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Sl. Jahrgang.

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Dü 250. Verlags-Fernsprecher No. 29S8.

Samstag» den 30. Mai.

Redaktions-Fernsprecher No. SS. 1803.

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ZMlKiiftWkskil I« Rcg.-ÖEHCliiUieshaQcn.

Die Preußische Sparkassenstatistik in ihrer gegen­wärtigen Gestalt beruht auf dom Erlasse des Ministers des Innern vom 13. Juni 1893, welcher das bis dahin gebräuchlich geweseneErhebungsformular in verschiedenen Punkten erweiterte und abänderte, und wird in ihren neuesten Gesamtergebnissen alljährlich im Ministerial- blatte bekannt gegeben. Eilte vollständige, alle in Be­tracht kommende Punkte umfassende und womöglich' auf einen längeren Zeitraum erstreckte Darstellung bietet sich in diesen Generalbearbeitungen natürlich nicht. Mit einer solchen pflegt aber alljährlich der Oberregiernngs- rat Evert, Mitglied des Königlichen Statistischen Bureaus in Berlin, an die Öffentlichkeit zu treten, und zwar in der Zeitschrift des letzteren.

Der neuesten Veröffentlichung auf diesem Gebiete entnehmen wir, daß bei der letzteit desfallsigen Auf­nahme, die sich auf Anfang 1902 bezieht, in 3518 Orten des preußischen Staats zusaminen 4318 Sparkassen vor­handen waren, und daß von denselben 130 auf unseren Regierungsbezirk Wiesbaden entfielen, nämlich:

1 Städtische 1 Landgemeinde- 5 Kreis- und Amts- 1 Provinzial- rc.- 19 Vereins- und Privat- 41 Nebenkassen 62 Annahmestellen

Sparkassen.

zusammen 130.

Im prerchischen Staate

kam eine Sparstelle auf 80,74 Quadratkilometer und auf 7994 Einwohner, im Regierungsbezirke Wiesbaden aber auf 43,21 Quadrat­kilometer und 7766 Einwohner. In beiden Beziehungen steht unser Regierungsbezirk mithin günstiger da Äs der

Staat in seiner Gesamtheit. Noch günstiger als wir sichen von den übrigen 34 preußischen Regierungs­bezirken hinsichtlich der ersten dieser beiden Ziffern nur 5, hinsichtlich der zweiten aber 16.

Nicht unülteressant ist ein Blick in die Sparbuch-Der- hältnisse. Danach waren an dem angeführten Fest­stellungstage von unfern insgesamt 27 Sparkassen zu­sammen nicht weniger als 272 982 Sparbücher im Um­laufe, und zwar mit Einlagen

bis 60 Mk.

> 77 873

Stück

über 60 bis 150 Mk. . .

. 39 383

„

über 160 bis 300 Mk. . .

- 40 085

„

über 300 bis 600 Mk. . .

. 42 353

„

über 600 bis 3000 Mk. . .

. 66 280

über 3000 bis 10 000 Mk.

. 6 237

über 10 000 Mk. . . .

771

„

272 982 Stück

und zwar verteilt sich diese Anzahl auf die verschiedenen Arten der Kassen wie folgt:

1 Städtische Sparkasse . » > . 10149

1 Landgemeinde-Sparkasse . , » 310

5 Kreis- u. Amts-Sparkassen . . 11 376

1 Provinzial- rc.-Sparkasse . . . 141933

19 Vereins- u. Privat-Sparkassen ._109 214

272 982!

Die kommunalständische Nassauische Sparkasse in Wiesbaden steht mit ihren 141 933 Sparbüchern mithin weitaus an erster Stelle. Im Laufe des letzten Fest­stellungsjahres wurden ausgegeben 42 759 und zurück- genommen 27 637 Sparbücher, so daß sich allein in diesem Jahreszeitraum wieder eine Zunahme um 15 122 Bücher ergibt.

Und was die Einlagen anbelangt, so bezifferte sich deren Gesamtbetrag am Beginn des hier in Rede sichen­den Zeitraums auf nicht weniger als 136 077 867.82 Mk.,

eine Ziffer, welche unter denjenigen der gesamten 36 Preußischen Regierungsbezirke an 16. Stelle steht, also etwas Wer der Hälfte. Am Schlüsse des gedachten Zeit­raums war der gedachte Betrag nach den Ergebnissen der Zuschreibungen, Neueinlagen und Rückzahlungen auf 145 882 957,10 Mk.

gestiegen. Auch hiervon wieder entfällt der Löwenanteil, nämlich der Betrag von 57 295 475,15 Mk., auf unsere kommunalsiändisck)e Sparkasse.

Die Reservefonds unserer 27 Sparkassen stellten sich bei der letzten Feststellung auf insgesamt 9 624 690,64 Mark. Der Grund, auf dem sich das gesamte stattliche Gebäude aufbant, ist danach ein fester und unverrück­barer! Möge das letztere auch fernerweit wachsen, blühen und gedeihen als sichtbarer Beweis für den Volkswohl­stand unseres Bezirks!

Deutsches Deich.

Ter Kongreß des Bundes der Versicherungsvertreter,

der soeben in Berlin abgehalten wurde, war auch von einem Delegierten des Staatssekretariates des Innern und von einem Vertreter des Ausstchtsamtes für das Ver­sicherungswesen beschickt. Bei der tonten. Ausbreitung, die das Versicherungswesen auf allen Gebieten einnimmt, sind viele Tausende Beamte in den Versicherungsgesell­schaften nötig und deshalb ist auch die Fürsorge für diese Beamten eine soziale Notwendigkeit von erheblicher Be­deutung. Tie Vertreter der Versicherungsgesellschaften haben in chrem Wirkungskreis besonders unter den ge­legentlichen Versicherungsabschlüssen zu leiden. die von Leuten aus anderen Kreisen gemacht werden. Dadurch tberden nicht nur die Provisionen herabgedrückt, sondern es dringen dadurch auch nicht selten allerlei zweifelhafte Elemente in das Versicherungswesen ein. Das wichtigste Ergebnis des Kongresses ist" die einstimmige Annahme eines Antrages, welcher die Versicherungsgesellschaften ersucht, eine Allgemeine Pensionskasse für die Versiche- rungsbeamten ins Leben zu rufen, die auch die Fürsorge für die Wittwen und Waisen regelt. Die Schaffung einer solchen Versicherung der Beamten wäre ein sozialer Fort­schritt von großer Bedeutung und die Versicherungs­gesellschaften würden für die damit notwendigen Aus­gaben gewiß durch höhere Berufsfreudigkeit unh Leistungsfähigkeit ihrer Beamten entschädigt werden.

»

* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser hat. wie der „Ncrdd. Allgem. Ztg." mitgeteilt wird, dem bayerischen Minister­präsidenten Freiherr» v. P o d e w i l s den Roten Adlerorden 1. Klasse verliehen. Die Insignien sind demselben heute vor seiner Abreise mit einem Glückwunschschreiben durch den Reichs­kanzler Grafen B ü l o w zugegangen.

* Berlin, 29. Mai. Die Sammlungen für die Er­richtung eines Kaiserin Friedrich-Hauses für ärztliche Fortbildungs-Kurse haben in einem Vierteljahre bereits die Summe von über eine Million Mark ergeben.

* Doberitzer Erinnerungsfeier. Bei dem gestrigen Diner im Offizier-Kasino, zu dem die Offizierkorps der Kaiser-Brigade, die Kaiser Wilhelm zum Andenken an seinen Vater, den Kaiser Friedrich, am heutigen Tage geladen hatte, erschienen waren, erhob sich der Kaiser und forderte die Teilnehmer auf ein stilles Glas auf den ver­ewigten Kaiser Friedrich zu leeren. Dann sprach der Kaiser nochmals in längerer Rede, in der er ausführte: Aus dem Brigade-Exerzieren sei min eine große kriegsmäßige Übung ge­worden. Es werde in der Armee immer mehr dem Beispiel des großen Königs nachgeeifert und das solle auch in Zukunft immer geschehen. Der Brigade-Kommandeur dankte in warmen Worten. — Adolf Menzel hatte zu dem Diner eine künstlerisch ausgeführte Tischkarte entworfen, wofür ihm der Kaiser in einem Tele­gramm seinen Dank aussprach. — Um 10 l / 4 Uhr wurden heute ans dem Döberitzer Übungsplatz die Truppen vor dem zur Er­innerung an Friedrich den Großen errichteten Denkstein zu- sammengezogen. Direkt vor demselben standen die Fahnen der

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(16. Fortsetzung.)

Seine Modelle suchte Gottburgsen meistens in den niederen Volksschichten. Seinen mit wunderbarer Genialität gemalten häßlichen Mönnerköpfen verdankte er zumeist seine Berühmtheit. Der abstoßende Kopf eines alten Zuchthäuslers, dem das Leben lange Kapitel von Laster, Gemeinheit, verbrecherischen Leidenschaften und tierischen Instinkten in die Züge geschrieben, hatte ihm die goldene Medaille eingetragen und zuerst die Auf­merksamkeit weiter Kreise auf ihn gelenkt: dies und noch andere Bilder ähnlichen Genres waren später zu schwin­delnd hohen Preisen an Nationalgalerieen verkauft worden. Er hatte eine seltsame Art, diese Spezies zu nialen, bei aller Naturtreue den Zügen etwas beizugebcn, das in dem Beschauer zugleich Grauen und Teilnahme, Abscheu und Erbarmen erweckte: eine geistreiche Dame behauptete, Gottburgsen male Tolstoi, und in der Tat war etwas in seinen Bildern, was an die Federschilde­rungen des seltsamen russischen Apostels erinnerte.

In den letzten Jahren hatte er allerdings diese Rich- tung seiner Kunst verlassen, und für sein neues Werk schwebte ihm irgend etwas Großes, Schönes. Erhabenes und dabei doch Geheimnisvolles. Rätselhaftes vor, etwas noch Unergründetes, das er zuerst der Welt offenbaren und verkünden ivollte. Danach wollte er suchen, Wochen, Monde, vielleicht Jahre, bis er es fand, und nicht an anderen Arbeiten wollte er vordem seine Kraft zer­splittern.

Auffallend war es ihm nun selber, daß er die Menschen mit anderen Augen als ehedem betrachtete. Früher hatte er auf Schritt und Tritt Anregungen ge­funden, ohne zu suchen, und jetzt suchte er krampfhaft, ohne zu finden. Früher hatte auch das alltägliche Ge­sicht ihm Interesse abgewonnen, weil sich auf jedem einzelnen ein Stück Menschentum in anderer Gestalt aus­prägte, heute ermüdeten und ernüchterten ihn diese Ge­sichter, weil er in allen einen gemeinsamen Zug sich bis zum Ekel wiederholen sah. . .

Es war ein außergewöhnlich schöner Frühling in diesem Jahre; eine Reihe warmer Tage hatte die Vege­tation beschleunigt und ein Paradies von Grün und Blüten über die noch vor wenigen Wochen kahlen Bäume und Sträucher gezaubert.

Mit hochsommerlicher Glut sengte die Sonne auf die bunte. lärmende Menschenflut, die über die Trottoirs der Hauptstraßen rauschte. Ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ließ Gottburgsen sich von dem Strome mittreiben. Plötzlich hörte er einen Anruf. Von hinten schob sich eine weißbehandschuhte Hand in seinen Arm. und in der nächsten Sekunde war Rittmeister Schönfeld an feiner Seite.

„Jrüß Jott. Meister! Sie weilen also wirklich noch unter den Lebendigen? Man hat Sie ja eine Ewigkeit nicht gesehen."

„Ich war die ganze Zeit über nicht Wohl, Herr Ritt­meister."

„Mer jetzt doch wieder rausjedoktert, hm?"

„Noch nicht ganz, ich muß mich noch sehr in acht nehmen."

„Schade! Sie fehlen uns recht oft. Lauffen und ich sprachen erst gestern darüber; wir vermissen Sie alle. Wissen Sie schon, daß Lauffen im August heiratet?"

Gottburgsen verneinte. Lauffens künftiger Schwieger- Vater, ein steinreicher Industrieller, sowie die noch sehr junge Braut kannte er persönlich. Gleichgültig, nur um aus Höflichkeit das Gespräch nicht ganz stocken zu lassen, fragte er, ob Lauffen auch nach seiner Verheiratung die Redaktion des illustrierten Blattes weiter leiten.werde.

„Gewiß. Vorläufig wenigstens, so viel ich weiß. Sein Schwiegervater bairt ihm jetzt eine Villa irgendwo in Ihrer Nachbarschaft in der Tiergartengegend. War neulich mit Lauffen drin, entzückendes Nest, und das Mädel erst — zum Anbeißen pußlich. So'n Glückspilz! Der Olle soll'n Heidenjeld haben."

Schönfeld, der, wenn er einmal im Zuge war, so bald nicht mit Reden aufhörte, erging sich noch eine Zeit- lang weiter in Lobeserhebungen der reizenden Braut seines Freundes und in Lobpreisungen des Glücklichen, der sich diesen Schatz und ihre halbe Million errungen hatte, und erst nach längerer Zeit fiel es ihm auf, daß

Gottburgsen auf seine, eingestreuten Fragen entweder gar keine oder ganz verkehrte Antworten gab.

„Kolossale Hitze", sagte er und schnappte nach Lust, „janz unnatürlich für Jahreszeit. Wie wär's mit 'nem Jläschen Pilsner, Meister? Hier in der Nähe — —"

In diesem Augenblick schob sich zwischen ihn und den ein paar Schritte vorausgehenden Professor eme Menschenwelle: als diese vorübergeglitten, war die Ent- fernung zwischen beiden, da Schönfeld stehen geblieben war und Gottburgsen in Gedanken ruhig weiterging, schon ziemlich beträchtlich geworden.

„Ei, aber so was", bruinmte der Rittmeister geärgert, „scheint mich total vergessen zu haben. Na, wenn nicht, denn nicht, Meister, aber nachlaufcn bei der Hitze ist nicht. Beinah kommt mir jetzt auch vor, als ob — hm — be­dauerlich!" Er nickte in Gedanken, steuerte auf ein wenige Schritte weiter befindliches Bierlokal zu, in dem er es sich au einem Fensterplätze, von dem aus er die Straße übersehen konnte, bequem machte.

Seit Wochen wunderte sich Berlin in allen Tonarten über die Marotte des Professors, keine Porträts mehr auf Bestellung malen zu wollen. Tie auffällige Weise, in der er sich plötzlich von aller Gesellschaft zurückzog und sogar den Verkehr mit Kollegen riiied, züchtete allerhand dunkle Vermutungen und Konibinationen; man be­hauptete allen Ernstes, der Professor leide zeitweilig an bedenklichen Kopskongestionen, mit anderen Worten, er sei nianchmal nicht recht bei Trost. Erst am verflossenen Abend hatten Lauffen und der Rittmeister, die beide Gottburgsen sehr zugetan waren, ähnliche diskrete An­deutungen aufs entschiedenste bestritten, sie für bornierten Unsinn erklärt; aber das Benehmen des Professors war gerade heute so sonderbar, daß Schönfeld nicht recht wußte, was er davon halten sollte.

Entweder ist ihm die Hitze auf den Kopf gefallen oder die Pinselei hat ihn wirklich etwas verrückt gemacht — dachte er und leerte mit Behagen das Glas eiskalten Pilsners. daS der Kellner vor ihn hingestellt hatte.

Der Professor war schon eine ganze Strecke gegangen, als er sich auf seinen Begleiter besann und sich nach ihm umblickte. Als er ihn nicht gewahrte, seufste er. lüftete seinen Hut ein wenig, um sich mit dem Taschentuch über