Einzelbild herunterladen
 

Beilage jum Wiesbadener Tagblatt.

Po. 233. Morgen-Ausgabe.

» »*«£ * ****£*£*£*£***»*£************* %

Wcr häßlichen Sinn in schönen Dingen findet, ist ^ver­derbt, ohne su bezaubern. Dar ist ein Fehler. Wer sckionen 4 i| Sinn im Schönen findet, ist kultiviert. Für ihn ist Hoffnung.

A Die Auserwähltcn sind die, denen schöne Dinge nicht« bedeuten « al« Schönheit.

* O. Wilde (Das Bildnis Doria» Grays).

gffWf^WWvWSWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWvr*

(38. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Ellens Blicke folgten dem Bruder auf seiner ruhe­losen Wanderung. Wie stand es um ihn? Wie war ihm zu helfen?

„Schroff?" entgegnet« sie, „keineswegs. Es ist ganz unnötig, daß du mich fragst", setzte sie hinzu, „du weißt selbst ganz genau, wie du in dieser letzten Stunde, wo du deinen Wohltäter gesehen hast, warst. Du hast den Mann nie richtig beurteilt, und nie zu ihm gestanden, wie er es fordern durfte. Lassen wir das aber. Hast du sein Totenantlitz gesehen?"

Leopold, der ihrer Rede finster zugehört hatte, sah jetzt scheu zu ihr auf. Er antwortete eine Weile nicht, dcmn, als ob eine geheirnnißvolle Macht ihn wider seinen Willen zwänge, sagte er leise: „Ich kannte ihn kaum. Es lag ein Glanz über seinen Zügen — sonderbar — sonderbar-"

Er war in einen Stuhl gesunken, stützte den Kopf in den Händen und brütete duiripf vor sich hin.

Ellen trat zu ihn heran und lecfte ihre Hand auf seine Schulter. „Bruder! kommen dir nicht Ahnungen von — von einem Licht, das wohl in dein Leben noch nicht hineingeleuchtet hat?"

Er blickte auf, verwirrt, scheu. Eine Totenstille herrschte um sie her. Leopold hatte den Kopf wieder sinken lassen und sprach nicht.

Endlich sprang er empor, reckte die Arme in die Luft und sagte: „Ach, dummes Zeug, Problemen nachzu­

grübeln ist's für mich jetzt keine Zeit. Für mich heißt's jetzt: Tod oder Leben. Wenn sich der sonderbare Alte heute früh nicht bloß einen boshaften Scherz mit mir ge­macht hat —"

„Ein Sterbender, ein Ehre n mann, solch einen

Scherz —?"

„Ach! Du hast ihn ja garnicht gekannt, der war der seltsamste Kauz von der Welt — klar ausgesprochen hat er es ja auch eigentlich nicht —*

„Du hast Schulden, Leopold, — bis zu welcher Höhe? Sind sie nicht zu tilgen, wenn — aber ein Mensch wie du, gesund jung, begabt, kann sich doch aufiaffen, selbst helfen —"

„Ach, Larifari! Nur keine Tiraden!" Seine Stimme hatte den Ton äußerster Ungeduld. „Wie kannst du denn wissen, was für mich auf dem Spiele steht. Ich habe doch in dem Glauben,.an das dereinsüge Erbe eines bedeuten­den Vermögen gelebt, und der Alte muß Hundert» tausen.de hinterlassen haben, er hat immer Kapital zu Kapstal gehäuft. Aber — wenn das Unerhörte geschähe, ich wirklich der Geäffte wäre" — er sprang von seinem Stuhl empor und rannte wieder auf und ab — „das Wucherpack sitzt mir auf den Fersen — wenn du es denn wissen willst, wie die Geier werden sie über mich her- fallen, — und das alles ist Schemen, Nebensache — Anderes — anderes —"

Donnerstag, den 4. Juni.

Er faßte an seinen Kopf mit einer Gebärde der Ver­zweiflung. „ t „

„Wucherer!" wiederholte Ellen tonlos •— das Wort hatte einen fchrecklichen Klang. Es bedeutete nach ihrer Meinung allein schon den Ruin, den Zusammensturz. Das so lange schon über ihrem Haupte schwebende Damoklesfchwert fiel und zermalmte ihn und die Seinen. In ihrem wirren Kopfe tummelten sich die Gedanken. Ihr solider Sinn vermochte sich nicht in solche Verhältnisse hineinzudenken. Wenn er Adine von Rodenfels siebte — und sie hatte triftige Gründe das zu vermuten — und selbstverständlich von chr wieder geliebt wurde, so war da wohl eine Rettung zu vermuten. Adine war reich — sie begriff ungefähr, daß Leopold hatte warten wollen mit seiner offiziellen Werbung, die wohl auf verschiedene Hindernifse süeß, bis er ein reicher Mann war — aber schließlich —

„Leopold!" sagte sie zaghaft, „ich ahne, rch habe Grund, zu glauben, daß ein Liebesverhältnis-"

Sie hielt inne, er sah sie fast drohend an. „Halt! kein Wort weiter — was hast du Grund zu glauben? ivelche Klatschbasen haben dir ihre Mären zugetragen? Warte, bis ich spreche — bis-*

Er verstummte, der Ausdruck einer wilden Dual lag auf seinen Zügen. , .

Sie ward bleich. Heute packte sie ein Mftlerd mft dem Haltlosen. Vor ihrem Geiste dämmerte die Wahrheit. Er war ihrer nicht gewiß. Der Unglückliche — so wankten alle seine Stützen, auf losen Flugsand hatte er sein Glück gebaut, und der wich Schritt um Schritt unter feinen Füßen.

„Reiß dich los!" rief sie flehend. „Leopold! besinne dich, reiß die Binden von deinen Augen, du taumelst am Rande eines Abgrundes. Nicht das Erbe ist dir not­wendig zu deinem Glück, die klare Erkenntnis deiner Lage nur kann dich retten. Du hast dir vorgeredet, wenn du weiter und weiter tmnneltest, wider deine Vernunft, das Ende sei Glanz und Wonne. Wie war das möglich. Die Welt ruht auf ewigen unverrückbaren Gesetzen, wir sind alle darin eingeschlossen, es gibt keinen strafenden, nur einen liebreichen Gott, aber er schuf uns als freie Geschöpfe und wir bereiten uns selber unser Los."

Er sah sie starr an, mit einem leeren, abwesenden Blick, sie war im Zweifel, ob er sie hörte und verstand.

„Ja — ich bereitete mir selbst mein Los", wiederholte er leise, und ein irreS Lächeln erhellte sein Gesicht, Stunden voll heimlicher, unauSsprechsicher Wonnen. Wart es ab, sag' ich dir — noch, ja noch ist in meinem Herzen ein großes Licht."

Sie erschauerte. Cr erschien ihr wie ein Wahn- sftmiger. von Leidenschaft verblendeter, Gott mochte ihm helfen. Sie ging und verließ ihn. WaS nützten hier Worte, sie war inachüos, niemand vermochte ihm zu Helsen, wenn er es nicht selber tat. Und auf die er noch baute, die er noch sein großes Licht nannte — Adine — Ellen sah sie vor sich, mit den hochmütigen Augen und dem frivolen Lächeln und all dem dämonischen Zauber ihrer Perfön- lichkeit.

Sie haßte sie — jetzt, da sie sie erkannte.

*

Die Bestattung des Iustizrats Goldau gestaltete sich sehr feierlich. Bei dem füllen und zurückgezogenen Leben des allen Herrn war eine so große Leichenfolge und all- gemeine Betätigung garnicht zu erwarten gewesen.

Es stellte sich heraus, wieviel Achtung er genossen, wie vielen er im stillen Gutes getan.

Leopold folgte als nächster Leidtragender dem Sarge.

Er sah sehr bleich und elend aus, und die Leute meinte«, der Tod ergriffe ihn mehr, als man geglaubt.

Das Testament sollte, laut einer Befsimmung des Erblassers, erst acht Tage nach seiner Beerdigung eröffnet werden. , „

Ellen sah den Bruder wenig. Er war dreifach m An­spruch genommen, hielt sich wenig im Hause auf, vermied jede Aussprache auch mit der Mutter, wich ihnen beiden

aus. . , __.

Sie sprach, als nach all' diesen Ereignissen ein wenig Ruhe eingekehrt war, bei Frau Rose hör und wurde von den beiden Damm sehr herzlich begrüßt.

Angelika war es zufrieden, wemi die Ferren sich vev- längerten. Ellen batte wieder einmal den Eindruck, die ganze Sache sei eine leere Komödie. Die junge Danw hatte keine Spur von ernsüichem Willen ihren Gerst noch weiter auszubilden. Die redlichste Mühe war da ver­schwendet. Aber sie war lieblich, so wie sie war, und er, der sie mittlerweile kennen mußte, dachte wohl dasselbe..

Angelika war sehr fröhlicher Laune trällerw im Zimmer umher und sprach von der bevorstehenden Abreistz

Herrn Welcords sehr heiter. ^

„Ich dachte schon an baldige Hochzertt, sagte Ellen als Angelika einen Augenblick das Zimmer versieß, „da doch nun eine längere Trennung der beiden Verlobten be-

hrvrfMfY'f "

„O Gott bewahre!" entgegnete Frau Rose, „es wäre ein schrecklicher Gedanke, wenn Angelika setzt schon nad) Valparaiso zurück sollte, ich würde me m erne solche Trennung willigen. Er sieht das auch ern, er hat gar keine Andeutung der Art gemacht." „ .

„Sonderbares Verhältnis", dachte Ellen bei sich.

Sie zuckte zusammen. Draußen hörte sie seine Stimme, er lachte und trat jetzt mit Angelika herein unter Reden und Scherzen. Sie sah reizend aus und hielt einen Strauß wundervoller Rosen in der Hand.

„Sich nur, Mama, wie entzückend! Don Adolfo, Me

verzwhen^mich^rau begrüßt und stand nun neben

daß ich Sie treffe", sagte er, „ich wäre sonst heute noch zu Ihnen gekommen., Ich war gestern m: .Krankenhause, habe unseren Schutzsing geschen und ge* sprachen. Es geht ihr viel besserst« sprach ,eme gwfee Sehnsucht aus ^nach Ihnen. Mochten Sie nicht einmal

no*\ -<-1

hat Ihnen das Mädchen gemacht?" fragte sie gespannü Er Gch-kiv das gute herzliche Lächeln, das chm eigen

^'„Sellg sind die reine» Herzen« sind"- ^geg^ Angelika ordnete die Rosen in emer Vase. Er trat rasch zu ihr. „Sie sind freigebig, Angelika, und teilen gern", sagte er mit einem schelmischen Arrsdruck, „fchenken Sie mir ein paar von den Rosen zurüch _ , . .,

Er faßte einige der schönsten,, ordnete sie in m semer Hand und reichte sie Ellen. „Für Sie und die Kranke Sein Blick, der einen Moment auf chr ruhte, trreb ihr das Blut in die Wangen.

Sie nahm die Blumen, dankte und empfahl sich rasch. Sie beschloß, sofort zu Susi zu gehen. Ihr war weh ums Herz bei dem Gedanken an das Wiedersehen, und dabei freute es sie, daß Susi auf Welcord einen guten Eindruck gemacht hatte. Die Antwort, die er auf chr« Frage gegeben, war wieder bezeichnend für seine ganze Art. . ...

Ge

Wutoid-

80vn.e

den <C V <

T)r. Fr .„ur»■-* *• *-’

* aU '° 8

bester

X-Usw

Silber

Bekanntmachung.

Donnerstag, den 4. Juni er., Nachmittags 4 Uhr, werden im Versteigerungslokal Kirchgasse SS Hierselbst:

3 Fast Berricasteler von ea. 347, 596, 630 Ltr., 3 Fas; Oestrichcr von ea. 163, 366, 576 Ltr., 1 Fast Eltviller, circa 346 Ltr., 1 Geisenheimer, circa 59« Ltr., 1 Fatz Rauenthaler, circa 646 Ltr.,

öffentlich zwangsweise gegen Baarrablung versteigert. Probe« werden während der Versteigerung verabreicht. §281

Wiesbaden, den 3. Juni 1903.

WoIl<*nhavEg»t,

Gerichtsvollzieher.