21. Jahrgang.
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Hü, 245« Verlags-Fernfprecher R». 2953.
Donnerstag» de« Ä8.
RedaktionS-Fernfprecher No. 52.
1903.
Morgen »Ausgabe.
Moderne Uersteigerungen.
Unser Erwerbsleben treibt bekanntlich die merkwürdigsten Blüten. Biele von ihnen enlhallen soziales Gift und es ist ein Glück, daß die meisten Menschen achtes an ihnen vorübergehen. Wer heute durch die Straßen einer Großstadt schlendert, der wird ziemlich häufig in irgend einem Ladenfenster oder auch an der Hauswand möglichst auffällige Plakate mit dem lockenden Wort: „Auktion!" finden; lockend heute nur für Unerfahrene. In früheren Zeiten bedeutete die Auktion gewöhnlich den Schlußpunkt irgend eines Daseins; Todesfälle, wirtschaftlicher Zusammenbruch waren meistens die Veranlassung. Derartige Auktionen treten heute, wenigstens in der Großstadt, völlig zurück hinter jenen, die gewissermaßen gewerbliche Betriebe darstellen. Handelt es sich bei den ersteren meistens um gebrauchte Gegenstände, an die sich oft tausend liebe Famrlienerinnerungen knüpfen, so kommen in diesen Betrieben fast ausschließlich nur neue Sachen zur Versteigerung. Diese Betriebe sind meistens nämlich nichts weiter als kaufmännische Geschäfte, die ihren Absatz unter der Maske der Auktion suchen.
Der Großstädter weiß natürlich meistens, wqrum es sich handelt, er kennt die zur Anlockung und zur Aufrechterhaltung des Scheins oft angewandten Kniffe genau. Die Kunden dieser Art Geschäfte sind daher fast immer solche Leute, die sich noch die naiven geschäftliche,: Vorstellungen der Kleinstadt und des Dorfes bewahrt haben — und unerfahrene Frauen. Alle diese_ unschuldigen Seelen werden zunächst durch die Anzeigen in den Zeitungen angelockt. Da heißt es, daß diese und jene Waren, die von der Auflösung eines Geschäftes herrühren oder zur Verfügung gestellt sind, zu jedem annehmbaren Preise versteigert werden sollen. Unterschrieben ist die Anzeige vom Auktionator Müller oder Schulze. Unschuldige Seelen können sich einen solchen Mann nur als behördliche Person vorstellen, denn sie erinnern sich daß 'der Auktionator des Heimatörtchens stets der Gerichtsvollzieher war. Also denken sie einen billigen Kauf zu machen und sie treten ein. Da finden sie nun alles, was sich das Herz wiinschen kann: Seife, Fahrräder, Sekt, Stiefel, Sofas, Gummiwäsche — das reine Warenhaus! Auch Meter sind bereits da; wenigstens stehen einige Personen in dem überfüllten Raume herum, die ihre Gebote abgeben. Der Auktionator ist vielleicht ein freundlicher Herr. Er erkundigt sich teilnehmend, worauf es der neue Käufer etwa abgesehen habe, er werde den. Gegenstand alsbald zur Versteigerung bringen. Merkwürdig, sobald die Sache ausgeboten wird, fangen auch die anderen
Feuilleton.
Alle und neue Wellenordnung.
Mit dem Begriff „Welt" wird viel Mißbrauch getrieben, aber das ist erklärlich und daher entschuldbar. Die Welt des einzelnen Menschen umfaßt nur einen Teil der Erde und deshalb ist es schon etwas Großes für ihn, die ganze Erde mit diesem Namen zu belegen. Was die Welt in noch weiterem, astronomischen Sinne bedeutet, ist bekannt, wenn auch nicht definiert, denn wenn Welt dabei soviel heißen soll wie Weltall, so müssen wir zugestehen, nicht zu wissen, wo die Grenzen dieses Begriffs liegen, und er verliert sich somit in die Unendlichkeit. Trotzdem hat das Streben nach Erkenntnis sich auch auf die Frage nach der Entstehung der Welt gerichtet. Von Zeit zu Zeit sehen wir gewaltige Entwickelungen, Geburt und Tod, an Himmelskörpern sich abspielen. Wir bemerken es in dem Anfflammen neuer Sterne, in den Ausbrüchen der Sonne, in dem Zerspringen der Meteore innerhalb der irdischen Atmosphäre, aber das sind teils winzige Scencn im großen Drama des Weltenraums, teils sind sie zu entfernt, als daß wir aus ihnen den Verlauf des Weltenschicksals erkennen könnten. Der Erste, der eine wirkliche Weltbildungshypothese aufstellte, begann daher weise mit einem engeren Glied des ungeheuren Systems, mit der Sonne und den zu ihr ge- hörigen Planeten. Jeder Deutsche empfindet einen Anflug von Stolz in dem Bewußtsein, daß es „unser" Kant gewesen ist, der wahrscheinlich als erster Mensch den un- geheuren Mut besaß, eine so meitgreifende Theorie auszusprechen. Trotzdem geht die berühmte Hypothese von der Entstehung der Welt unter den Namen von Kant und Laplacc zugleich. Der eigentliche Schöpfer war jedenfalls Immanuel Kant, der ihren wesentlichen Inhalt in seiner anfänglich wenig beachteten, 1755 er- schienenen „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" veröffentlichte. Es ist zum mindesten auffällig, wenn nicht ein wenig verbächttg, daß Pierre Simon Laplace, unstreitig einer der bedeutendsten Mathematiker seiner Zeit, im Jahre 1799 in seiner großartigen „Mdcamqne Cdleste" die gleiche Hypothese,
Bieter an zu steigern. Vorher wollten sie anscheinend Cigarren oder eine Herrenuhr kaufen, jetzt besitzen sie plötzlich ungeheuere Neigung zur Erstehung einer Nähmaschine, die sie als die beste der Welt loben und sich und der unschuldigen Seele hartnäckig streitig machen. Ae letztere hat das Ang endlich zugeschlagen bekommen, und ist sie sehr unschuldig, so hat sie auch nicht gemerkt, daß sie die meistens schlechte Maschine 50 Prozent über ihren Wert bezahlte und die eifrigen Mitbieter lediglich bezahlte Gehilfen des Auktionator-Geschäftsmanns sind.
Es leuchtet ein, daß auf diesem Gebiet viel Unfug getrieben wird, der den ehrlichen Kaufmann und Handwerker schädigt. Me sächsische Regierung hat jüngst über die Mißstände im Versteigerungswesen Ermittelungen anstellen lassen und da sind denn höchst merkwürdige Auge zu Tage gekommen. Es hat sich herausgestellt, daß diese gewerbsmäßigen Aukftonatoren vielfach eigene Waren, die oft durch Nachschübe ergänzt werden, ver- steigern und in manchen dieser Auktionen auch Waren von geringstem Werte losgeschlagen werden, die eigens für derartige Versteigerungen angefertigt sind. Auch geradezu betrügerische Maßnahmen spielen bei ihnen oft mit. So werden Versteige- rungen herbeigesührt durch Lieferungen an einen Strohmann, der verabredetermaßen die Abnahme verweigert, oder durch Zahlungsbefehl an einen vorgeschobenen Schuldner. Ein ziemlich gewöhnlicher Trick ist die schon erwähnte Aufstellung von Scheinbietern, um möglichst hohe Preise zu erzielen.
In einzelnen deutschen Bundesstaaten gibt es über das Auktionswesen ausführliche Vorschriften, die einige der hier berührten Mißbräuche verhindern. So werden namentlich in Preußen und Bayern die Auküonen genauer überwacht, um schwindelhafte Vorspiegelung von Konkursen und Zwangsversteigerungen unmöglich zu machen. Bei den Ermittelungen der sächsischen Regierung hat man zur Beseiügung der bestehenden Ausartungen natürlich auch zahlreiche Wünsche geäußert. Es wird namentlich begehrt, daß den Auktionatoren alle Anpreisungen der Waren, das Nachschieben und die Vorspiegelung von Konkursen und Zwangsversteigerungen verboten wird. Auch wünscht man eine hohe Umsatzsteuer für alle Versteigerungen, an Stelle deren die Dresdener Handelskammer jedoch eine Gebührenordnung vorschlägt.
Es ist sicher, daß gewisse gesetzliche Beschränkungen des Versteigerungsgewerbes Unerfahrene vor einem Reinfall schützen können. Überschätzen darf man die Wirkung derarüger Bestimmungen jedoch auch auf diesem Gebiet nicht. Der beste Schutz ist überall in der Welt d i e Au gen offen haben und die wirtschaftliche Erziehung des Publikums, besonders der Frauenwelt! e.
allerdings in ausführlicher mathematischer Begründung, entwickelte, ohne des Vorgangs von Kant Erwähnung zu tun. Auch wenn man annehmen will, daß Kant damals in Frankreich noch wenig bekannt und gelesen wurde, so war doch seine Weltbildungshypothese schon 1763 in eine französische Übersetzung von „Lamberts Kosmologischen Briefen", dann 1770 in Merians sehr bekanntes „Systeme du Monde" und 1878 sogar in das noch berühmte Werk von Buffon „Thdorie de la Terre" übergegangen. Danach kann man eigentlich nicht vermuten, daß die Großtat des deutschen Philosophen dem französischen Mathematiker bis zum Jahr 1799 unbekannt geblieben sein sollte. Wie dem auch sei, die Auseinandersetzung der Hypothese durch Laplace bereicherte sie in vieler Hinsicht, und somit ist die Neben- etnanderstellung beider Namen von diesem Standpunkt aus gerechtfertigt, obgleich man an Kant den weiteren Blick bewundern mutz, der die Schöpfung „im ganzen Umfang ihrer Unendlichkeit" zu erfassen suchte, während sich Laplace nur an das Sonnensystem hielt.
WaS nun den Inhalt dieser Theorie der Weltentstehung angeyt, so kann er wohl als Gemeingut aller Gebildeten betrachtet und daher als bekannt vorausgesetzt werden. Der leitende Grundgedanke ist dabei die Annahme einer Rittgbildung bei rotterenüen Gaskörpern, aus der sich dann durch die Abschleuderung der Ringmasse ein neuer abhängiger Himmelskörper, der Trabant, Planet, oder wie man ihn nennen will, entwickelt haben soll. Der Planet Saturn mit seinem freischwebenden Ring galt alS Urbild eines solchen Vorgangs und hat zweifellos die eigentliche Anregung zu der Hypothese gegeben, auf die ohne Kenntnis vom Saturn und seiner eigentümlichen Zusammensetzung vermutlich weder Kant noch Laplace verfallen wäre. Die Entdeckungen der Planeten Uranus und Neptun, sowie die Erforschung der Asteroidenzone, in der man jetzt schon fast 500 kleine Planeten kennt, wurden als Bestätigung für die Weltbildungshypothese ins Feld geführt, und als einen gewichtigen experimentellen Beweis betrachtete man den zuerst von Plateau in Gent und später von Faraday ausgcführten Versuch mit einer in Rotation versetzten Kugel von Olivenöl in einer Alkohvllösung von gleicher Dichte. Wie stellt sich nun aber die große Menge späterer
Deutsches Deich.
Preußen und Bayern.
L. ® e r 11« , 26. Mai.
Gelegentlich der Reise des bayerischen Minister- Präsidenten v. Podewfls nach Berlin bemühen sich die bayerischen Offiziösen um den Nachweis, daß das Verhältnis der beiderseitigen Regierungen stets vorzüglich gewesen sei, daß zwischen Berlin und München stets alles glatt und freundschaftlich verlaufen sei, daß Graf Bülott es sich ebenso wie seine Vorgänger habe ernstlich ange» legen sein lassen, diese guten Beziehungen zu pflegen und zu fördern. Jedes Wort dieser Darstellung ist zu unterschreiben. Auch den gehässigsten Eiferern im Läget des blauweißen Parükularismus sollte es schwerfallen, irgend einen Akt der Unterlassung oder der Begehung anzuführen, aus dem geschlossen werden könnte, daß in Berlin unfreundliche Stimmungen gegen dm zweitgrößten Bundesstaat herrschen, oder daß hier die Absicht bestehe, die verfassungsmäßigen Rechte Bayerns zu schmälern. Ebenso muß man die Anerkennung aussprechen, daß Bayern sich gleichfalls stets seiner Bundespflichten bewußt gewesen ist und darauf Bedacht genommen hat, sie durch die Wahrung vortrefflicher Beziehungen von Negierung zu Regierung zu erfüllen. Trotzdem besteht die vor aller Augen zu Tage liegend« Tatsache, daß gewisse Spannungen von Zeit zu Zeit zu Irritationen geführt haben, und vor allem besteht di« Tatsache, daß das Zentrum in Bayern beflissen ist und bleibt, das Mßtrauen gegen den führenden Bundesstaat wach zu erhalten. Es besteht ferner die Tatsache, daß es den Tendenzen, die von dieser Partei begünstigt werden, gelungen ist, das Ministerium Krailsheim zu stürzen und durch ein System zu ersetzen, mit dem das Zentrum glaubt, die Macht Bayerns innerhalb des Reichsgefüges wesentlich erhöhen, vor allem aber im Zentrumssinne ausnutzen zu können. An diesen Umständen wird dadurch nichts Wesentliches geändert, daß man sich in Berlin um sorgfältige Pflege des bundesfreundlichen Verhältnisses bemüht, und daß man in München klugerweise darauf bedacht ist, jede Schroffheft zu vermeiden. Andererseits freilich sollte es den geschickten wie vollends den ungeschickten Elementen des Partikularismus in Bayern schwer fallen, dem Reich« zu versagen, was des Reiches ist. In dem Augenblicks wo der Versuch dazu unternommen würde, müßte sich gleichzeittg seine ganze Hoffnungslosigkeit kundtun, Vielleicht ist es die Erkenntnis dieses Sachverhalts, di« die Zeloten des bayerischen Klerikalismus zu so unsinnigen Erfindungen treibt wie jene, daß man in Berlin verlangt habe, zwei bayerische Korpskommandos sollten mit preußischen Generälen besetzt werden, und daß daraufhin von bayerischen Militärs geäußert worden sei, man
Entdeckungen und Erfahrungen auf dem weiten Gebiet der Astronomie zu der alten Theorie? Haben unsere modernen Fernrohre, hat das Mikroskop, hat die Photo, graphie nicht Tatsachen enthüllt, die uns an der Wahr, scheinlichkeit der Annahme von Kant und Laplace zweifeln lassen? . . . Diese Frage hat Arthur Stentzel in einer eingehenden Untersuchung zu beantworten versucht. Er weist zunächst darauf hin, daß man zur Zeit von Kant und Laplace von dem Saturnriug nichts weiter wußte, als daß ein solches Gebilde vorhanden wäre; man kannte aber noch nicht die Tatsache, daß sie nicht eine geschlossene Masse um den Planeten bildet, sondern aus einer größeren Zahl voneinander getrennter Ringe besteht. Kant dachte ihn sich als eine zusammenhängende Masse, die um den Saturn selbst sich herumdreht, Laplace alS die Summe einer sehr großen Zahl unendlich dünner Ringe. In neuester Zeit haben die Untersuchungen von Dtaxwell, Tisserand, Secliger, Bond u. a. gezeigt, daß der aus fünf Einzelringen zusammengesetzte große Ring um den Saturn oder, wie man die Gesamtheit besser nennt, das Perisaturium, eine Anhäufung unendlich vieler einzelner, sehr nahe aneinander liegender und sich um die Saturnkugel bewegender fester Körperchen darstellt, die nur wegen der großen Entfernung von dev Erde den Eindruck einer zusammenhängenden Masse Hervorbringen. Diese Ringkörperchen des Saturn können aber ebensowenig vom Äquator des Planeten avgeschleu- dert sein, wie die neun Monde des Saturn, da sie im Vergleich zu letzterem eine viel zu große Eigengeschwin, digkeit besitzen. Das Ringsystem vollendet nämlich eine Umdrehung in 10,4 Stunden, der Saturnkörper in 10,25 Stunden; dieser aber müßte sich viel schneller drehen, wenn er nach Abtrennung der Ringe von seinem Äquator und infolge der dadurch bedingten Verkleinerung seiner Masse eine entsprechude Zunal)me ' der Umdrehungsgeschwindigkeit erfahren hätte, wie es nach physikalischen Gesetzen hätte sein müssen. Einen ähnlichen Fall von überzeugender Kraft gegen die Weltbtlbungshypothese liefert der Mars mit seinen beiden Monden, indem dev Planet selbst sich in 24,6 Stunden um seine Achse dreht, während der innere Mond (Hiobos) einen Umlauf schon in 7,65, der äußere Mond (Deimos) einen solchen in 32.9 Stunden vollendet. Auch hier müßte der Planet
