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Anlage zum Meskaüener Tagklatt.

Ko. 213. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 28. Mai.

31. Jahrgang. 1809.

* Wenn die Waffe eines Volkes in einem Staate verdorben 2 ist. sind ohne Despotismus die Gesetze beinahe unnütz.

P Napoleon. |4>

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(33. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Noman von Alexander Römer.

Sie gingen rasch vorüber, und setzten ihr durch den Lärm unterbrochenes Gespräch fort.

„Ach! Du meine Güte!" rief Minna plötzlich hinter ihnen.

Sie wandten sich beide um.

In der Tür des Lokals rangen zwei Gestalten mit­einander. ein Mädchen und ein Mann. Ein kurzer Auf­schrei, wie von Todesangst erpreßt, erfolgte, dann flog ein weibliches Wesen, in einen dunklen Mantel gehüllt, pfeilschnell an ihnen vorbei, über den Platz, der Richtung zu, wo der See lag.

Der Mann, von dem sie sich gewaltsam losaerissen, verfolgte sie ein paar Schritte. Als er aber die drei weiteren nächtlichen Wanderer gewahrte, besann er sich eines Besseren, imd trat m die Kneipe zurück.

Ellen war tödlich erschrocken. „Was ist dem Mädchen?" rief sie, „um Gottes willen, dort ist der See-"

Welcord teilte ihren Gedankengang, er folgte mit seinen großen Schritten der Mehenden, sie hatte indes einen großen Vorsprung.

Ellen und das Mädchen standen atemlos, in bebender Spannung. Kurz vor der Allee, die am Seeufer entlang lief, stürzte das Mädchen plötzlich zur Erde.

Welcord war in einer Sekunde neben ihr.

In Ellens erstarrte Glieder kehrte die Wärme zurück, sie lief so schnell sie konnte dem Platze zu, wo Welcord eine leblose Gestalt im Arme hielt und zu einer der in der Allee stehenden Bänke trug.

Des Mädchens Kopf war hintenüber gesunken, unter dem dunklen Mantel trug sie ein Helles Kleid, auf dem sich Blutflecken zeigten. Das weiße Tuch Welcords, das er an ihren Mund preßte war blutgetränkt.

„Sie hat sich einen Blutsturz zugezogen durch den rasenden Lauf, und vielleicht vorher gegangene große Aufregungen", sagte er, „es ist ein ganz junges Geschöpf."

Ellen war jetzt neben ihm und blickte m das bleiche Gesicht. Sie stieß unwillkürlich einen Schrei aus.

„Susi!"

„Kennen Sie die Unglückliche?" fragte Welcord be­fremdet.

Ellen war fassungslos. Sie sah ihren Begleiter ver­stört an und nickte.

„Ja, ich kenne sie — das arme, arme Ding!"

Er schwieg, seine Augen hingen verständnislos an ihren von tiefer Erschütterung zeugenden Zügen.

„Was fangen wir mit ihr an?" stammelte sie mit einem ratlosen Ausdruck, sie muß um jeden Preis ge­rettet werden vor denen da", — sie wies zurück in die Gegend, woher die Flüchtige gekommen war, „sie bedarf

der Pflege, und — ich kann sie nicht zu meiner Mutter bringen, nicht in unser Haus ausnehmen."

„Es wird hier ern Krankenhaus geben, ich werde sie dahin bringen", entgegnete Welcord.

Ellen legte ihre Hand auf seinen Arm; er hielt noch immer den Kopf der Bewußtlosen, deren Körper er auf die Bank gebettet hatte.

„Ich kann Ihnen hier und zu dieser Stunde nicht den Zusammenhang erklären", sagte sie mit erstickter Stimme. „Ich fürchte, dieses arme Mädchen hat schwer gelitten, und ist vor großer Gefahr geflohen. Sie ist —- sie war ■— ich kannte sie vor Jahren —- ich wußte, daß sie hier war in Begleitung einer Freundin, einer jungen Schauspielerin-"

Welcord nickte. In der halben Dämmerung —■ der Morgen graute schon — sah sie in sein gutes Gesicht.

„Lassen Sie, ich verstehe schon — wollen Sie die Kranke ein paar Minuten halten? Es wird das Beste sein, wenn ich zurücklaufe, in der Annenstraße finde ich noch Wagen, ich nehme einen derselben, kann sehr rasch wieder hier sein. Dann bringe ich sie in das Kranken­haus, und morgen können wir überlegen, was für sie zu tun ist."

Ellen stimmte zu. Welch' ein Glück, daß er da war, der stets Hilfe leistete und einen Ausweg wußte.

„Fräulein Ellen", rief er noch im Davoneilen zurück, „bitte schließen Sie Ihren Mantel fester, es weht kühl um diese Stunde der Morgendämmerung, und ich sehe es, Sie zittern an allen Gliedern."

Er war mit einem Sprunge noch einmal bei ihr, legte selbst den Mantel fester um ihre Schultern imd wand den Schleier um ihren Hals. Es lag etwas zärtlich Für­sorgliches in jeder seiner geschickten Bewegungen. Sie dankte ihm leise, trieb ihn aber zur Eile an.

Als Welcord dem Gesichtskreis Ellens entschwunden war, beugte sie sich tief über das wtblasse Gesicht, das sie in ihren Armen hielt, und trocknete mit ihrem feinen Battisttuch vorsichtig die Blutspuren von den Lippen und dem Kinn.

„Kleine Susi!" flüsterte sie weich und ihre Sttmme brach in Tränen.

Sie versuchte sie ins Bewußtsein zu bringen, sie schickte daS Mädchen an den See, damit sie ihr Taschentuch ins Wasser tauche, und netzte damit die Schläfen und die Sttrn der Ohnmächtigen. Aber es erfolgte kein Lebens- zeichen — eine Todesangst erfaßte sie, die Minuten dehn­ten sich ihr zu Ewigkeiten, bis er wieder kam, er — der in der Sinnverwirrung dieser Stunde, ihr als allezeit zu ihr gehörig erschien.

Endlich rollte da ein Wagen heran — er war es.

„Lassen Sie mich das Mädchen hineinheben. Sie müssen nun allein mtt Minna nach Hause gehen", sagte er und sah spähend umher, „ich kann Sie ja nun leider nicht weiter begleiten."

„Nein! nein!" rief Ellen lebhaft, „bitte lassen Sie uns beide, die Minna und mich, bis zum Krankenhause mitfahren.

„Während Sie da schellen, verhandeln und vorerst um Aufnahme für die Kranke bitten, bleiben wir mit derselben im Wagen. Sie könnten das garnicht allein ausrichten."

Er besann sich einen Moment und schien ihre Gründ^

richtig zu finden. „Wenn Sie nicht zu sehr ermüdet sind"^ meinte ex.

„Nein, garnicht — ich werde ruhiger sein, wenn ich die Ärmste geborgen weiß." ,

Er hob Ellen zuerst in den Wagen, dann mit Hufs des Kutschers vorsichtig Susis leblose. Gestalt, die auf ihren Schoß gebettet wurde, er und Minna nahmen den! Rücksitz ein. Sie sprachen kein Wort während de« Fahrt. t ;

Ellen schloß ihre Augen. Trotz der aufregenden ©e# danken in ihrem Hirn, was Susi erfahren haben, und wi« ihr Leben gewesen sein mochte, elend sicher ---und da« durch ibres Bruders Schuld — wirkte doch Welcords! Nähe wie ein beruhigender Zauber auf sie.

Es währte eine gute W<nle, ehe er^im Krankenhauses das am entgegengesetzten Ende der Stadt lag, Einlaß fand und die Vorverhandlungen erledigt wurden. Dann erschien er mit einem Hospitaldiener und sie trugen diel noch immer Bewußtlose ins Haus. _

Ellen trat ebenfalls ein und redete mit der die Nacht« wache haltenden Schwester drinnen. Sie standen m dentz Zimmer, iw dem man Susi auf ein Bett gelegt hatte, drsl erfahrene Schwester konstatierte einen schwachen Herz­schlag bei der Kranken, und meinte nach dem Bericht des Vorgefallenen, bei einem so plötzlichen Bluterguß sei dm lange Ohnmacht erklärlich . Ellen erschauerte, als sie rm hellen Licht jetzt gewahrte, wie arg von Blut getränt! Susis Kleid und Mantel war. Auch auf ihrem eigenen zarten Seidenkleide zeigten sich dunkle Flecken, und mg Pflegeschwester, welche Welcord für den Gatten der im Festschmuck erscheinenden jungen Dame hielt, sagte be- dauernd: „Die gnädige Frau haben sich bei dem Barni» herzigkeitswerk das schöne Kleid verdorben." -

Ellen errötete diinkel, und über ihres Begleiters Ge- sicht flog ein, vielleicht irur ihr bemerkbares Lächeln.

Sie fühlten sich beide in dieser Stunde nicht berufen* den Irrtum aufzuklären. Ellen nahm noch einmal die Versicherung der Schwester entgegen, das alles, was m menschlichen Kräften stehe, für die Kranke getan werden solle, und ging dann zum Wagen zurück.

Sie vollendeten schweigend die Fahrt nach Hause. Als sie vor ihrer Haustür stand, und Minna mit dem ge- wichtigen Schlüssel öffnete, drückte er ihre Hand.

„Ich werde morgen nach der Kranken sehen und Ihnen Bescheid geben", sagte er. „Schlafen Sie wohl und träumen Sie nur Freundliches." ^ . ,

Sie stammeltes nur ein verwirrtes: „Ich danke

Ihnen." , .

Sie schlich sich leise in ihre Kammer, die neben dem Schlafzimmer der Mutter lag. Sie fühlte sich so auf- aeregt, wie noch nie in ihrem Leben. Sie warf rasch das Festkleid ab, das freilich für alle Zeiten verdorben war, aber sie achtete kaum des Schadens, der ihr sonst bei ihrer peinlichen Ordnungsliebe großen Kummer gemacht haben würde, sie löste die Rosen aus ihrem Haar und hüllte sich in ihr Nachtgewand. _ r . , . ,, 0 „ . _

Ihre Pulse flogen, es wollte sich nichts klar in ihrem Kopfe ordnen — das Fest — der Tanz, Welcord — Susi — es tummelte sich wie ein Chaos.

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Der Boryand.