Uo. 219. Morgen-Ausgabe. Samstag, den 80. Mai.
* Die Monument? setzt der schöpferische Genius- sich selbst; * 2 daß er frei sei, sie sich zu setzen, müßte die Torqe seiner « ZcitAknosicii sein. Malwida von Meysenbuq.
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(86. Fortsetzung^
Spate Erkenntnis.
Roman von Alexander Römer.
»Ja, ja, lassen Sie müh ausreden, ich habe mir's vor-
E mmen, und muß damit ins Reine. Sie arbeiten Sie erwerben, neben all der Pflege bei den rken, das sollte der Leopold nicht leiden."
Über Ellens Gesicht flog ein seltsames Lächeln. „Ver- tzeihen Sie. Herr Justizrat, ich bin ein freier Mensch, 24 Jahre alt, mündig und selbständig. Ich würde mich von meinem Bruder nicht ernähren lassen wollen." Er sah sie stutzend, ganz verblüfft an.
„Ja aber — was kann ein Frmienzimmer groß verdienen. Na — es braucht gerad nicht viel, und von der Hand in den Mund reicht's vielleicht, aber fpäter, wenn Ihnen einmal etwas zustieße, und Sie alt und erwerbsunfähig würden, da — freilich. Sie warten einstweilen noch auf eine Heirat, eine reiche womöglich."
Der Alte erschien Ellen in seiner drastischen Auf- .richtigkeit unsäglich komisch. Sie lachte herzlich auf.
„Ich wäre recht töricht, wenn ich auf eine reiche Heirat wartete", meinte sie, „ich bin nicht schön, was ja Wohl einzig bei den Männern Eindruck macht, und ein armes Mädchen dazu. Die holt sich keiner, und ich verlang auch nicht darnach. Ich bin einstweilen gesund und habe meinen klaren Kops, auch so viel gelernt, um mich in der Welt nützlich machen zu können. Ich hoffe auf die Hülse eines anderen nie angewiesen zu sein."
„Der alte Herr starrte sie an, als ob sie hebräisch spräche. Er wußte augenscheinlich garnichts zu erwidern.
Da klopfte es draußen an die Tür, der Kranke drehte ärgerlich den Kopf, Leopold schaute durch die Spalte. „Darf ich Guten Morgen sagen?"
„ Er stand da in seiner ganzen stattlichen Größe, die Züge ein wenig schlaff und übernächtig, sonst elegant und geschniegelt, wie gewöhnlich.
Sein Gönner empfing ihn verdrießlich. „Du kommst ja heute früher als sonst", sagte er.
Ellen erhob sich, um zu gehen, die Geschwister trafen sich hier selten. Leopold batte nicht erwartet, die Schwester »och zu finden. Der Justizrat faßte EllenS Hand.
„Hierbleiben!" sagte er befehlend, „ich habe nachher noch um etwaS zu bitten. Sie werden nun bald frei und von dem alten Griesgram erlöst", fügte er halb grimmig halb wehmütig hinzu, „mir geht's mm schon wieder ganz gut. bin ein zäher Gesell, die alte Maschine kommt noch einmal in Gang."
Er blickte bei den letzten Worten fast schadenfroh in Leopolds Gesicht.
Ellen blieb, sie zog sich in die Fensternische zurück, Leopold setzte sich auf einen Stuhl neben dem Lager.
„Das ist ja herrlich, ungemein erfreulich", rief er laut und neigte sich zu dem Kranken.
„Na, mich vermißt keiner", brummte dieser, „spar dir die Redensarten. Dir geht's gut, das sieht man — und da in dieser Zeit, wo ich dicht vor der dunklen Pforte zu stehen meinte, all' meine Aktiva und Passiva, die ich in meinem Leben stets genau gebucht, in dem alten mürben Kopf wieder auftauchen, ist mir noch allerlei eingefallen."
„Fräulein Ellen, wollen Sie diesen Schlüssel nehmen."
— Der Alte holte mühsam mit den noch immer steifen Fingern ein Schlüsselbund unter seinem Kopfkissen hervor und bezeichnete ihr einen kleinen zierlichen Schlüssel unter den zahlreichen andern.
„Der paßt zu der oberen Schieblade rechts." —
„Aber Onkelchen, darf ich denn nicht —" rief Leopold und faßte nach dem Bund.
Mit einem Zornblick wies der Kranke ihn zurück.
„So halt doch Ruh, und laß mich ausreden, Ellen, Sie wissen Bescheid, und Sie wühlen mir da nichts um
— im rechten Fach liegt ein zusammengefaltetes Papier in einem Kouvert, mit der Aufschrift: LeopoldsEinkünfte. Das reichen Sie mir bitte."
Leopold zuckte auf seinem Sitz und sah unbehaglich aus. Der Alte war doch vollständig verrückt, was gingen den denn jetzt seine Einkünfte an, er kam chm ja nicht mit Geldforderungen.
Ellen war auch beklommen zu Mut, als sie jetzt das Kouvert fand und brachte.
„So — nun rücke ein wenig näher, wir wollen dies einmal durchgehen. Deine Praxis geht doch noch flott? Hast du neue Klienten erworben in letzter Zeit?"
Leopold wurde immer schwüler zu Sinn, er legte den Hut aus der Hand, fuhr sich ein paar Mal durch die Haare, ohne daran zu denken, daß er die sorgfältige Frisur verdarb, und warf Ellen einen raschen Blick zu, der ausdrücken sollte: Gott gebe mir Geduld!
Ellen reagierte aber nicht auf den Blick, sie saß am Fenster und hielt ihren Kopf gesenkt.
„Nun — neue Klienten gerade nicht", entgegnest Leopold jetzt in nachlässigem Ton. „Die Verhältnisse haben sich, seit du dich von den Geschäften zurückzogst, in vieler Blyiehung verändert, Onkel — deine große Kundschaft z. B. unter den Landwirten. Grundbesitzern und Hypothekengläubigern ist auf ein Minimum zusammengeschmolzen, die Leute legen ihre Gelder in Staats- vapieren an, und die Konzessionen von Gütern, die vielen notariellen Geschäfte sind weit seltener, als damals."
Der Alte legte mit einem drohenden Gesicht den Bogen, den er schon entfaltet hatte, au? der Hand.
„Willst du damit sagen, daß die Praxis, die ich dir überwies, sich verringert hat und keine neue hinzugekommen ist?" fragte er. „Wenn die Geldgeschäfte andere geworden, so haben sich dagegen die Prozesse und RechtShandel gesteigert, du hast ja den Verstand und die juristischen Kenntnisse, um auf dem Gebiet dich hervorzutun. Wie steht es denn damit?"
„Aber lieber Onkel, dieses Eramen — ich bitte dich ernstlich dich zu schonen, du schaffst dir da Aufregungen, die ganz unnötig sind-"
„Meine Frage, meine Frage, willst du sie mir beantworten oder nicht?" Die Händ" zitterten vor Erregung.
Leopold zuckte mit den Zeichen höchster innerer Entrüstung die Achseln. „Ich kann dir mit dem besten
61. Jahrgang. 1903.
Willen keine genaue Auskunft geben, lieber Onkel, da ich
meine Bücher nicht zur Hand habe, ich komme ja aber aus
mit meinen Einnahmen, und-"
„Du — ja du, obgleich du dir, wie es mir scheint, nichts abgehen lassest, aber deine Mutter, deine Schwester —■"
Ellen erhob sich, um Einspruch zu tun, er winkte heftig ab. Auch Leopold warf einen sonderbaren mißtrauischen Blick zu seiner Schwester hinüber._ „Soviel ich weiß, fehlt beiden nichts", sagte er hochmütig. _
Der Alte wies ihm jetzt den Bogen. „Sieh' hier, da steht alles genau verzeichnet, die Namen meiner sämtlichen Klienten, die damals auf meine Bitte und Empfehlung zu dir übergingen. Du wirst mir und der Ehre meines Namens, die ich für dich einsetzte, das nicht angetan haben, das Vertrauen jener Männer zu täuschen."
„Lieber Onkel, du bist krank, sonst wirklich, du be- denkst wohl nicht, wie du meine Ehre durch solche Zwerfel
verletzest —"
„Gut! gut! Ich hege natürlich die Zuversicht, daß du pflichttreu deinem Berufe ob geleg en. Dann müssen dre genau hier berechneten Summen ungefähr sümmen —• 12 300 Mark ihm Jahr, so durchschnittlich — und rch kann über deine und der deinen Zukunft beruhigt fern.
Leopold lachte laut und unhöflich. Ellen hob un- willkürlich den Kopf. Hatte Leopold jemals solche Ern- nahmen gehabt?
Jetzt war seine Klientel jedenfalls derartig zusan> inengeschmolzen, dasi sie kaum den vierten Teil noch einbringen mochte. ,. , , - ,
Leopold besann sich sofort und mäßigte sein unpas- sendes Lachen. „Onkel! von solcher Genaurgkest hat man kaum einen Begriff, aber ich bin gerührt wegen deiner freundlichen Gedanken und deines westgehenden Interesses für mich. Bitte, laß einmal sehen, das ist ja höchst interessant." ..... ...
Er nahm da? Papier, beugte sich stef darüb er, er hatte ein paar Minuten nöstg, um sich zu sammeln und ur fassen. Solche Erörterungen, nun gar in EllenS Gegenwart — er platzte beinahe vor Wut und hätte gern dem tollen Alten das Blatt in Fetzen vor die Füße geworfen. t
Er stellte sich, als prüfe er die Namen und Zahlen, und gewann so eine Muße zum Besinnen. Es war wohl am besten, er sagte Ja zu Allem, das machte dreser lächerlichen Geschichte am ehesten ein Ende
„9hm freilich — es sttmmt — so ziemlich", äußert«, er bedächtig, „einige der hier verzeichneten Nan«n sin» auszuscheiden, andere dagegen einzuschalten.' ,
„So — also ungefähr stimmt's, daS ist deme eigens Aussage, und da wirst du mir auch zugeben müssen, daß du mit solcher Einnahme einen bürgerlichen Hausham anständig und sorgenfrei erbalten formtest, daneben! Überschüsse zurücklegen. Selbst wenn es dft einfallen tollte, dir ein Weib zu wählen, wird's reichen und du vor Sorgen geschützt sein. Deine Schwester", der Justtz- rat blickte sich nach Ellen um, „erklärte mir vorhin, daß sie sich allein durchzubringen gedenkt, was ich ihr — freilich — auch zutraue." .
Er legte den Kopf mit allen Anzeichen von Ei> schöpfung in die Kissen zurück.
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