<s». Jahrgang.
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P(. 261. Verlags-Ferusprecher No. SSS>.
Morgen-Ausgabe.
fS^T Wegen des Pfingstfestes erscheint die nächste Ausgabe erst am Dienstagnachmittag.
Pfingsten.
Die Bezeichnung als das „liebliche Fest" ist für das Pfingstfest zu einer sprichwörtlichen geworden und das mü Reckst, denn das Pfingstfest ist uns das Hochfest des Frühlings. Empfinden wir auch schon am Osterfest das Erwachen der Statur, ihre volle Auferstehung bringt uns doch und brachte uns auch diesmal erst das Pfingstfest. Zu Pfingsterr treibt es uns alle, auch den Städter, dem die Statur fremder geworden ist, hinaus ins Freie. Wie ein einziger, mächtiger Himmelsdom erscheint uns die Erde, worin Millionen und Abermillionen von Menschen in feierlicher Andacht einen Gottesdienst begehen, wie ihn in gleicher Erhabenheit menschliche Satzungen nicht schaffen können.
Aber diese natürliche, sich gleichsam von selbst ergebende Bedeutung des Pfingstfestes als des Frühlingsfestes steht nicht etwa im Widerspruch zu der kirchlichen Pedeutung des Pfingstfestes, sondern vielmehr im vollen Einklang mit ihr. Die christliche Religion begeht das Pfingstfest als das der Erinnerung an die Ausgießung des heiligen Geistes. Dieser heilige Geist ergießt sich auch jetzt noch, wie ju den Zeiten der Apostel, über die Menschheit. Wir müssen ihn nur verstehenlernen, uns bemühen, ihn in uns aufzunehmen, diesen heiligen Meist des wahren Christentums, der von dem dogmatischen oft so grundverschieden ist, den heiligen Geist der Liebe und Gute, der Gerechtigkeit und der echten Menschlichkeit.
Denn das ist der Kern, das ist der wahre Sinn jener Lehre, die Christus vor neunzehn Jahrhunderten ver- kündete, deren Sinn aber freilich im Laufe dieser Jahr- Hunderte oft genug verdunkelt und entstellt worden ist, und die auch heute noch weit von ihrer vollen Anerkennung entfernt ist. An jenen: ersten Pfingstfest, an dem das Christentum aus dem engen Kreise seiner bisheriger: Anhänger heraustrat und zur Weltreligion, zu einer Religion für alle ohne Unterschied des Stammes, des Standes und der politischen Gemeinschaft wurde, ist zum erstenmal empfunden worden, daß das menschliche Geschlecht, wieviel trennende Schranken auch im einzelnen bleiben mögen, doch eine große Gemeinsamkeit bildet Eine Gemeinsamkeit, die, wie sehr die Art und Form des Strebens im einzelnen von einander abweichen mag, doch in letzter Linie dem gleichen hohen Ziele zustrebt, dem sittlichen, dem geistigen und dem materiellen Fortschritt des Menschengeschlechtes.
Sonntag» de« 31. Mai.
Freilich, wir sind noch weit entfernt davon, daß die Lehre des Christentums allenthalben zum praktischen Christentum geworden wäre. Nicht nur im Leben der Nationen unter einander steht noch immer die letzte Entscheidung über Recht und Unrecht der blutigen Gewalt zu, sondern auch unter den Genossen desselben Volkes herrscht noch allzu wenig der heilige Geist der Versöhnlichkeit. Unversöhnlichkeit und Gehässigkeit, Unduldsamkeit und krasse Selbstsucht machen sich gerade jetzt, wo der politische Kampf, wo der Wahlkampf mit vollster Heftigkeit entbrannt ist, mehr denn je breit. Und über dem, was die Volksgenossen trermt, tritt immer mehr in den Hintergrund, was sie einigt oder doch wenigstens einigen sollte.
Da ist es heilsam, am Festtage jener Mahnungen der christlichen Glaubenslehre zu gedenken. Auch wo die Geister auf einander Platzen, wo in hartem Kampfe um die Wahrheit oder um das, was jeder für die Wahrheit hält, gerungen wird, soll man der Liebe nicht vergesse::, soll man sich bewußt bleiben, daß der Gegner, ob er gleich über den Weg zum Ziel anderer Meinung ist, doch demselben Volke und Staate angehört, demselben Vaterlande zu diene:: wünscht.
Wir wisse:: freilich, daß die Zeit, da alle prakfischen Forderungen des Christentums verwiMlicht sein werden, noch lange nicht erfüllt ist, und daß sie noch in unabsehbarer Ferne vor uns liegt. Aber es ist nichts desto wenige:- geboten, sich dieser Forderungen namentlich an solche:: Tagen zu erinnern, die zur Einkehr in das innere Leben auffordcrn. Und ein solcher Tag ist das Pfingstfest. Es spricht zu uns von dem Walten des Geistes auch in der Menschenwelt, und der Glaube an den Geist ist nach einem beherzigenswerten Worte ein „fröhlicher Glaube. weil er der Glaube ist an die siegreiche Macht des Guten in der Weltgeschichte."
Ausland.
Ricscnpcnfioncn für
Ganz erstaunlich liest sich die Zusammenstellung einer Londoner Zeitschrift über die Riesenpensionen, d:e das englische Volk einer Anzahl Leuten auszahlt, ohne daß diese irgend ein persönliches Verdienst dafür aufweise:: können. Tie Empfänger haben allein deshalb Anspruch auf ihre Pensionen, weil irgend ein entfernter Vorfahr sich um sein Vaterland verdient gemacht hat. Der jetzige vierte-Herzog von Wellington erhält eine jährliche Pension von 80 000 Mk. direkt von der Regierung, weil der erste Herzog ein großer und erfolgreicher General war. Der eiserne Herzog selbst erhielt etwa 8 000 000 Mark als angemessene Belohnung, die Dankbarkeit der Nation „für geleistete Dienste" auszudrücken, aber seit
Rebaktions-Ferusprecher No. SS. 1903.
seinem Tode sind bereits über 2 000 000 Mk. an seine Erben für dieselben Dienste gezahlt worden, an denen sie natürlich keinen Anteil hatten. Der jetzige Lord Nelson ist ein achtungswerter Pair des Königreichs, aber ob das ein Grund ist, daß er jährlich 100 000 Mk. aus der Tasche der Steuerzahler in Form einer Pension erhält, weil sein Vater zufällig ein Neffe des Helden von Trafalgar ist, bleibt zweifelhaft. Dem ersten Lord Nelson und seinen Nachfolgern in dem Range sind über 14 000 000 Mk.von dem Volk gezahlt worden, und so lange die Pairswürde besteht, wird der jeweilige Inhaber 100 000 Mk. jährlich erhalten. Die Pension von 80 000 Mk. an die Herzöge von Marlborough hat aufgehört, da der frühere Herzog vor etwa fünfzehn Jahren sich mit einer Abfindungs- imme von 2 140 000 Mk. einverstanden erklärte. Aber über hundert Jahre hat das englische Volk regelmäßig 80 000 Mk. an die Männer gezahlt, die nur Nachkommen des großen Herzogs Ware::. Tatsächlich sind wegen des Sieges von Blenheim 10 000 000 Mk. an Leute gezahlt worden, die gar keinen Anspruch auf die Dankbarkeit des Volkes hatten. Aber die größte Pension wird an den Herzog von Richmond gezahlt, nämlich 280 000 Mk« jährlich, eine Summe, die den Zinsen eines zu 5 % angelegten Vermögens von 7 600 000 Mk. entspricht! Diese glänzende Pension wurde im Jahre 1799 von Georg III« dem Herzog von Richmond dafür gegeben, daß er sein Recht verlor, eine Steuer von 1 Shilling auf eine vom Tyne beförderte Tonne Kohlen zu erheben. Dieses war den Häuptern der Richmond-Familie von Karl II. überwiesen worden. In diesem Fall ist es natürlich eine „inaterielle Gegenleistung", wie die Juristen sagen, denn der Herzog, der dieses Übereinkommen mit dem König Georg schloß, beraubte seine Nachfolger eines Rechts, das als Einnahmequelle zweifellos sehr wertvoll war. Aber das Abkommen überhob die folgenden Herzöge von Richmond vieler Sorgen, die Steuer zu erheben und einzutreiben: jetzt brauchen sie nur das Geld zu -zählen, das täglich im Betrage von etwa 1075 Mk. einkommt. Unter Karls II. Regierung hat ein Vorfahr des Herzogs von Grafton das besondere Recht, für seinen eigenen Bedarf so viele in bestimmten Gegenden des Königreichs eingeführte Weine zu wählen, wie er brauchte, und sie nach seiner eigenen gewöhnlich ganz geringen Wertabschätzung zu bezahlen. Das Recht vererbte sich auf die Herzöge von Grafton, aber im Anfang des vorigen Jahrhunderts schaffte das damalige Familienoberhaupt es unter dev Bedingung ab, daß er und die Nachkommen des Titels eine Pension von 137 400 Mk. erhalten sollte. So ist den Herzögen von Grafton 95 Jahre lang dieses sehr schöne Jahresgehalt ausgezahlt worden; sie haben als» über 13 000 000 Mk. dafür erhalten, daß sie nichts taten. Bis vor zwei oder drei Jahren erhielt der Herzog von Norfolk, einer der reichsten Pairs, eine jährliche
Feuilleton.
Kleine Ursache — große Wirkung.
Pfingsterzählung von E. Grciner.
„Da freut man sich nun auf Pfingsten, um schließlich das fragwürdige Vergnügen zu haben, das Hausmädchen machen zu müssen, da Fräulein Sophie zu verreisen gerr:hte!"
Mit diesen Worten trat — den großen weißen Strohhut auf dem reizenden Blondköpfe — Margot Reichardt auf die Schwelle der kleinen freundlichen Küche, wo die ältere Schwester damit beschäftigt war, das am Mittage gebrauchte Geschirr zu spülen.
„Wahrhaftig, am liebsten ließe ich die anderen allein fahren", fuhr jene verdrießlich fort, „denn der Gedanke, mir morgen früh Kleider und Schuhe selber bürsten zu müssen, kann mir die ganze heutige Partie verderben. Hätten wir nur wenigstens die alte Lore zur Aushilfe haben können, aber da mußte die sich auch gerade den Fuß vertreten!"
Die andere lächelte. „Ei, Liebling, wenn Großmutter dich hörte! Gewiß, sie würde sprechen: Es ist noch keiner eine Perle aus der Krone gefallen, die einmal selber zugreift, wenn es not tut, und ich finde, sie hat vollkommen recht. Wozu würden wir uns wohl schon haben bequemen müssen, trotzdem wir Majorstöchter sind, hätte Großmutter uns nicht zu sich nehmen können, ein paar arme Mädchen wie wir!"
Margot trat heftig mit dem kleinen Fuße auf. „Aber ich will nicht ewig ein armes Mädchen sein, ich will nicht! Warum sollten wir nicht auch gute Partieen machen wie andere, die ebensowenig reich und ebensowenig häßlich sind wie wir?"
„Seht mir doch die Kleine", neckte die Schwester, „denkt das Küken schon an bas Heiraten! Und im Plural spricht sie, als ob es ausgemacht wäre, daß für mich, die Siebenundzwanzigjährige, auch bereits ein Freier vor der Tür stände!"
Margot rümpfte das feine Rüschen. „Ja, du freilich, wenn man schon so alt ist und weder auf Bälle noch auf Reisen geht, wo sollte da wohl für dich einer Herkommen?"
Lachend setzte Elfriede den letzten blankgeriebenen Teller aus der Hand. „Siehst du, Prinzetzchen, dasselbe sage auch ich mir, oder richtiger, sage es mir nicht, weil ich überhaupt an so etwas noch nie gedacht habe. Aber nun wird es Zeit, daß du fort kommst, Onkel Geheimrat wartet nicht gern lange. Ich laufe nur flugs in den Garten und hole noch ein paar Rosenknospen, die auf das weiße Kleid gehören."
Ruhig, als sei sie eine wirkliche Prinzesiin, der cs von Rechts wegen zukäme, ließ jene von der Schwester sich schmücken, dann hielt sie dieser die rosige Wange zum Kusse hin.
„Adieu, Altes; griihe Großmama, wenn sie aufmacht, und wundert euch nicht, wenn ich heute als Erichs Braut heimkommen sollte."
Fort war sie, auf dem Platze, wo sie gestanden, einen feinen Veilchcnduft zurücklasseud, Elfriede aber schaute in neidloser Bewunderung ihr nach. Wie schön sie doch war, wie vornehm und elegant in Haltung und Bewegung! Nein, wer so aussah, sich so zu geben wußte, der war nicht geschaffen für Arbeit und Dürftigkeit. Mochte sie in einer ihr zusagenden Lebensstellung das ersehnte Gliick finden! Daß es doch Großmutter noch erleben durfte, welcher der Gedanke, was nach ihrem Tode wohl aus ihren beiden Enkelinnen werden sollte, so viele Sorge machte; denn wie wäre daran zu denken gewesen, von der kleinen Pension, welche sie bezog, auch noch Ersparnisse für die Zukunft zu machen. Nun, um ihre Alteste, meinte Elfriede, brauchte der guten Frau nicht bange zu sein, die fand wohl einmal draußen in der Welt einen Platz, wo man guten Willen und rührige Hände brauchte; wie aber würde e8 mit Margot werden? Aber horch, da schlug es wahrhaftig schon drei, und wenn Großmutter jetzt klingelte, war noch kein Kaffee fertig. Wie man sich doch so verträumen konnte! Doch daran war wohl die heutige Stille im Hause schuld, bet der man ja ein Mäuschen hätte knuspern hören können, waren doch auch die oberen Hausbewohner ausgeflvgen, und Doktor Rtthlig, der droben im Erker wohnte, war sicherlich heute auch nicht daheim geblieben. Jetzt rasch die Ärmel des dunkelblauen Chcviotkleides hcrunter- gestreift, die weiße Latzschiirzc vorgebunden, und draußen auf der Veranda den Kaffeetisch gedeckt. Aber was war denn bas? Die lachende Pfingstsvnne hinter drohendem
Gewölk und ein Wind, daß Flieder und Jasminblüten einem in das Gesicht schneiten. Nun, wo ginge wohl auch einmal Pfingsten ohne Gewitter ab!
Das nämliche aber dachte zur Stunde auch der stattliche Mann, welcher gegen Elfriedes Vermutung droben in seiner Erkerwohnung am Schreibtisch sah und ab und zu einen Blick nach dem Wetter draußen warf, wobei jedesmal ein zufriedenes Lächeln über sein männliches hübsches Gesicht huschte. Wie würde auch wohl er, der die still nach dem Garten gelegenen Zimmer nur gemietet hatte, um möglichst ungestört seinen wissenschaftlichen Studien obliegen zu können, am heutiger: Tage einen Ausflug, geschweige denn eine Reise machen, wo es zu Wasser und zu Lande vom dem lieben Nächsten wimmelte, welcher Pfingsten nicht anders feiern zu können glaubte, als wenn er mit Weib und Kind hinauszog, einerlei, daß er oft anstatt die freie Natur zu genießen, von einem Pfingstgewitter in ein menschenüberfülltes Lokal verschlagen wurde und froh sein mußte, wenn er für sich und die Seinen einen Platz in der Bahn erkämpfen konnte, die ihn abends schmutzig und bis auf die Haut durchnäßt den heimischen Penaten rvieder zuführte. Von dieser Vorstellung erfüllt, streckte sich Doktor Rühlig um so behaglicher in seinen Kvrbstuhl. Weib und Kind! Gott sei Dank, damit hatte er sich bis heute noch nicht bebürdet, rann ihm doch stets ein Nervenschaucr über den Rücken, so oft er eines Kollegen gedachte, dessen Frau wöchentlich fünfmal Migräne hatte, während welcher Zeit der beklagenswerte Mann ein halbes Dutzend Kinder in Zaum und Zügel halten mutzte, damit die Ruhe der Leidenden nicht gestört wurde. Da lobte er sich sein Junggesellenleben, denn was ginge ihm wohl ab? Hatte er nicht im „Katserhof" einen vorzüglichen Mittagstisch? War August nicht eine Perle von einem Diener? Daß der Kerl bisweilen seines Herrn Stiefel mit den eigenen verwechselte und die Regaliakiste für sein Miteigentum ansah, war ja allerdings nicht zu loben; und wenn man täglich, um seinem tierischen Organismus das bischen unerläßliche Nahrung zuzuführen, bei Frost und Hitze in die Wagnerstraße laufen mußte, so ging damit eine schöne Zeit verloren, die man, wenn man seine Häuslichkeit hatte, im Dienste der Wissenschaft besser verwerten konnte; und jedoch wegen dieser beiden Ubelstüude heiraten, zu diesem
