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An. 257» BerlagS-Fernfprecher Ro. 2958.
liofgeBi-Ausgafa®,
Die Ergebnisse der Gemrbe-IOeKlim 1902 m KeglerungsbeKb Mesbnben.
Die Gewerbeinspektion im Regierungsbezirk Wiesbaden unterstand im vergangenen Jahre dem Regierungsund Gewerberat vr. Lehmann in Wiesbaden, ihm waren, nachdem am 1. April 1902 die bisherige Gewerbeinspektion Frankfurt a. M. geteilt worden war, vier Ge- werbeinspeftoren und zwei Assistenten beigegeben. Die Zahl der Fabriken und diesen gleichgestellten Anlagen hat am Schlüsse des Berichtsjahres 3686 betragen. Der vorjährige Bericht wies 4084 revisionspflichtige Anlagen nach; dabei waren aber außer den Fabriken und diesen gleichgestellten Anlagen auch die sonstigen Anlagen mitgerechnet, in denen besondere vom Bundesrat gemäß 8 1206 der Gewerbeordnung erlassene Bestimmungen zu beachten sind. Die Zahl dieser Betriebe hat nach den im Berichtsjahre angestellten Ermittelungen 782 betragen. Bon den 3686 Fabriken und diesen gleichgestellten Anlagen sind im Berichtsjahre 1028 oder 27,9 %, von den 1171 Anlagen dieser Art, in denen jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, sind 420 oder 35,9 %, von den 588 Anlagen dieser Art, in denen Arbeiterinnen beschäf- itgt werden, 225 oder 38,3 % revidiert worden. Der persönliche Verkehr auf den Amtszimmern sämtlicher Gewerbeinspektionen hat weiter zugenommen. Am regsten war der Besuch von Arbeitnehmern bei der Gewerbeinspektion Limburg. Der Bericht erklärt es für ein er- fteulrches Zeichen des wachsenden Vertrauens der Arbeiter und ihrer Organisationen zu den Beamten, daß sie so oft deren Hülfe in Anspruch genommen haben.
Die Zahl der Fabriken, in denen jugendliche Arbeiter beschäftigt wurden, hat 1171 gegenüber 1134 im Jahre 1901 betragen. Die Zahl der in denselben beschäftigten jugendlichen Arbeiter (4999) ist fast die gleiche gewesen wie im Vorjahre, die Zahl der Kinder hat dagegen abgenommen. Die Führung der Arbeitsbücher gibt noch immer zu verhältnismäßig zahlreichen Ausstellungen Anlaß. Ungesetzlich lange Arbeitszeiten der jugendlichen Arbeiter scheinen noch vielfach in Ziegeleien üblich zu sein. Nachdem durch die Gewerbeordnung vorgeschrieben ist, daß die Arbeitgeber mit allen Lehrlingen, sowohl in hand- werkmähigen wie in Fabrikbetrieben, schriftliche Lehrverträge abschließen müssen, haben die Aufsichtsbeamten sich der Prüfung der Lehrverträge angenommen, da sie häufig unzulässige Besftmmungen enthalten. Sowohl Arbeitgeber wie Eltern haben den Beamten gegenüber wiederholt den Wunsch geäußert, daß die Dauer der Beschäftigung der aus der Schule enüassenen Kinder, auch
Freitag» de« 5. Juni.
wenn sie noch nicht das vierzehnte Lebensjahr vollendet haben, derjenigen der jugendlichen Arbeiter von 14 bis 16 Jahren gleichgestellt werden möchte, da die Unterbringung der Kinder als Lehrlinge in gewerblichen Betrieben infolge der Beschränkung der zulässigen Beschäftigungsdauer auf 6 Stunden sehr schwierig ist.
Die Zahl der Fabriken, in denen Arbeiterinnen beschäftigt werden, hat gegen das Vorjahr etwas abgenommen. Sie betrug 588; die Zahl der beschäftigten Arbeiterinnen ist fast die gleiche geblieben (7715). Eine besondere Zu- und Abnahme der Frauenarbeit in einzelnen Gewerbszweiqen ist nicht beobachtet. DieArbeftszeft der weiblichen Personen ist im allgemeinen 10-stündig, in Frankfurt a. M. oft geringer, in den ländlichen Kreisen und besonders in den meisten Tonwarenbetrieben des Westerwaldes 11-stündig. In Frankfurt hat das Bestreben der Arbeiterschaft nach Verringerung der Arbeits- zeit auch hinsichtlich derjenigen der Arbeiterinnen unverkennbaren Erfolg gehabt.
Erfreulicherweise hat die Arbeitslosigkeit, soweit die fabrikmäßigen Betriebe in Betracht kommen, nicht den befürchteten Umfang angenommen. Dm in einigen Be- triebm erfolgten Arbeiteventlassungen standen Arbeiter- einstellungm in anderm gegenüber. Im Bezirk Limburg wurden in einer Glas- und Schamottefabrik 615 Arbeiter wmiger wie im Vorjahre beschäftigt. Dagegm Haben andere Gewerbszweige in dem Bezirke, besonders die Basaltinüustrie im Westerwald, ihren Betrieb wesentlich erweitert. Die im Bezirk stark vertretme chemische Großindustrie hatte im Berichtsjahre einen flottm Geschäftsgang zu verzeichnen. „Im Berichtsjahre", heißt es in dem Bericht, „haben sich die Erwerbsverhältnisse zweifellos noch mehr gehoben, und wenn auch dieLage der Arbeiterschaft keineswegs günstig — in vielen Jndustrieen wegen der vorgekommenen Einschränkungen eher ungünstig — ist, so lag nach der übereinstimmenden Ansicht der dabei interessierten Kreise in der zweiten Hälfte ein wirklicher allgemeiner Notstand nicht mehr vor." Nach den Mitteilungen, welche dm Beamtm bei den Revi- stonen gemacht wurdm, ist das Angebot von Arbeitskräften, besonders von gelernten Arbeitern auch garnicht außerordentlich stark gewesen. Arbeiterinnen warm sogar gesucht. Bei der städftschm Arbcitsvermittelungs- stelle in Wiesbaden habm 2958 Stellenangeboten für Arbeiterinnen nur 2609 Arbeitsgesuche gegenüberge- standm. Abgesehen von den in einigen Betrieben, besonders der Eism- und Maschinenindustrie, vorgenommenen vorübergehenden Kürzungm der Arbeitszeit habm Ändemngen derselben im allgemeinen nicht statt- gefundm.
Die Prüfung der Arbeitsordnungen und der Nachträge gab oft Veranlassung zu Beanstandungen, well in ihnen Bestimmungen enthaltm waren, die den
Redaktions-Fernsprrcher Ro. 58. 1903.
gesetzlichen Vorschriften widersprachen. Nmerdings wird in den Arbeitsverträgen — vielleicht infolge des wmiger gutm Geschäftsganges — immer häufiger die Bestimmung aufgenommm, daß die Auflösung des Arbeitsverhältnisses beiderseits sofort ohne jede Kündigung erfolgen könne.
Ausstände sind — wohl infolge des schlechten Geschäftsganges — nur wmig vorgekommen und warm stets vor geringem Umfang.
Im Berichtsjahre sind dm Gewerbeinspektorm Anzeigen über 4832 (4077) leichte, 255(175) schwere mb 44 (72) Unfälle mit tödlichem Ausgang zugegangen. Der- hältnismäßig am stärksten sind dabei wie in den Vor- jahrm die Baubetriebe beteiligt. Auch in den Stein- bruchbetrieben waren wieder mehrere schwere Unfälle zu beklagen, die, wie der Bericht sagt, durch größere Vorsicht und bessere Beachtung der über den Abbau erlassenen Vorschriften hätten vermieden werdm könnm. Mehrere schwere Unfälle sind bei Aufzügen vorgekommen. Da in den Städten vielfach Aufzüge ebenso wie die Arbeitsräume nur gemietet sind, so verursacht es oftmals Schwierigkeiten, die Betriebsinhaber zur Herstellung der notwendigen Sicherheitsvorrichtungen zu veranlassen, da sie behaupten, daß dies Sache des Hauseigentümers sei. Erst durch die gleichzeiftg an dm Mieter und Vermieter gerichtete Ankündigung, daß der Betrieb des Aufzuges polizeilich untersagt werden müßte, ist die Beseitigung der Mängel erreicht. Wiederholt ist dm Beamten von Betriebsunternehmern angezeigt, daß die bei der Revision gefundenen und später ihnen nochmals schriftlich mitgeteilten Mängel beseitigt seien, während eine bald darauf vorgenommene Nachrevision bewies, daß dies überhaupt nicht oder wenigstens nur teilweise geschehen war. Das führte in 8 Fällen zu einer zum Teil recht empfindlichen Bestrafung.
Die schweren Erkrankungen und Todesfälle, welche im Jahre 1900 unter dm Arbeitern eines Nitrophmol-, Chlornitro- und Chlordinitrobmzolbetriebes vorgekommen sind, haben der Fabrikleitung Anlaß gegebm, die Betriebseinrichtungen so umzugestalten, daß die ganze Herstellung einschließlich der Verpackung in geschlossenen Apparaten rc. erfolgt, und eine Berührung von Hand nicht oder nur in ganz geringem Maße notwendig ist. In den Blei- und SUberhütten sind wieder zahlreiche Bleierkrankungen vorgekommen. Unter den Erkrankten befand sich eine größme Anzahl wenig widerstandsfähiger alter Leute, von denen 8 teils aus freier Entschließung, teils auf Veranlassung der Betriebsleitung die Hüttcnarbeit nunmehr aufgegeben haben.
Tie wirtschaftliche Lage der Arbeiter im Berichtsjahre ist keine günstige gewesen.
Von dm von Arbeitgebern für ihre Arbeiter ge» schaffenm Wohlfahrtseinrichtungen seien nachstehende er-
Lerrilletorr.
Im europäischen Wetterwinkel.
Reisebriefe von Paul Lindenberg.
XIV.
lS ch I u ß b e r t ch t.)
Rumäniens politische Bedeutung. — Die Wichtigkeit seiner ge. »eibliche« Entmickclung. — Ei« Bollwerk gen Oste«. — Kreuz und quer dnrch Rumänien. — Konstanza und sei« Hasen. — I« «raila und Galat;. — Die Kirche von Argesch. — Sinaia. — Einst und jeht. — Schloß Pelesch. — Außen «nd innen. — Wald- einsamkeit. — Die Krondomänen. — Ein Beispiel sür Land »nd Bvlk. — Ausblick.
Bukarest, 23. Mai.
Krmz und quer ging es währmd der beiden letztm Wochen durch Rumänien, der fesselndm und abwechs- lungsvollm Eindrücke warm viele, leider vermag weniges hier nur flüchttg berührt zu werdm, paßt doch auch nicht mehr der Titel dieser oft in fliegmder Hast und unter manch ungünstigen Umständm niederge- schriebmm Berichte auf dm rumänischm Staat, der früher wohl einen Teil, und zwar nicht dm unbeträchtlichsten, des europäischen Wetterwinkels bildete, ivelcher aber seit dmr kraftvollen Befreiungskämpfe der jungen rumänischm Armee und ihrer Bluttaufe in dem zähm Ringen von Krmz und Halbmond vor Plewna sich als fester Block zu den übrigen mropäischen Staatm gefügt hat, ein Block, auf und mit dem sich bauen läßt bei dem gegen Ostm vorgeschobmm Wall der westmropäischen Völker.
Hier ruht die bisher wmig betonte große poliftsche Bedeutung Rumäniens, die von erheblicher Wichtigkeit für die friedliche Entwickelung West-Europas ist. Der Niedergang des Türkentums braucht nicht erst des näheren erörtert zu werdm; es ist nur eine Frage der vielleicht schon nahm, vielleicht noch etwas sich hinaus- ziehenden Zeit, wann dieOsmanen mdgülttg aus unserem Erdteile verschwrindm sein lverden. Immer mächtiger wird damit das mssiscki-slavische Drängm nach Süden in der Richtung der Karpathm und Balkanländer, welche die kluge russische Polittk in ihre Machtsphäre zu ziehen
gedenkt, um den Weg nach dem östlichm Becken des Mittelmeeres ftei zu habm, da die mge Kette der Deutschen an der Oder, der Elbe und dm nördlichen Karpathen nicht zu durchbrechen ist. Hier aber tritt nun als festgeschlossenes Volk und Land Rumänien der russischm Vorwärtsbewegung entgegen, ein ernstes Hindernis für das ersehnte Ziel des Zarenreiches: die Bahn offm zu sehm nach Konstantinopel!
Eine spätere Geschichtschreibung erst wird das Ver- dimst König Carols, die russische Gefahr früh erkannt zu habm, voll zu würdigm wissen. Der russisch-türkischeKrieg von 1877 war der Prüfstein für die Lebmsfähigkeit des rumänischen Staates. Bis zu jenem Jahre hatte Rußland bei seinen Feindseligkeiten mit der Türkei das rumänische Gebiet stets als das seine und damit als den Tummelplatz seiner Heere betrachtet in der Erwartung, bei günstiger Gelegmheit das Land in seinm Besitz zu nehmm. Damit aber war's vorbei, nachdem der Fürst aus dem Hohenzollerngeschlecht die Regierung ergriffen hatte und in harter Arbeit bemüht gewesm >var, dm jungm Staat zu kräfftgen, und vorbei war's mft der nisstschm Absicht, beim Ausbmch des obigm Krieges die rumänische Armee in verschiedenen Einzelteilen dm russischen Heerkörpern einzufügen, um später sagen zu könnm: wir habm das Werk vollbracht, wir habm euch gnädig gestattet, als Zipfelchen an dem großen Unternehmen teilzunehmen, und nun seid hübsch dankbar! Der damalige Fürst Carol wußte seiner Armee ihre Sonderstellung zu bewahren, und als am 5. August 1877 das berühmte Telegramm des Oberkommandantm des russischm Heeres, des Großfürsten Nikolaus, an chn anlangte: „Komm uns zu Hilfe, setze über die Donau, wo Du willst, unter jedwedm Bedingungen, aber komme schnell, wir sind von Türken umringt", da zog er als souveräner Herrscher — denn sieben Wochen zuvor hatte sich Rumänien unter Mißbilligung des russischm Kabinetts als unabhängig erklärt — an der Spitze seiner Truppen in den Kampf und übernahm dm Oberbefehl über die gesamten russisch-rumänischen Truppen vor Plewna, den Sieg an seine Fahne heftend. D-mk dafür hatten die Rumänen nicht, im Gegenteil, aber dieses Verhalten des russischen Nachbarn öffnete auch denen
die Augm, die von seinem Schutze noch etwas erhofft, und immer enger wurde die Anlehnung an die westeuropäischen Mächte, an Österreich und Deutschland, und es mag eine freudige Genugtuung König Carols und der Lohn vieler mühevoller Jahre gewesen sein, als im Herbst 1896 Kaiser Franz Joseph in Bukarest weilte und in denkwürdigen Wortm seiner aufrichtigen und unveränderlichen Freundschaft für das rumänisch« Königspaar und das rumänische Volk Ausdruck gab, „im Herzm dieses schönm und reichen Landes, welches die hohe Weisheit Ew. Majestät auf die Bahn des Fortschritts geführt und dessm Bedeutung unter den Staatm Europas Sie gesichert haben."
Erinnert man sich dieser in kürzesten Strichen wiedergegebenen jüngsten politischen Entwickelung Rumänims, so frmt man sich doppelt des regm Aufschwunges des Landes, dm man bei den verschiedenen Fahrten von der Donau bis zum Pruth, vom Schwarzen Meer bis zu dm Karpathm innerhalb der Grenzm des Königreiches beobachtm kann. Gewiß harren, was das innere Lebm anbelangt, noch viele Aufgaben, so u. a. auf dem Gebiete der Erziehung, der Justizausübung, der Wohlfahrtspflege, ihrer Lösung, aber man darf hoffen, daß, wenn das Land von seinen Parteikämpfen befreit ist und sich finanziell mehr und mehr kräftigt, es auch hierin rüstig vorwärtsschreitet auf der Bahn der Gesittung und bürgerlichen Freiheit.
Handel und Wandel sind gegenwärtig in frischem Emporblühen begriffen, man merkt allerorten das um- fassmde, zielbewußte Bestreben, das Reich wirtschaftlich zu heben. Die im Herbst 1896 begonnmm Hafmbautm Konstanzas, derm Entstehm ich bei wiederholtm Besuchen verfolgen konnte, und für welche man über 60 Millionen Francs aufgewendet, sind fast fertig, gewaltige Stsindämme mit Leuchttürmen erstreckm sich in das Meer hinaus und sichern den größten Schiffen einen ruhigm Ankergrund, Speicher erhebt sich nebm Speicher, gewaltige eiserne Kräne reckm sich in die Luft und große Docks nähern sich ihrer Vollendung. Dieser Hafen wird bald schon am internationalen Weltverkehr seinm wichtigen Anteil haben. Wo es vor noch nicht langer FM wüst und öde aussah, zieht sich oberhalb der brandmdm
