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Unser Pariser Korrespondent schreibt: Während die Deputiertcnkammer ihre Zeit nur zu oft mit un- fruchtbarenJnterpellationen oder, wie in der vergangenen Woche, mit Skandalgeschichten verliert, beschäftigt sich der Senat mit der wichtigen und einschneidenden Frage der Dauer des militärischen Dienstes. Man muß dieser gesetzgebenden Körperschaft das Zeugnis ausstellen, daß sie den Gegenstand mit Ausdauer und Gründlichkeit be- handelt, reichen doch ihre Verhandlungen hierüber schon über ein Jahr zurück. Nachdem sie das neue Militärgesetz, welches das in Geltung stehende Gesetz vom 16. Juli 1889 aufheben und die zweijährige Dienstzeit einsühren soll, in erster Lesung erledigt hatte, widmete sie sich in diesen Tagen der zweiten Erörterung und die Debatten scheinen ihrem Ende entgegenzugehen, da nur noch einige Punkte von untergeordneter Bedeutung erneut zu prüfen sind. Über die Notwendigkeit, die Dienstzeit im allgemeinen Interesse auf zwei Jahre herabzusetzen, sind sich die politischen Parteien einig, eine Einmütigkeit, welche hier zu Lande nicht gerade häufig zu konstatieren ist. Außerdem haben sehr viele Senatoren und Deputierte 'in der vorjährigen Wahlkampagne ihren Wählern gegenüber sich verpflichtet, für den verkürzten Militärdienst einzutreten. Die lange Dauer der ersten Lesung im Senat erklärt sich daraus, daß der Widerstand derjenigen besiegt werden mußte, wäche in der Verringerung der Dienstdauer eine Schwächung der militärischen Macht Frankreichs erblickten. Vielen um das Wohl des Landes ernstlich besorgten Politikern erschien es übrigens seltsam, daß ein Gesetzentwurf von so außerordentlicher Tragweite nicht aus dem Schoße der Regierung, aus dem
Kriegsministerium hervorging, sondern von dem Senator Rolland eingebracht wurde. Kriegsminister Andrs stellte sich allerdings sofort auf den Standpunkt der Vorlage, setzte aber viele in Erstaunen durch die Hartnäckigkeit, mit welcher er die Einholung des Gutachtens des obersten Kriegsrates ablehnte. In dieser Behörde sitzen Generale, die der geplanten Neuerung durchaus feindlich gesinnt sind und deren sachverständiges Urteil die öffentliche Meinung stutzig gemacht und die Volkstümlichkeit des Kriegs Ministers erschüttert hätte. Indem er dm obersten Kriegsrat in einer Frage, die wie keine andere die Geschicke des französischen Volkes zu beeinflussen vermag, einfach übersah, hatte Andr6 leichtes Spiel, sich mit der Armeekommission des Senates über die wesentlichsten Abschnitte der Vorlage zu einigen. Diese Eintracht zwischen Kriegsminister und Senat dauerte bis zum Schluß der ersten Lesung und wird noch länger dauern, da der Senat viel von seiner früheren Selbständigkeit eingebüßt hat und namentlich in Fragen, wo die Wahlinteressen der einzelnen Senatoren, wie im vorliegenden Falle, in direkte Mitleidenschaft gezogen werden, ein allzu willfähriges Instrument in der Hand der Regierung geworden ist. Die sehr bemerkenswerten Reden, die im Lause der Beratung im Senate gehalten wurden, haben zwar in vielen Zweifel erregt, ob das französische Heer für eine so durchgreifende Änderung überhaupt reif sei, aber an der Schlußabstimmung der ersten Lesung nichts geändert. Man kann bereits voraussehen, daß der Gesetzentwurf Rollands endgültig vom Senat ange- nomnien werden wird. Die Deputiertenkammer ihrerseits wird an dem Entwurf, der während mehr als eines Jahres zwei Lesungen tm Senat durchgemacht hat, nicht viel zu ändern finden, zumal da der ihre Mehrheit bildende „Block" demKriegsminister mehr als jedem anderen Minister ergeben ist. Die Franzosen werden mithin, nachdem sie vor 1889 mit fünf Jahren, nach 1889 mit drei Jahren Dienstzeit geplagt waren, die zweijährige Dienstzeit haben wie wir in Deutschland. Es fragt sich nur, ob der Zustand ihres Offizier- und Unteroffizierkorps und die Beschaffenheit der Disziplin die Neuerung nicht zu einem recht gefährlichen Experiment machen werden.
Die zweite Erörterung der Gesetzesvorlage im Senat führte einige Abänderungen herbei, die im Lande viel Unzufriedenheit und Mißstimmung erzeugen. Ursprünglich hatte der Senat im Artikel 23 des Gesetzes gutgeheißen, daß junge Leute im Interesse ihrer Studien und ihrer Beschäftigung Anträge auf frühere oder spätere Ableistung der Militärpflicht einreichen konnten, wenn sie innerhalb des 18. und 25. Lebensjahres dieser Pflicht genügten. Neuerdings aber beschloß man auf Andrängen des Kriegsministers, der die strikteste <§galit6
aller Franzosen vor dem Militärgesetz verlangte, daß solche Anträge unzulässig seien. Da hier das Institut der Einjährig-Freiwilligen nicht besteht, wird dis Strenge der neuen Bestimmung, falls sie Gesetzeskrast erhält, manche Karriere ernstlich gefährden und das sogenannte intellektuelle Element der Bevölkerung dem Kriegsdienst noch mehr entfremden, als es schon der Fall ist. Wie die Aufhebung aller Dtenstbefreiungen (die bisher freilich oft sehr mißbräuchlich gewährt wurden) auf die Franzosen wirken wird, mag die Zukunst lehren.! Kriegsminister Andrs hat kategorisch erklärt, daß man entweder auf die Dispensationen oder aber auf die zweijährige Dienstzeit verzichten müßte. Wird die letztere, wie es außer Zweifel steht, vom Parlament angenommen, kommt der hinkende Bote in Gestalt einer! Mehrforderung von 40—50 Millionen Frcs. nach, welche notwendig wird durch Unterstützung der mittellosen Familien, durch die Prämien für die Kapitulanten 2C.
Deutsches Reich.
Zur Handclsvertragsfrage.
Es hat keinen, rechten Zweck, den Widerspruch zwischen den Erklärungen Singers über die Handelsvertragsfrage und den entgegenstehenden Äußerungen des Herrn von Vollmar tiefgründig erörtern zu wollen. Tie Untersuchung, um die sich verschiedene Blätter nach dieser Richtung hin bemühen, nehmen die Frage wichtiger, als sie tatsächlich ist. Nicht etwa, als ob es belanglos wäre, wie die Sozialdemokraten sich zu den Handelsverträgen stellen werden, aber belanglos dünken uns die Erörterungen darüber, ob der Wahlaufruf der Partei die Annahme von Handelsverträgen mit höheren Agrarzöllen ausschließt oder nicht. Wir meinen, die Partei wird im gegebenen Falle von zwei Übeln das kleinere wählen, also dm künftigen Handelsverträgen auch dann zustimmen, wenn sie bedauerlicherweise die Getreidemimmalzölle enthalten sollten. Und zwar wird sie trotz Singev diese Taktik dann befolgen 'müssen, wenn andernfalls ein verheerender Zollkrieg drohen würde. Allerdings sind auch Handelsverträge denkbar, die nicht bloß von dm Sozialdemokraten, sondern ebenso von den liberalen Gruppen abgelehnt werden müßten. Tenn nicht jeder Handelsvertrag braucht an sich einen Vorteil für das deutsche Wirtschaftsleben zu bedeuten. Angenommen, daß es der Kunst des Grafm Bülow gelingen sollte, in den Tarifverträgen mit den Hauptvertragsstaaten etwa die hohen Viehzölle zu vereinbareu, ivte sie der Agrarkonservatismus fordert, so ständen in der Tat nicht bloß die Sozialdemokraten vor der Frage, ob derartige unheil-
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sanöor).
(20. Fortsetzung.)
Als Ziel der Fahrt war Hunoekehle verabredet worden. Am Chausseestern, wo der Weg in den Wald ab- zweigt, wurde abgestiegen, weil inan den Rest des Weges durch den Wald zu Fuß zurücklegen wollte. Breu- bachs Bursche, der auch mit Pferd und Wagen umzugehen wußte, sollte bis zum Restaurant fahren.
Ganz von selbst hatte man sich paarweise und in zwanglosen Gruppen zusammengesunden. Edel hatte sich dem Brautpaar augeschlossen, an ihrer Seite ging der Assessor, der seine Attacke bereits erösfnete, indem er, zu Edels Verdruß, sie mit den nichtssagenden Phrasen und Gemeinplätzen überschüttete und ihr in einer Minute zehn Schmeicheleien sagte. Dicht hinter den beiden Paaren gingen Breubach und Dirkm, die Edels Lehrerin in ihre Mitte genommen hatten, und etwas weiter zurück beschlossen Gottburgsen und Maud, denen sich der Baron zugesellt hatte, die kleine Karawane.
Eine Weile beteiligte sich der Baron an der Unterhaltung der beiden, als das Gespräch aber ganz von selbst auf GÄiete hinüberglitt, in denm er nicht heimisch war, machte er sich fort und schwenkte zu der vorderm Gruppe hinüber, bei der es, wie ein gelegentliches Helles Auflachen bezeugte, lustig zuging.
Maud machte eine Bemerkung über die Wandgemälde in der Villa Helene, deren künstlerische Auffassung und Ausführung ihr auch ausgefallen, waren. Gottburgsen erzählte ihr darauf sein Erlebnis in jener Märznacht, als die feuchtfröhliche Sitzung im Freundeskreise sich bis nach Mitternacht hingczogcu hatte. „Ich betrachte den jungen Menschen gewissermaßen als meinen Schützling", sagte er, „wenn etwas in ihm steckt, will ich ihm vorwärts helfen."
Maud nickte. „Sie sind ja als fördernder Freund und Beschützer junger Talente beinahe ebenso rühmlich bekannt und populär wie als Künstler", entgegnete sic. „Es ist sonderbar, wie wenige berühmte Männer ihren jungen, unbekannten Kollegen gegenüber ein wirkliches Wohlwollen zeigen. Den größten Künstlern werden die
unglaublichsten, aber leider oft wahren Dinge von Engherzigkeit und kleinlicher Denkungsweise in dieser Hinsicht nacherzählt. Wirklich merkwürdig! Wenn ich berühmt wäre, würde es mir, wie auch Ihnen, die größte Freude machen, andern, die an meinen Beistand appellieren, zu helfen."
Sie gingen langsamer als die anderen und waren bald. eine beträchtliche Strecke hinter der rüstig ausschreitenden kleinen Gesellschaft zurück. An einem Gestcll- wege, der mitten durch das Waldinnere führte, blieb Gottburgsen stehen.
„Wenn es Ihnen recht ist, verkrümeln wir uns ein wenig", sagte er heiter, „ich bin hier zu Hause. Der Weg ist etwas weiter, aber viel schöner. Machen Sie mit?"
„Gewiß. Ich gehe diese schmalen Waldpfade mit Vorliebe. Bitte, gehen Sie aber voraus, ich kenne mich hier nicht aus."
„Sie dürfen sich meiner Führung ruhig anvertrauen. Mehr als. hundertmäl bin ich hier im dicksten Winter umhergestiefelt, den Grunewald kenne ich wie meine Tasche."
Das Geplauder der anderen, das bis dahin noch gedämpft zu beiden hinüberschallte, verstummte allmählich, und die tiefe Stille des Waldes umgab sie. Nur die zwitschernde Musik der gefiederten Waldsänger und zeitweilig das Rascheln eines Eichkätzchens, das mit graziöser Behendigkeit die Stockwerke der majestätischen Fichten bis in die höchsten Spitzen durchkletterte, belebte das feierliche Schweigen ringsum, denn auch die Schritte der beiden Wanderer versanken lautlos in dem weichen Nadelteppich, der den Waldbodcu bedeckte.
Stellenweise, u» der Wald sich etwas lichtete, setzte die Sonne eine funkelnde Lichterpracht auf die schwarz- grünen Kiefern, die wie schleppende Trauerweiden mit ihren unteren schweren Zweigen den Boden berührten; da, wo die Bäume dichter zusamnicustanden, herrschte jene märchenhafte, smaragdgoldene Walddämmerung, die auf jeden einigermaßen empfänglichen Menschen wie zauberhafte Poesie wirkt.
Gottburgsen atmete mit Behagen den köstlichen würzigen Duft der Kiefern ein. Hier in der grünen Einsamkeit fühlte er sich wirklich zu Hause, die Natur zog ihn in ihren Bann. Berlin mit seiner Überkultur, seinem
Rauch und Dunst und seinem sich überstürzenden Leben versank hinter ihm, und nun ging er auf in der Stim- nrung des heiteren Friedens, die den Wald erfüllte.
Zu jeder Jahreszeit hatte er den Wald hier nach allen Richtungen durchwandert. An Sturmtagen, wenn der Wind die mächtigen Föhren bog und schüttelte in ohnmächtiger Wut, daß er dem dauerhaften Immergrün! ihres Gewandes nichts anhaben konnte, während die anderen Bäume wie in stummer Resignation ihre letzten bunten Flitter herunterwarfen und jenes traurig gespenstische Raunen und Rauschen, Ächzen und Seufzem das an die Phantasie eines Sterbenden erinnert, durch den Wald zog — im Winter^bei wehendem Schnee, wenn das Wild aus Hunger alle Scheu verliert und zahm und zutraulich zu dem Wanderer wird, der ihm Brot gibt, wenn unter dein blcndcndeu Leichentuchs des Schnees alles Leben erstorben scheint — und wieder im ersten Frühjahr, wenn der Märzwind diesem entschlafenen Leben Auferstehung läutet — und jedesmal hatte der Wald ihm neue Wunder offenbart und neue Schönheiten vor ihm ausgebreitet. Auf diesen langen Spaziergängen hatte er seinem Hange zur Einsamkeit Genüge getan; heute empfand er eigentlich zum ersten Male, daß sich die Einsamkeit noch angenehmer genießen läßt, wenn einem ein junges, schönes, fröhliches Geschöpf zur Seite wandert, wenn man hin und wieder in zwei freundliche Augen blickt und einem das Echo seiner Gedanken in einer weichen Stimme widcrklingt.
„Sie lieben auch den Wald, Fräulein Maud?"
„Ob ich ihn liebe!" Ihre Augen leuchteten. „Ich betrachte den Wald als meine Heimat."
„In Cincinnati —"
„Gibt es keinen deutschen Wald. Nein. Aber wenn ich auch in Amerika gebaren bin, meinem ganzen Fühlen und Denken nach bin ich Deutsche, Mein Vater ist ge- borcucr Berliner, meine Mutter war eine thüringer Försterstochter, ein echtes Waldkind. Sie hing mit ganzer Liebe au ihrer idyllischen Heimat, und ihre Er- Zahlungen und Schilderungen pflanzten schon früh die Sehnsucht nach dem großelterlichen Forsthaus und seinem kühlen rauschenden Wald in meine Seele. Als zehnjähriges Mädchen bin ich einen Sommer lang mit der Mutter bei den Großeltern zu Besuch gewesen, und von
