St. Jahrgang.
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|td, 249* Berlags-Fernsprecher No. 2968.
Samstag, de« 30* Mar.
RedaktionS-Fernfprecher N«. 82.
ISO».
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Politische Uebersicht.
Es ist die wohltätige und sittigende Wirkung der Festtage, daß sie uns, wenn auch nur auf kurze Zeit, aus den Sorgen und Mühen des täglichen Lebens, aus dem Kampf ums tägliche Brod und aus den vielen anderen Kämpfen Herausreitzen, die uns Erdenwallern beschieden sind und die wir durchkämpfen müssen. Das Pfingstfest trifft uns diesmal in einem ganz besonders heftigen Kampf, in dem Kampf um die Reichstags- Wahlen, von deren Hauptschlacht wir nur noch eine Monatshälfte entfernt sind. Der Aufmarsch der Parteien ist einigermaßen vollendet, die Kandidaten sind allenthalben nominiert, und in immer steigendem Matze wendet sich das allgemeine Interesse und die öffentliche Diskussion dem Ausfall der Wahlen zu, der für uns freilich ein verschleiertes Bild zu Sais darstellt.
Sieben dem Walilkampf, der das öffentliche Inter- esse jetzt nahezu absorbiert, ist dasselbe in der letzten Woche noch von zwei Ereignissen in Anspruch genommen worden, von dem Besuche des bayerischen Ministerpräsidenten in Berlin und von dem Prozeßverfahren gegen den nunmehr „ehemaligen" Fähnrich Hüssener. Dem Besuche des Freiherrn v. Podewils in der deutschen Reichshaupt st adt war ein längerer Preßstreit vorangegangen, ob zwischen der bayerischen und preußischen Regiening „Unstimmigkeiten" bestehen oder nicht. Der bayerische Ministerpräsident hat diese Behauptung bayerischer Blätter sowohl vor seiner Reise nach Berlin als auch in seiner Unterredung mit dem Reichskanzler Grafen Bülow entschieden dementiert, und daraus wird man wenigstens schließen können, daß besagte Unstimmigkeit zur Zeit nicht mehr besteht.
Dagegen scheinen solche Unstimmigkeiten noch immer in den Instruktionen vorhanden zu sein, welche den mili- tärischen Vorgesetzten über die Behandlung der Untergebenen erteilt werden, oder wenigstens in der Art, wie diese Instruktionen ausgelegt werden. Das Prozeß
verfahren gegen den überschneidigen Fähnrich H ü s s e n e r hat nach dieser Richtung hin Mißstände aufgedeckt, mit deren Beseitigung hoffentlich nicht gezögert wird. Mit der Bestrafung des Hüssener, die sehr milde ausgefallen ist, ist es nicht allein getan, sondern es muß die Frage aufgeworfen werden, wie ein Mann von der Qualifikation des Hüssener überhaupt zur Offizierslaufbahn zugelassen werden konnte. Die strengste Auslese nach dem Grundsatz, daß, wer andere kommandieren soll, zunächst im stände sein muß, sich selbst zu kommandieren, ist dringend geboten.
Die Essener Bluttat ist freilich ein Kinderspiel gegen die unerhörte „Bluttat", welche die englischen Militärbehörden in Südafrika auf sich geladen haben. Der durch die englischen Behörden bewirkte Verkauf der typhösen Decken aus den südafrikanischen Lazaretten ist so ziemlich das stärkste Stück, was die Krämerpolitik englischer Behörden bisher fertig gebracht hat. Für das Jahrhundert der Hygiene bildet dies behördliche Bubenstück einen Schandfleck, der freilich würdig in die Geschichte des südafrikanischen Krieges patzt.
Daß die zarte Rücksicht auf Menschenleben und dergleichen doch immerhin ganz wertvolle Dinge keine besondere Eigentümlichkeit der derzeitigen englischen Regierung ist, hat sie auch darin gezeigt, daß sie den. im Parlament geäußerten Wunsch, das Automobilrennen um den Gordon-Bennet-Preis in Irland zu verbieten, nicht erfüllt hat, obwohl doch der tragische und blutige Ausgang der gescheiterten Rennfahrt Paris- Madrid Veranlassung genug bietet, diesem Renn- unfug auf offener Straße ein Ende zu machen. Aber die englische Regiening hat es gemacht wie jener Barbier, der seinem. Jungen, welcher zum ersten Male einen .Kunden rasieren sollte, besorgt zurief: Fritze, schneid' dich nur nicht! Die englische Regierung hat nicht das Rennen verboten, sondern vielmehr angeordnet, daß aus dem Wege, wo das Rennen stattfindet, sich niemand aufhalten dürfe!
Der türkische Sultan weiß noch immer nicht, wie er mit den aufrührerischen Macedoniern fertig werden soll, und doch gäbe es ein probates Mittel; er brauchte nur eine Automobilfahrt SalonikstMonastir zu veranstalten, und was von den aufrührerischen Albanesen und Bulgaren nicht der duftende Benzin vertreiben würde, das würden schon die Anto-Räder kleinkriegen.
In Kroatien wird noch immer demonstriert und dementiert: das erstere von den Kroaten und ihren süd- slavischen Stammesgenossen, das zweite von der ungarischen Regierung.
Ein vollkommenes Tohuwabohu, und zwar insbesondere ein Nachrichten-Tohuwabohu, herrscht in Marokko. Wenn das Wort gälte: „wer's glaubt, zahlt einen Taler", dann müßte man, um alle vom marokkanischen Kriegsschauplatz eintresfenden Nachrichten glauben zu können, schon Talermillionär sein!
Deutsches Deich.
Das rote Kreuz als Warenzeichen.
Mt dem 1. Juli tritt das Gesetz zum Schutze des Genfer Neutralitätszeichens vom 22. März 1902 in Kraft, das die Verwendung des roten Kreuzes, und zwar sowohl der Worte als auch der bildlichen Darstellung, zu geschäftlichen Zwecken untersagt. Da die Verwendung bisher sehr ausgiebig war, insbesondere in der Nahrungs- und Genußmittelbranche, und da zahlreiche Warenzeichen in die Zeichenrolle des Patentamtes eingetragen sind, bei deren Zusammensetzung das rote Kreuz eine wesentliche Rolle spielt, so müssen sich die Interessenten mit dem Inhalte des Gesetzes vertraut machen. Nach dem 1. Juli dürfen Waren oder ihre Verpackung mit dem roten Kreuz nicht mehr versehen werden, dagegen ist es gestattet, die bereits vorher damit versehenen Waren oder ihre Umhüllung und Verpackung weiter zu vertreiben, sofern sie mit einem amtlichen Stempeldruck der Polizeibehörde versehen sind. Die Inhaber von Warenzeichen niit dem roten Kreuz, die vor dem 1. Juli 1901 in die Zeichenrolle eingetragen sind, dürfen dasselbe bis zum 1. Juli 1906 sortführen und natürlich das Warenzeichen bis dahin auch auf ihren Waren oder deren Verpackung und Umhüllung anbringen; diese brauchen auch nicht gestempelt zu werden, sofern sie nur. mit dem Warenzeichen versehen sind, wogegen die Pflicht der Stempelung wieder besteht, wenn die Anbringung des roten Kreuzes nicht m der Form des eingetragenen Warenzeichens geschehen ist. Auch in den vor dem 1. Juli 1901 zum Handels- oder Genossen- schaftsregister zur Eintragung angemeldeten Firmen darf das rote Kreuz bis zum 1. Juli 1906 in jeder Form fortgeführt werden, das gleiche gilt von der Führung in dem Namen eines rechtsfähigen Vereins. Die mit der Führung der Handelsgenossenschafts- und Vereinsregister beauftragten Richter werden also nach dem 1. Juli zu prüfen haben, ob die Voraussetzungen für die Gestattung der Weiterfühnmg des roten Kreuzes für die Tauer von drei Jahren vorhanden sind und gegebenenfalls mit den ihnen zur Verfügung stehenden Zwangsmitteln die unmittelbare Beseitigung herbeiführen müssen. Es ist nicht außer acht zu lassen, daß die nach dem neuen Gesetze nicht mehr gestattete Versetzung von Waren oder deren Verpackung oder Umhüllung mit dem roten Kreuz nicht nur die in dem Gesetz vom 22. März 1902 vorgesehene Strafe nach sich zieht, sondern auch unter Umständen die Bestrafung wegen unlauteren Wettbewerbs herbeiführen kann: denn es wird hierdurch das Ansehen erweckt, als sei denjenigen, der die Ware in Vertrieb bringt, die Erlaubnis hierzu von der Landes- Zentralbehörde in Gemäßheit der von dem Bundesrats aufgestellten Grundsätze erteilt worden; wenn auch hierdurch nicht das Ansehen erweckt wird, als sei eine gewerbliche Auszeichnung für die mit dem roten Kreuz
Feuilleton.
Am europäischen Wetterwinkel.
Reisebriefe von Paul Lindenberg.
XIII.
1.
Beim Ministerpräsidenien Di. Sturdza. — Die Entwickelung Rumäniens. — Rumänien und Deutschland. — Tie Stellung Rumäniens zur macedonUchc» Frage. — Ein Ausspruch des Fürste« Bismarck. — Die finanzielle Gesundung Rumäniens. — Im Sturdzaschen Hau e.
Bukarest, 19. Mai 1903.
„Sehen Sie, das wird von so vielen Besuchern Rumäniens bei der Beurteilung unseres Landes und Voltes vergessen, daß letzteres aus drückend schiverer Vergangenheit hervorgegangen ist — und wie lang ist's her? Nicht fünfzig Jahre! Unter türkischer Botmäßigkeit standen wir und noch schwerer unter jener Rußlands. Binnen vier Dezennien — und was ist solche Frist im Leben der Völler! — hat sich Rumänien zum selbständi- gen Staat entwickelt. Zwei Punkte sind hierbei hervar- zuheben: das eigene Werl der Rumänen, dann die Tätigkeit König Earols, ihres Hohenzollern, der mit eisernem Pflichtgefühl, mit unermüdlicher Hingebung, mit dem Takt und Verständnis für die schwierlgsten inneren Lagen und äußeren politischen Fragen Ordnung und Stetigkeit in die verwirrten Verhältnisse unseres Landes brachte."
Wir saßen uns gegenüber in dem schmalen, hohen, an den Wänden mit bis zur Decke reichenden Bücherregalen versehenen Arbeitszimmer des Ministerpräsidenten vr. Sturdza; das im kleinsten Kreise eingenommene Mahl war vorüber, und es plauderte sich nun so hübsch in dem stillen, lauschigen, von einem ernsten und großen Lebenswerke erzählenden Gemach, dessen breites Fenster Nach dem in Blütenschinuck prangenden Vorgarten bei zierlichen Villa hinausging. Hell fiel der Schein der
Ampel auf mein Gegenüber; nur der weiße, kurzgehaltene Bart deutet die zurückgelegten Siebzig des Ministerpräsidenten an, frisch wie bei einem der Jüngsten ist die Farbe des Gesichts, klar, frei und freundlich der Blick der scharfsinnigen, braunen Augen, unermüdliche Arbeitslust drückte das ganze Wesen aus, denn jeglicher Tag hat für diesen hervorragenden Mann mehr wie zwölf Arbeitsstunden, von wohltuender Ruhe und Einfachheit ist sein Wesen, in vollendetem Deutsch, das keinerlei fremdländische Beimischung aufweist, führt der Minister die Unterhaltung. Und wie gerne hört man ihm zu und folgt seinen abgeklärten, stets sicheren Ausführungen, die von dem weiten Blick des Staatsmannes, von deni tiefen Erfassen des Gelehrten, von der edlen Gesinnung des selbstlosen Menscl-en zeugen.
„Wenn man ans die letzten vier Jahrzehnte unserer rumänischen Geschichte zurückblickt", fuhr der Minister fort, „so nmß man auch mit freudiger Anerkennung der deutschen Mithülfe gedenken. Ein deutscher Fürst lenkte und lenkt Gott sei da,., noch immer segensreich die Geschicke des rumänischen Staates, viele Deutsche waren mit uns tätig bei der Ausgestaltung unseres jüngere Reiches, wir hatten von jeher die wichtigsten kommerziellen Beziehungen zu Deutschland, eine deutsche Gesellschaft baute die ersten Eisenbahnen, und daß wir diese später ohne zu große Opfer, vor allem unter Wahrung unserer Selbstständigkeit, erwerben konnten, daß die Bankhäuser nicht zu unbillige Forderungen stellten, dafür sorgte Fürst Bismarck, der, wie aus manchem Schreiben an mich und andere runiänische Politiker hervorgeht, mit warniem Interesse die Entwickelung unseres Staates verfolgte. Und diese Entwickelung ging auf dem politischen Felde nicht in Zickzackwegen. DaS eben charakterisiert Rumänien vor den übrigen Balkanstaaten, daß es mit großer Geduld und Ausdauer, aber auch mit scharfem Aufpassen die europäischen Verhältnisse beobachtete und die günstigen Momente znm Emporringen zu benutzen wußte. So wurden wir ein ruhiges Reich, so befestigten sich immer mehr unsere guten, dauernden Beziehungen zu
Deutschland und zu Österreich. Diese Sicherheit unserer Politik trug ihre Früchte bei der Proklamierung Rumäniens zum Königreich; wir brauchten nicht erst um die Zustimmung Europas zu bitten, König Carok hatte sich als Staatsmann, als Feldherr erwiesen, ihm und uns ward der wohlverdiente Lohn zu teil." —
„Und wie, Exzellenz, stellt sich Rumänien zu der macedonischen Frage?"
„Wir bewahren auch da völlig unsere Gelassenheit und stehen, so lange Rußland und Österreich den Frieden wollen, woran auch nicht im geringsten zu zweifeln ist, abwartend den Ereignissen gegenüber. Wir leiden an keinerlei Vergrößerungssucht, wie vielleicht andere Balkanländer. Ich muß immer eines Ausspruches Bismarcks gedenken, den jener einst zu mir getan: „Ihr kleineren Staaten müßt Ruhe halten, macht eure Streitigkeiten unter euch ab, aber zieht uns Großmächte nicht hinein. Wir haben schon genug mit uns zu tun! Wir führen unsere Kämpfe, falls es sein muß und es unsere Interessen gebieten, allein aus und wollen uns nicht durch euch dazu bringen lassen. Tut ihr es aber doch, so geschieht es stets zu eurem Schaden. Wir Großen, wir verständigen »ns dann schon wieder, aber seid überzeugt, ihr habt die Kosten zu tragen!"-Gerade
gegenwärtig muß man diese Meinung des Fürsten Bismarck besonders hervorheben. Nun, wir hier in Rumänien lassen uns nicht fortreißen, wir wollen Ruhe haben mit dem einzigen Wunsche, Herren im eigenen Hause zu sein und zu bleiben, in unserem Hause, welches stets fester ausgebaut werden soll."
„Diese Ruhe ist wohl auch erforderlich für die fernere finanzielle Gesundung Rumäniens?"
„Gewiß, auch in dieser Hinsicht. Und da gebe ich mich hoffnungsfrolwn Erwartungen hin. Als ich im Februar 1901 die Regiening wieder übernahm, war ein Defizit von 71V2 Millionen Francs vorhanden, das binnen zwei Jahren zu stände gekommen: wäre dies, selbst in geringerem Grade, noch ein drittes Jahr ähnlich weiter gegangen, so wäre unser Kredit völlig erschüttert worden,
