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MMrWüMe KehMMen str Milllltjen !n England.

Noch vor wenigen Jahren war das Schlagwort im Umlauf, für den „kleinen Mann" müsse etwas getan werden. Heute geht man noch um einen Schritt weiter und fordert, daß auch für die „kleine Frau" etwas getan werde, d. h. für die Legion all jener Frauen und Jung­frauen, die durch Umstände und Verhältnisse dazu ge­zwungen werden, den Kampf ums Dasein aufzunehmen.

Mit. noch größerem Nachdruck wie in Deutschland sucht man in England brach liegende weibliche Arbeits­kräfte der Gärtnerei und den feineren Arbeiten in der Landwirtschaft zuzuführen, da sich in diesen Verrichtungen die weiblichen Charaktereigenschaften in sehr ersprieß- licher Weise zu entfalten vermögen. So tritt Lady Warwick in Wort und Tat lebhaft für Gründungen von landwirtschaftlichen Mädcheninstituten ein. In der „New Liberal Review" plädiert Lady Warwick in be­redten Worten dafür, daß etwas für die Töchter des Geistesproletariats getan werden müsse; denn diese Mädchen, deren Väter freien Berufen angehören und sich in der Regel einer großen Familie, aber nur eines kleinen Einkommens erfreuen, haben eine gute Erziehung genossen und bilden das Hanptkontingent des modernen Wettbewerbs. Deren trauriges Los liege ihr schon lange am Herzen und sie habe nach reiflicher Überlegung das „Lady Warwick-Hospital" in Reading gegründet, damit die armen Geschöpfe in ihrer Suche nach Arbeit nicht in die überfüllten Arbeitsmärkte der Großstädte getrieben würden. Unter „Hospital" stelle man sich nicht etwa ein Krankenhaus vor, sondern landwirtschaft­liche Mädchenschulen mit Internat. Es wurde 1898 eröffnet und beherbergt 24 Schülerinnen; 1899 folgten

Feuilleton.

Im europäischen Wetterwmkrl.

Reisebriefe von Paul Liudenberg.

XII.

Bo« Belgrad »ach Turn-Severin. — Auf der Doua». — Die Stromfchueüe« von Kazau. — I» Turn-Severin. — Eiust und heute. — Erinnerungen an die Wiedergeburt Rumäniens. — Vom heutigen Rumänien. — Bukarest. — Ein Klein-Paris. — Grob- städtische Eindrücke. — Aus der „Chaussee" und im Bolksgarten.

Bukarest, 14. Mai.

Belgrad lag noch im Morgenschlummer, als Punkt d Uhr das stattliche Schiff der Donau-Dampfschiffahrts- Gesellschaft seine letzten Heulsignale ertönen ließ und sich gleich darauf in Bewegung setzte, stolz die Save hinab- rauschend und dann die Fluten der Donau durch­furchend. Eine köstliche Fahrt bei goldiger Maiensonne, alles an Bord des in jeder Beziehung trefflich einge­richteten, großen Dampfers blitzblank und gut, so daß man sich so recht behaglich fühlte, eine kleine, aber mannig­faltig zusammengesetzte, interessante Gesellschaft mit einer der zierlichsten und hübschesten Pariserinnen als Mittel­punkt, die Gaben der Küche und des Kellers vorzüglich, eine Reihe der herrlichsten und abwechslungsvollsten Wandelbilder an beiden Ufern, o, das tat dem Körper und den Nerven gleich wohl nach dem unruhigen Wander- leben aus dem aufreibenden, an farbigen, aber auch an ernsten Scenen und Erinnerungen reichen Getriebe der letzten Wochen im inneren Orient.

Und was diese Donaufahrt besonders angenehm macht, eS folgt bei ihr Steigerung auf Steigerung. In gewalttger Breite gleitet zunächst der Strom dahin, große, bewaldete Inseln umflutenb, unter denen uns namentlich die eine, Ostrova, auS JokatS prächtigem Roman „Der Goldmensch" bekannt ist. Danach verengt sich mählich das Flußbett, ernste, bewaldete Gebirgszüge schieben sich heran und drängen sich immer massiger zu­sammen, malerische Blicke in schmale, schweigsame Tal­einschnitte gewährend, auf einzelnen Bergkuppen epheu- umraukte Ruinen einstiger, trotziger Schlösser und

Mittwoch» dr« 27. Mai.

„Brook House" mit 14 und „Maynard Hotel" mit 16 Schülerinnen. Im Jahre 1900 wurden zwei sechs- zimmerige Cottages erbaut, an die sich zwei große Treib­häuser anschließen; dazu gehören neuneinhalb Acre Landes zur praktischen Bebauung. Die landwirtschaft­lichen Studentinnen werden im Gartenbau, in der Geflügelzucht, der Milchwirtschaft und der Bienenzucht unterrichtet. Da sie keine eigenen Laboratorien haben, müssen sie alle strengwissenschaftlichen Studien am Reading College hören, was freilich sehr teuer ist. Die Gebühren, welche die Insassinnen der bereits bestehenden Pensionate zu bezahlen haben, betragen 65—126 Psd. Sterl. jährlich für vollständige Verpflegung und Unter­richt. In der verhältnismäßig kurzen Zeit des Bestandes haben bereits 168 Studentinnen daselbst ihre Ausbildung genossen. Lady Warwick tritt für eine mindestens zwei- jährige Lehrzeit ein, doch soll es unter Umständen kürzere Kurse geben und für die in der Nähe wohnenden externen Schülerinnen Vorträge in einzelnen Fächern. Jede Schülerin, welche die ganze Lehrzeit absolvierte, hat beim Verlassen des Jnstttuts einen Posten mit Gehalt bekommen.

Um die Bewegung in Fluß zu bringen, hat die rührige Aristokratin eine „Landwirtschaftliche Gesellschaft für Frauen" mit einem Vereins-Fachorgan „Woman’s Agricultural Times" gegründet. Ihre Zukunststräume gehen dahin, daß einige Studentinnen zusammen sich ein Cottage und einige Morgen Landes mieten und in den verschiedenen Teilen des Landes landwirtschaftliche Niederlassungen errichten, in denen sie nach dem Par­zellensystem entweder Gartenbau, Milchwirtschaft oder Bienenzucht und Obstbau betreiben sollen. Drei Studen­tinnen haben sich für nächstes Jahr um ein solches Cottage beworben. Lady Warwick hat Heuer in Reading auch einen Kurs für „Studien für Anfiedelungszwecke" eingerichtet; dieser soll über ein Jahr dauern, von welchem je drei Monate den folgenden Gegenständen gewidmet werden sollen: Haushaltung, Kochkunst, Wäsche, Schneiderei; Geflügelzucht; Milchwirtschaft; Blumen-, Gemüse- und Obstgärtnerei. In diesem Kurs werden die Mädchen gelehrt, alles für eine Hauswirtschaft Not­wendige selbst zu produzieren, von der Kartoffel bis zu der daraus erzeugten Hefe und Stärke. Lady Warwick hat ihr gemeinnütziges Werk mit einem Kapital von 1500 Pfd. Sterl. begonnen; da es sich bisher glänzend bewährt hat, möchte sie es gerne in vergrößertem Maß fortsetzen und eine landwirtschaftliche Lehranstalt für Frauen errichten, wozu ein Kapital von 30 000 Pfd. Sterl. erforderlich wäre. Die Dame hat zu diesem Behufe einen Aufruf in der „Times" veröffentlicht und gibt sich der Hoffnung hin, daß ihr genügend Mittel zur Verfügung gestellt werden, um eine mit eigenem Laboratorium ausgestattete Anstalt für etwa 50—60

Burgen, unten, am Ufer, Reste römischer Kastelle und sonstiger Befestigungen, von jenen Zeiten erzählend, als hier die Heere Trajans auf einer der kunswollsten, zum Teil über dem Wasser errichteten Straßen dahinzogen, dem gewalttgen Römerreiche stets weitere Grenzen steckend.

Im Strome tost und braust es von Wirbeln und Untiefen, wehe dem nicht widerstandsfähigen Boote, das in diese kreiselnden, schäumenden Bewegungen hinein­gezogen wird oder das, von unkundiger Hand gesteuert, nicht das richttge Fahrwasser einhält, es würde rasch zer­schellen an den gigantischen Felswänden, die sich oft coulissenartig zusammenschieben, als wollten sie dem Strome den Weg verlegen, den dieser sich mit keckem Un­gestüm durch alle Hindernisse bahnt. Bier Steuer­männer mit markigen Fäusten und hellen Augen, die scharfen Ausguck halten, sind an den beiden Steuerungen tätig, denn hier heißt's aufpassen, das geringste Ver­sehen könnte schlimme Folgen haben. Denn jetzt sind wir im Engpässe von Kazan, giganttsch recken sich die wild­gezackten Felsen empor, überall gurgelt, schäumt, rauscht es um uns herum, als ob er möglichst schnell dem von machtvoller Romantik umfangenen, gefährlichen Engpaß entfliehen wollte, hastet eilig den Strom entlang, mit wildem Getöse sich über Klippen und Steinblöcke er­gießend, jedes der sich ununterbrochen ablösenden Natur» gcwälde von packender Schönheit und Großarttgkeit — stundenlang. Diese Strecke der fesselndsten, bewegendsten, abivechslungsvollsten Scenerieen lohnt allein eine weite Reise.

Dann, als ob er froh wäre der überstandenen Ge­fahren, breitet sich der Strom behaglich aus und freund­liche Uferlandfchaften spiegeln sich in seinen klaren Fluten, doch ist's eine trügerische Ruhe, denn kurz hinter Orsova und der befestigten, interessanten Türkentnsel Abakaleh kommt die drohendste Stelle, das von alters- her gefürchtete „Eiserne Tor" mit seinen unter den Wellen verborgenen Felsenkctten, denen seit einigen Jahren aber die Kunst der Ingenieure einen Teil ihrer einstigen Schrecken genommen. Aber trotz alledem mutz auch hier genau Obacht gegeben werden; in dem durch lange Steindämme gebildeten Kanal, jenseits welchem die wild von den Wogen überhasteten Katarakte liegen, schießt das mächttge Schiff, wie von unsichtbaren Ge­

Redaktions-Ferniprecher No. 58. 1903»

Schülerinnen ins Leben zu rufen und um etwa 200 Morgen Landes für den Betrieb der Landwirtschaft undj der Gärtnerei anschasfen zu können. L. K.

Deutsches Deich.

Zentrum und Regierung.

B e r l i n. 28. Mai.

Einen Ausspruch des Kaisers über die Notwendigkeit des konfessionellen Friedens hat jüngst Freiherr v. Hertz- ting in einer Wähterversammtung zu Münster mitgeteilt- Ter Kaiser, so erzählte der Zentrumskandidat, sagte zu ihm einmal: „Wir können uns doch nicht wie unser« Ättvorderen über religiöse Fragen die Köpfe einschlagen; wir müssen doch friedlich miteinander leben." Dies« Äußerung könnte ebensogut von jedem anderen Fürsten in Europa getan worden sein, denn nichts ist selbstver­ständlicher als die in ihr ausgedrückte Gesinnung, urtö so haftet das Interesse, das diese einfachen Worte allen­falls erwecken können, einzig an der Art und Weise, wi« die Zentrumsführer sie auszulegen und zu verwerten wünschen. Für das Zentrum bedeutet der konfessionelle Friede die unbedingte Erfüllung der klerikalen Ansprüche^ natürlich einschließlich der Aufhebung des Jesuiten­gesetzes, und zwar nicht bloß seines jetzt vielumstrittenen 8 2. Die Wahlrede des Freiherrn v. Hertling zu Münster, ist uns nicht weiter bekannt; vermutlich aber hat sie neben den Angriffen auf die Gegner des Zentrums die Anerkennung enthalten, daß an den maßgebenden Stellen die Neigung bestehe, dem Zentrum enlgegenzukommen- Es ist überhaupt das Charakteristische des Wahlkampfes- insowett das Zentrum in Betracht kommt, daß dev Agitation dieser Partei jede Schürfe gegen die Regierung fehlt. Das Zentrum hat die Ankündigung der „Köln. Volkszeitung", die freilich niemals ganz ernst gerwmmen wurde, daß wegen der Nichterfüllung des Bülowschen Versprechens in Bezug aus das Jesuitengesetz rücksichtslos gegen den Reichskanzler vorgegangen werden solle, nicht im geringsten verwirklicht, nicht einmal versuchsweise- und so wird es die Partei im neuen Reichstage verhält­nismäßig leicht haben, dem Zuge ihres Herzens zu folgen und die Verständigung zwischen ihr und dem gegen­wärtigen System überall praktisch werden zu lassen, wo für den Klerikalismus mittelbare wie unmittelbare Vor­teile winken. Mit anderen Worten: Das Zentrum wird sich über mangelndes Wohlwollen der Negierung nicht zu beklagen haben, und zum Entgelt wird es die neuen Militärforderungen bewilligen. Man wird es erleben, daß die Frage, ob § 2 des Jesuitengesetzes fortbestehen, soll oder nicht, für den Gang der realen Politik sa bedeutungslos bleiben wird, wie sie es auch jetzt trotz der lebhaften Erörterungen hüben und drüben tatsäch­lich ist.

walten getrieben, pfeilschnell dahin, bis es ruhigeres Fahrwasser erreicht und alsbald dem linken Ufer zu, steuert, von welchem uns fröhlich die blau-gelb-roten Farben Rumäniens entgegenflattern und wir in Turn- Severin festes Land betreten.

Hier, an der gleichen Stelle, war es, wo der heutig« König Karl seinen Fuß zum ersten Male auf rumänischen Boden gesetzt, am Pfingstsonntage des Jahres 1866. Mit einem in der Schweiz auf falschen Namen — Karl Hellingen, Kaufmann, in Geschäften nach Odessa, Kenn­zeichen: „trägt eine Brille" — ausgestellten Pah hatte der Hohenzollernprinz, auf den die Österreicher fahndeten, als Fahrgast der zweiten Klasse die Reise auf dem Donauschiffe zurückgelegt. Umgeben von wenig sauberen Passagieren, schrieb damals zwischen aufgetürmten Ge­treidesäcken der Prinz an den österreichischen Kaiser, mit dem ihn heute aufrichtige tiefe Freundschaft verbindet, daß er nicht in feindseliger Absicht gegen Österreich die ihm einmütig vom Volke dargebotene rumänische Krone angenommen habe, sondern die freundlichsten Be­ziehungen zu dem großen Nachbarstaate zu unterhalten wünsche. Kurz nach der vierten Nachmittagsstunde legte der Dampfer bei Turn-Severin an; der Prinz will eiligst aussteigen, aber der Kapitän hält ihn zurück, sein Billet laute ja auf Odessa, der Gefragte antwortet, daß er nur auf einige Minuten an Land zu gehen wünsche, dicht hinter ihm folgte der rumänische Minister John Vratianu, welcher sich auf dem Dampfer absichtlich von dem Prinzen ferngehalten, der aber, sobald man die Schiffsplanken hinter sich hat, Front vor seinem Fürsten macht und ihn, den Hut ziehend, ehrerbietig bittet, einen der bereitstehenden Wagen zu besteigen. In dem Augen, blick hört der Prinz den Kapitän sagen: „Bei Gott, das mutz der Prinz von Hohenzollern sein!" Aber es war keine Gefahr mehr vorhanden, man weilte auf heimischer Scholle.

Damals war Turn-Severin eine elende Ortschaft mit jammervollen Baracken, grundlosen Wegen, einer verarmten, gebemütigtcn Bevölkerung, die ihre Spar grofchen, wenn überhaupt welche vorhanden waren, ver­grub, damit sie die Schergen des türkischen Paschas nicht

finden sollten-heute eine anmutende Stadt mit

20 600 Einwohnern, blühendem Handel, mit stattlichen Häusern, trefflich gepflasterten Straßen, elektrischer Be,