Einzelbild herunterladen
 

St. Jahrgang.

Erschein» rtt zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

10,000 Abonnenten.

Anzeigen-PreiSr

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

A«z-i,.»-Amwhm-

bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3

für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschncbenen

Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst-

Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

|tj, 247, «erlags-Fernfprecher R». 2953.

Freitag» den 29, Mai.

RebaktionS^ernsprecher No. 52.

190».

Morgen-Ausgabe.

gfür öen Monat Juni

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

ZV. abonnieren, findet sich Gelegenheit

im Uerlag Langgasse 27 , bei den Ausgabestellen, den Zweig - Grprditione«

der Nachbarorte,

und bei sämtlichen deutschen Ueichspostanstalten.

Parater nnh Püiüttriuiii in ftantaid).

Unser Pariser -Korrespondent schreibt: Die jüngsten Debatten und Abstimmungen der Deputierten­kammer über die religiöse Frage haben eine größere Bedeutung und Tragweite, als das Ministerium zuge­stehen will. Ta sich die Abgeordneten, nachdem sie in zwei Sitzungen der vorigen Woche den mit der Kirche schwebenden Streit vorläufig erledigt hatten, einige Tage Ruhe gönnten, benutzten die verschiedenen Gruppen des Blocks die Pause, um ihrer schlechten Laune, ihren Vorwürfen, ihrem Groll gegen das Ministerium in ihren Preßorganen freien Lauf zu lassen. Die Ergebnisse der genannten Sitzungen und die Äußerungen der Partei­blätter lassen keinen Zweifel darüber, daß der Block zwar nicht gänzlich zerbrochen, aber um, einen weiteren gewaltigen Sprung bereichert und daß die Stellung des Kabinetts erschüttert ist. Ministerpräsident Combes er­hielt allerdings ein Vertrauensvotum, aber selbst seine Anhänger stimmen darin überein, daß der Erfolg nur ein scheinbarer war und daß die Negierung aus der Schlacht siegreich, aber geschwächt hervorgegangen ist. Die Deputiertenkammer beschloß ihre Beratungen mit einer Tagesordnung, in welcher sie das Ministerium einladet, „die Übergriffe des Klerikalismus zu verhindern und die Ausführung der Gesetze und die freie Ausübung der Kutte sicher zu stellen." Diese allgemeine Tages­ordnung, welche an jedes beliebige republikanische Kabinett hätte gerichtet werden können, gewinnt ihre wahre Bedeutung und Wichtigkeit erst durch den Umstand, daß die Kammer kurz vorher den Antrag Hubbards auf Trennung der Kirche vom Staat verworfen hatte. Im Palais Bourbon ist demnach keine gegen das Konkordat gerichtete Mehrheit vorhanden, wohl aber eine, welche die Unternehmungen gegen die Freiheit des Kultus tadelt. Nun, gerade auf. die Trennung von Kirche und Staat schienen die Politik, die Handlungen und die Reden Combes' hinzuzielen, und wenn er sich in den letzten Kammersitzungen auch sehr vorsichtig und diplo­matisch ausdrückte, so machte er doch aus seiner Absicht bei vielen Gelegenheiten keinen Hehl, so unter anderm in einer kürzlichen Senatsrede, die auf Parlaments­

beschluß in sämtlichen Gemeinden Frankreichs ange­schlagen wurde und worin er erklärte: „Die Aufhebung des Konkordats ist vielleicht näher als man denkt." In­dem die Kammer den Antrag Hubbards zurückwies, hat sie mithin einen derben Strich durch die teils offen zuge­standene, teils im geheimen verfolgte Regierungspolitik gemacht, die auf die Trennung von Kirche und Staat hinauslief, was von den getreuesten Anhängern Combes' unumwunden zugegeben wird, die zum Teil in der end­lichen Ausführung dieser Scheidung die einzige Existenz­berechtigung des gegenwärtigen Kabinetts erblicken. Die Stellung des Ministerpräsidenten ist also durch die letzten Kammerabstimmungen trotz des Vertrauensvotums bedenklich ins Schwanken geraten.

Auch die Festigkeit des schon mit vielen Sprüngen und Rissen versehenen Blocks hat wiederum erheblich gelitten. Die sozialistischen Radikalen werfen dem Kabinettschef vor, daß „er seine Inspirationen mit Vor­liebe bei den Sozialisten sucht" und letztere beschuldigen erstere, daß sie Intriganten sind, die das Wasser trüben, um Ministerportefeuilles darin zu fischen. Die Be­schwerden der erstereii Partei dürften begründet sein. Es ist in der Tat ein merkwürdiges Schauspiel, daß sich, wie oftmals zu Tage getreten ist, das Kabinett und die Majorität von den ungefähr 50 Sozialdemokraten ins Schlepptau nehmen läßt. Von diesen 50 sozialistischen Deputierten waren übrigens iit der vergangenen Woche noch 10 abzuziehen, welche Combes jede Vertrauens- bezeigung verweigerten. Diese Handvoll Sozialisten herrschen bei vielen Anlässeii in tyrannischer Weise über die drei anderen, den Block zusammensetzenden Gruppen: die demokrattsche Union mit 100 Mitgliedern, die radi­kale Linke mit 80 und die sozialistischen Radikalen mit 110 Daß auf die Dauer diesen 290 Deputierten die sozialistische Anmaßung unerträglich werden muß, liegt auf der Hand, Für einmal wenigstens hat die demo­kratische Union das aufgezwungene Joch abzuschütteln verstanden, indem sie den Hubbardschen Antrag verwarf. Die Erteilung des Vertrauensvotums zeigt noch eine Besonderheit, die nicht übergangen werden darf, well sie die Unklarheit der Lage trefflich illustriert. In der Majorität befanden sich die Stimmen der Sozialisten, deren Antrag auf Trennung von Staat und Kirche einige Minuten vorher abgelehnt war, in der Minorität die Stimmen der Progressisten, welche überzeugte Ver­teidiger des Konkordats sind. Die Ersteren haben dem­nach als sie das Vertrauen votierten, gegen ihre Gefühle und Prinzipieen gestimmt, die letzteren aus Feindseligkeit gegen Combes ihre Doktrin verleugnet, obwohl dieser ihnen entgegengekommen war, als er nicht offen für Hubbard und die Kündigung des Konkordats eintrat. Aus dieser Stimmenverteilung geht deutlich hervor, wie sehr die Steine auf dem parlamentarischen Schachbrett in Verwirrung geraten sind. Rechnet man noch hinzu, daß der Block überhaupt kein eigentliches Politisches Programm besitzt, sondern nur durch die Ausführung des Gesetzes gegen die Mönche und Nonnen zusammen­gehalten wird, so darf man auf den Verlauf dieser Legislaturperiode gespannt sein. __

Feuilleton.

Dichter und Darsteller.

Wenii das Werk eines lebenden Bühnenschriftstellers zur Aufführung vorbereitet wird, so liest man häufig einige Wochen vorher ungefähr folgende Notiz m der Zeitung: Herr X., dessen Stück nun bald an dem und dem Theater in Scene gehen wird, befindet sich auf der Reise hierher, um die Proben selbst zu leiten.

Ilniweifelhaft soll das empfehlend wirken. „Wenn der Dichter selbst den Proben beiwohnt, dann muß doch die Sache klappen", urteilt das Publikum. „Er kann den Schauspielern dann gleich sagen, was er sich dabei gedacht hat." Hierin liegt ein großer Irrtum.

Das soll er eben nicht! Er bliebe viel besser zu Hause. Was der Dichter sich gedacht hat, soll er über- Haupt nicht sagen, sondern sein Stück. Und was das Stück dem Schauspieler und der Regie verschweigt, das geht auch das Publikum nichts an. Denn wenn die Charakterisierung der einzelnen Figuren nicht aus der künstlerischen Arbeit selbst hervorgeht, sondern vom Dichter nur beabsichtigt, nicht aber zum Ausdruck gebracht wurde, dann wird der unbefangene Zuschauer die Auf- fassung des Darstellers unberechtigt finden.

Dazu kommt noch ein sehr wichtiges Moment: Rollen sind keine Rechenerempel; sie sind nicht nur aus dem Kopfe, sondern auch aus dem Herzen, d. h. aus der Seele des Autors hervorgegangen. Sie sind innere Erlebnisse Ebenso muß der Künstler sie auch in sich aufnehmen, dein die Figur zur Wiedergabe anvertraut worden ist Jeder liest bekanntlich aus jedem Buch sein eigenes Selbst heraus. Je mehr wahrhaft Menschliches lin einem Werke liegt, desw mehr Menschen werden es miterleben könnm. Aber das seelische Empfindungs-

vermögen jedes einzelnen ist verschieden vori dem „des

anderm Man kann keinem durch Gründe, und waren es auch die bestm, eine seelische Resonanz emreden. die er nicht hat. Warum versucht das der Dichter also beim Schauspieler? Dieser trägt bei der Aufführung den größten Teil der Verantwortung. Seine innere und äußere Persönlichkeit, was er in der Rolle sieht, und was seine seelische Resonanz berührt, kommt Zum Aus. druck Was er beim Studium gedacht und gefühlt hat, wird Auffassung. In diesen Wechselbeziehungen zwischen Dichtung und Darstellung liegt das Wesen der Schau- spielkunst. Wohlverstanden! Nicht mit dem Dichter, sondern mit seinem Werk haben wir es zu tun; nicht mit seiner Meinung, sondern mit seinen Menschen. und ie lebenswahrer diese sind, um so weniger brauchen sie eine Erklärung, um so wmiger kann er auch spezialisieren, was die Deutung seiner Schöpfung ist. Denn er steht ihr im Grunde nicht anders gegenüber als wir; ihm ist sie Offenbarung wie uns. Seine Gestalten wuchsen aus der Empfindung, sie sind geahnt, geträumt und nicht konstruiert. Er selbst kann sie nicht beweisen, aber er ist überzeugt von ihnen. Es sind nicht Schatten, sagt Tas o von seineil Geschöpfen, „ich weiß, sie sind ewig,

denn-sie sind!" Hierin liegt alles. Nicht Puppen,

die an Drähtm gezogen werden, Lebendige erstehen dem Dichter, die ihm selbst später Sympathieen und Anti-

pathieeii einflößen. . ^ .

E T. A. Hoffmann, der nächtlich zu arbeiten Pflegte, weckte niitunter seine Frau, um sich rm Gespräche mit ihr wieder zu beruhigen, dmn die gespenstigen Wesen, mit denen er die Literatur bevölkerte, wuchsen ihni über den Kopf und flößten ihm Grauen und Entsetzen ein. Man wird an den Zauberlehrling erinnert: „Die ich rief, die Geister,-"

Goethe war in die Gestalt der Mignon, welche er ohne Vorbild (? llnd die Begegnung mit dem kleinen

Deutsches Deich.

Seeschiffahrts-Subventionen der Gegenwart.

Me Frage der staatlichen Subventionen für die Schiffahrt ist durch mancherlei Gesetzgebungsexperimente und Pläne der neusten Zeit so aktuell, und in der Be­handlung dieser Frage machen sich durch Unkmiitnis und agitatorische Entstellungen so viele Jrrtümer breit, daß jede sorgfältige Behandlung dieses Themas auf Beach­tung und Dank Anspruch hat. Das gilt auch von der soeben ausgegebmen Schrift von vr. Wilhelm Greve „Seeschiffahrts-Subvmtionen der Gegenwart" (Hamburg 1903 bei L. Friederichsen u. Co., 123 Seiten), die der Verfasser selbst als einm „ersten Versuch" bezeichnet, „die Subventionsfrage von ihrer theoretischen und prak­tischen Seite umfassend und ohne parteiliche Vorein­genommenheit zur Darstellung zu bringen." Ster Ver­fasser bemüht sich, die volkswirtschaftliche Berechtigung richtig angewandter Subventionen darzutun und die verschiedenen Formm ihrer Anwmdung zu zeigen. Während der Bearbeitung hat er sich wohl, wie das so geht, etwas in sein Thema verliebt und gibt sich die größte Mühe, möglichst viel gute Wirkungm der Sub- ventionspolitik zu demonstrieren. Der Hauptteil der Arbeit und ihr Wert besteht aber in der Darstellung der Subventionen und ihrer Entstehung nach einzelnen Ländern, wobei er drei Gruppen unterscheidet: 1. die neue Heranziehung eines Seeverkehrs in Häfm zurück- ' gebliebener Länder durch Begünstigung auch auslän­discher Linien, 2. bei schon mehr entwickelter Volkswirt- schaft das Streben, die eigme Schiffahrt durch allgemeine Prämien und Subventionen zu heben, 3. in den auf der Höhe der Entwicklung stehmden Ländern die Be­schränkung auf Subventioniemng bestimmter, postalisch oder volkswirtschaftlich besonders wertvoller Routm. Wmngleich diese Kategoriem mitunter sehr schwer aus- einander zu halten find, wmngleich die Darstellung für die behandelten 25 Länder von sehr ungleicher Ausfuhr- lichkeit und Exaktheit ist, so ist immerhin eine Meng« orientierenden Materials zusammengebracht, das bei dem Streit des Tages leicht übersehm wird und das im stände ist, die einschlägigm Erörterungen zu vertiefen und fruchtbringender zu gestalten. Das gmügt, um die Schrift der Beachtung wert erscheinen zu lassm. Auch ' geht aus mancherlei Beispielen zur Genüge hervor, wie die Überspannung und unbedachte Anwendung des Sub- ventionsgedankens die erhofften Vorteile nicht bringt, vielmehr die gesunde private Initiative, die auf dauernde, in den heimischen Wirtschaftsverhältnissen begründete Erfolge ausgehen mutz, tötet und die Staatsgelder nutz- los verschlingt.

*

* Der Trakehner Schnlprozctz zurückverwicsen. Das Reichsgericht verhandelte Mtcrn über die Revision des Trakehner Schulprozesses. Da Sanitätsrat vr. Paal- zow-Berlin, der am 24. Oktober 1902 wegen Beleidigung des Landstallmeisters v. Oettingen-Trakehnen zu 300 Mk. J Geldstrafe verurteilt war, am 5. April 1908 gestorben

Harfmmädchen in Tirol, s. Jtal. Reise? D. R.) schuf, „gelegentlich recht angenehm „verloren", — und der zeit­genössische Dichter Ompteda „heulte wie ein Schloßhund' beim Tode seines „Sylvester von Geyer."

Wmn die Geisteskinder des wahren Dichters sem Haus verlassen, so werden sie Frmnde und Feinde finden. Aber kein Vater soll uns die Charaktereigenschaften seiner Kinder nmnen, wir werden sie schon selbst finden und danach beurteilen. Es gibt Dichter, denen viele ihrer Werke innerlich fremd werden, während das Publikum sie bewundert. Auch das Umgekehrte hiervon ist nichts Seltenes: „Die natürliche Tochter" war Goethes Lieb- lingskind und hat doch wenig Verehrer gefunden. Hein- rich Heine hielt seinen „Almansor" für unsterblich, „Radcliff" für seine größte Dichtung, und doch weiß dis Nachwelt wenig von ihrer Existenz.

Und was von den Werken überhaupt, das gilt von den Figuren in einzelnen. Wo sich die Dichter öffeut- lich oder in privater Unterhaltung über die Personen ihrer Stücke und wie sie diese verstandm wissm trotten* geäußert haben, da ist man häufig erstaunt und verwirrt, und die Schauspieler tun absolut falsch daran, sich von einer derartig hiugeworfenen Bemerkung beeinflusseir zu lassen, wenn sie im Gegensätze zu ihrem persönlichen Eindruck steht. Oft hatte der Dichter seine eigene Arbeit nicht mehr ganz in der Erinnerung (— das beweisen schon die vielen falschen Citate, welche z. B. Schiller aus seinen Dramen brauchte), oder er hatte sich, wie schon bemerkt, in seiner künstlerischen Entwickelung der Sache

entfremdet. .

Auch der Schauspieler sieht tu den verschtedenen Stadien seiner Laufbahn Verschiedenes in ein und der- selbm Rolle. Aber nur das, was seinem zur Zeit Herr- sehenden Gefühl entspricht, wird er ergreifend zur Dar­stellung bringen können. E r n st W e h l a u.