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1. Sei laue ;um Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 231. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 31. Mai.

61. Jahrgang. 1903.

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» Ich bin, t»if alle.. Herrscher, welche Außerordentlickes £ A geleistet haben, mit Überlreibunacn gelobt worden, aber ich ^ ff habe immer gewußt, was ich innerlich wert bi». n Napoleon. »

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(36. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Ellen trat heran und er reichte ihr da- Kouvert, in das er mit zitternden Händen das Papier mit den Auf­zeichnungen wieder eingeschlossen.

„Ich danke ihnen, liebes Kind", sagte er matt. „Legen sie es an seinen alten Platz zurück, es hat alles seine Bestimmung. Das wäre also erledigt, die Auf­gabe, die ich mir einst stellte, erfüllt. Ich habe von jeher nicht eher geruht, als bis ich Kassa gemacht und abge­schlossen hatte."

Ellen erschrak Mer das veränderte Aussehen des Kranken. Der Akt hatte seine Kräfte arg mitgenommen.

„Soll ich noch bleiben?" fragte sie leise, „oder wiederkommen zur gewohnten Zeit?"

Er öffnete noch einmal die geschlossenen Augen und sah sie freundlich an, freundlicher, als sie ihn je gesehen.

„Morgen", sagte er lakonisch.

Sie trat zurück und ihr Blick fiel auf den Bruder. Der stand hinter der Bettgardine, bleich, mit zuckenden Lippen und einer tiefen Falte auf der Stirn. Sie winkte ihm, mit ihr das Zimmer zu verlassen und sprach draußen mit Schneider.

„Der Herr gefällt mir nicht", sagte sie, „bleiben sie bei ihm, und sollten Veränderungen eintreten, so schicken sie nach mir."

Sie verließ an Leopolds Seite das Haus. Ms sie unten waren, stand er still und sah sie durchdringend an.

„Hat der Alte friiher mit dir je über mich oder meine Finanzen gesprochen?" fragte er.

„Nie, außer heute, kurz ehe du kamst. Da fragte er mich über meine Zukunstsaussichten aus und erwähnte deiner glänzenden Lebenslage."

Sie betonte die beiden letzten Worte.

„So, und was hast du aus diesen mehr als sonder­baren Reden entnommen?"

Ellen schwieg einen Mornent. Die Lügen, welche ihr Bruder eben seinem Wohltäter, einem Sterbenden, auf seine feierlickien Fragen geantwortet hatte, erregten in ihr eine grenzenlose Empörung.

„Ich Hobe daraus entnommen, daß ein treuer ge­wissenhafter Mensch, der ein uneigennütziges Liebeswerk plante und vollführte, vor seinem Ende eine Klarheit und Wahrheit forderte von dein, für den er sein Werk getan. Inwieweit du dieser Forderimg nachgekommen bist/ das mußt du dich fragen."

„Ellen!" Leopold knirschte mit den Zähnen. _ „Du bist in der Tat eine liebevolle Schwester. Wo mir das Hirn taumelt in furchtbaren Sorgen, da hast du für mich giftige Pfeile. Konnte ich etwa dem — dem ver­knöcherten Einsiedler, der von dem Leben unserer Tage,

von den Forderungen der Jugend keine Ahnung hat, reinen Wein einschenken? Es hätte eine Scene gegeben, die seinen Tod zur Folge haben konnte. Da hätte es dann wieder geheißen, ich habe ihn gemordet. Und im Mrigen weißt du so gut wie ich, daß er mich in dem Glauben aufwachsen ließ, ich sei sein Erbe —"

„Halt!" rief Ellen heftig, „bitte, besinne dich Leopold, wie und durch welche Versprechungen hat er dich zu dem Glauben verleitet?"

Leopolds Kopf glühte. Er ging so rasch, daß Ellen kaum neben ihm Schritt zu halten vermochte. Er lachte jetzt bitter auf.

„So — wenn du so west vorauSfahst, und richtiger als ich, da hättest du mir ja eher deine Weishest mrs- kramen können. Ich glaube, alle Welt war meiner Meinung, und nie ist mir im Entferntesten ein Zweifel gekommen, bis-"

„Heute", ergänzte Ellen — „freilich heute hat sich auch mir die Überzeugung aufgedrängt, daß der alte Herr seine Wohltaten für dich abgeschlossen bettachtet, und über seinen Nachlaß nicht weiter zu deinen Gunsten verfügt haben wird."

„Heillos, das wäre — das wäre ja nicht auszu- denken", süeß Leopold in großer Aufregung hervor — „aber nein! ha! ha! ha! wie kann man gleich in eine so plump« Falle gehen."

Er stand still und sein Gesicht hellte sich auf. __

„Eine Schrecken erregen sollende Komödie führte der Alte da eben auf — wie ihm das ähnlich sieht, ah!

ich verstehe-vielleicht sind ein paar böse zischelnde

Zungen geschäftig gewesen, ihm ein paar Wörtchen von „hoher Lebensführung", „elegantem Auftreten" oder dergl. zuzuraunen, und da soll es ein heilsamer Schreck­schuß sein. Ter Zähe denkt ja natürlich noch heut daran, Methusalems Alter zu erreichen."

Leopold klammerte sich erleichtert an den Hoffnungs­anker, er hob den Kopf wieder höher.

Ellens Pulse klopften wie im Fieber. Sie teilte diese neu erwachende Hoffnung des Bruders durchaus nicht, sie sah vor sich einen Abgrund, in den er stürzte und sie und die Mutter mst sich riß. Wie sollte, wie konnte dies enden.

Er grüßte sie jetzt flüchttg und verabschiedete sich, sie stand allein von Sorgen erdrückt vor der Tür ihrer Wohnung. Konnte sie etwas ttm zur Rettung, fragte sie sich. Dunkel, wie die Dinge vor ihr lagen, war sie machtlos. Wie weit er seine Ehre, seine Existenz, sein Glück eingesetzt hatte, sie wußte es nicht. Aber wenn der Zusammenbruck erfolgte, wurde die Mutter schwer mit bettosten, denn sie war schwach und ihr Herz hing an dem Sohne. Sie selber aber unwillkürlich richtete üch sttaffer auf, sie fühltt sich nur verantwortlich und l'aitbar für ihre eigenen Taten, sie mußte sich retten können aus dem Strudel, und die Mutter mit sich emporziehen.

Die Doktorin Kramer saß auf dem Sofa und neben ihr ein Herr, als Ellen zu ihr eintrat. Der erhob sich und begrüßte sie herzlich. Ellen war bleich, es drehte sich ihr einen Moment alles im Kreise.

„Herr Welcord." Ihre Hand lag in der seinen und

sie blickte zu ihm auf. Der durch das Fenster fallend« Sonnenstrahl fiel auf seinen blonden Scheitel und ver- goldete ihn. r , ■ ,

Wie der Mutter Augen leuchteten, sie sah förmlich verjüngt aus. Ihr war, als ob ihr Herz einem Augm- blick still stände, und dann tat es ein paar wilde, ganz ungeregelte Schläge.

„Ich habe mich hier vortrefflich mit chrer Frau Mutter, deren Bekanntschaft ich endlich hmte machen durfte, unterhalten", tönte seine heitere Stimme an ihrem Ohr, „ich bringe Ihnen Gottlob beruhrgcnds Kunde über unsern Schützling."

Richtig, sie fing an sich zu besinnm, er hatte w ver­sprochen, ihr Nachricht zu geben. Nun war er selbst gekommen, was war im Grunde natürlicher. Sre war nervös, hochgradig nervös, da versetzte sie alles in ein« ganz ungehörige Aufregung. ,

Er redete noch weiter und sie brauchte zu ihrem Glücke einstweilen nichts zu sagen. Sie hatte sich in einen Sessel an der Mutter anderm Seite geworfm, und nahm ihren rundm Hut vom Kopfe. _

„Das Mädchen lebt", führ er fort, „ist aber sehr schwach, liegt viel im Halbschlaf und muß vollständig ruhig gehalten werden. Gesorgt wird ausreichend für sie, sehen darf sie für's Erste niemand."

„Das unglückliche Geschöpf!" rief die Dostonn mit- seidig. „Gott mag wissen, im welcher Verzweiflung sie gewesen ist. Na, der Zufall hat sie in gute Hände ge- bracht, es gibt nicht viel solch' edler Menschenfreunde« die sich einer Fremden so annehmen, wie sie, Herr Welcord. Noch dazu einer, die man in so bedmklrchep Lage findet." . .. . .

'Ellen wandte sich ab, sie fiihlte, wre sie rot wurde — er hatte also der Mutter nicht gesagt, daß sie das Mädchen kannte. Ihre Blicke begegneten sich, es war wie ein stilles Einverständnis. Sie gewann allmählich ihr Gleichgewicht wieder. Es freute sie, daß die Mutter heute so gut aussah und ein frisches Häubchen mst weißen Spitzen trug, das ihr besonders gut stand. Welch eine liebe warme Art er hatte, wenn er mst der allen Frau sprach. „ , . ,,

Ellen fragte ihn jetzt, ob er Fraulein Angelika schon

gesehm habe. . t _

Er verneinte. „Die wird bis an dm Hellen Morgm getanzt haben und wahrscheinlich noch schlafen", meinte er. „Ich sehe sie lieber erst morgen, hmte würde ich die Damen nur störm." ,

Vermochte ein Liebender so ruhig zu warten? fragt« sich Ellen. ,

Aber er redete Wester, und Mer chrm dummm Nebengedanken hatte sie den Anfang seiner Rede gar-

nicht gchört. , w ..

Die Mutter sagte jetzt: „So wahrt ihr Aufenthalt hier nicht mehr lange."

„Ich erhielt in diesm Tagen Depeschm, die mich früher abrufen. als ich gedacht. Ich muß vielleicht rn nächster Woche schon nach London und dann bald von dort nach Valparaiso zurück. ,

Durch Ellens Glieder rann eme Todeskalte. Er

gin«-Es brauste so vor ihrm Ohrm, daß sie

nickts weiter verstand. (Fortsetzung folgt.)

Neurasthenie

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