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Sl. Jahrgang.

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286. Berlags.Fer»Iprecher N». 295».

Donnerstag, den 4. Juni.

Redaktion»^ernfprecker No. 5».

isos.

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Mahl-Vorschau.

Der Aufmarsch der Parteien zum Wahlkampf ist so gut wie vollendet, und die Kandidaturen sind mit einigen verschwindenden Ausnahmen, wobei es sich um belanglose Zählkandidaturen handelt, nominiert. Besonders in die Augen fällt hierbei die ganz außerordentliche Zunahme der Wvhlkandidaten. Nach den bisherigen Feststellungen, die freilich noch hier und da Korrekturen erfahren werden, sind in den 397 Wahlkreisen 1424 Kandidaturen ausge­stellt, während die Anzahl der Kandidaten selbst, von denen viele mehrfach ausgestellt sind, 1171 beträgt.

Die Anzahl der ausgestellten Kandidaturen hat sich nicht intimer nach der Stärke der Parteien und nach ihrem bisherigen Besitzstände gerichtet. So hat beispielsweise die Sozialdemokratie einen förmlichen Sport mit der Ausstellung von Kandidaten getrieben, um später sich mit dem Anwachsen ihrer Wählerzahl rühmen zu können. Die Sozialdemokraten haben in allen Wahlkreisen, bis auf 2, Kandidatm nominiert, die selbstverständlich zum bei weitem größten Teil nur Zählkandidaten darstellen. Von den anderen Parteien haben die meisten Kandidaten das Zentrum, die nationalliberale Partei, die freisinnige Volkspartei und die deutschkonservative Partei aufgestellt.

Es' ist von Interesse, die Anzahl der aufgestellten Kandidaturen mit der bisherigen Stärke der Parteien im Reichstage und zugleich mit der zu vergleichen, welche die Parteien in den Wahlkampf von 1898 erzielt hatten. Me stärkste Partei des Reichstags ist das Zentrum. Das­selbe errang bei den Wahlen von 1898 102 Sitze, hatte zuletzt 100 Sitze und es hat bei den jetzigen Wahlen in 218 Wahlkreisen 161 Kandidaten aufgestellt. Die zweit­stärkste Partei war im Reichstag die Sozialdemokratie, die bei den letzten Wahlen 56 Mandate errang und bei

Schluß des Reichstags 68 hatte; die Partei hat in 395 Wahlkreisen 322 Kandidaten ausgestellt. Die drittstärkste Partei war die nationalliüerale, die bei den letzten Wahlen 47 Mandate eroberte, es aber durch die Nachwahlen auf 63 brachte. Ae Partei hat in 187 Wahlkreisen 181 Kandidaten ausgestellt. An vierter Stelle folgte die deutsch-konservative Partei, welche bei den Wahlen von 1898 36 Mandate erlangte, davon aber im Laufe der Legislaturperiode 6 einbüßte. Die Partei hat in 112 Wahlkreisen 111 Kandidaten ausgestellt. An fünfter Stelle kommt die freisinnige Volkspartei, die bei den letzten Wahlen 29 Mandate erhielte, zum Schluß 28 hatte und jetzt in 119 Wahlkreisen 112 Kandidaten aufgestellt hat. Die Reichspartei hatte 1898 23, zum Schluß 20 Mandate und hat in 39 Wahlkreisen 38 Kandidaten ausgestellt. Die freisinnige Vereinigung hatte 1898 13, zuletzt 14 Mandate und hat in 43 Wahlkreisen 41 Kandi­daten aufgestellt. Me Polen behaupteten die Legislatur­periode hindurch ihren Bestand von 14 Mandaten und haben in 47 Wahlkreisen 25 Kandidaten aufgestellt. Die Antisemiten der verschiedenen Schattierungen eroberten bei dm letzten Wahlen 13 Sitze, gingm auf 10 zurück und haben in 107 Wahlkreisen 50 Kandidatm aufge­stellt. Die Elsässer hatten die Legislaturperiode über 10 Sitze und haben in 25 Wahlkreism 19 Kandidatm aufgestellt. Die süddeutsche Volkspartei, welche von acht Mann auf 7 zurückging, hat in 26 Wahlkreism 24 Kandi­datm aufgestellt. Der Bund der Landwirte, welcher bis­her nur 6 Mitglieder hatte und als selbständige Partei nicht gelten konnte, hofft diesmal eine solche zu werden, indem er in 40 Wahlkreism 39 Kandidatm aufstellte. Der bisher 3 Mann starke bayerische Bauernbund ist mit 20 Kandidatm auf den Plan getreten. Und dazu kommm endlich noch einige Kandidaturen der Welfm, Dünen, Lithauer, Masuren, neun nationalsoziale Kandidatm und etliche Wilde.

Selbstverständlich wäre es vermessen, heute darüber mutmaßen zu wollm, wie viel von diesen Kandidaturen sich realisieren, wieviel sich als verlorne Liebesmüh' er­weisen wird. Als sichere Tatsache wird allgemein mit einem Anwachsen der Sozialdemokratie gerechnet. Wenn auch die Ankündigungen der Partei stark rmommistisch sind, so gilt doch ein Zuwachs von mindestens einer Mandel Sozialdemokraten als wahrscheinlich. Meser Zuwachs dürfte zu einem Teil aufKosten desZmtrums er­zielt werdm, denn bei dem Kampf zwischen Zentrum und Polen in Qberschlesim wird vielfach die Sozial­demokratie der lachmde Mitte sein. Die Polen haben eher Aussicht zu verlieren als zu gewinnm; sehr bemer­kenswert ist, daß bei der Aufstellung der Kandidatm die polnische Hofpartei gegmüber der Volkspartei fast durch­weg unterlegen ist. Auf einen mehr oder weniger großm Verlust werden sich auch die konservativen Parteien ge­

faßt machm müssen, denen das nme Wahlreglemmt manche Mandate kosten wird. Mancherlei bemerkens­werte politische Konsequmzm kann es nach sich ziehen, wmn es dem Bunde der Landwirte gelingt, als selbst­ständige Partei in dm neuen Reichstag einzuziehm. Auf Verluste werden sich unter anderem die Antisemiten und die 6 Welfen gefaßt machen müssm. Weiteres läßt sich fürs erste noch nicht sagm, doch steht schon jetzt fest, daß die Entscheidung über die Beschaffenheit des neum Reichstags erst durch die Stichwahlen gebracht werdm wird, _

Deutsches Weich.

Sokolfcst in Berlin?

L. Berlin, 3. Juni.

Während der Pfingstfeiertage sollte hier ein tschechisch- polnisches Turnfest vor sich gehm. Me Einladungen dazu warm von dem hiesigen tschechischen Sokolverein in die ganze slavische Welt verschickt wordm. Sie befleißig- ‘ tm sich einer so maßlos aufreizenden Sprache gegen Deutschland, daß nicht ohne Grund gefragt werdm konnte, ob die Polizei das Fest unter solchen Umständen werde stattfinden lassen. Die Pfingsttage sind vorüber, aber man hat bisher seltsamerweise nicht mit einem Wort davon gehört, ob denn nun diese antideutsche Demon­stration erfolgt ist, und wie sie verlausm ist, oder ob sie hat abgesagt werdm müssm, weil das Polizeipräsidium es so wollte. Me Lokalberichterstatter, die sich sonst doch um alles kümmern, vermelden nichts von der Geschichte, die an sich ja nicht erheblich ist, ob sie nun so oder so aus- gegangm ist. Immerhin bleibt es ungewöhnlich, daß schlechterdings garnichts über das Schicksal dieser Ver­anstaltung mitgeteilt werden konnte. Vielleicht wird aus dem Umwege über tschechische und polnische Blätter etwas von der Sache bekannt.

*

* H»f» und Persoual-Nachrichte». Infolge Entgegenkommens des Kronprinzen von Sachsen würben bie ver- mögenSrechtlichen Verhältnisse der Prinzessin Luise voll­ständig geordnet. Die Dauer des Aufenthaltes des Kindes bei der Prinzessin wird wesentlich von dem weiteren Verhalten der Prinzessin abhängen. Ein Wiederaufleben der Asfaire Giro« gilt als ausgeschlossen.

Prinz JuliuS von Schleswig -Hol st ein- Sonderburg-Glücksburg, der Bruder des Königs von Dänemark, der, wie gemeldet, Montag abend 6V2 Uhr in Itzehoe gestorben ist, ist nahezu 79 Jahre alt geworden. Er war am 14. Oktober 1824 zu Gottorp geboren und stand als General­major ä. la suite der dänischen Armee. Am 2. Juli 1888 hatte sich der jetzt Verstorbene mit Elisabeth v. Ziegesar, der durch den König Christian der Titel einer Gräfin Roest verliehen wurde, morganatisch vermählt. Die Ehe blieb kinderlos, die Gräfin Roest starb am 20. November 1887. Es lebt jetzt von den Ge­schwistern des 85-jährigen Königs Christian nur noch der jüngste, 1825 geborene Prinz Johann. Das Haus Holstein teilt sich in zwei Linien: Holstctn-Sonderburg und Holstein-Gottorp. Dem

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(19. Fortsetzung.)

„Dich muß ich aber mal als Modell bewundern", sagte Edel, „in der nächsten Sitzung bin ich dabei."

„Oh — Kinder gehören nicht ins Heiligtum."

„Kinder!" schmollte Edel.

„Pardon — unbeteiligte junge Damen, wollte ich sagen."

Me lachten.

Dirken kam aus der Weinstube, in der Lauffen und Nietschmannshausen gewöhnlich frühstückten. Er hatte mit den Herren für den Nachmittag eine Ausfahrt in den Wald geplant und es übernommen, Gottburgsm zur Teil­nahme aufzusordern. Lauffen wollte sich von seiner Braut und seinem künftigen Schwiegervater begleiten lassen, und Dirken hatte versprochen, seine Tochter mit­zubringen; von den Herren hatte noch keiner etwas von Edels Heimkehr gewußt, natürlich war es selbstverständ­lich, daß beide Damen mitkamm. Gottburgsen sagte sofort zu. Seitdem Edel zu Hause war, fühlte er sich wieder wohl unter Menschen, und an diesem Morgen war er besonders gut aufgelegt.

„Ich freue mich sehr, Sie so munter zu finden, Herr «Professor", sagte Mrken treuherzig, „und die anderen Herren werden meine Freude teilen."

„Man hatte mich wohl schon nahezu aufgegeben", lächelte Gottburgsen, „aber Unkraut vergeht nicht. Ich habe nur hin und wieder das Bedürfnis, mich wie der Fuchs in seinen Bau in mich selbst zurückzuziehen. Meine Tochter hat mich wieder aus meiner Schläfrigkeit auf­gerüttelt."

„Das ist recht. Also auf Wiedersehen zu einem recht vergnügten Nachmittag!"

Me Abfahrt war für zwei Uhr festgesetzt. An einem Droschkmstandplatz, ungefähr 10 Minuten von Gott- burgsens Villa, wollte man sich zusammenfinden und von da aus die Wagen nehmen.

Beinah gleichzeitig mit Gottburgsm und seinen

Damen kamen Herr und Fräulein Mrken auf der zum Rendezvous besttmmten Stelle an. Nietschmannshausen war schon da, ein jüngerer Herr, Assessor Deuzmann, den er unterwegs getroffen und dem er von der zu unter­nehmenden Partie erzählt hatte, begleitete ihn, um sich der Gesellschaft anzuschließen. Nach einigen Minuten kam guer über den Platz eine Mailcoach gebraust, in dessen Führer Gottburgsen den Kommerzienrat Bim­bach, Lauffms Schwiegervater, erkannte. Die junge Braut, eine zarte, liebliche Erscheinung, saß neben ihrem Vater. In der Nähe der Gesellschaft ließ der Kammer- zimrat die Pferde halten und klüterte von seinem Sitz herunter. Tann warf er dem aus dem Wagenkasten springenden livrierten Burschen die Leine zu und half seiner Tochter die steile Treppe hinabsteigen.

„Guten Tag, meine Herrschaften", rief er, den Hut schwenkend und Gottburgsen als dem einzigen, den er unter den Versammelten näher kannte, die Hand zur Be- grüßung reichend. „Ich habe meine Mailcoach ange­spannt. Ich denke, es fährt sich vergnügter zusammen als in getrennten Wagen, da wir doch nur eine kleine Gesell­schaft sind. Hoffentlich sind Sie alle meiner Meinung."

Die Idee des Kommerzienrates fand allgemeinen Beifall.

„Eben vor der Abfahrt bat Lauffen mich durchs Telephon, ihn bei den Herrschaften zu entschuldigen, wenn er sich eine kleine Viertelstunde verspäten sollte und man auf ihn warten müßte", fuhr Breubach fort, „er wäre in seinem Bureau durch einen unerwarteten Besuch aufgehalten. Ich möchte mir daraufhin erlauben, den Herrschaften einen Vorschlag zu machen. Hier ganz in der Nähe, drei Minuten zu gehen, ist unser Neubau. Me Maler sind gerade bei der Innendekoration der Wände, die ich Lups übertragen habe. Nun, alle Achtung vor Lups, Sie wissen, ec ist einer unserer tüchtigsten Deko­rationsmaler, aber er hat mir. einen jungen Mann ge- schickt, ich sage Ihnen, Herr Professor, einen Mann, einen richtigen Künstler, etwas ganz Hervorragendes, malt wirklich wunderbare Sachen. Ich habe eine so kindische Freude über die Arbeit, daß ich beinahe täglich hingehe und mich an den Fortschritten der Malerei ergötze. Es wäre nur wirklich wertvoll, einmal Ihre Ansicht über die

Arbeit zu hören. Sie würden mir einen großen Gefallen tun."

„Natürlich gehen wir hinüber. Inzwischen wird sich Lauffen wohl einfinden."

Der Kommerzienrat und Gottburgsm gingm voran, in einiger Entfernung folgten die anderen.

Me Villa, welche nach ihrer Herrin und künftigen Bewohnerin „Helene" getauft war, lag wie alle Häuser der noch wenig bebauten Straße in einem Garten, der vorläufig allerdings noch als Lagerplatz für überschüssige Baumaterialien diente, wodurch das Ganze noch einen unfertigen Eindruck machte. Sonst war das Haus von außen vollständig und nahm sich mit seinem schlank auf­strebenden Turm, dem erkerartigen Ausbau an der Front und dem graziösm Eckbalkon zugleich stattlich und zierlich aus.

Die Wandmalereien des Vestibüls und der Treppm- mcmer waren bereits vollendet; eine Reihe Landschaften, die sich aneinanderschlietzend wie ein Spaziergang durch Wald und Flur anmuteten, alle erfüllt und durchlmchtet von morgendlichem Sonnenglanz, der von der Lichtgestalt der Aurora am Plafond auszuströmen schien. Eben in dieser eigmartigen Lichtwirkung lag der größte, raffiniert berechnete Effekt des Gesamteindrucks. Die Decke war in dem funkelnden Goldton eines prachtvollen Sonnmauf- gangs gehalten, und der klare, durchsichtig warme Lust­ton der Wandgemälde schien gewissermaßen der Reflex des Lichtes von oben zu sein. Das Ganze war trotz seiner schlichten Motive in streng naturalistischer Auffassung offenbar von Künstlerhand mtworfen und mit größerer Sorgfalt und Feinheit ausgeführt, als sie sonst auf diese Art der nur für Augenblickswirkung berechneten Deko- rationsmalerei verwendet werden.

Gottburgsen konnte der Arbeit nicht seine Anerkennung versagen. Ein besonderer Zug in den Scenerieen erregte sogar seine Anfnierksamkeit in erhöhtem Grade, die Skizzen des Unbekannten, der sich nicht wieder hatte blicken lassen, fielen ihm plötzlich wieder ein; er fragte nach dem Namen des jungen Mannes, der in Meister Lups' Aufträge und unter dessen Kontrolle die Malereien ausgeführt hatte. Das gutmütige Gesicht des Kommer­zienrates strahlte vor Freude,