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«. Jahrgang.

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253. VerlagS-Fernfprecher No. 2983.

Mittwoch, de« 3. Juni.

Redaktions-Fernsprecher No. SS. 1903.

Morgen-Ausgabe.

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Der Verlag des Wiesbadener Tagblalts.

Nalilisches aus England.

Unser Londoner u-Korrespondent schreibt unter dem 30. Mai: Der Exekutivausschutz der liberalen Partei trifft gegenwärtig bereits Anstalten für eine etwaige Generalwahl im Juni. Angesichts der Verwirrung, be­ziehungsweise der Differenzen, die im Kreise der Regie­rung bestchen müssen, hält man jeden Augenblick die Auf­lösung derselben für möglich. Die Debatte im Unterhause am vorigen Donnerstag hat nicht nur unter denLiberalen, sondern auch unter den Unionisten die größte Verblüffung hervorgerufen, denn kein Mensch hätte sich träumen lassen, daß Mr. Chamberlain jetzt schon bereit ist, von der Nation ein neues Mandat zu verlangen, um auf ihre Kosten ein gefährliches Experiment zu versuchen, das den Bruch mit dem großen Freihandelsprinzip bedeutet. Ein beträchtlicher Teil der Mitglieder der Regierungspartei im Unterhause besteht aus überzeugten Freihändlern, und für sie würde eine Generalwahl, bei der es sich einzig und allein um die bewußteFrage handelt, auf eine längere Unterbrechung ihrer politischen Tätigkeit hinauslaufen, wenn sie sich nicht gerade jener neuen Partei anschließen wollen, die sich um die Standarte des jungen Winston Churchill zu scharen scheint. Mr. Chamberlain und seine Freunde würden aber selbstredend alles aufbieten, um solche Leute unschädlich zu machen, indem sie in den be­treffenden Wahlkreisen die Aufstellung schutzzöllnerischer Kandidaten veranlassen. Demnach stünde ein vollständiger Wechsel dex gesamten Physiognomie des Parlamentes selbst dann bevor, wenn der Kolonialminister von der Nation nicht mit der zur Bildung einer neuen Regie­rung nötigen Mehrheit ausgestattet werden sollte. Die Haltung Mr. Balfours ist eine im höchsten Grade be­merkenswerte, denn während er auf der einer: Seite mit

den Chamberlainschen Plänen zrr sympathisieren vor­gibt, erklärte er auf der anderen, in die Ausführbarkeit derselben Zweifel zu setzen, und lehnte es schließlich ganz und gar ab, auf die Frage Mr. Laboucheres, ob der Standpunkt, auf den sich Mr. Chamberlain in seiner Rede am Donnerstag stellte, derjenige des Kabinetts wäre, auch nur mit ja oder nein zu antworten. Vielleicht ist der Premierminister geriebener, als er erscheint, und beabsichtigt, den Kolonialminister reden zu lassen, so viel er will, und darauf bedacht zu bleiben, sich selber in keiner Weise zu kompromittieren. Wenn die Nation dann nichts mit der Schutzzollpolitik zu tun haben mag, stünde Balfour groß als der Mann da, der den Getreidezoll auf­gehoben, indes Mr. Chamberlains Reputation ein für alle Mal verloren wäre. Unmöglich erscheint es auch nicht, daß elfterer in einem geeigneten Augenblick, wo er sich der Unterstützung durch seine Partei ganz beson­ders sicher fühlt, sich von dem Kolonialminister loszu­sagen gedenkt. In diesem Falle dürfte er es einfach ab- lehnen, dessen Politik länger seine Unterstützung zu ge­währen und ihm durch die Blume raten, zum Kuckuck zu gehen. Dann würde sich Chamberlain isoliert finden, und eine Wiederholung des bekannten Randolph Churchill - Zwischenfalles stünde bevor. Ganz besonders unbehaglich ist es übrigens den Iren angesichts der Mög­lichkeit einer unmittelbaren Auflösung des Parlamentes zu Mute, weil dieselbe das neue irische Landgesetz ge­fährden würde. Sie glauben, Chamberlain sehe es gerade daruni darauf ab, eine Krisis herbeizuführen, weil er darauf rechnet, ihren Beistand erzwingen zu können, so lange derselbe eine Vorbedingung für die Trirchfüh- rung jenes Gesetzes bildet. Die Iren betrachten den Kolonialminister von altersher als ihren größten Wider­sacher und Feind.

Deutsches Reich.

Falsche Auslegung des Urhcberrechtsgeseücs.

Ein scharfer Angriff gegen die Praxis der preußi­scher: literarischen Sachverständigen-Kammer in Bezug auf die Handhabung des Urheberrechts kommt aus München vom Professor Dr. Birkmeyer, der nicht nur als Fachmann, sondern auch dadurch legitimiert erscheint, daß er der gegenwärtige Vorsitzende der bayerischen Sachverständigen-Kammer für Werke der Literatur ist. Man sollte meinen, daß der Begriff des strafbaren Nach- drricks vollends seit Erlaß des Gesetzes vom 19. Juni 1901 nicht mehr streitig sein kann. In diesem Gesetz wird lim § 41) bestimmt, daß die in den vorangegangenen Paragraphen bezeichneten Handlungen auch dann rechts­widrig seien, wenn das Werk nur zu einem Teile verviel­

fältigt werde. Daraus folgt, daß die Begriffsmertmale des teilweisen Nachdrucks ganz dieselben sind wie die des vollständigen. Gleichwohl befolgt die literarische Sach­verständigen-Kammer zu Berlin seltsamerweise eine andere Praxis. Professor Birkmeyer, der seine bemer­kenswerte Kritik im jüngsten Heft der „Deutschen Juristenzeitnng" veröffentlicht, führt als Beispiel ein Gutachten dieser Sachverständigen-Kammer aus der letz­ten Zeit an, worin ausgeführt wird, der des Nachdrucks Angeklagte habe dasOriginralwerk unzweifelhaft für seine Zwecke in ausgiebigster Weise ausgenutzt. Er habe ihm nicht nur in der Hauptsache die äußere Einrichtung und Gestaltrmg, das Schema und Gerippe für die Anordnung und systematische Einteilung des Stoffes, sondern auch eine ganze Anzahl Stellen direkt entlehnt und so die fremde Geistesarbeit rücksichtslos und ohne Scheu in seinem Interesse ausgebeutet und verwertet. Allein eine genaue Berechnung nach Druckseiten und Druckzeilen des Originalwerks einerseits, der aus ihm nachgedruckten Stellen andererseits haben ergeben, daß der Angeklagte dem Originalwerke nur etwa den 38. Teil entlehnt habe. Dieses quantitative Verhältnis des Entlehnten zum Originalwerk müsse aber für zu gering erachtet werden, um die Annahme eines teilweisen Nachdrucks zu be­gründen. Die pveußische Sachverständigen-Kammer hat also in der Frage des teilweisen Nachdrucks die Erbschaft des früheren Sachverständigen-Dereins angetreten, der in einer mehr denn halbhundertjährigen Praxis den Grundsatz festgehalten hat, daß für das Vorhandensein eines teilweisen Nachdrucks ausschlaggebend sei das Quantitätsverhältnis des Entlehnten zum Originalwerk. Birkmeyer weist nun nach, daß diese Praxis ohne jeden gesetzlichen und wissenschaftlichen Halt ist. Über das Quantitätsverhältnis des nachgedruckten Tefls zum Ganzen besflmmt das Gesetz nicht. Es genügt der Nach­druck jedes, auch des kleinsten Teils des Originals für den Begriff des teilweisen Nachdrucks. Der Verfasser er­klärt am Schluß sehr energisch, er müsse die Art und Weise, wie die preußische Sachverständigen-Kammer den Umfang des Abgedruckten in ihrem citrerten Gutachten verwerte, wiederholt als ungerecht und ungesetzlich be- zeicknen. Ter unbefangene Leser hat den Eindruck, daß Professor Birkmeyer vollständig im Rechte ist. Man würde es, wenn die Sache nicht aktenmäßig belegt wäre, über- Haupt nicht für möglich halten, daß solche wunderlich« Auslegungen des Urheberrechtsgesetzes stattgefunden haben könnten. Hoffentlich verfehlt die Birkmeyersche Kritik ihre Wirkung nicht. Schon um eine unliebsame Differenz zwischen der Berliner und der Münchener Sach­verständigen-Kammer in literarischen Angelegenheiten vermieden zu sehen, möchte man solche nützliche Wirkung wünschen.

Feuilleton.

Pie Phalam-Ausstellung.

(Eigener Bericht.»

München, 28. Mai.

Ich habe diese kleine Künstlervereinigung einmal ore Jüngsten der Jungen genannt. Das stimmt nicht mehr. Sie sind nach längerer Pause wieder auf den Plan getreten und zwar mit guten Namen vereint, zu denen sich Neues in wirksamer Harmonie gesellt. Was ist denn Kunst? Die Ausgabe des innersten Fuhlens einer Individualität in höchster Vollendung. Maßstab anzulegen, patzt fürs Handwerk, Verstehen und Ein­gehen erfordert die höhere Entwickelung, die reine Harmonie des Schönen. Was ist schön? — Das, was mit unserer eigensten Seele harmoniert, was den Zu- sammenflutz verschiedener Ideale gestattet, ohne den Mitzklang fremden Gefühls erstehen zu lassen. Kunst ist also schön. Und von dem persönlichen Schönheitsgefühl muß man ausgehen, wenn man den Künstler erkennen will. Daß man da nur eigenstes Urteil geben kann, ist selbstverständlich, aber wer in steter Folge die Ver­schiedenheit der Individualitäten studiert, der wird sich zur Objektivität erziehen können, die das Nichtkönnen der Hilflosigkeit zurechnet, außer — der Frosch bläst sich auf. Dann soll er platzen oder in den Sumpf gehen, auf freier Höhe ist sein Gebiet nicht.

Freie Höhen bieten sich hier, von denen man auf weite, bunte Felder blickt, deren Verschiedenheit Interesse weckt. Es sind wenig Aussteller — aber grundver­schiedene Individualitäten. Höflichkeit ist urdeutschc Eigenschaft, also der Gast zuerst. Ein klingender Name — Claude Monet (Paris), der Vorkämpfer für Flein air, der alte Impressionist. Ein Zeitraum von 40 Jahren künstlerischen Strebens in 16 Bildern. Und man mutz sagen, der Anfang war groh, hochzttgig, kühn. Aus den Jahren 1866, 76, 78, 88 zeigt Monet selbst­gesuchte und -gefundene Pfade, das impressionistische Kolorit. Datz auch weniger Gutes mit unterläuft, das ist bei dem Zeitraum verständlich. Speziell die neueren Werke tragen den Stempel der Decadence, der zum Pointillismus führte. Sie sind nach dem Spektrum ge­

malt und da unser Auge den Dienst ' des Prismas weigert, kann man sich schwer in blau, grün, rot, gelb, violett, weiß hineinfinden. Das beste ist hier noch „La Tamise ä Londres" aus dem Jahre 1901, das in eminent packender Weise das Auftauchen der Turm­spitzen und Brückenbogen aus dem wallenden Nebel­meer des Frühtags der Themscstadt schildert. Man atmet diesen rosa-braun-violettcn Dunst ein, man sieht das Wogen der grauen Schichten — und dennoch die Klarheit, das selbstbewußte Können der älteren Werke erreicht auch dieses Bild nicht. Die siebziger — achtziger Jahre sind Monets Glanzzeit nach der hier ausgestellten Kollektion. Das „Porträt de Madame M." ist ein vor­zügliches Stück, das in seiner Feinheit, in seiner souve­ränen Sicherheit und vornehmen Gestaltung ein längeres Jnsichversenkcn erfordert, ehe man die wahre Schätzung erwirbt. Daß Monet hunderttausend Mark fordert, kann ich verstehen, einer wird's schon mal bezahlen. „Le Dejeuner Sous-Bois" ist ebenfalls ein prägnant charakte­ristisches, farbenharmonisches Bild, das Interesse er­regt, gleich „une Allde Sous-Bois". Man darf der Phalanx wohl danken, datz sie den Pariser Meister uns näher brachte, aber auch Anerkennung dafür, daß sie in wackerem Selbstvertrauen ihre eigenen Kräfte mit ihm maß. Vor allem ist da einer, ein bekannter, wenig be­kannter Name: Hermann S ch l i t t g e n (München). Aus den „Fliegenden" kennt ihn die ganze Welt, als Meister des Pinsels nur wenige. Und ein Meister ist er. Herrgott, wie ist das Atelier-Interieur mit dem Halbakt hingesetzt. Das könnte nicht anders sein, das fühlt man, man sicht dieses Mädel da in der Ecke sitzen, man ... ich sehe schon, ich werde begeistert,' und das ist eigentlich gut, man muß sich noch begeistern können. „Ein lesendes, bis zum Gürtel entkleidetes Mädel auf der Atclierchaiselongue", das ist der Gegenstand und das hat Schlittge» einfach vollendet gegeben. Man merkt wohl noch den schicken Linienzcichner, allein das patzt hierfür vorzüglich. Nein koloristisch und malerisch intereffant ist ein Porträtstück, Dame und Herr am blumen- gcschmückten Tisch. Die Dame hält einen Collie im Arm und sitzt eu face Das ist ein Bild, und daS Beherrschen des Raumes, die Sicherheit der Zeichnung, das studierte Detail der Farbcnharmvnie zeigt den Meister. Eine Studie „Knabe im Bett" ist das dritte, das für mich eine

zu hell gestimmte Tönung zeigt, um zu erwärmen. Datz im selben Saale Philipp Klein verschiedenes zeigt, ist etwas nnüberlegt. Es ist etwas Geklügeltes in seinen Bildern, und alle Achtung vor der Arbeit, aber seine „nackte Fra u" zeigt zu wenig saftigen Fleischton, um auf dem gelb-gelben Hintergründe hervorzutrcten. Wassily K a n d i n s k y ist der alte, der gleiche, und zeigt seine Glasmalereikunst am besten im „Stelldichein". Märchenkunst, Musäus, Hauff! Der Meistvertretene ist natürlich der Zeichner des Bundes, John Jack B r i e s - l and er (München). 43 Nummern beweisen, daß er sehr gut zeichnen kann, minutiös öurcharbeitet und eminenten Fleiß aufwendet, aber alle Sachen schreien übermäßig vor Perversität und Decadence, das dieses Zuviel vollkommen erkältet. In einzelnen wohnt ein lachender Humor, wie im „Dialog" (zwei Marabus unter, halten sich über einen gehängten dritten), oder im „Ge- mütbläser" (ebenfalls ein Gehängter, dem eine karikierte „Gemütsgestalt" die Totenklage bläst), aber die meisten lassen kalt oder stoßen ab. Da hilft selbst die brillante Zeichnung nichts.

Zum Schluß die Plastik. Da sind wieder die bei­den Phalanxjüngcr Wilhelm H ü s g e n und Waldemar Hecker. Es ist eigentlich eine Sünde, die beiden in einem Atemzug zu nennen, denn so was von Himmel- weitem Unterschied gibt's kaum wieder. Man hat sick- gewöhnt, sie zusammen zu nennen, und doch sind sie sehr auseinander zu halten. Wilhelm Hüsgcn bringt sechs Stücke, darunter eine B e e t h o v e n b ü st e, die eine Kraft und ein kühnes Beherrschen von Form und Geist zeigt, das man offen bewundern muß. Bei den zahllosen Beethoven der letzten Epoche — endlich wieder einer, der das Genie, den Adlerflug mit den wuchtigen, groben Zügen zu vereinen weih, die der Meißel 4>cr Natur dem Titaneil verlieh. Um so überraschter ist der Gegensatz in dem Relief der Frau K., das ein inniges, liebe­volles Versenken verrät, das sogar dem nüchternen Gips warmen Ton verleiht. In einer Niesemnaske zeigt uns Hüsgcn noch eine Lombrosostudie. Dieser Typus der Verbrecherphysiognomie ist durchgcarbeitet und bis ins minimalste studiert, so daß es doppelt schade ist, ungünstige Beleuchtung konstatieren zu müssen. Ein Bronzerelief und eine weibliche Büste sind gut, wie ein Relief des Frl. L. G. Waldemar Hecker hat eine Büste ausgc