer sehr gern; als Freunde, als Kameraden sind sie mir lieber als die Frauen, deren Interessen sich meistens so sehr zerteilen, daß man von ihrer Freundschaft nicht viel hat. Nur in Bezug auf die Ehe habe ich ganz altmodische — wenigstens nach den allgemein vor- herrschenden Anschauungen — ganz veraltete Ansichten. Ich finde jede Ehe, die nicht absolut auf Herzensneigung gegründet ist, unmoralisch. Und da ich viel zu nüchtern und praktisch veranlagt bin, um Aussicht zu haben, mich jemals wirklich zu verlieben, bleibe ich ledig und befinde mich sehr wohl bei der Perspektive auf eine Zukunft als alte Jungfer."
„Ein einsames Wer soll aber sehr traurig sein."
„Für mich nicht. Nur beschränkte und engherzige Naturen leiden unter dem Gefühle der Einsamkeit. Obgleich ich außer meinem Vater keine Angehörigen mehr auf der Welt habe, werde ich mich doch nie einsam fühlen. Ich begreife, offen gestanden, die Menschen nicht, die, während sie angeblich für die höchsten Ideale kämpfen, während sie die größten Ideen zu den ihren machen und sich in tiefen philosophischen Betrachtungen über den Wert des Lebens und seiner Güter ergehen, dabei oft zu ein- fältig und geissig engatm-ig sind, um es einzusehen und zu begreifen, daß es außer der Blutsverwandtschaft noch eine höhere moralische Zugehörigkeit der Menschen unter- einander gibt. Als ob nicht in der großen Familie der Menschheit, die des sieben Gottes Erde als gemeinsame
Hermat bewohnt, jeder Hilfsbedürftige, Verlassene unser Bruder oder unsere Schwester wäre. Ich würde niemals einsam sein, niemals."
„Die wenigsten stehen auf so hoher Warte und erfassen ihre Lebensaufgaben von so weiten Gesichtspunkten. Von der Einsamkeit abgesehen — ich gebe zu, daß eine solche allgemeine Menschenliebe im stände ist, ein einsames Leben auszufüllen, aber das wirkliche Glück der Frau liegt doch nur im Familienleben."
„Gewiß, wenn ihr dies Glück zu teil wird."
Gottburgsen wollte sagen, daß sie doch sicher nicht auf ein solches Glück zu verzichten brauche, aber wieder unterdrückte er die Bemerkung, weil sie ihm fade und phrasenhaft schien. Ter Weg verbreitete sich jetzt und mündete auf eine Lichtung, die von jungen Eichen umfäumt wurde und in deren Mitte eine Insel von blauen Hundsveilchen stand. Von einer Rosenkrauthecke zog ein feiner würziger Duft durch den Waldodem. Wenige Schritte jenseits der Lichtung verlor sich der Pfad in den breiten Weg, der zum Restaurant führte. Schon in einiger Entfernung tönten zu den Nahenden Stimmen und gedämpftes Lachen hinüber. Wie immer an schönen Tagen erfreute sich die Wirtschaft auch heute eines ziemlich zahlreichen Besuches von Ausflüglern.
Gottburgsen und Maud fanden ihre Gesellschaft in einer schattigen Ecke des Gartens. Assessor Deuzmann rief ihnen eine witzige Bemerkung über ihr Davonlaufen entgegen. _ Im Gegensätze zu seinem schweigsamen Vater zeichnete sich der junge Teuzmann, sobald er sich bchag- sich fühlte, durch eine lärmende Geschwätzigkeit aus, die oftmals lästig empfunden wurde. Er sprach dann unauf- hörlich wie ein aufgezogenes Uhrwerk drauf los, und es bedurfte eines besonderen Geschicks, in die von ihm allein geführte Unterhaltung eine Bresche zu schlagen, durch die allenfalls noch eine Antwort oder Bemerkung schlüpfen konnte.
Ein Kellner schleppte ein schwer mit Tassen, Kannen und Kännchen beladenes Tablett herzu und begann den Tisch zu decken. Während alle anderen Platz genommen hatten, fochten Lauffen und seine niedliche Braut einen
scherzhaften Kampf um ein Papier aus, das Helene ihrem Verlobten heimlich aus der Rocktasche gezogen hatte, und das dieser ihr mit großer Wichtigtuerei und komischer Verzweiflung wieder abzunehmen suchte. Der Behendig- keit des jungen Mädchens gelang es, ihr Annektiertes erfolgreich zu verteidigen. Bald hielt sie das Papier mit beiden Händen hinter dem Rücken, bald über dem Kopf, dann begann ein Wettlauf des Pärchens um das Rosen- rundbeet. Der Assessor begleitete das neckische Spiel mit lauten Zurufen.
„Nur nicht nachgeben! Nur sich nicht von der Frau die Taschen visitieren lassen! Dem Bräutchen keine Schwachheiten angewöhnen! Rächt sich bitter. Nur nicht! Nur nicht! Oh weh —"
Helene war um den Tisch herumgeflüchtet und hatte sich so zwischen dem Vater und Dirken eine gesicherte Position erobert. Mit großer Umständlichkeit wurde das umstrittene Dokument entfaltet, das sich zur allgemeinen Erheiterung als ein noch druckfeuchtes Korrekturexemplar der neuesten Nummer des illustrierten Blattes erwies. Helene warf das Blatt schmollend auf den Tisch und nahm die Beschäftigung des Kaffeeeinschänkens auf. „Zur Strafe bekommst du keinen Kaffee. Es sind nur neun Tassen und wir sind zehn Personen", sagte sie zu ihrem Bräutigam, „wegen deiner dummen Drucksache brauchte ich mich nicht so abzuhetzen."
„Man muß cs den Damen begreiflich machen, daß sie unter allen Umständen die Geheimnisse des Mannes als Heiligtümer betrachten, zu denen der Eintritt verboten ist", rief der Assessor von der entgegengesetzten Seite des Tisches hinüber.
„Bitte sehr! Erstens war cs kein Geheimnis, und zweitens darf mein Schatz überhaupt keine Geheimnisse vor mir haben", entgcgnete Helene etwas pikiert.
„Hat auch keine. Und ich leiste de- und wehmütig Ab- bitte", sagte Lauffen scherzend, „hoffentlich brauche ich als zerknirschter Sünder nicht zu verdursten."
„In diesem Falle gilt Gnade vor Recht.
In der Frllhlingsatmosphäre lag ein Fluidum, daS gute Laune und Frohsinn erweckte. Eine allgemeine
