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51. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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Uv. 844. 8erla«8.F«rns»rechcr Ro. AS».

Mittwoch» den 27. Mai.

RedaktionS^ernsprecher No. S». 1903.

Abend>Ausgabe.

Mraiobilfptt uni) äutoniotiilmorD.

Man braucht wirklich nicht in die Ferne zu schweifen, irm sich über Dinge wie das Hälseabschneiden in Mace- donien oder das Blutbad in Kischinew oder den Bauern­aufstand in .Kroatien und ähnliche blutige Ereignisse auf­zuregen. Wenn rnan die Opfer, welche der Sport in seinen verschiedenen Gestalten, oder sagen wir gerechter, welche die Ausschreitungen des Sports Jahr für Jahr erfordern, gewissenhaft zusannnenzählen wollte, dann könnte man auch bei uns in gemessenen Zwischen­räumen ein Blutbad h la Makedonien verzeichnen.

Ganz ebenso wie in Macedonien die wärmende Sonne des Sommers die blutdürstigen Bergstämme auf den Plan lockt, so ist es bei uns mit dm Sportfexen und mit den „Rittern von der Geschwindigkeit", welche auf ihrem Rade oder auf dem noch schlimmeren Automobil als eine Art moderner Raubritter die Landstraße unsicher machen. Die Zeit der Sportunglücksfälle _ hat bereits begonnm. Die Abstürze unkundiger oder leichtfertiger Bergkraxler sind eröffnet; diejenigen Radler, denen es nicht auf ge­sunde Bewegung und auf die Stärkung ihres Körpers, sondern auf die Schaffung eines Rekords ankommt, sausen durch die Straßen, und das noch weit gefährlichere Automobil erinnert mit seinem Tuten das Nichts- als-Publikum an die Posaune des jüngsten Gerichts. Die Rennfahrt Paris-Madrid, die einen genialen Maler zu einem neuen Bilde „Der Zug des Todes" begeistern könnte, ist eine „vielversprechende" Ein­leitung der diesmaligen Automobilsaison.

Kein Vernünftiger wird dm Wert des Sports ver- kmnen, so weit er ebm mit Sinn und Verstand betriebm wird. Das ist aber nicht der Fall, wenn der Sport durch Übertreibung den Körper nicht stärkt, sondern erschöpft, oder wenn er gar die Unbeteiligten, die Nichtsportler, die doch sozusagen auch Menschen sind, an Leib und Leben bedroht. Wenn der Bergkraxler sich frivol in eine Ge­fahr begibt, in der er umkommt, dann kann er sich allen­falls darauf berufm, so weit er noch berufungsfähig ist, daß er nur seinm eigenm Leib riskiere. Ein rücksichts­loser Radler aber, der andere Menschen an- und um­fährt, oder gar der Automobilist, dessm „grausenvolle Fährte" wie die des „Königs der Wüste" „Blut und Schweiß bezeichnen", ist eine öffmtliche Gefahr, gegm welche die Gesellschaft alle Ursache hat, sich zu wehren.

Man kann überhaupt darüber streitm, ob der soge­nannte Automobilsport als Sport gelten kann, denn es kommt ja hierbei nicht in erster Linie auf die Leistungs­fähigkeit des Fahrmdm, sondern auf die mehr oder weniger gute Konstruktion des Automobils an. Eine

Wettfahrt der Automobile ist deshalb weit wmiger eine Wettfahrt der Automobilisten als eine der Fabrikanten, wie ja denn auch sowohl die Wettfahrt Paris-Berlin, wie die jetzt so jäh unterbrochene Fahrt Paris-Madrid ledig­lich eine Veranstaltung zur Hebung der französischen Automobilindustrie gewesen ist. Bei solchen wahnwitzigm Blutfahrten, bei denen der Automobilsport zum Äuto- mobilmord wird, hanoelt es sich nicht um berechtigten Sport, ja überhaupt nicht um Sport, sondern um Ge­schäftsreklame für die Automobilsabrikm, und deshalb sind solche Veranstaltungen als unmoralisch zu ver­dammen und rundweg zu verbietm.

Man tröstet uns bei dm zahlreichen Automobil-Un­fällen, die sich in ununterbrochener Reihenfolge ereignen, immer damit, daß sich die Automobilindustrie noch in ihrem Anfangsstadium befinde. Das ist aber nach unserer Meinung kein mildernder, sondern ein erschwerender Um­stand. Dmn wie soll das erst werden, wenn einmal das bekannte Wort eines französischm Königs, daß jeder Bauer Sonntags sein Huhn im Topfe haben soll, die Variation erfährt, daß jeder Bürger sein Automobil im Stalle haben soll! Doch, um emsthaft zu redm, der Staat hat nicht nur die Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß das Tempo der Automobile und Motorwagen sich in einer Grenze hält, die nicht mit deni Recht auf Leben, das jeder Staatsbürger hat, kollidiert, sondern der Staat hat vor allem die Verpflichtung, ünsinnige Auto- mobilwettfahrtm auf freier Straße, wie die Fahrtm Paris-Berlin, Daris-Wien und Paris-Madrid, streng- stms zu untersagen.

Und zwar soll man nicht, wie es jetzt seitens der fran­zösischm und der spanischen Regierung geschehen ist, dm Brunnen erst zudeckm, wenn das Kind hineingefallen ist.

Bekanntlich soll in diesem Jahre in Irland das Automobilrennm um dm Gordon-Bennett-Pokal zum Austrag kommen, aber in England macht sich schon jetzt infolge des unglücklichm Ausgangs der Fahrt Paris- Madrid eine starke Entrüstungsbewegung dagegen geltend, daß die englische Regierung die Erlaubnis zu diesem Rennen gegeben hat, und es ist nicht ausge- schlossm, daß diese Erlaubnis noch nachträglich zurück- gezogm wird. Auch bei uns werden, wie man hört, seitens des deutschen Automobilklubs Anstrengungen ge­macht, um die 'Erlaubnis zu erwirkm, daß der Wettkampf um den Gordon-Bennett-Pokal im nächstm Jahre in Deutschland zum Austrag kommt. Wir sind überzeugt, daß es nicht erst der blutigen Erfahrungen bei der Paris- Madrider Wettfahrt bedurft hätte, um unsere Behördm zu einem strikten Verbot solcher wahnwitziger Rennfahrten zu veranlassm. Wenn die Automobilindustrie meint, daß sie der Rennfahrten nicht entraten kann, dann soll sie sich eigene geschlossme Rennbahnen dazu bauen. Die offene Straße aber gehört nicht dem Rcnnunfug, sondem dem Verkehr! •

Die Wettfahrt Paris-Madrid vor der französische« Deputiertmkammer.

Die Kammer beschloß gestern die sofortige Verhand- lung der Interpellation des Nationalisten C o n g y über die von der Regierung erteilte Genehmigung der Wettfahrt Paris-Madrid. C o n g y erinnert daran, daß Waldeck-Rousseau nach der Wettfahrt Paris-Berlin im Jahre 1601 unter dem einsttmmigen Beifall der Kammer sich in > aller Form darauf verpflichtet habe, daß kein Rennen dieser Art mehr gestattet werden solle. Solche Blutbäder dürften nicht mehr erlaubt werden, man ge­statte ja auch keine Pferderennen auf der Landstraße. —• Ministerpräsident Combes: Ich tat unrecht daran,

diese Wettfahrt zu gestatten. Die vorhergehende Regie­rung hatte aber selbst schon zwei Schnelligkeitsrennen erlaubt. Nach langem Zögern habe ich endlich dem Drängen der Automobil-Industrie nachgegebeu. Ich habe die Vorsichtsmaßregeln verschärft, und alles, was menschliche Voraussicht ersinnen konnte, ist in diesem Falle geschehen. Ich konnte nicht annehmen, daß dis Automobile die rasende Geschwindigkeit von 120 Kilo­metern in der Stunde einschlagen würden. Sie allein: ist die Ursache aller Unglücksfälle geworden und in ihn allein liegt die Gefahr bei solchen Fahrten. Die Regie­rung ist keineswegs gewillt, neue derartige Versuche zw gestatten. Man darf aber auch nicht durch übertriebene Maßregeln eine Industrie zu Grunde richten, die viel­mehr Ermutigung verdient. Derartige Fahrten können in Zukunft aber nur auf besttmmten Rennbahnen statt­finden. — Binder (Nationalist): Man muß sich in der Tat vor Übertreibungen hüten und darf nicht eins wichtige Industrie zu Grunde richten. Der Verkehr den Automobile darf um der vorgekommenen Unfälle willen nicht allzu streng geregelt werden. — Graf de Dion (der bekanntlich selbst eine große Automobilsabrik besitzt? meint, es kämen weniger Unglücksfälle mit dem Auto­mobil als mit dem Pferde vor. Man dürfe eine In­dustrie nicht gefährden, die Tausenden von Arbeitern Brot verschaffe. — C o n g y : Was die Minister auf der Tribüne versprechen, wird niemals gehalten. SechA Menschen sind getötet und etwa 15 verletzt worden. Alls diese Unglücksfälle wären nicht vorgekommen, wenn der Ministerpräsident nicht die Genehmigung erteilt hätte. — Ministerpräsident Co mb es verlangt einfache»« Übergang zur Tagesordnung. Der Nationalist Auf- fray bekämpft diesen Antrag, da Combes selbst zuge­geben habe, unrecht getan zu haben, als er die Geneh­migung zur Fahrt erteilte. Die einfache Tagesordnung wird darauf angenommen.

*

hd. Madrid, 27. Mai. Eine große Menge Neu­gieriger hatte sich auf den Tribünen und auf den Straßen! eingefunden, welche die Automobilfahrer der Wettfahrt Paris-Madrid passieren sollten. 60 Touristen-Auto- mobile trafen gestern abend hier ein. König Alfons und Prinz Heinrich waren am Ziele erschienen. Von den ! Ausflüglern ist niemand verletzt.

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sanbor).

(13. Fortsetzung.)

„Wenn ich nur verstände, was die Leute eigentlich wollen", brummte Gottburgsen. „Meine Vergangenheit — rein zum Totlachen. Als ob man quasi verpflichtet wäre, jedem Hanswurst seine Lebensgeschichte auf die Nase zu klecksen. Fällt mir ja gar nicht ein, sie sollen, mich in Ruhe lassen. Ich kümmere mich auch um niemand, frage niemand, woher und wohin; geht mich einfach nichts an, interessiert mich nicht —"

„Mich auch nicht", sagte Helene Lusekoff. „Ich sprach übrigens von etwas ganz anderem — von Ihrem un­soliden Leben. Sie sollen keine Nacht zu Hause sein, und so sehen Sie auch aus, und deswegen will ich Ihnen eine Standrede halten. Sie untergraben Ihre Gesundheit, Sie ruinieren Ihren Körper. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, ich weiß genau, was Sie sagen wollen oder denken: Das geht auch niemand etwas an! Aber doch, Verehrtester. Sie sind nicht Hinz und Kunz _ und jeder andere. Die Vorsehung hat etwas in Sie hineingelegt, an das Ihre Zeitgenossen und Ihre Nachwelt Teil haben. Das gehört nicht Ihnen allein, das gehört uns allen, und deshalb sind Sie verpflichtet, das anvertraute Gut zu hüten und zu pflegen. Es ist Raub am Allgemeingut, wenn Sie so Ihre Gesundheit verwirtschaften. Lange halten Sie das nicht aus, und mit Ihrer physischen Kraft geht auch ein Teil Ihrer schöpferischen Gabe flöten. Glauben Sie das?"

„Ich muß wohl. Wenn Sie es sagen." Er nahm die Leinwandhülle von dem Porträt auf der Staffelei und be­trachtete das Bild. Es war ungefähr fertig, und die letzten Pinselstriche hätte er ganz gut aus dem Gedächt­nisse machen können, aber die Fürstin selber, die gern ins Atelier kam, hatte diese letzte Sitzung für erforderlich ge- halten, und in seiner gewohnten Liebenswürdigkeit hatte er ihr ohne weiteres zugestimmt.

„Sie geben es also doch zu. Das freut mich. Und das Sonderbarste ist: Sie haben nicht einmal Talent zum Leichtsinnigsein. Es ist eine ganz unnatürliche forcierte

Zerstreuungssucht, der Sie Ihre Nachtruhe und Ihre Gesundheit opfern. Es kommt mir beinahe vor, als ob Sie sich zu betäuben suchten, als ob Sie eine Lücke ausfüllen oder etwas Vorhandenes hinwegtäuschen möchten . . ."

„Herrjeh, nun fängt es schon wieder an, das kann nett werden!" dachte Gottburgsen. Er war wirklich böse. Unwirsch schob er die Staffelei beiseite:

„Jawohl, ich muß mich betäuben. Von wegen des Raubmordes, den ich auf dem Gewissen habe."

„Spotten Sie nur, ich denke doch, was ich will. Ich glaube an die Lücke. Sic sind zu einsam, großer Meister!"

„Einsam?" Der Professor schüttelte den Kopf. „Euer Durchlaucht verzeihen, ich kranke in dieser Hinsicht eher an einem Zuviel als an einem Zuwenig. Das geht ja tagsüber meistens wie in einein Taubenschlage bei mir aus und ein. Und abends —" er begann an den Fingern herzuzählen — „Montag Diner in der russischen Bot­schaft, Dienstag Gesellschaft bei der Baronin Lehndorff, Mittwoch Essen bei General Triberg, Donnerstag großer Zauber im Kunstverein, gestern Abschiedsdiner bei Ex­zellenz v. Gröden — heute Ruhetag, morgen Klimbim bei Bankier Salomon, und in der nächsten Woche Abend für Abend belegt von Schulze und Müller und Konsorten, die alle des armen Meisters Gottburgsen als Salondeko- ration für ihre Gesellschaften benötigen. Das geht schon manchmal über meine Kraft. Gott behüte mich vor mehr-"

„Einsam in diesem Sinne meinte ich natürlich nicht. Sie haben niemand, der Ihnen.nahe steht. Der gute Hausgeist fehlt —"

„O, diese Lücke wird nächstens ergänzt. Meine Edel kommt nach Hause."

„Ihre Stieftochter?"

„Ja." Gottburgsen rückte sich einen Stuhl der Fürstin gegenüber und begann von seiner Tochter zu er­zählen. Sie war kaum acht Jahre alt gewesen, als er ihre Mutter heiratete. Ein geradezu ideales Verhältnis herrschte zwischen ihnen, er vergötterte das,, Kind, und Edel hing mit rührender Zuneigung an ihm. Er freue sich unbändig auf ihre Heimkehr; natürlich werde er

dann auch als braver Vater musterhaft solide und häus­lich werden.

„Hoffentlich. Aber warum arbeiten Sie heute nichts lieber Meister?"

„Ich bin in einer Blauen-Montag-Verfassung; kann nicht arbeiten. Ich sehe Sie aber an und male im Geist."

Die Fürsün lachte und trat zu dem Bilde und unter­zog es einer eingehenden Musterung.

„Sagen Sie, Meister, aber sau» phrase — bin ich wirklich so häßlich?"

„Häßlich?" Aufrichtige Verwunderung klang au3 Gottburgsens Frage. „Eine wirklich vornehme Frau ist nie häßlich."

„Merci — für die verzuckerte Pille. Dreinial haben Sie mich jetzt abkonterfcit, so wie Berlin, wie die Gesell­schaft mich kennt — in Freiheit dressiert. Nun müssen Sie mich noch einmal malen, wie ich in Wirklichkeit bin, so mein ureigenes, unverfälschtes Ich, ohne Dressur —"

„Und das wäre?"

In meiner Heimat, in der Wildnis, zwischen meinen Hunden und Pferden, wenn ich auf meinem „Zsupan" hohe Schule reite."

„Aber ich bin doch kein Momentphotograph."

„Sie würden das Bild schon richtig wiedergeben. Be­suchen Sie mich diesen Sommer auf meinem Schloß in der Krim, bringen Sie Ihr Töchterchen mit. Es wird Ihnen in unseren schwarzen Bergen gefallen. Geben Sie acht, wenn Sie einige Wochen da sind, graut Ihnen vor der Rückkehr nach Berlin. Sie müssen sich neue An­regungen, neue Spannkraft schaffen. Sie inüssen anders

Luft schlucken.-Ach, Luft von unseren Bergen! Die

köstliche Ruhe, die großartige Natür, die herbe Frisch« überall, das wird Sie neu beleben, Meister. Machen Sie nicht so verwunderte Augen, Sie bedürfen eines frischen Luftstromes. Die Berliner Luft hat Sie müde gemacht, sehr müde, und ein schwacher Reflex dieses Müdeseins liegt auf Ihren letzten Bildern. Was? Das ist wohl beinahe Gotteslästerung, und Sie glauben eö nicht ein­mal —" „ ■

„Doch. Wenn Sie es sagen." TerProfessor ver­beugte sich ironisch. Als Künsller war er sehr empfindlich.