Einzelbild herunterladen
 

Wiesbadener Tagblatt (Morgen-Ausgabe). Verlag: Langgasse 27 .

28. Mai 1903. Seite 3.

verkaufen die zehn anderen zum drittenmal die von ihnen erstandenen Artikel. Und häufig gehen von dieser „Kippe" noch zwei fort, die wieder gegeneinander bieten. A. hat z. B. eine antike Gemme für 600 Mk. erstanden; er möchte sie behalten, aber B. sagt: „620 Mk.", bis „640 Mk." bis „660 Mk." bis „680 Mk." bis „700 Mk." biS 720 Mk." Das ist die Grenze. B. bezahlt A. 720 Mk., und A. hat 120 Mk. an der Gennne verdient. Das Publikum hat unter diesem Übelstand nicht zu leiden, denn niemand wird am Bieten gehindert; die „Kippe" schädigt nur den Verkäufer und den Auktionator; denn letzterer bekommt Provision von einer geringeren Ge­samtsumme und hat auch weniger zu tun, weil viele Leute, die die „Ringe" kennen, es nicht riskieren, daß ihre Sachen zu lächerlichen Preisen verschleudert werden.

* Eine schlimme Fahrt im Unterseeboot. Vor einigen Tagen wurde in Pariser Blättern ein Fall besprochen, daß in Cherbourg bei der llbungsfahrt eines Untersee­boots ein Matrose fast erstickt war. Im „Royal Maga­zine" berichtet nun Henry Navarr über eine Fahrt in einem der e n g l i s ch e n Unterseeboote, mit denen gegen­wärtig Versuche angestellt werden. Darin erzählt er folgendes: „Die Hitze wird anormal, aber wir fahren den Befehlen gemäß weiter; es scheint uns, als ob wir mit jeder Minute mehr Hitze fühlen, und eine Empfin­dung, als müßten wir ersticken, bemächtigt sich unser aller. Wir fragen uns, wie wir es noch länger aus- halten können und ob wir das Experiment zu Ende führen werden. Wir vergessen fast, nachzuforschen, ob der gespenstige Anblick der Gesichter, die wir vor uns sehen, von den weißen Blitzen der Elektrizität kommen oder ob er von dem Gefühl der Erstickung stammt, das wir haben. Wir fahren und fahren, verlieren dabei den Begriff der Zeit, fühlen, wie unsere Köpfe anschwellen und unsere Augen trübe werden. Plötzlich wird ein Mann von der Besatzung von heftigen Übelkeiten be­fallen, und wir sehen einander prüfend an. Wir haben noch genug Energie, uns vorzustellen, welches unser Ge­schick sein würde, wenn die Maschinisten krank würden; unsere Ohren sausen, unsere Atmung wird immer müh­samer, und wir stellen fest, daß die Temperatur mehr als 49 Grad Celsius beträgt. Wir brauchen bringend frische Luft. Wir beginnen eine unbeschreibliche Müdig­keit zu empfinden, und plötzlich fällt einer von uns schwer, leblos zu Boden, und augenblicklich tritt ein Gefühl der Panik ein, so weit dies in einer gut disziplinierten Mannschaft aufkommen kann. Der Leutnant ist bereit, zu handeln, wie die Umstände es erfordern; auf der Stelle läßt er das Boot wieder zur Oberfläche empor- steigcn. Um die Wahrheit zu sagen, keiner von uns kommt zu früh zur Oberfläche, denn während wir hinaufsteigen, — und dies war nur eine Sache von Sekunden, — gab noch ein zweiter Mann Anzeichen von Ohnmacht und jeder hatte die schlimmste Erfahrung zu fürchten. Das Mannloch wurde eiligst geöffnet, um frische Luft zu bekommen, aber die Wirkung ihres plötz­lichen Eindringens war so merkwürdig, daß unsere Atemnot und unsere Übelkeit dadurch zunächst nur ver­mehrt wurde. In zwei oder drei Minuten verschwand jedoch dieses alles, und der größere Teil von uns be­gann wieder ein wenig aufzuleben. Als wir den Chronometer prüften, stellten wir fest, daß wir zwei Stunden fünfundvierzig Minuten unter dem Wasser ge­blieben waren. Wir fuhren nunmehr so schnell wie möglich zu unserem Ausgangspunkt zurück, aber einer von uns mutzte bei der Landung noch getragen werden und er erlangte erst einige Zeit später wieder die volle Herrschaft über seine Sinne."

* Ein Kampf «m Sienkiewicz. In Polen ist gegenwärtig, wie der „Figaro" berichtet, ein heftiger Kampf um Sienkiewicz entbrannt, und der gefeierte Autor ist durch seine Schuld in Gefahr, seine bisherige Popularität zu verlieren. Er war so unvorsichtig, einem Interviewer zu erklären, daß die junge polnische Literatur unter aller Kritik wäre und daß sie im ganzen die Bezeichnung „pornographisch" verdiene. Man kann

sich die Erregung und den Zorn über dieses Urteil bei den

Betroffenen leicht vorstellen. Alle Journalisten nahmen Partei, teils für, teils gegen Sienkiewicz. Man kämpft in Warschau wie in den erregtesten Zeiten der Geschichte Polens, und der Dichter wird von einem Teil der Presse mit Beleidigungen überhäuft. Einige Kritiker gehen so weit, den „Tag herbeizuwünschen, an dem man ein» sehen wird, daß Herr Sienkiewicz immer mehr Dünkel als wahres Talent gehabt hat."

* Eine künstliche Ohrmnschel. Ein operatives Kunst­stück ist jüngst von einem österreichischen Arzte, Dr. Walter Bruck, ausgeführt worden. Einem Dragoner wurde beim Pferdeputzen im Stalle von einem Pferde die linke Ohrmuschel abgebissen. Es gelang, die Blutung zu stillen und die Wunde zur Verheilung zu bringen. Um nun den außerordentlich entstellenden Mangel zu decken, verfertigte Dr. Bruck genau, wie cs bei der Her­stellung vonZahnersatzstücken geschieht, ein entsprechend ge­formtes Stück aus Kautschuk. Diese künstliche Muschel fand an dem kleinen, stehen gebliebenen Reste der alten Ohrmuschel und in den vielen Buchten des Gehörganges einen ganz sicheren Halt. Ein Maler färbte das Ersatz­stück derart, daß es täuschend die Farbe der benach­barten Gesichtshaut bekam. Die verschönende Wirkung war ausgezeichnet, und man hat Mühe, die echte und die falsche Ohrmuschel voneinander zu unterscheiden.

* Das Ende eines italienischen Scnsationsprozefses. Man entsinnt sich des unerhörten Aufsehens, das die Er­mordung des Grafen Bonmartini zu Bologna letzten Sommer in der ganzen Welt hervorrief. Der Griff wurde durch seinen Schwager Tullio Murrt, den Sohn des be­rühmten Klinikers Professor Murrt, ermordet — wie Murri selbst angab, infolge eines Streites; wie dagegen Untersuchungsrichter und öffentliche Meinung annehmen, weil Murri seine von ihm leidenschaftlich geliebte Schwe­ster Linda von ihrem verhaßten Manne befreien wollte. Ausgeführt war der Mord worden nicht allein durch Tullio Murri, sondern auch durch ein gedungenes In­dividuum, einen heruntergekommenen Arzt, Dr. Naldi, und zwar mit Vorwissen der Gräfin Linda Bonmartini- Murri. Im Komplott oder doch in dessen Sphäre hätten sich noch — wie es damals hieß — befunden Tullio Mur- ris Oheim, der Advokat Riccardo Murri seine etwas problematische Natur), und der junge Dr. Secchi, einer der hervorragendsten Spezialärzte Bolognas und Lteb- haber der Gräfin Bonmartini, die ihren Freund stets in einem geheimen Zimmer, neben ihren: eigenen ehe- lichen Schlafgemach, zu empfangen pflegte; schließlich Tullio Murris Maitresse Rosa Bonetti, die bei der Er­mordung Vorschub geleistet habe. Nach dem Berichte des Staatsanwalts scheiden nun, wie das „B. T." erfährt, Dr. Secchi, der Liebhaber, und der angenehme Onkel Riccardo Murri völlig aus. Gegen Rosa Bonetti und Gräfin Linda Bonmartini-Murri, gegen die keinerlei Beweis erbracht wurde, kann nur auf Grund von In­dizien vorgegangen werden; Dr. Naldi, der angebliche Helfershelfer bei dem Morde, hat sein Alibi nachgewiesen und ist nur überführt, um die Tat gewußt und die Justiz durch Aussprengen falscher Nachrichten irregeführt zu haben. Tullio Murri, der Mörder, endlich bleibt fest und steif bei seiner Behauptung, nicht absichtlich, sondern im Affekt bei einem Streite seinen Schwager getötet zu haben. Alles löst sich somit in Wohlgefallen auf, und den Geschworenen wird wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, als ... . die ganze saubere Gesellschaft in Frie­den und Eintracht zu ihren Amüsements st In Boccacciy zurückzuschicken.

* Humoristisches. In der Galr^ri.e. Kunst­freund: „Man unterscheidet zwei Arten von alten Meistern: bei den einen ist das Bild echt, aber die Unterschrift falsch, bei den anderen ist die Unterschrift echt, aber das Bild falsch." — — Feudalcorps. A.: „Wer sind denn jetzt Eure Chargierten?" — B.: „Der erste ist der Graf Schönhoff, der zweite der Baron Pahlen, der dritte heißt Meyer — hält sich aber drei

No. 248. 81. Jahrgang.

* Aus der Umgebung. In der Nacht zum Dienstag wurde ein Aufseher des M e ch t i l d i s h ä u f e r Hofes von polnischen Arbeitern überfallen und so furchtbar durch Messerstiche am Kopf und durch Zermalmung eines Fingers zugerichtet, daß man für sein Leben fürchtet. Bon den Tätern fehlt noch jede Spur.

In Breitenbach wurden durch ein Grotzfeuer dre, Scheunen und ein Gasthaus nebst angrenzendem Saalbau total eingeäschert. Das Feuer dürste durch spielende Kinder verursachr worden sein. , ^ a ,

Die Baugewerkschullehrer Schild, Pohl, glanz und Hasenpati in Idstein sind zu Königlichen Oberlehrern ernannt worden.

Der in Mainz von der Bürgermeisterei zwischen den Bau- Unternehmern und Maurern gemachte Einigungsversuch verlief resultatlos, weil die Arbeiter auf einer Lohnerhöhung bestehen.

Vermischtes.

* Die Geheimnisse der Anktionsränme. In London ist durch Vorkommnisse der letzten Zeit die öffentliche Auf­merksamkeit auf das eigenartige Treiben der Händler in den Auktionsräumen gelenkt worden, in denen fast überall die „Kippe" oder der „Ring" die Oberhand hat. Es hat sich da ein ganzes System herausgebildet, über das ein Londoner Blatt folgende Mitteilungen macht. Die „Kippe" blüht sowohl in den Auktionssälen im Westend wie auch anderswo. Natürlich mögen die Auktionatoren die Ringe nicht, aber sie sind machtlos dagegen. Was sollen sie auch tun? Die Händler sind trotz allem die besten Kunden auf Auktionen. Wenn keine Händler wären, fänden weniger Verkäufe statt. Der Auktionator kann natürlich einen Gegenstand zurückziehcn, aber wenn er den Auftrag zu verkaufen hat und der Gegen­stand den Vorbehaltspreis erreicht, so bietet es dem Ver­käufer oder Auktionator wenig Genugtuung, nicht zu verkaufen. In manchen Auktionsräumen betragen die Unkosten 2 Mk. 50 Pf., wenn der Artikel zurückgezogen wird; wenn er vom Verkäufer zurückgekauft wird, werden 2Vz% des Preises berechnet, und etwa 7% bis 10% werden bei einem bonu-kicke-Berkauf berechnet. Augenscheinlich liegt es im Vorteil des Auktionators zu verkaufen. Das Ergebnis ist natürlich für den Ver­käufer sehr unangenehm. So wurde ein Gegenstand im Werte von wenigstens 400 Mk. für 120 Mk. verkauft. Es war eine 22-karätige goldene Uhr. Die Händler spielen hinterher selbst Auktionator. Die „Kippe" ist eine Koterie Händler, die bei Auktionen nicht gegenein­ander bieten. Wenn einer von ihnen bietet, verhalten sie sich ruhig. Sie dürfen andere Käufer nicht ein- schüchterü, aber wenn die Auktion vorüber ist, begeben sich die Mitglieder der „Kippe" in ein Hotel in der Nähe, wo einer von ihnen den Auktionator spielt. Wenn ein Mitglied der „Kippe" z. B. einen Diamantring für 100 Mk. gekauft hat, so wird der Ring jetzt wieder ver­auktioniert. Ein anderes Mitglied ersteht ihn für 160 Mk., so daß der ursprüngliche Käufer ihn nicht behält. Bei freiem Gebot hätte der Ring im Auktionslokal wenigstens 160 Mk. gebracht, durch das System der „Kippe" aber haben die Händler als Gesellschaft 60 Mk. von den 160 Mk. gespart, statt baß dieser Gewinn dem ursprünglichen Verkäufer zu gute kommt. Diese Summe von 60 Mk. wird gleichmäßig unter die Mitglieder der „Kippe" verteilt, was bei zehn Mitgliedern für jeden 6 Mk. beträgt. Neun Mann haben also je 6 Mk. Rein­gewinn, während der zehnte für seinen Diamantring statt 160 Mk. nur 154 Mk. bezahlt. Das ist die einfache „Kippe", aber bei einer „Kippe"-Auktton handelt es sich oft um Tausende, und die Vorteile bei dieser Unter­auktion sind infolgedessen sehr groß. Dieser Gewinn bedeutet aber einen wirklichen Verlust für den Verkäufer. Wenn z. B. ein Pferd vom Auktionator für 1000 Mk. verkauft und hinterher für 2000 Mk. wieder verkaüft wird, so fließt die Differenz von 1000 Mk. in die Taschen der Händler statt in die Tasche des Verkäufers. Inner­halb der Ringe gibt es aber wieder kleinere Ringe. Bei einer „Kippe" von 20 Mitgliedern können wieder zehn noch einen inneren „Ring" bilden. Bietet einer von diesen zehn, so verhalten die neun anderen sich ruhig. Ist dann der Gewinn der ersten „Kippe" verteilt, so

Außerdem wurde er als preußischer Kriegsminister, als Oberbürgermeister und als „Oberdirektor" bezeichnet.

Wenig wußten die Berliner Knaben, die befragt wur­den, von den Führern der Freisinnigen und der Zen­trumspartei, und ebenso wenig von den sozialdemokra­tischen Parteigrößen.. So präsentierte sich bei der Frage nach Bebel 41 Mal der mehrerwähnte Strich, während nur 26 Knaben wußten, wen sie sich bei diesem Namen zu denken haben. Fünf Schüler meinten, er sei ein „Sozialdemokrat", einer verlieh ihm ein Stadtverord- netenmandat und zwei machten ihn zum Führer der — freisinnigen Partei! Übrigens ist es auch um den Ruhm Singers nicht besser bei Jung-Berlin bestellt. Wie ge­legentlich mündliche Fragen zeigten, war zwar vielen der Name vertraut, bei näherem Zusehen aber ergab sich, baß sie — den gleichnamigen Nähmaschinenfabrikanten meinten!

Man sollte nicht glauben, daß zur Zeit des Buren­krieges Namen wie Ohm Krüger, Botha, Chamberlain Berliner Kindern wirklich fremd bleiben könnten. Einer hielt ihn für den Untergang seines Staates im voraus schadlos, indem er ihn flugs und fröhlich zum Präsidenten der Vereinigten Staaten machte. Neben dem Namen Louis Bothas befanden sich 50 richtige Antworten und 24 Striche. Einer der Knaben hatte ihn sogar etikettiert: ein Engländer! Den Kolontalsekretär Chamberlain kannten 28 Knaben, 20 wußten nichts von ihm und der Rest hatte ihm allerlei merkwürdige Titel und Würden verliehen. So soll er ein Berichterstatter aus Trans­vaal, ein Burengeneral, ein englischer Kriegsmann, ein „Parlamentär in England" und nach der einen Behaup­tung sogar ein — Chinese sein!

Uber den Prinzen Heinrich waren 69 Schüler zu­treffend unterrichtet, vier schwiegen sich über ihn aus, während einer ihn zu einem „Sohn" schlechtweg machte, zwei andere zu einem Sohne Wilhelms II., einer zum jetzigen Kronprinzen, einer meinte, er sei „ein englischer" (das zugehörige Substantiv fehlte leider) und einer er- kannte in ihm einen portngiesischen Prinzen. Von seinem Gastgeber, dem Präsidenten Rvoscvelt, wußten 28 über­haupt nichts, während 48 richtig antworteten. Zwei machten ihn znm Oberprüsidenten, zwei zum Begleiter des Prinzen Heinrich und zwei endlick »ur — „Tochter des Präsidenten von Amerika"!

Von der Tigerin.

„Gleich einer Tigerin, der man die Jungen geraubt", ist ein Ausdruck, den man häufig gebraucht, um den höch­sten Grad von Mut zu bezeichnen, und doch hat derselbe nur sehr wenig Berechtigung. Allerdings liebt eine Tigerin gleich den meisten anderen Tieren ihre Spröß- linge, aber, entgegen der allgemeinen Annahme, würde sie doch dieselben eher ohne Bedenken opfern, als sich ihret­wegen in Gefahr begeben. Der Europäer, der die ge­streifte Bewohnerin der Wälder nur aus Menagerieen und zoologischen Gärten her kennt, schreibt derselben gern auch einige gute Eigenschaften zu, in Wirklichkeit aber be­sitzt sie deren keine. Mut gehört nicht zu deu Attributen einer Tigerin, und sobald sich der Ton des Tom-Tom in ihrer Nähe hören läßt, macht sie Pläne für ihren Rückzug. Wenn cs sich ermöglichen läßt, daß sie sich selbst und ihre Jungen retten kann, so tut sie es, scheint dies aber nicht angänglich, dann kennt sie keinen anderen Gedanken, als ihre eigene Sicherheit. Ihr Felbzugsplan ist gewöhnlich der folgende: Sie läßt ihre Sprößlinge in der Höhle und gibt ihnen wahrscheinlich Anordnungen, wie sie sich in den dunklen Spalten der Felsen am besten verbergen können, und falls sie durch die Menschen daraus verscheucht werden, wie sie sich nach besten Kräften wehren. Dann verläßt sie die Höhle, und wenn sie merkt, daß in einer Richtung das Schreien und Feuern aufgehört, so rennt sie, so schnell sie kann, davon. Ist sie jedoch schlau und er­fahren, dann weiß sie, daß diese Ruhe gefahrvoll ist, und statt den Versuch zu machen, nach dieser Seite hin zu ent­sliehen, bricht sie direkt durch die Linie der Treiber hin­durch, wo die Dschungel am dicksten ist. Von früher her erinnert sie sich, daß dieselben bereitwillig Raum für sie machen, und daß sie daher aller Wahrscheinlichkeit nach sich in Sicherheit bringen kann, während ihre Jungen allerdings ohne Zweifel gefunden werden, da man ja sieht, aus welcher Richtung sie kommt. Wählt sie den an­scheinend sicheren Weg, so fällt sie selbst gewöhnlich sofort zum Opfer, da von Bäumen und Felsen die Flinten der Jäger auf sie gerichtet sind. Gelingt es ihr aber, aus der Schußlinie ihrer Feinde zu entkommen, so rennt sie da- von, ohne den geringsten Versuch zu machen, ihre Jungen zu retten.

Allerdings muß zugegeben werden, daß, wenn es der Tiaerin gelungen ist. sich in Sicherheit zu bringen, das

Mnttergefühl wieder die Oberhand gewinnt, und sowie die Sonne untergegangen, kehrt sie daher gewöhnlich nach ihrer Höhle zurück, und erfüllt, falls sie ihre Jungen dort nicht vorfindet, die Luft mit ihrem Klagegeschrei. Wehe dann dem verspäteten Wanderer, der ihr in den Weg kommt, denn noch so lautes Schreien und Rufen scheucht sie alsdann nicht fort, und wenn er nicht gut bewaffnet, was, im Falle es ein Eingeborener ist, höchst unwahr­scheinlich, hat sein letztes Stündlein geschlagen. Hat man eine Tigerin also entkommen lasien und ihr die Jungen geraubt, so ist während einer Woche wenigstens die Sache für die Eingeborenen gefahrvoll, denn sie verfolgt die­selben, und besonders, wenn die Jungen nahe sind, darf man in der Gegend nie kampieren, ohne fortwährend ein großes Feuer zu unterhalten. Selbst dann macht sie so­gar manchmal einen kühnen Sprung, um ihre Jungen wieder zu bekommen.

Kämpft aber auch die Tigerin für ihre Sprößlinge nicht, sondern läßt dieselben oft ganz schutzlos zurück, so tut sie cs doch für ihre eigene Haut, besonders wenn sie verwundet ist. Ist jedoch ein Entfliehen möglich, so wählt sie auch dann entschieden diesen Weg. Da aber selbst der größte Feigling für sein eigenes Leben eintritt, so kann man dies keinen Beweis von Mut nennen und wird zu- geben müssen, daß das Sprichwort, wie so manches auf einer halben, ja, in diesem Falle sogar nur auf einem Viertel Wahrheit beruht.

Die geringen Sympathieen, die der Mensch schon ohnehin für diese wildeste und gefährlichste aller Katzen empfindet, werden durch diese Erkenntnis natürlich nur nochgeschwächtwerden. EinGeschöpf, das einen großenMut an den Tag legt, pflegt man, mag es sonst auch grausam und schlecht sein, doch immer als mit einer gewissen Würde umkleidet zu sehen, und so wurde der Tiger, wenn auch mit Scheu und Entsetzen, doch mit einer Art Ach­tung betrachtet. Aber er verdient eben auch diese nicht, ja, besitzt, wie oben erwähnt, überhaupt keine einzige Eigenschaft, die nach unseren Begrtfsen als eine gute be- zeichnet werden kann. Ju der grausamsten Weise spicll er oft mit seinem Opfer, wenn er sicher zu sein glaubt, daß ihm dieses nicht entgehen kann, was natürlich Sie Qual desselben in entsetzlicher Weise verlängert. Doch hat diese schreckliche Gepflogenheit des Tigers schon manch­mal das Gute gehabt, daß es gelungen ist, ihn in seiner