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Do. 262. BerlagS-Ferusprecher R». 2981.

Dienstag, den 2. Juni.

RebaktiouS-Ferufprecher No. 81.

1903.

Abend-Ausgabe.

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„Wiesbadener Tagblatt"

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Die Gewerbeaussicht in Preußen.

Die soeben erschienenen Berichte der preußischen Ge­werbeaufsichtsbeamten bieten ein getreues und dement­sprechend wenig erfreuliches Bild unserer industriellen und Arbeiterverhältnisse im vergangenen Jahre. Die Depression, welche seit dem Jahre 1900 auf unserem wirtschaftlichen Leben lastet, hat sich auch im Jahre 1902 auf den meisten Gebieten der Industrie und im Klein­gewerbe sehr unliebsam bemerkbar gemacht, doch kon­statieren die Berichte fast durchweg, daß sich gegen Ende des Jahres Anzeichen einer Besserung erkennen ließen. Tatsächlich sind auch in den fünf Monaten, welche seit dem Abschluß der Gewerbeaufsichtsberichte verflossen sind, weitere Merkmale einer wirtschaftlichen Aufwärts-Ent- wickelung zu verzeichnen gewesen, die zu der Hoffnung be­rechtigen, daß wir den Tiefstand der geschäftlichen Kon­junktur überwunden haben.

Diese ungünstige Konjunktur hat sich im vergangenen Jahre sowohl im Rückgang der Arbeitsgelegenheit als auch in einem Sinken der Löhne ausgedrückt und sich um so schmerzlicher fühlbar gemacht, als gleichzeitig die Preise zahlreicher Lebensmittel, insbesondere des Fleisches, anzogen und auch die Wohnungsmieten infolge des Mangels an kleinen Wohnungen für diese vielfach in die Höhe gingen. Die „schwere Not der Zeit" prägte sich vor allem auch darin aus, daß der Rückgang der Beschäftigung die erwachsenen Arbeiter traf, während die Anzahl der Arbeiterinnen un? der jugendlichen Arbeitskräfte zu­nahm infolge des Bestrebens, durch billige Arbeit Er- sparnisse zu machen. Indessen lassen sich die Beschästi- gnngsziffern des Jahres 1902 mit dem Vorjahre nicht dergleichen, da in Bezug auf die Zuständigkeit der Ge Werbeaufsicht erhebliche Verschiebungen eingetreten sind Sehr erfreulich ist jedenfalls die in den Berichten festge­

stellte Tatsache, daß die Arbeitgeber sich zumeist nur im äußerstm Notfall zur Entlassung von Arbeitern ent­schlossen, und daß hierbei insbesondere auf die älteren Arbeiter und auf die Verheirateten Rücksicht genommen wurde.

Die Berichte heben ferner hervor, daß solche Maß­nahmen teilweise unter direkten Opfern, entweder durch umfassende Arbeiten auf Vorrat oder durch Verkürzung der Arbeitszeit, vermieden worden sind. In einem solchen Fall ergab sich eine sehr bemerkenswerte Wirkung, die uns sreilich nicht überraschen kann. Im Regierungsbezirk Liegnitz hatte eine Fabrik eine Zeit lang die Arbeits­dauer uni eine halbe bis eine Stunde gekürzt. Als dann eine Besserung der Konjunktur eintrat, behielt sie diese verkürzte Arbeftszeit bei, da sich gezeigt hatte, daß hier- bei das gleiche Quantum Arbeit wie früher geleistet wurde. Es ist eben eine alte Erfahrung, daß über eine gewisse Quantität der Arbeit hinaus deren Qualität leidet. Dieser Grundsatz wird auch bei der Erörterung des immer dringlicher geforderten Zehnstundentages berück­sichtigt werden müssen. .. Die preußischen Gewerbe­aufsichtsbeamten sind bekanntlich mit Erhebungen über diese Frage beauftragt worden, doch werden die Berichte hierüber erst später herausgegeben werden. In den vor­liegenden Jahresberichten wird die Frage bloß hin und wieder gestreift; der Gewerberat für Breslau befürwortet diese Verkürzung der Arbeitszeit rückhaltslos, und auch die unlängst erschienenen Berichte der badischen Gewerbe­inspektion kommen alles in allem zu einer günsftgen Be­urteilung des -Zehnstundentages für Arbeiterinnen.

Erfreulich ist die Feststellung der Berichte, daß die Arbeitgeber es trotz der schlechten Geschäftslage nicht an reger Betäftgung privater Fürsorge für die Arbeiter iiabm fehlen lassen, insbesondere ist dies vielfach durch direkten und damit billigeren Bezug von Feuerungs- Materialien. und mehrfach auch von Nahrungsmitteln, so insbesondere von Seefischen, geschehen. Auch wird die Bereitwilligkeit der Arbeitgeber, den Anordnungen der Aufsichtsbeamten Folge zu leisten, anerkannt, und die Verfehlungen gegen die Arbeiterschutzgesetze waren über­wiegend formaler Natur. Die Zahl der Unfälle hat zwar verschiedentlich zugenommen, doch betrifft die Zunahme zumeist die leichteren Fälle. Vielfach wird hierbei über die Nachlässigkeit und Fahrlässigkeit der Arbeiter geklagt. Wir möchten deshalb an alle Arbeitgeber die Mahnung richten, die Arbeiter bei geeigneten Gelegenheiten immer Meder auf die Bedeutung der Unfallverhütungs-Vor­schriften und auf die Notwendigkeit ihrer genauen Beob­achtung hinzuweisen. Sehr nachahmenswert sind auch die in Berlin vom „Roten Kreuz" veranstalteten Samariter- urse zur Ausbildung von Arbeitern, die in Fabriken bei Unfällen den Verletzten die erste Hülfe leisten sollen.

In dem Verhältnis zwischen den Aufsichtsbeamten

und den Arbeitern wird erfreulicherweise eine allmähliche, wenn auch langsameBesserung konstatiert. Mit besonderer Befriedigung erfüllen uns die gutm Erfahrungen, die mit den bisher angestellten vier Assistenünnen (drei in Berlin, eine in München-Gladbach) gemacht worden sind. Hoffentlich veranlassen diese günsftgen Erfahrungen dis preußische Regierung zu einer weiteren Ausgestaltung des weiblichen Fabrikinspektorats, und hoffentlich ent­schließen sich zu einem gleichen Vorgehen auch die in dieser Beziehung noch rückständigen Bundesstaaten.

Deutsches Deich.

Zur Erbschaftsstenerfrage.

Seltsam arbeitet ber dm verschiedenen Völkern die Steuerpsychologie, wenn man dies Wort bilden darf. Den Franzosen sollte mal jemand mit dem Vorschläge einer Einkommensteuer nach deutschem Muster mit Selbst- Einschätzung und sonstigen strengen Anforderungen konunen! Er würde kaum angehört werden. Dagegen erträgt das französische Volk ruhig und pflichtbewußt eine hohe Erbschaftssteuer. Umgekehrt ist uns Deutschen die Einkommensteuer gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, während wir uns zur Forderung einer reformierten und ertragreichen Erbschaftssteuer nicht recht stellen zu können scheinen. Nicht nur die Regierun- gen lassen dies Gebiet links liegen, sondern auch die öffentliche Meinung bringt den entsprechenden Vor-i schlagen nur geringe Teilnahme entgegen. Dies soll aber nicht davon abhalten, den Ausbau bet Erbschaftssteuer immer wieder zu verlangen, und zwar von Reichs wegen. Neuerdings erhebt auch Professor Adolf Wagner für ein« Ausbildung der Erbschaftssteuer nach dem Gesichtspunkt einer sozial-ethischen Finanzpoliftk seine Stimme. In einer Reihe von Leitsätzen zu seinem Vortrage auf dem Evangelisch-Sozialen Kongreß zu Darmstadt über „DaS ethische und soziale Moment in Finanzen und Steuern" (abgedruckt in der „Sozialen Praxis") sagt Wagner, daß man zur Forderung einer Reform der Erbschaftssteuer auch vom allgemeinen steuerpoliftschen Standpunkte aus gelangen muß. Folgende Grundsätze stellt er aus: „1. Freiheit kleiner Erbschaften, in höherem Maße allge­mein eines größeren Vorteils des häuslichen Nutz­vermögens; 2. Belastung aller Erben, auch der Nächst­verwandten, auch der direkten und selbst der absteigenden! Linie (Kinder) und der Ehegatten, mit progressiv steigm- demSteuerfuße nach derEntfernungderVerwandtschastvon Beerbten; 3. Progressivität des Steuerfußes auch nach der Höhe des Erbteils." Und dann fährt Wagner fort: Das deutsche Stenerrecht steht hier in der Entwickelung gegen dasjenige fast aller Kulturstaaten erheblich zurück. Auch diese Steuer hat aber, so ausgebildet, gerade sozial­finanziell aufgefaßt, eine wichtige Ausgleichnngssunktion

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(17. Fortsetzung.)

„Aber gern." Die junge Dame schlug ihre Mappe auf, nahm ein Blatt heraus und reichte es Gottburgsm. Um besser zu sehen, trat er einige Schritte vor in dm Lichtkreis eines der bunten Kirchmfenster. Zu seinem Erstaunm und heimlichen Ärger überzeugte er sich sofort, daß die Skizze mit Geschick und nicht ohne Talent ent- worfen war. Das Gesicht, obwohl erst markiert, war unverkennbar getroffen, die Kopfhaltung, der Blick und ein eigener Zug interessierten sogar dm Künstler.

„Ich kam hierher, um dm heiligen Josef zu malm, dessen Gesicht mir so gut gefällt. Sie gefielen mir aber Noch besser", erklärte die junge Dame unbefangen. „Der Ausdruck der Andacht und des Friedens, sowie der Zug des Leidens und der Schwermut auf Ihrem Gesicht ließen Me für Momente ganz verklärt erscheinm."

„Hoffentlich malm Sie mich nicht als Heiliger", be- Merkte Gottburgsm, indem er die Zeichnung zurückgab. „Übrigms sehr hübsch. Sie haben Talmi".

„Das will ich hoffm. Vielleicht male ich Sie doch als Helliger; wenn ich Sie einmal habe, kann ich machm, Mas ich will." Bei diesen mit einigem Übermut ge- sprochmm Worten streifte sie die Handschuhe über die schlanken weißm Finger und nickte dem Professor ihrm Abschiedsgruß zu. Gottburgsm, der Gefallm an seiner jugendlichen Kollegin fand, blieb indessm an ihrer Seite. Dnt Behagm sog er dm zartm Lavendelhauch ein, der ste umschwebte.

„Sie sind Malerin von Beruf, gnädiges Fräulein?" fragte er, als sie zusammen aus der Kirche traten.

„Wie man's nimmt. Verkauft habe ich noch keine Bilder, werde auch kaum je eins verkaufen. Aber ich folge bei der Übung meiner .Kunst einem innerm Bedürf­nis und darf sie deshalb auch wohl als meinen Beruf be­zeichnen."

«Sie nehmm noch Unterricht?"

„Nein, hier in Berlin wäre mir nur der größte Meister als Lehrer gut genug, und der nimmt leider keine Schüler an. Deshalb ziehe ich es vor, an mir selber zu arbeiten."

„Vielleicht würde der betreffende Meister mit einer Schülerin eine Ausnahme machm."

Me Dame zuckte die Achseln. „Ich möchte mir keinen Korb holen, lieber von vornherein verzichtm."

Sie gingm noch nebmeinander her. Die Sonne brannte genau so intensiv wie vorhin, ohne daß Gott­burgsm sich besonders von der Hitze belästigt fühlte.

„Ich meine im Interesse der richtigen Ausführung des Porträts wären noch einige weitere Sitzungen unbe- ding erforderlich", sagte er nach längerem Schweigen ernsthaft.

„Me wärm in der Tat wünschmswert. Aber ich kann Sie nicht damit behelligm."

„O — es braucht mir keine Umstände zu machm. Sie könnten ja zu mir kommen; da ich mich ein wmig auf die Sache verstehe, könnte Mn^n ein gelegentlicher Wink von mir vielleicht nützlich sein. — Ach, Pardon — ich habe vergessen, mich Ihnen vorzustellm —" Gott­burgsm lüstete dm Hut und sagte seinm Namen. Am liebsten hätte er sein Inkognito noch eine Weile aufrecht erhalten, aber der strmge, verweismde Blick, dm das junge Mädchen ihm bei seinem Vorschläge zugeworfm hatte, ließ ihm eine eilige Vorstellung ratsam erscheinm. Lächelnd beobachtete er die Wirkung seiner Namens- nmung, die sich bei der jungm Dame zuerst in einer mommtanm sprachlosen Überraschung, dann in einem dunklen Erglühen ihres zartm Gesichts und in einem offenbar frmdigm Erstaunm äußerte. Unwillkürlich blieb sie stehm.

„Herr Professor! — Wenn ich das geahnt hätte —"

„Hoffentlich hätte mein Gesicht deshalb in Ihren Augm nicht dm Heiligennimbus eingebüßt", lachte Gott- burgsm.

„Nein, aber ich hätte nicht gewagt, Sie anzuredm. Seitdem wir hier in Berlin wohnen, ist es mein größter Wunsch. Ihr Atelier einmal besuchen zu dürfm. Papa hatte sich die Erlaubnis bereits von Jhnm erwirkt —

ach verzeihen Sie — Sie kennm mich natürlich auch nicht; Maud Dirken."

Der Professor lüstete wieder seinm Hut. „Ich ent­sinne mich. Warum sind Sie damals nicht gekommen? Ihr Herr Vater stellte mir seinm Besuch für die nächstm Tage in Ausicht."

„Papa hatte gehört, Sie wären leidmd und empfingen keine Besucher. Wir wollten nicht stören. Wmn Sie uns aber im Ernste gestatten, rn Ihr Atelier zu kommm und unter Ihrm Augen — —"

„Ich gestatte nicht nur, sondern ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, Ihnen bei der Ausführung Ihrer Arbeit behilflich zu sein."

„Tausend Dank! Sie machen mich sehr glücklich", rief Maud Mrkm strahlend, „wann darf ich kommm?"

„Wann Sie wollm. Morgen, übermorgen, wmn es Ihnen paßt. Vor zwölf Uhr finden Sie mich immer zu Hause.

Maud nickte fröhlich: „Ich werde mich gewiß ein- stellm."

Plaudernd schritten sie weiter; am erstm Droschken» Halteplatze nahm Maud einen Wagen.

„Ich hätte nicht gedacht, daß mir heute solches Glück zuteil werden würde", sagte sie und gab dem Professor die Hand, „nochmals tausend Dank! Papa wird nicht schlecht staunm. wmn ich ihm mein heutiges Erlebnis erzähle; er war nämlich schon überglücklich, mir Ihre Einladung ins Atelier bringen zu könnm, und nun ge­währen Sie mir mehr, als ich je zu hoffm wagte."

„Ich werde mich mit großer Freuds einer so talmt- vollen Schülerin widmm", sagte Gottburgsm. Eigent- lich sprach er nur eine Phrase, aber das kindliche Ent­zücken des jungen Mädchens über die unverhoffte Er- füllung eines lange gehegten Herzenswunsches machte ihm wirklich Vergnügen. „Gruß an Ihrm Herrn Vater! Wiedersehen!"

Me Pferde zogen an. Maud winkte lächelnd mit dem Sonnenschirm, der Professor schwenkte dm Hut und sah dem Wagen nach, bis er um die Straßenecke verschwunden war. Dann schritt er ans die nächste Droschke zu, nannte dem Kutscher seine Adresse und stieg ein.