Einzelbild herunterladen
 

M. Jahrg-mg.

Verlag: Langgaffe 27.

19,000 Abonnenten.

Anzeigen-Prei-r

Die einspaltige Petitzeile für l»!

15 Pfg., für auswärtige Anzeigen Reklame» die Petitzeile für Wiesbaden für auswärts 1 Mk.

Aasige»-Annahme

für die «lbenl». Ausgabe bi« 12 Uhr mittags, für die Morgen »Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingercichter Anzeigen znr nächst»

erfchetnenben Ausgabe, wie für die Anzcigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Ko. 288. «.-l.g»^.-»,»,e«e- Re. ms. Donnerstag» den 4. Juni.

NebaktionSHernfprecher Re. 5t 1903.

EU orgen-Ausgabe.

Pullman City.

Die Anlegung dieses nordamerikanischen Arbeiter­städtchens begann 1880 durch die „Pullmansche Palast- wagen-Gesellschast", welche mehr als zwanzig Jahre vor- her von dem Erfinder George PMman und dem jetzt so berühmten, damals aber noch unbekannten Nabob Andrew Carnegie gegründet worden war. Um ihrem Personal gute Luft, gutes Wasser und eine gute Kanali­sierung zu verschaffen und ihm gleichzeitig die Versuchun­gen der Großstadt fernzuhalten, kaufte die Gesellschaft be­hufs Verlegung ihrer Fabriken ein 16 Kilometer südlich von Chicago an der Jllinois-Zentralbahn gelegenes un­geheueres Grundstück, in dessen Nahe sich keine Sümpfe befinden, während der Boden gut entwässert ist. Die sehr reiche Gesellschaft, deren. Kapital schon damals 18 Mill. $ (1894 allerdings bereits das Doppelte) be­trug, ließ sich die Herstellung einer äußerst werwollen und großartigen Kanalisierung eine runde MMon Dollars kosten. Ein Röhren- und Kloakensystem leitet den Regen unmittelbar in den Calumetsee ; ein anderes leitet den Hausunrat in ein 300 000 Gallonen fassendes Reservoir unter dem Wasserturm, von wo aus der Unrat nach einer Musterfarm gepumpt wird, ohne daß in der Gegend des Turmes oder der Farm ein Gestank zu ver­spüren wäre. Der inmitten der Stadt stehende Turm empfängt fein Wasser mittels Pumpwerks vom Michigansee.

Sehr tüchtige Architekten, Ingenieure und Land- schastsgärtner machten sich an die Anlegung der Stadt, die 1884 bereits 8 Kilometer wohlgepflasterte Straßen mit 1520 Wohnungen aufwies. Sie macht den Eindruck, ungemein hübsch und rein zu sein. Die Häuser — teils Cottages, teils Großbauten mit zahlreichen kleinen Wohnungen — sind in den verschiedensten Baustilen ge­halten, die Straßen (Gesamtlänge jetzt 16 Kilometer) breit, schattig, wohlgepflegt und täglich besprengt. Die Gesellschaft unterhält eine Markthalle für Fleisch und Pflanzennahrung; alle übrigen Kaufläden befinden sich in einem prächtigen Arkadenbau, welcher auch die Bureaus, das Theater, die Bank und die Bücherei ent­hält. Auch das einzige vorhandene Hotel gehört der Ge­sellschaft; nur hier gibt es eine Schänke — sonst nirgends in ganz Pullman City. Überhaupt ist die ganze Stadt Eigentum der Gesellschaft, welche weder Häuser noch Einzelwohnungen oder Grundstücke verkauft, sondern alles nur vermietet oder verpachtet. In den Straßen trird kein Schmutz geduldet. Jedes Haus hat auch rück­wärts einen Zugang.

Die Erbauung PMman City soll insgesamt acht Millionen Dollars gekostet haben. Die Verzinsung dieses Kapitals beläuft sich meist auf etwa 4Z4 %• Die Mieten werden von dm Löhnen abgezogen und decken auch die Erhaltung des Rasens vor dm Häusern, die üblichm Ausbesserungm und die Straßenreinigung. Die geringste Miete — für die kleinste Wohnung von zwei Stuben — beträgt monatlich 4 $, die höchste 100 $ für das größte Sonderhaus, die durchschnittliche 14—25 $. Die meisten Häuser enthalten fünf Zimmer, viele 7 Stuben und ein Badezimmer, alle aber Keller, Speisekammer, Wasser­leitung, Gasbelmchtung ec. Die Mieter brauchm keiner­lei Stmern zu zahlen. Wer ein Häuschm kaufm will, darf dies ohne weiteres in den nahen Vororten Chicagos tun und wird dabei von der Pullman-Gesellschaft und einer örüichm Sparkasse unterstützt. Etwa 1000 Mann haben hiervon Gebrauch gemacht. Nebenbei bemerkt, haben bei dieser Sparkasse rund 2500 Angestellte Ein- lagm von insgesamt 600 000 $.

Pullman City zählte 1884 8513, zehn Jahre später 14 000 Einwohner. 1893 beschäftigte die Gesellschaft 6324 Männer in ihrm Waggon- und Eiswerken, Ziegeleien und Zimmerwerkstättm bei einem Lohnbudget von über 7 Mill. Dollars. Die Fveischule ist in einem sehr schönen Gebäude untergebracht. Bedauerlicherweise wird der Wert der Bibliothek dadurch erheblich herabgedrückt, daß man für deren Benutzung pro Kopf und Jahr 3 $ berechnet; die Folge ist, daß sie in der Regel bloß etwa 300 Abonnmten hat. Um das Religionslebm, das durch mehrere Sekten vertreten ist, kümmert sich die Gesellschaft nicht; sie berechnet für die ihr gehörige Kirche sogar Miete, und zwar so hohe, daß das Gebäude keineswegs immer vergeben werden kann. Doch haben zwei Religions­gemeinden vor einigm Jahren an der Peripherie eigme Kirchen erbartt.

Da nur äußerst selten Spurm von Verbrechen oder Trunksucht auftretm — wahrscheinlich weil es keine Armut gibt —, genügt ein Schutzmann für die ganze Stadt, und der hat glücklicherweise recht wmig zu tun. Die Gesellschaft bestreitet die Kostm der Feuerwehr, des Arztes und der Arzneim; auch unterhält sie eine Turn­halle, einm großm Ballrasm und ehren Sportsaal. Das 800 Zuschauer fassende schöne Theater wird zwei- bis viermal monatlich an Truppen aus Chicago oder anderen Großstädten vermietet. Die Sterblichkeit war in den ersten drei Jahren weniger als ein Drittel des in den Städten der Union üblichen Durchschnittes und ist bis­lang nicht über die Hälfte dieses Durchschnittes gesfiegen.

Ter versittlichende Einfluß der gesunden Umgebung und der ethischen Einrichtungen hat sich zweifeftos als ein ausgezeichneter erwiesen. Allein trotz der großm Vor­teile, welche die Angestellten der Firma Pullman hier ge­nießen, schlossm sie sich grohmteils dem Debsschen Riesen-

streik von 1894 an — ein Umstand, der dm Beweis lieferte, daß das damalige Personal mit der Gesellschaft nicht durchweg auf gutem Fuß stand. Es gilt für aus­gemacht, daß eine der Ursachen in der Unmöglichkeit lag, an Ort und Stelle Häuser zu kaufm oder Grund zu er- werbm. Auch geltm die Wohnungsmieten für zu hoch, denn sie verschlingen ein Fünftel bis ein Drittel des Lohnes und werden bei Lohnherabsetzungen nicht _ er­mäßigt. Ferner ist die Verwaltung der Protektions­wirtschaft beschuldigt wordm — ob mit Recht, ficht nicht fest. Ein großer Übelstand bestcht im Mangel an einer unabhängigen Lokal-Zeitung. Seit dem' erwähnt« Streik lehnt die Firma die Anstellung von Mitgliedern des „Amerikanischen Arbeiterverbandes" ab, dessm Leiter Tebs ist. Neuefiens hat eine gerichtliche Entscheidung der Pullman Company das gesetzliche Recht abgesprochen, auf Grund ihres Statutes ein derartiges Jndustriegemein- wesen zu bäum und zu erhalten. Welche Folgen immer diese Entscheidung auch nach sich ziehen möge, man wird nicht umhin könnm, in das Lob einzusfimmen, welches eine große interstaatliche Arbeitskommission 1884 der Schöpfung zollte, die mit solch.em Weitblick und —• ein­zelne Züge ausgenommen — solchem Hochsinn ins Leben gerufen und deren Einzelheiten mit solcher Gründlichkeit durchdacht und ausgearbeitet wordm sind. L. K.

Deutsches Deich.

Deutschland und Kanada.

Die Sorge, daß die deutsch-kanadische Streitfrage un­nötigerweise zu ernsteren Verwickelungm zollpolitischer! Natur führen könnte, scheint für dm Augenblick beseitigt zu sein. Man kann ja nicht.wissm, wie sich diese Dingel weiter zu verwirren vermögen, aber augenscheinlich be­steht an dm leitenden deutschen Stellen die wohlerwogene Absicht, relativ geringfügige Dinge nicht über Gebühr aufzubauschen, vor allem keinen falschen Ehrenstandpunkt einzunehmen. Es liegt kein Bedürfnis vor, sich durch die uns von Kanada her widerfahrene Ausnahmebehandlung beleidigt zu fühlen, und wenn der vermeintlichen Beleidi­gung mit dmtschm Zuschlagszöllen begegnet würde, so läge der Nachteil wahrscheinlich nicht bei Kanada, son­dern bei uns. Es kommt doch sehr in Betracht, daß unsere Ausfuhr dorthin ungefähr viermal so groß ist wie die kanadische nach Deutschland. Don entscheidendem Gewicht jedoch für die hier gefaßt« Entschlüsse ist Wohl die Er­wägung gewesen, daß Chamberlain für seine größer- britischen Zollpläne keinen besseren Vorspann gebrauchen könnte, als wenn ihm hier der Gefallm geschähe, daß man sich auf dm kriegerischen Ton stimmte. Chamber­lain hätte es in solchem Falle leicht, das britische Volks- bewußtsein aufzustacheln und sich für seine Wirtschafts-

FemUetorr.

Berliner Brief.

lPsingsthitze. — Der Streit «m bas Wagnerbenkmal »nd die «vthtikungsseier. — Die wahre» Schuldige». — Gastspiele. — Sarah Bernhardt.)

Der diesjährige Sommer scheint die Absicht zu haben, uns das ganze Wärmequantum, das uns der vorige schul­dig geblieben ist, mit Zinsen zu ersetzen. Im vorigen Jahre griffen wir am Pfingstsonntage fröstelnd zum Winterüberzieher, in diesem dünkt uns der Badeanzug noch zu viel an Kleidung. Mit Schaudern denkt man) an die Hunderttausende von Unglücklichen, die heute am zweiten Pfingstseiertage zu einem Vergnügungsaussluge verurteilt sind. Wie mögen heute die Coupäs der Stadt- und Vorortbahnen aussehen, welche heißen Kämpfe wer­den an den Haltestellen der Straßenbahnen ausgefochten werden! Aber welche Summen werden auch in die Taschen der Wirte fließen, die im vorigen Jahre so schwer geschädigt worden sind! Und andererseits wieder: wie werden die Theaterdirektoren das schöne Psingstwetter verwünschen!

Vielleicht verwünscht mich der Leser auch, wenn ich ihm in dieser sonnigen Frühsvmmerzeit vom Theater er­zählen will, und ich bringe deshalb erst vorher ein ande­res Thema zur Sprache, das dann einen passenden Uber- gang bilden wird, — die Angelegenheit des Berliner Wagner-Denkmals und der zu seiner Enthüllung geplanten Feier. Es ist ja in den letzten Wochen genug­sam von dieser Sache in den Blättern die Rede gewesen. Man weiß, daß eine Anzahl von Männer, die unzweifel­hast dazu legitimiert sind, zum Thema Wagner das Wort zu ergreifen — ich nenne nur die Namen Hans Richter und Albert Niemann — sich öffentlich unzweideutig gegen die vom Denkmal-Comitä geplante Feier erklärt haben, die ganz in den heute üblichen, sinnlosen Formen — Gala-Oper, Bankett u. s. w. — verlaufen soll. Man weiß ferner, daß sich der Zorn der Wagner-Gemeinde beson­ders gegen den Vorsitzenden des Eomitäs, den bekannten Schminke- und Puberfabrikanten Leichner gerichtet hat der dann in einer Zeitungsannonce in einer seinen Kultnrstanöpunkte angemessenen Form geantwortet hat.

Man weiß ferner, daß auch ein anderer Groß-Indu­strieller, der kn Kro8-Jmpresario- und -Theater-Unter­nehmer Herr Neumann aus Prag, der Entrepreneur der vorjährigen Berliner Meisterspiele unseligen Ange­denkens, in dieser Sache versucht hat, für sich Reklame zu machen, indem er einen ganz unmöglichen Plan — Aufführung der Meistersinger-Festwiese im Tiergarten vor dem Denkmal — vom Stapel ließ. Man weiß mit einem Worte, daß die Angelegenheit des Berliner Wagner-Denkmals auf dem besten Wege ist, zu einer un­sterblichen Blamage Berlins vor der internationalen Wagner-Gemeinde zu führen. Aber mir scheint, die An­griffe in der Presse richten sich zum größten Teile gegen eine ganz falsche Adresse. Natürlich wird es jeder, dem die Kunst eine ernste und heilige Sache ist und ins­besondere die Kunst Richard Wagners als der höchste Gipfel der deutschen Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erscheint, als eine tief beklagenswerte Tatsache ansehen, daß an der Spitze des Berliner Wagner- Denkmal-Comitäs der Puder- und Schminken-Fabrikant Leichner steht. Aber mich dünkt es sehr ungerecht, dem Manne selbst jetzt plötzlich einen Vorwurf wegen des von ihm entworfenen oder gntgeheitzcnen Festprogramms zu machen. Mir scheint einmal, daß das Wagner-Denkmal des Theatralikers Eberlein und das Programm des Herrn Leichner recht gut zusammenpassen: beide Männer stehen dem Werke Richard Wagners gleich fern. Und mir scheint ferner, daß nicht Herr Leichner Vorwürfe verdient, der so viel gibt, wie er kann — d. h. Geld —, sondern die Clique von Männern, die diesen Mann an die Spitze des Comitäs gestellt haben. Damals als diese unbegreifliche Tat geschah, hätten die Wagner- Verehrer ihre Stimme erheben sollen. Aber nachdem man die großen Mittel des Herrn Leichner einmal angenommen hatte, war es zu spät, da war es die natürliche Folge, daß der Kapitalist auch die nötigen Ehren in Anspruch nahm und eine ausschlaggebende Stimme erhielt. Was jetzt noch zu retten ist, besteht nur in einer möglichsten Be­schneidung der üppigen Triebe, welche die bankettwütige Phantasie des Herrn Leichner hervorbringt. Die aber, welche jetzt allzu laut schreien und wüten, und vor allem die, denen ihre Comitämitgliedschaft plötzlich zur uner­träglichen Bürde geworden ist, sollen sich die Lehre ziehen,

daß mit dem Grundsatz gebrochen werden mutz, für der­artige verantwortungsvolle künstlerische Ehrenämter Leute heranzuziehen mit vollem Beutel und (das gilt für manches andere Comitämitglied) mit hochtönendem Titel, die aber mit der Kunst in einem nur ganz lockeren und äußerlichen Verhältnis stehen. Diese Unsitte der großen Ehrencomitäs von Leuten, die selbst nicht wissen, wie sie zu solchen Ehren kommen, ist es, die in der Wagner- Denkmal-Sache vor allem kläglich Schiffbruch gelitten hat. Aber wir lernen noch mehr aus dieser Angelegenheit. Lassen wir die verhältnismäßig nebensächliche Ent­hüllungsfeier bei Seite, und sehen wir das Denkmal an. Hier liegt das eigentlich Beschämende. Man weiß, daß Herr Eberlein die Protektion des Kaisers hat oder wenig­stens eine Zeit lang hatte, man weiß, daß er diesem Um­stande es verdankt, daß sein Entwurf von der Jury an­genommen worden ist. Es ist eine tief beklagenswerte Erscheinung, daß der künstlerische Geschmack des Kaisers verschieden ist von dem eines sehr großen Teiles der Künstler und Kunstfreunde im Reiche. Der Wunsch, daß sich Männer von Ernst, von Autorität und von Rückgrat finden möchten, die den Kaiser von dieser Tatsache unter­richten und ihm zu gleicher Zeit auch sagen möchten, daß seine Anschauungen über diese Dinge, als wäre nur eine böswillige, revolutionäre Clique in Opposition zu ihm, falsch ist, — dieser Wunsch ist leider unerfüllbar. So) hätten denn aber diejenigen Jury-Mitglieder, die den hohlen Dekorationsstil des Herrn Eberlein als solchen erkannt haben, wenn sie schon ihre Meinung nicht durch­setzen konnten, damals, als die Entscheidung gefallen war, möglichst ostentativ und unter offener Darlegung ihrer allgemeinen künstlerischen Glaubenssätze und ihrer Ein- wände im besonderen gegen Ebcrleins Entwurf ihren Austritt anzeigen sollen. Und ferner hätte die große Wagner-Gemeinde ebenso ostentativ kundgeben sollen, daß sie sich von dieser offiziellen Wagner-Ehrung scheide. Warum denn überhaupt wieder und wieder diese Form der Ehrung durch ein Denkmal? Und gar bei einem Genius von dieser säkularen Größe! Wie viel würdiger und lebendiger wäre es z. B. gewesen, wenn man irgend ein dem Andenken Wagners gewidmetes Gebäude errich­tet hätte, eine Stiftung, einen Konzertsaal oder gar ein großes Wagner-Theater in Berlin! Ja, man kann noch