LViesbavener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Langgasse 27 .
Seite 4. 30. Mar 1903.
lüums des Korps vom 14 . bis 21 . Juni er. überwiesen worden.
o. Reichstagswahl. Die freisinnige Vereinigung hat in einer gestern im „Tannhäuser" abgehaltenen Mitgliederversammlung einstimmig beschlossen, für den Kandidaten der freisinnigen Volkspartei, Herrn Genossenschastsanwalt Dr. Crüger, einzutreten.
— Znm Frankfurter Gesangwettstreit. Die Ausstattung der Kaiserloge in der Sängerfesthalle hat einen Gesamtwert von über 280 000 Mk. Frau Meister, di» Mutter des früheren Hamburger Landrats, hat allein für 100 000 Mk. Gemälde für die kaiserlichen Gemächer zur Verfügung gestellt, darunter solche von Frankfurter Künstlern. Freiherr v. Mumm und die Möbelfabrik Schneider & Hanau überließen antike italienische und spanische Möbel, Spiegel rc., Teppiche sind im Werte von 18 000 Mk. vorhanden. Besonders hübsch nimmt sich der Empsangssalon aus, der ein wahres Prachtstück stilvoller Innendekoration ist. Die Sänger-Deputationen werden in einem Vorraum empfangen, und der eigentliche Salon wird nur von den Fürstlichkeiten benutzt. — Sonder- züge, welche anläßlich des 2. deutschen Gesangwettstreites in Frankfurt a. M. befördert werden, gehen von Wiesbaden nach Frankfurt ab am 8. Juni 1.—4. Kl. 11 Uhr 56 Mn., 1.—8. Kl. 12 Uhr 86 Min. mittags, 1.—4. Kl. 2 Uhr 43 Min., 1.—3. Kl. 4 Uhr 5 Min., 1.—4. Kl. 6 Uhr 2 Min. nachm. In umgekehrter Richtung verkehren ab Frankfurter Hauptbahnhof am 8. Juni 1.—3. Kl. 7 Uhr 8 Min., 1.-4. Kl. 0 Uhr 31 Min., 1.-3. Kl. 10 Uhr 48 Min. abends.
o. Über das Aushängen und Ausklopfen von Gegenständen hat die König!. Polizeidirektion neue Bestimmungen erlassen, die jedoch, wie man täglich wahrnehmen kann, noch sehr wenig bekannt sind. Es sei deshalb, um die Hausfrauen und das Dienstpersonal vor Unannehmlichkeiten und Strafen zu bewahren, darauf hingewiesen, daß auf öffentlichen Straßen und in Vorgärten, sowie an straßenwärts und nach Vorgärten zu belesenen Türen, Fenstern und Ballonen das Aushängen und Auslegen von Wäsche und das Auslegen, Klopfen und Stäuben von Kleidern, Teppichen, Betten, Matratzen und ähnlichen Gegenständen verboten ist. Ausgenommen hiervon ist das Auslegen von Teppichen zur Ausschmückung bei festlichen Gelegenheiten. Das Ausklopfen ist in Höfen und Gärten innerhalb der Stadt nur an Werktagen von 8 bis 12 Uhr vormittags gestattet. Zimmerteppiche und Läufer, deren Flächeninhalt 16 Quadratmeter übersteigt, dürfen innerhalb der Stadt, sowie in der Nähe von öffentlichen Straßen, Plätzen und Promenadewegen im Umkreise der Stadt überhaupt nicht ausgeklopft werden.
o. Eine aufregende Scene spielte sich gestern vormittag um 10*4 Uhr auf dem Perron des Rheinbahnhofes ab, indem daselbst ein unter dem Publikum befindlicher, gut gekleideter Mann plötzlich zwei scharfe Nevolverschüsse abgab, von denen jedoch glücklicher Weise keiner traf. Dann richtete er die Waffe direkt auf einen Postbeamten, der jedoch, da sie nicht mehr geladen war, mit dem Schrecken davonkam. Auch der übrigen auf dem Perron befindlichen Personen hatte sich natürlich große Aufregung bemächtigt, und niemand hatte die Courage, den Revolverhelden festzuhalten. Als derselbe nach der Schießerei dem Ausgang zuschritt, wurde er dort von dem durch die Schüsse angelockten Schutzmann Gruber festgenommen der ihm auch sofort den Revolver abnahm. Die Vermutung, daß man es hier mit einem Irrsinnigen zu tun habe, hat sich bestätigt. Der Betreffende ist der 1859 zu Hannover geborene Buchhändler Arnold Esser, der seit acht Tagen im christlichen Hospiz in der Rosen- straße wohnte, sich bis dahin im Krankenhause zu Hanau befand und vorher von Mitte Januar bis 1. April in der Irrenanstalt zu München untergebracht war. Von dort ist er als geheilt entlassen und gleichzeitig aus Bayern ausgewiesen worden. Esser wurde zunächst der Polizeibehörde vorgeführt und dann vorläufig in der Irren-Abteilung des städtischen Krankenhauses untergebracht, von wo er zwecks weiterer Beobachtung seines Geisteszustandes in den nächsten Tagen in die Irrenanstalt Eichberg übergeftthrt werden wird. Esser soll davon gefaselt haben, er wolle den Kaiser erschießen.
6. Drei Wochen in Untersuchungshaft gesesten, obwohl sie die Tat, wegen deren sie angeklagt war, nicht begangen haben konnte, da sie zur Zeit der Tat garnicht hier war, hat eine Frauensperson aus Mainz. Die Beschuldigte,
die allerdings nicht zu den unbescholtenen Leuten gehörte und auch jetzt noch einiges auf dem Kerbholz hat, sollte einen Wiesbadener Schutzmann grob in der Ehre gekränkt haben. Der dieserhalb hinter der betreffenden Person erlassene Steckbrief stimmte mit den Personalien der Verhafteten ziemlich überein, nur im Alter irrte er sich offenbar um einige Jahre zu Gunsten der Beschuldigten, der Polizei kann also ans dem Fehlgriff, den sie mit der Verhaftung der Angeklagten offenbar getan hat, kein Vorwurf gemacht werden. Weder der beleidigte Schutzmann, noch einer der anderen Zeugen konnte die Angeklagte in der gestrigen Schöffengerichtsverhandlug als dasjenige Frauenzimmer erkennen, das den die Unterlage der Anklage bildenden Exzeß begangen habe. Es mußte unter diesen Umständen natürlich auf Freisprechung erkannt werden.
— Revision in Sicht! Sicherem Vernehmen nach findet von Montag, den 8. Juni, ab in hiesiger Stadt und danach auch in Biebrich eine Prüfung der Quittungskarten statt, welche von Bureaubeamten der Landes- Versicherungsanstalt Hessen-Nassau in Kassel ausgeführt werden wirb. Für Arbeitgeber, welche mit der Verwendung der fälligen Beitragsmarken noch im Rückstände sind, empfiehlt es sich daher, zur Vermeidung von Strafen und Weiterungen alsbald das Versäumte nachzuholen. Auch empfehlen wir, die Ouittungskarten in der nächsten Zeit bereit zu halten, damit dieselben auch bei etwaiger Abwesenheit des Arbeitgebers oder Versicherten von den Angehörigen und Beauftragten dem Kontrollbeamten sobald vorgelegt und dadurch öftere Störungen und Zeitverluste für beide Teile vermieden werden können.
d. Wegen Wcchselfälschung hatte sich vor der hiesigen Strafkammer der ehemalige Bierbrauer und Kohlenhändler Karl F. aus Langenschwalbach gestern wieder zu verantworten, nachdem er erst vor kurzem wegen ganz ähnlicher Geschichten zu einer Gefängnisstrafe von 4 Monaten verurteilt worden war. Diesmal hat er einen Wechsel über 8000 Mk., einen über 78 Mk. 60 Pf. und eine Vollmacht gefälscht. Das alles spielt in der Zeit, in der F. in Langenschwalbach ein von vornherein nicht lebensfähiges Kohlengeschäft auftat. Seine Geschäftsfreunde, die Großkohlcnhandlungen, verlangten entsprechende Sicherung, ehe sie sich in Geschäfte mit dem Angeklagten einließen, und da er sonst nichts hatte, das er den Leuten zur Sicherung überweisen konnte, stellte er Kautionswechsel aus. So auch den über 8000 Mark, den er ohne das Einverständnis seiner scheinbar vermögenden Schwiegermutter mit deren Namen versah. Den Wechsel über 78 Mk. 60 Pf. soll er durch die darauf gesetzte nicht zutreffende Bemerkung: „Zahlbar beim Vorschuß-Verein Langenschwalbach" gefälscht haben. Als seine Kohlenhandlung bald in Konkurs geriet, kam die Fälschung des 6000-Mark-Wechsels heraus, aber doch erst nach einiger Zeit. Die geschädigte Firma verklagte nämlich, als bei dem Angeklagten nichts zu holen war, dessen Schwiegermutter, und die sagte ihrem Schwiegersohn, jetzt solle er auch die Suppe auseffen, die er ein- gcbrockt habe. Der Schwiegersohn ging nun zu Herrn Rechtsanwalt I)r. Jünger hier und übergab demselben unter Überweisung einer angeblich von der Beklagten, in Wahrheit aber von ihm selbst unterschriebenen Vollmacht die Führung des gegen seine Schwiegermutter angestrengten Prozesses, wobei er, so lange es ging, noch die Echtheit des Wechselgiros betonte. Der in ziemlich animierter Stimmung erschienene Angeklagte wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt ließ ihn darauf sofort verhaften, da er sich bis jetzt von dem Antritt der jüngst erhaltenen Freiheitsstrafe gedrückt hat.
o. Eine Hochstaplerin, die in verschiedenen hiesigen Hotels Zechprellereien verübte, ist von der Kriminalpolizei heute vormittag in einem Hotel in der Bahnhof- stratze ermittelt und festgenommen worden. Es ist eine junge Witwe aus Frankfurt, die Tochter eines Beamten, der sich jedoch von ihr losgesagt haben soll.
o. Nnterschlagnng. Der Agent einer Cigarrenfabrik in Westfalen, welcher seit einiger Zeit hier wohnte, hat seiner Firma achthundert Mark veruntreut und ist nun von hier geflüchtet.
d. Wilderer machen sich seit etwa einem halben Jahre wieder besonders stark in unserem Wald und den Wäldern unserer Nachbarorte bemerkbar, insbesondere ist cs die schuftige und grausame Schlingenstcllcrei, welche den Forstbeamten vielen Kummer verursacht und sehr viele und langausgedehnte Wachen notwendig macht. Vor
81. Jahrgang. No. 250 .
einigen Wochen erst verurteilte das Schöffengericht
einen Mann aus D o tz h e i m wegen unberechtigter Ausübung der Jagd und mit Schlingen, und gestern hatten sich schon wieder vier Dotzheimer wegen Wilderet mittels Schlingen zu verantworten. Drei davon erhielten je 6 Wochen Gefängnis, einer, ein junger Mensch, kam mit einer Geldstrafe von 20 Mk. davon.
— DaS Cafe Orient unter den Eichen weihte gestern abend mit einer kleinen Festlichkeit seine neuen Terrassen und Balkon«- ein. Der Blick von diesen Hinteren, vom Lärm der Stratze abseits liegenden Räumlichkeiten ist wirklich sehenswert. Dicht unter uns die fruchtbaren Obstgärten des Hinteren Philippsberges. Dann aber weiter ein einzig schönes Panorama der Stadt Wiesbaden. Bis an den Rhein kann man hier ungehindert die Augen schweifen lassen, links und rechts der Neroberg und die Ausläufer des Taunus. Dazu kommt eine herrliche schattige Lage und des Abends das ebenso anziehende Nachtbild auf unsere Stadt. Alles unruhige Treiben liegt so angenehm fern und doch summt der Rhythmus der Arbeit seine leise einschmeichelnde Melodie noch durch die lauschige Nacht bis an unser Ohr. Man findet wohl kaum so dicht an der Stadt ein gleich liebliches Plätzchen, das Heimlichkeit und Fernsicht so angenehm vereint.
— Zwei allerliebste Löwen-Asschen befinden sich seit einigen Tagen im „Waldhäuschen". Die Tierchen stammen aus Zentral-Amcrika, sind nur ca. 15 Zentimeter groß, haben Mähnen wie die Löwen und einen langen buschigen Schwanz. Die Afschen sind sehr munter und ganz zahm: sie fressen aus der Hand. Es gewährt einen reizenden Anblick, wie die Tiere ,n ihrem Behälter umherspringen: den Kindern dürsten die Äffchen viele Freude bereiten. — Auch Freund A d e b a r ist immer noch da und wird vielfach bewundert, wenn er stolz und gravitätisch einherschreitet. Der zahme Reh bock, letzt zweijährig,, hat dieses Jahr prachtvolle Stangen aufgesetzt, gegenwärtig versarbk sich das Tier. Des weiteren sind noch Meerschweinchen, Hasen, sowie eine Elster und 1 Rabe im Waldhäuschcn zu sehen.
— Zum Geldmakler hcrabgewürdigt wird Christus in folgendem, der ch r i st l i ch e n Zeitschrift „Die Warte" entnommenen Inserat: „Wer fühlt sich vom Herrn beauftragt, einem gläub. »Fabrikanten ein größeres Kapital, ca. 30 000 Mk., gegen Sicherheit zu leihen od. sich still zu beteiligen? Nachweise, daß damit die Ver - h e r r l. d. Kreuzes C h r i st. v e r b. ist, erbringen b ek. Persönlichk. Gefl. Offerten unter W. 35 an die „Warte" erbeten." Hierzu kann man nichts sagen wie „Pfui Teufel!"
— Biebrich, 29. Mai. Die heutige zweite Versammlung des 42. Verbandstages der Erwerbsund Wirtschaftsgenossenschaften am Mittelrhein begann mit den üblichen Begrüßungen, so durch Herrn Bürgermeister Vogt von hier namens der Stadt und durch den Beigeordneten Herrn Schreiner in seiner Doppeleigenschaft als Vertreter Biebrichs und Vorsitzender der nassauischen landwirtschaftlichen Genossenschaften. Herr Dr. Alberti erstattete den Bericht des Verbandsdirektors über die Entwickelung des Verbandes, der auszugsweise bereits im „Wiesbadener Tagblatt" vor kurzem erschienen ist. Der Berichterstatter streifte dabei auch die Bewegung, welche zum Ausscheiden einer Reihe von Konsum-Vereinen aus dem Allgemeinen Verbände geführt hat und betonte, daß nicht politische Beweggründe zur Scheidung geführt hätten, sondern lediglich der Selbsterhaltungstrieb gegenüber zersetzenden Bestrebungen von sozialdemokratischer Seite. „Programmwidrig", wie der Vorsitzende später scherzend bemerkte, vollzog sich nun eine Ehrung für denselben wegen seiner nunmehr 10-jährigen ersprießlichen Tätigkeit als Verbandsdtrektor. Diese Ehrung bestand in einer Ansprache des Herrn Direktors Klees von der Gewerbekasse in Frankfurt a. M. und Überreichung eines prächtigen, mit entsprechender Widmung versehenen silbernen Tafelaufsatzes, den die Verbandsvereine gestiftet hatten. Sichtlich überrascht und erfreut dankte Herr Dr. Alberti für diese schöne Erinnerungsgabe. Der demnächst zu Ende gehende Vertrag mit dem Verbandsrevisor Herrn Gustav Seibert-Wtesbaden fand unter anderweitiger Regulierung seines Gehaltes einmütig Erneuerung, und als sein zweiter Stellvertreter ierstcr ist Herr Direktor M. Ncußer-Höchst) wurde Herr Buchhalter Georg Schlencher vom Vorschuß-Verein Wiesbaden bestellt. Die Nechnungsablage des geschäfts- leitenden Vereins, der Voranschlag über die Einnahmen und Ausgaben für 1903/04 und die Festsetzung des Beitrages zu den Kosten deS Verbandes für 1903 gab zu Erörterungen keinen Anlaß. Alle diese Vorlagen wurden vielmehr debattelos genehmigt. Damit war der geschäftliche Teil des Verbandstages eigentlich erledigt und es folgten die bei solchen Gelegenheiten üblichen Vorträge über genossenschaftliche Fragen, deren Wert für die Teilnehmer der Genossenschaftstage umso mehr ein- leuchtct, als sie neben ihrer belehrenden Tendenz meist Anlaß geben zu weiteren instruktiven Erörterungen.
unsere Zeit „im Zeichen des Verkehrs" steht, so zutreffend ist das andere, daß „unsere Zukunft auf dem Wasser liegt." Die alten Erdteile sind zu eng geworden für ihre rapid.zunehmende Bevölkerung, die ein unbewußter Drang hinaustreibt in die blaue Ferne. Ein Volk, das sich davon ausschlietzt, verurteilt sich selbst zur Rolle der Chinesen und umgibt sich mit einer Mauer, die cS absperrt von den anderen Kulturnationen und es zu einer Macht zweiten und dritten Ranges erniedrigt. Das wollen wir Deutsche aber im neugeeintcn Reiche nimmermehr, und darum begrüßen wir auch unseres Kaisers Flottenfreundlichkeit und sein Bestreben, daS Vaterland auch zur See stark und wehrhaft zu machen zum Schutze der heimischen Küsten und unserer überseeischen Interessen, mit aufrichtiger Freude. Den Nutzen hat doch immer das Gesamtvaterland. Verhängnisvolle Katastrophen aber, sei cs zur See, sei es zu Lunde, müssen ertragen werben als eine Schickung der Vorsehung, die «ns mahnen und zu größter Anspannung aller unserer Kräfte anspornen will. In diesem Sinne hat auch die furchtbarste Katastrophe ihr Gutes, und der letzte Gedanke der Versinkenden gilt nach dem glorreichen Vor- bilde der Helden des „Iltis" dem geliebten Vaterlande und seinem erhabenen Schirmherrn, dem Kaiser! Den Hinterbliebenen aber möge das Bewußtsein zum Tröste gereichen, daß auch jene den Heldentod fürs Vaterland starben.
Aus Aunst unü Leben.
* DaS Ende des Streites um die „Tlara deS Daita» esisrnes". Nachdem cs klar bewiesen ist, daß die be- rühmte „Tiara deS SaitapherneS" das Werk deS CtseleurS Ruchomowski aus Odessa ist, spricht man« wie der
„Ganlois" schreibt, von einer gerichtlichen Untersuchung, die gegen die Urheber dieses Aufsehen erregenden künstlerischen Betruges eröffnet werden soll. Sie sind allerdings nicht Franzosen und wohnen nicht in Frankreich. Unter diesen Bedingungen könnte eine gerichtliche Untersuchung nur eine Befriedigung der öffentlichen Meinung sein, die über die Leichtfertigkeit beunruhigt ist, die gewisse Beamte in dieser Betrugsafsärc an den Tag gelegt haben. In wenigen Tagen wird der Mann mit der Tiara die Probe beendet haben, der Clermont- Canncau ihn unterworfen hat. Die von Ruchomowski reproduzierte Scene ist die auf der Tiara, die Achilles darstellt, wie er die Götter anruft. Clermont-Canneau hat sich überzeugen können, daß der russische Ciselcur alle Einzelheiten dieses Motivs mit erstaunlicher Treue reproduziert hat. Ein Zweifel ist nicht mehr möglich, Rucho- mowski ist der Urheber der angeblichen Kopfbedeckung des berühmten skythischen Königs. Der Bericht Clermont- Canncaus wird dem Minister des öffentlichen Unterrichts in etwa 14 Tagen mitgctcilt werden. Dieser Bericht wird etwa 180 Seiten enthalten und im Druck erscheinen. Ruchomowski wird Paris am nächsten Mittwoch verlassen: er hat im „8alon des artistes frangais", wie schon gemeldet, für die von ihm ausgestellten Werke eine Medaille 3. Klasse erhalten.
* Eine weise Verfügung hat der Finanzminister durch das königliche Hauptstcneramt in Frankfurt a. M. einem Antiquar in dieser Stadt zugehen lassen. Der Herr hatte acht alte, künstlerisch ausgeführte Kartenspiele erworben, natürlich nicht, um sie an Skatspieler oder Whistfreunde abzugeben, sondern zum Verkauf an Kunstliebhaber. Aber Karten bleiben Karten, auch wenn sie von Jost Ammann oder einem anderen alten Meister entworfen sind. Von diesem Gesichtspunkt gebt
wenigstens das nachfolgende Schreiben aus, das dem Antiquar nach dem Buchhändler-Börsenblatt am 20. d. M. zuging: Frankfurt a. M., 20. V. 1908. Ans Ihre Eingabe vom 11. v. I. benachrichtigen wir Sie im Aufträge unserer Vorgesetzten Dienstbehörde, daß der Herr Finanzminister von dem Aufdruck eines Stempels ans die fraglichen 8 Spiele Karten abgesehen hat, da diese dadurch ihren Wert als Erzeugnisse alter Kunst verlieren würden. Dagegen ist für die 8 Spiele der Zoll und die StcmMabgabe zu entrichten. Sic wollen daher die 8 Spiele Karten gegen Rückgabe des Niederlagescheins und nach Erledigung des Gefäll-Punkteö auf der Zollniederlage in der alten Mainzergasse in Empfang nehmen. König!. Haupt-Steuer-Amt."
— Verschiedene Mitteilungen. Otto D o r n s Einakter-Oper „Närodal" fand am 28. d. M. auch am Hofthcater zu K o b u r g bei ihrer Erstaufführung eine glanzende Aufnahme. Mit den Hauptdarstellern wurde der anwesende Komponist durch wiederholte Hervorrufe ausgezeichnet.
Herr Rodius, der frühere Liebhaber unseres Hoftheaters, hat kürzlich am Stadttheater in Halle als Karl V. in „Erzählungen der Königin von Navarra", als Pastor Ricke, Marquis Posa und als Hermann gastiert und, wie wir dortigen Blättern entnehmen, sehr gefallen.
Zu unserer Notiz über eine von einem österreichischen Arzte hergestcllte k ü n st l i ch e Ohrmuschel wird uns mitgeteilt, daß derartige „Ersatzstücke" durchaus leine absolute Neuheit seien. So hat die hiesige Firma P. A. Stoß schon vor zwei Jahren derartige künstliche Ohrmuscheln angcferttgt, welche den natürlichen Mangel dem Auge vollständig verdeckten.
