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51. Jahrgang.
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|jt0« 246. Berlags^ernsprecher No. LgSS.
Donnerslaa. de« 28. Mar.
Abend-Ausgabe.
pt IiidMric der Groß- untr Wulwle.
Eine wenig beachtete, obschon sehr beachtenswerte Tatsache in der gegenwärtigen industriellen Entwickelung Deutschlands ist, daß die Vermehrung der industriellen Bevölkerung sich nicht auf die größeren Städte beschränkt, sondern daß auch die kleinen Städte und das Platte Land einen wesentlichen Anteil daran haben. Mehr als ein Viertel aller Bewohner des Platten Landes gehört bereits der Industrie an und in den Landstädten von 2—5000 Einwohnern sogar die Hälfte der Bewohner. Die eigentlichen Industriestädte sind nicht die Groß- und Mittelstädte, sondern gerade die Kleinstädte von 6000 bis 20 000 Einwohnern; in diesen gehören von 1000 Einwohnern 672 zur Industrie, in den Großstädten dagegen nur 508 und in den Mittelstädten 541. Für die Großstädte ist namentlich der hohe Prozentsatz der vom Handel- und Verkehrswesen lebenden Personen charakteristisch, der erheblich mehr als ein volles Viertel der Bevölkerung beträgt; vor den anderen Größenklassen ausgezeichnet sind sie ferner durch die verhältnismäßig große Zahl der Dienstboten, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung zwar auch hier, wie im ganzen Reiche, stark zurückgegangen, aber immer noch wesentlich größer als in den anderen Orten ist. Die Mittelstädte dagegen (20—100 000 Einwohner) kennzeichnen sich als Militär-, Beamten- und Rentierstädte; dort stehen nöi.-f'S) von 1000 erwerbsfähigen Personen 146 in öffentlichen Diensten, während 119 berufslose Selbständige, wie Rentner und Pensionäre, sind. In den Landstädten wird die Rolle der landwirtschaftlichen Bevölkerung immer geringer; nicht mehr der vierte Teil aller Einwohner gehört der Landwirtschaft an.
Die industrielle Entwickelung des platten Landes und der Landstädte wird namentlich begünstigt durch die niedrigen Kosten des Grunderwerbs, die billigeren Arbeitslöhne, zum Teil auch durch örtliche Bodenbe- fchaffenheit. Die Tatsache, daß die wachsende industrielle Bevölkerung nicht ausschließlich oder in erster Linie auf die großen Städte angewiesen ist, ist in verschiedenen Beziehungen erfreulich, namentlich mit Rücksicht auf das körperliche Wohl der handarbeitenden Klassen. Den Arbeitern kann in den Land- und Kleinstädten für billiges Geld eine bessere Wohnung hergestellt werden, als sie sie in den Großstädten haben; sie verlieren nicht einen Teil ihrer freien Zeit durch die in den Großstädten oft sehr weite Entfernung zwischen der Wohnung und der Arbeitsstätte: sie können in engerem Zusammenhang mit der freien Natur leben, mehr frische Luft genießen, oft auch durch ihre Familie eine kleine Landwirtschaft
betreiben lassen und dadurch möglichst billig zu Nahrungsmitteln kommen. Daneben wird die benachbarte Landwirtschaft gefördert, wenn sich ihr in den anwachsenden Industriestädten ein naher Absatzmarkt bietet und erweitert.
Endlich ist es nicht ohne Bedeutung für die Wehrkraft des Landes, daß die der Gesundheit wenig förderliche Zusammendrängung der Bevölkerung in den großen Städten keinen gar zu großen Umfang annimmt. Freilich darf hier eines nicht übersehen werden, wenn die Vermehrung der Industrie in den kleinen Städten für die Volksgesundheit tatsächlich einen Vorteil bringen soll. In den letzten Jahren von verschiedenen Seiten ange- stellte eingehende Untersuchungen haben nämlich gezeigt, daß augenblicklich gerade die Kleinstädte in Bezug auf die Lebensfähigkeit ihrer Bewohner ungünstig dastehen, während die Großstädte zwar hinter dem platten Lande zurückstehen, gegenüber den Kleinstädten aber einen günssigeren Stand aufweisen. Das mag zum Teil darauf zurückzuführen sein, daß gerade in den industriereichen Klein- und Landstädten solche industriellen und bergmännischen Betriebe verhältnismäßig häufig sind, mit denen ihrer Natur nach eine Gefährdung der Gesundheit verbunden ist. Andererseits aber ist zu beachten, daß die Großstädte sich ihren günssigeren Gesundheitszustand erst in neuester Zeit mühsam erkämpft haben; an einer großen Zahl von Beispielen kann augenfällig nachgewiesen werden, wie Krankheiten und Sterblichkeit in großen Städten sprungweise mit der Einführung von Wasserleitung, Kanalisation, der Niederlegung einengender Wälle und dergleichen mehr gesunken sind. Diesem Beispiel müssen also auch die kleineren Städte, soweit es irgend in ihren Kräften steht, um so mehr nacheifern, je mehr ihre Bewohner in die Industrie übergehen und dadurch, wenigstens in vielen Fällen, eines größeren Gesundheitsschutzes bedürftig werden, dkur unter der Voraussetzung, daß die kleineren Städte nichts unterlassen. was sie zur Hebung der Gesundheitsverhältnisse zu tun vermögen, können die Vorteile der jetzigen Entwickelung mit ihrer an sich erfreulichen Tendenz zur Dezentralisation der Industrie voll zur Geltung kommen und zur allgemeinen Hebung der Lebens- und Wehrfähigkeit des Volkes beitragen. Arthur D i x.
Deutsches Deich.
Freiherr v. Podewils in Berlin.
L. Berlin, 27 . Mai.
Daran hat gewiß niemand gezweifelt, daß Freiherr v. Podewils hier einen ebenso guten Eindruck hinterlassen wie empfangen hat. Der bayerische Ministerpräsident ist ja doch als Freund gekommen (wie könnte es auch anders sein!) und als solcher ausgenommen worden. Das ent
spricht dem bundesstaatlichen Verhältnis. Wenn sich jetzt die Offiziösen in der Wilhelmstratze beeilen, dem Frer- herrn v. Podewils vorzügliche Zensuren auszustellen, wenn von ihm gesagt wird, daß er sich als ebenso kluger wie sympathischer wie namentlich reichstreuer Staatsmann erweise, wenn endlich bemerkt wird, daß er die Ausstreuungen in Bezug auf vermeintliche Differenzen zwischen Berlin und München nochmals entschieden für Erfindungen erklärt habe, so war weniger als dies alles allerdings nicht zu erwarten. Dies alles mußte gesagt werden, denn die Reise nach Berlin war eine sorgfältig vorbereitete Veranstaltung, von der keiner der 'beiden Teile, nicht der Besucher und nicht die Berliner Persönlichkeiten, Überraschungen oder neue Aufklärungen vor- muten konnten. Aus dem wirklich selbstverständlichen offiziösen Gerede über die Ergebnisse des Besuchs Ilingt jedoch ein Ton hervor, der mehr bedeutet als das sonssige Drum und Dran _ gewohnheitsmäßiger Liebenswürdig, ketten. Es wird nämlich so nebenbei bemerkt, daß Freiherr v. Podewils zwar der Reichstreue beflissen sei, die Selbständigkeit Bayerns jedoch zu wahren nicht minder bestrebt erscheinen. Wenn das keine der gedankenlosen Redensarten ist, die einer offiziösen Feder so leicht ent- fließen, so bedeutet es, daß die hier gepflogenen Unter- Haltungen zwischen dem Reichskanzler und dein bayerischen Premierminister in die Tiefe gegangen sind und eine Abweichung des bayerischen Ministerpräsidenten von der Krailsheimschen Linie ergeben haben, eine Abweichung, die ja nichts Überraschendes haben würde, da die Welt ohnehin weiß, weshalb Graf Krailsheini zurücktreten mußte, und weshalb sein Nachfolger die lebhafte Zustimmung des Zentrums für sich hat. Mit anderen Worten: Es ist trotz der üblichen Schönfärbereien doch nicht mehr so, wie es war, man macht an gewissen Stellen gute Miene zum nicht immer guten Spiel, und man lüfet' zugleich durchblicken, daß man es tut, weil es nicht anders geht. Immerhin, diese Dinge müssen genommen werden, wie sie sind, und schließlich bleibt es dabei, daß das Schwergewicht der Verhältnisse stark genug sein wird, um über etwaige Stockungen und Hindernisse in den entscheidenden Augenblicken stets hinwegzuhelfen. Man braucht den Systemwechsel in Bayern nicht zu über- schätzen, man soll ihn aber auch nicht unterschätzen, wozu die jetzt in Berlin ausgetauschten Freundlichkeiten sonst vielleicht verführen können.
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* Berlin, 27. Mai. Die „National-Zeitung" schreibt: Der bayerische Ministerpräsident, Freiherr v. Podewils, nahm in der längeren Unterredung, die er gestern mit dem Reichskanzler Grafen Bülow hatte, wie wir erfahren, Veranlassung, mit aller Entschiedenheit die Ausstreuung bayerischer und anderer Blätter zurückzuweisen, wonach zwischen der bayerischen Regierung und der Reichsregierung eine Spannung bestehen soll. Der Ein-
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(14. Fortsetzung.)
Der Professor geleitete seine Freundin an ihren Wagen. Ihre Einladung, mit ihr nach Hause zu fahren und bei ihr zu frühstücken, lehnte er unter irgend einem Vorwände ab; in den nächsten Tagen wollte er zu ihr kommen.
Als der Wagen abgefahren war, lenkte er seine Schritte einer Weinstube zu, in der er um diese Stunde öfters Bekannte zu treffen pflegte. Lauffen, dessen Redaktions- büreau in der Nähe war, frühstückte hier meistens; heute verließ er gerade das Lokal, als Gottburgsen eintrat. Er hatte es sehr eilig, und so kam es nur zu einer kurzen Begrüßung zwischen Tür und Angel.
„Nietsche ist noch drinnen, wird sich freuen, daß Sie kommen", sagte Lauffen im Fortgehm. „Bis nachher! Die Pflicht ruft."
Der Baron, auf dessen Anwesenheit Gottburgsen hauptsächlich gerechnet hatte, war gerade im Begriff aufzubrechen, als Gottburgsen sich ihm zugesellte und ihn noch zu einem kurzen Verweilen veranlaßte.
Nachdem sie sich eine Zeit lang über eine Berliner Tagesneuigkeit, die der Baron auskramte, unterhalten hatten, brachte der Professor das Gespräch unauffällig auf Dirken. Ob Nietsche den Herrn schon lange kenne?
Nietschmannshausen kannte jede Familie im Westen. Er kannte alle Familienverhältnisse, er verkehrte mit taut Berlin, er war über die intimsten Vorgänge der einzelnen Familien und Häuser orientiert, aber über Dirken, den er selbst erst seit kurzem kannte, konnte er keine sehr erschöpfende Auskunft geben. Der Amerikaner war Witwer und lebte mit seiner einzigen unverheirateten Tochter zusammen: allem Anschein nach war er sehr der- mögend, obgleich kein großer Aufwand gemacht wurde. Seitdem Dirken in Erfahrung gebracht hatte, daß er, der Baron, mit Gottburgsen verkehre, habe er ihm kaum Ruhe gelassen, ihn mit diesem bekannt zu machen, was denn am verflossenen Abend auch geschehen sei.
Gottburgsen legte dieser Mitteilung anscheinend keine Wichtigkeit bei, aber im stillen regte sich sein Argwohn wieder, und während er unbefangen über andere Dinge sprach, gelobte er sich, den Amerikaner unter keinen Umständen näher an sich heran kommen zu lassen. Seine voreilige Einladung hatte er schon bereut, als er sie ausgesprochen; zurücknehmen konnte er sie nicht, aber auf keinen Fall sollte dem bevorstehenden Atelierbesuch der Fremden ein zweiter folgen. Verdächtig war diese Aufdringlichkeit mindestens.
Seine Stimmung war wieder verdorben. Zu Hause begab er sich an seine Arbeit, aber auch damit wollte es heute wirklich nicht vorwärtsgehen. Es war das erste Mal, daß die Arbeit, das beste Mitel gegen seine Nervosität, ihre Wirkung versagte.
Außer dem Porträt der Fürstin stand noch ein halbes Dutzend Bilder auf den Stafseleien umher, Porträts von Angehörigen der Geburts- und Finanzaristokratie, lauter bestellte Arbeiten, die ihrer Vollendung harrten.
Gottburgsen wanderte von einer Staffelei zur anderen. Vor jedem Bilde blieb er lange stehen, und dabei prägte sich in seinen Zügen mehr und mehr eine wachsende Unruhe, eine ängstliche Ratlosigkeit aus.
Er suchte sich selber in seinen Schöpfungen — und fand sich nicht. Die herrlichen, mit vollendeter Technik gemalten Porträts waren keine echten Gottburgsen; die wahre Signatur seiner Kunst, das Festhalten der feinsten Soelenregungen in den Zügen, fehlte diesen Bildern.
Eine innere Stimme wollte ihn beschwichtigen. Diese Bilder, bestellte Arbeiten, Gesichter, in denen ihn nichts inspirierte, die Leuten angehörten, welche sich für schweres Geld die Genugtuung erkauften, von berühmter Hand verewigt zu werden — wer wollte es verargen, wenn sie nicht ganz mit der Freude und Hingabe geschaffen wurden wie ein Werk, das aus innerem Antriebe, aus ureigener Initiative des Künstlers entsteht. — Mer sein einmal erwachtes .Künstlergewissen beruhigt sich nicht an solchen Sophismen. Es war lange her. seitdem er mit rechter Begeisterung ein Werk in Angriff genommen und vollendet hatte. War er wirklich miide, wie die Fürstin meinte, sprachen wirklich schon seine Schöpfungen von
solcher Müdigkeit? Seine Kunst müde? Ein heißer Schreck durchzuckte ihn und wieder irrte sein Blick wie hilfesuchend gegen die ihn quälenden Zweifel von einer Leinwand zu anderen, ohne daß er aus einem der Bilder eine tröstliche Antwort gelesen hätte.
Hier der Kopf des bekannten Reichstagsabgeordneten: groß, bedeutend, geistvoll, aber trotzdem arbeitete er nicht mit Liebe daran; dort das feine sympathische Gesicht des Grafen X. von und zu Ipsilon, der sich für die Familiengalerie malen läßt; es ist im stände Interesse zu erwecken, aber den Künstler fesselte es nicht; dann ein Paar Alltags- gesichter, Platte Dutzendware, die wahrlich nicht der Prä- paration in Öl für die Nachwelt wert ist, und am Schlüsse der Reihe das Ehepaar Salomon, der Berliner Rothschild mit seiner hochedlen Gattin Isidore, geb. Löwenthal.
Gottburgsen wendet die Augen ab. Er muß sich hin- setzen, weil ihm, schwach wird. Und mit der Schwäche drängt sich ihm eine wahnsinnige Angst ins Herz, daß seine Göttin sich von ihm abwenden könne, daß er die Höhe seines Könnens überschritten habe und sich langsam auf dem Abstiege befinde, bergunter zu einem stümperhaften, handwerksmäßigen, flachen Schaffen.
Die Lusekoff hat recht; müde ist er, todmüde. In jenen Machwerken ist keine Spur mehr seiner chenmligen frischen, kraftvollen, genialen Individualität, er arbeitet nicht mehr aus reiner Begeisterung, nicht für sich selber, seiner Kunst zu Liebe, sonder für andere. Er ist feil, er dient der Menge; nichts mehr und nichts weniger als ein bezahlter Handwerker ist er, ein armseliger Stümper.
Der Gedanke packt ihn mit brutaler Gewalt und drückt ihn tief hinunter, macht ihn kleiner und kleiner, bis er sich selber nicht mehr kennt, bis' er von der gott- begnadeten Majestät seines wahren Künstlertums aus zornig und verächtlich auf den Produzenten jener seelcn- losen Bilder hinabsieht, ihn wütend anfaucht, ihn auS dem Tempel seiner Göttin, in den sich der freche Eindringling gewagt, hinaustreibt auf die Gasse der Alltagsarbcit, in die Werkstatt des Anstreichers .... Mit einem Fußtritte schleudert er die nächste Staffelei beiseite, sie stürzt, das Bild kracht zu Boden, Eine wahnsinnige Vernichtungswut ergreift ihn, schüttelt ihn, treibt ihn, es mit
