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1. Beilage junt Wiesbaüemr Tagklatt.

No. 211. Morgen-Ausgabe.

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2 Alles Heil liegt mitten inne, ^

A Und das Höchste bleibt das Matz. £

Ä Emanue! Geibel. fr

(31. Fortsetzung.)

Späte Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Ellen, setzte dem teilnehmenden Frager ungefähr die Verhältnisse auseinander. _ Me Mutter toor zu schwach, uni da etwas leisten zu können. „Ich war dem Herrn freilich ganz fremd geblieben", schloß sie ihre Rede, „aber er hat sich bald an mich gewöhnt."

„Sie dem Herrn ganz fremd?" fragte Herr Welcord, ^verzeihen Sie, wenn ich Sie da um eine Erklärung bitte. Wenn der Justizrat vom Tode ihres Bakers an stützend ein griff und für Ihren Bruder sorgte, mußte er doch auch Sie kennen."

Ellen lachte. „Gesehen hat er mich als Kind, wenn eS sich nicht anders tun ließ, aber er haßt das weibliche Geschlecht. Später bin ich ihm gern aus dem Wege ge­gangen, und ich wüßte nicht, daß er mich je eines Blickes gewürdigt hätte."

„Er ist eben ein Sonderling", setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu.

Welcord sah sie mit einem langen füllen Blick an. und nickte dann. „Und jetzt tun Sie, was Christus uns zu tun lehrte. Sie helfen ohne Ansehen der Person."

Sie wurde rot und schiittelte den Kopf. „Machen Sie. bitte nicht mehr daraus, als es wert ist", rief sie hastig. „So viel wie der Herr Justizrat für meine Mutter und meinen Bruder getan, durste er wohl er­warten, daß von unserer Seite für ihn geleistet wurde, was in. unseren Kräften stand."

„Sicher", bestätigte er und sagte nichts weiter.

„Ich möchte Sie nur bitten, sich auch Erholung zu gönnen", begann er nach einer Weile, „und Ruhe im Ge­müt. Sie gehören zu den Naturen, welche die Sorge um andere schtver in ihrem Herzen tragen, und ich tadle Sie wahrhaftig nicht darum. Aber lassen Sie es sich daneben auch in jeder Minute gegenwärstg sein, daß Sie in solch« Sorge nicht auf Ihre eigene Krast allein angewiesen sind. Der Herr und seine guten Geister helfen Ihnen tragen, und so können Sie getrost Ihr Haupt hrnlegen am Abend, und das arme Menschenhrrn mü seinen zagenden Ge- danken zur Ruhe bringen."

Der Ton seiner Weichen Sstmme griff ihr allemal ans Herz. Sie war zudem ein wenig nervös, und ihre Augen stillten sich plötzlich mst Tranen. Das Dunkle, Unheimliche in Leopolds Leben nagte an ihr, sie sah nickt klar und das quälte sie. Dieses sein schlichtes Warten auf den Tod seines Wohltäters empörte sie täg­lich. Das konnte kein gutes Ende nehmen, sagte sie sich.

„Ach!", rief sie jetzt stef aufatmend, „das klingt gut und tröstlich, aber Sie sind Wester, als ich, und haben sicherer überwunden. Ich stehe noch mitten im Kampf unter dunklen Wolken, die sich Wer meinen und der

Dienstag, den 26. Mai.

Meinen Kopf zusammentürmen — ich — ich kann Ihnen das nicht alles so sagen."

Er faßte ihre Hand wie ein guter steuer FreuW, imd beugte sich zu ihr nieder.

„Vielleicht weiß ich es", sagte er leise. „Aber jeder Mensch hat im letzten Grunde nur für sich einzustehen, und Ihr Weg geht dem Licht zu. Nun aber lassen Sie mich auf ganz anderes übergehen, ich möchte heute Ihr Arzt sein und Ihnen eine Arznei verordnen — Zer­streuung, eine heitere weltliche Zerstreuung."

„Donna Angelika will ein Fest haben; die Mama ist der Meinung, daß sie für genossene Gastfremrdschaft in ihrem Bekanntenkreise eine Revanche schuldig sei, und die Salons in der Annenstraße werden sich am nächsten Frei­tag mit einer bunten Menge verschiedenerMenschm füllen. Darunter auch etliche Offiziere der hiesigen Garnison. Donna Angelika findet viel Geschmack an glänzenden Uniformen. Es war auch die Rede von Ihnen; nastirlich erhalten Sie eine Einladung. So wie Ihre Stimmung augenblicklich ist, könnte ich fürchten, daß Sie ablehnen. Ich bitte Sie, tun Sie es nicht; ich bin Werzeugt, eine solche Abwechslung ist Ihnen nöüg und wird Sie er­frischen. Sie können da mit Ihren Hellen Augen Studien machen, und wir beiden Ernschasten finden vielleicht einen stillen Winkel, wo wir unsere Eindrücke austauschen."

Er sprach jetzt heiter und launig. Sie sah überrascht zu ihm auf. Frau Rose hatte schon stüher Andeutungen gemacht, daß sie ein Fest zu geben gedenke. Wer mit einem gewissest Hinweis auf eine besondere Gelegenheit. Natürlich die offizielle Verkündigung der Verlobung Angelikas.

Seine Darstellung ließ auf solches Vorhaben nicht schließen, aber frellich — wenn es eine Überraschung sein sollte, so verriet er gewiß nichts.

Ellen war sehr verwirrt, chr flogen die verschieden­sten Gedanken durch den Sinn. Er wußte Wso auch um Angelikas Vorliebe für die jungen Offiziere der Garni­son. Sie hatte diesen Winter viel getanzt rmd am liebsten und meisten mst den Herren in Uniform Eifersüchtige Regungen kamen ihm Wso nicht.-

Ellen schweifte weit von der Frage ab, die er an sie gerichtet hatte, sie vergaß sie zu beaimvorten.

Ihn dünkte wohl die Pause ein wenig lang.

„Das Fest scheint Sie nicht zu locken", sagte er lächelW, „und mein Vorschlag Ihnen viel Bedenken zu erregen."

Sie besann sich und schüttelte den Kopf.

„Haben Sie Geduld mst mir", bat sie mit einem er­zwungenen Lächeln, „ich war eben allerdings nicht ganz bei der Sache. Sie sind sehr freundlich für nnch, aber glauben Sie wirklich, daß ich da in die Gesellschaft Passe, meinen Teil zu der Unterhaltung beitrage, und mich da ganz wohl in meiner Haut fühle? Ich bin ja noch jung und auch kein Spielverderber, Wer augeWlicklich-"

„Gerade augenblicklich", rief er lachend. „Und ich gebe Ihnen die Versicherung, an mir haben Sie einen Gleichgesinnten, in Bezug auf das Sichwohlfühlen in seiner Haut. Der Mensch mutz indes lernen, sich überall anzupassen, ich habe das so ziemlich gelernt, und schließ- lich gibt's überall etwas, was einem interessiert. Schlagen

51. Jahrgang. 1963.

Sie ein, versprechen Sie es mir. Sie kommen auf all« Fälle."

Er reichte ihr die Hand, imd sie legte zögernd die ihr« hinein.

„Wenn mein Kranker mich entläßt und sonst nichts passiert."

„Selbstverständlich, alle Eventualitäten Vorbehalten"« gab er zu.

Sie schieden mit herzlichem Händedruck, und Ellen nahm wieder den Eindruck mit sich, als habe sich unten seinen guten Worten das Dunkle in Licht gewandelt, als sei das Schwere leicht geworden.

Ellen beurlaubte sich für den Abend des Festes bek ihrem Kranken und schmückte sich. Sie trug ein Kleid von mattgelber indischer Seide, das noch in London ver­fertigt worden war und ihr gut stand. Ein Paar dunkel- rote Rosen befesügte sie tn dem _ braunen Haar. Die Mutter war sehr weich und zärilich und half chr beim Anzug; sie steute sich heute an dem AWIick der Tochter.

Ellen bW, daß sie chr das Mädchen schicken möge zum Abholen; es mochte spät werden in der Nacht, ehe fte heimkam.

Me eleganten Räume der reichen Frau Rose boten ein

strahleWes Licht. Eine zahlreiche Gesellschaft, viele bunte Uniformen und Damen in großer Toilette ver­sammelten sich zum ersten Wale, seit die Dame in ihre Heimat zurückgekehrt war, in ihren Salons. Sie hatte nichts gespart, um so viel Glanz, wie zu zeigen war, zu entfaltÄr.

Bei Ellen hatte sich während der vorhergehenden Tag« beim Anblick der großen Aufregung, in der Mutter und Tochter sich befanden, die Vermutung, daß es ein Ukr- lobungsfest sein werde, fast zur Gewißheit gesteigert. Sie war auf die Überraschung gründlich vorbereitet.

Man strmd anfangs ein wenig steif in Gruppen um­her. Ellen beobachtete die vielen neugierigen Gesichter, und das verstohlene Flüstern und Raunen. Die Ein­richtung, die Wohnung, die Dekorationen und Blumen­arrangements wurden krittsiert, der Reichtum der Gast- geberin darnach Wgeschätzt.

Ein junger Leutnant aus alter Adclsfcnmlie, Herr von Möllenbach, war immer neben Angelika zu finden, und ihr schien dessen Nähe nicht unangenehm zu sein. Sis flatterte Wer dazwischen öfter zu Herrn Welcord hinubew der mit seiner gütigen nchtgen Freundlichkeit mst der fast väterlichen Miene eines alteren Freundes ihrem Ge­bühren zuschante, und sich an ihrem reizenden Anblick augenscheinlich erfreute. Sie sah in dem rosa Gewände, Wer das ein schillerndes, perlendurchwirites Florgewebg geworfen war, mit den Apfelblüten im schwarzen Haar entzückend aus, ein Bild frischer, fröhlicher Jugend.

„Sie hat ein gutes Herz", sagte Herr Welcord in warmem Ton zu Ellen, als Angelika eben mst ein paar naiven Reden, die nicht viel bedeuteten, von ihm fort- eilte. „Sie gibt sich wie sie ist und es ist kein Falsch in ihr."

Ellen sfimmte ihm zu. Gewiß, das Nrterl war em durchaus richttges — und ein Mann forderte ja wohl von der Gefährtin seines Lebens nicht mehr.

lFortsetzung folgt.)

Gelegenheitzkaus

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