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si. Jahrgang.

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§jt0. 242. Berlags-Fernsprecher R». LSö».

Dienstag, den 26. Mai.

RebaktionS^ernfprecher No. S2.

1963.

Abend-Ausgabe.

Amerikanische Arbeiterarrhiiltmfsc.

New-Aork, im Mai 1903 .

Daß die Amerikaner durch allzuviel Gefühl sich aus­zeichneten, wird wohl keiner meinen. Selbst wenn nian nicht unter ihnen lebt, wenn man nur hin und wieder einem Vertreter oder einer Vertreterin der Rasse begegnet — denn das schöne Geschlecht gibt dem anderen in dieser Hinsicht kaum nach — wird man mit Erstaunen konsta- tt-erm, wie sehr im allgemeinen deren Sinn auf das Praktische gerichtet ist, gewöhnlich mit Ausschluß dessen, was geringschätzig sentimental genannt wird. Wenn man das Volk allerdings nur nach seiner Literatur beurteilen wollte, würde man zu einer anderen Ansicht gelangen. Das Gefühlvolle nimmt dort oft einen sehr breiten Raum ein und man sollte doch meinen, daß man es in den kurzen novellistischen Skizzen, wie z. B. Bret Harte sie gibt, mit echten Sittenbildern zu tun habe., Aber in Wahrheit spiegelt sich das Leben wohl mehr so im Kopfe eines Dichters, wie man auch nach den humor­vollen Schriften der Engländer die Briten für eine besonders gemütliche Nation halten sollte, während sie so doch kaum genannt werden kann.

Doch auch aus vielen der hier getroffenen Einrich­tungen wird gar mancher schließen, daß die Zjankees besser seien als ihr Ruf, und wenn sie es auch nicht scheinen mögen, doch von außerordentlicher Gutmütigkeit erfüllt seien. So dürften wohl in keinem Lande dieEinrichtungen für die Wohlfahrt der Arbeiter eine solche Vortrefflichkeit erreicht haben wie bei uns, nur ist es weniger das Mit­gefühl, als der praktische Sinn der Amerikaner, dem dieselben ihre Entstehung verdanken. Man sagt sich hier zu Lande, daß eine gutgenährte Person, die sich in einem luftigen freundlichen Raume befindet, mehr leistet als eine, die durch Entbehrungen geschwächt ist und in einer ungemütlichen Umgebung weilt.

So tut der Amerikaner, was in feiner Macht steht, um ein kräftiges Personal zu haben, das sich wohl unds zufrieden fühlt, wodurch er auch den doppelten Vorteil hat, daß solche Arbeiter für Ausstände schwerer zu ge­winnen sind. Wenn der Brotgeber dem Angestellten mehr gewährt als seinen Lohn, so erwartet er zudem mehr von ihm als nur eine beschränkte Leistung.

Einem „philanthropischen" Leiter einer großen Fabrik wurde vorgeworfen, daß er in Sozialismus mache. Ge­wiß gewähre ich den Arbeitern umsonst eine warme

Mahlzeit, erklärte dieser und dieselbe kostet mich 3 Cents pro Person. Aber es hat sich gezeigt, daß die Leistungs­fähigkeit dadurch steigt und so gewinne ich noch erheb­lich dabei.

Der Gewinn ist jedoch gegenseittg, denn es ist der Gesundheit weit zuträglicher, wenn nicht nur des Abends, sondern auch in der Mitte des Tages etwas Warmes genossen wird. Auch wenn die Räume, in denen die Arbeiter sich aufhalten, angenehme und freundliche sind, übt dies auf sein physisches und sein geistiges Wohlbe­finden Einfluß aus. Es ist noch nicht sehr lange her, da trugen alle Fabriken einm kasernenartigen Charakter, waren innen und außen von niederdrückender Kahlheit und Nüchternheit, während man jetzt die Fassaden schmückt und die Säle möglichst gefällig und hübsch ausstattet. Dabei iverden die hygienischen Vorschriften sorglichst beobachtet, auf Reinlichkeit der größte Wert gelegt. Viele Etablissements sind mit bequemen, oft selbst ele- ganten Badezellen ausgestattet, und damit die Arbeiter nicht die vom Schweiße durchtränkte Wäsche wieder anzu­ziehen brauchen, sind Vorrichtungen getroffen, daß sie dieselbe in laufendem Wasser spülen, dann unter eine Presse bringen können und schließlich in einen durch heiße Röhren erhitzten Raum, wo sie trocknen und den nächsten Tag frisch und sauber erhältlich sind.

Aber nicht nur für den Körper wird, wie gesagt, gesorgt, auch auf geisttge Erholung der Arbeiter gesehen. Oft wird eine Etage des Fabrikgebäudes selbst für die gesellschaftlichen Zusammenkünfte hergegeben und diese dann aufs freundlichste und schönste eingerichtet, es fehlen Musikinstrumente nicht. Schränke mit lehrreichen und unterhaltsamen Büchern, Spiele aller Art sind vor­handen rc. Häufig ist jedoch auch ein direktes Klub­gebäude errichtet, mit einem Konzert-, einem Ballsaalp einem Theater, mit Turnräumen, die die verschiedensten Apparate aufweisen. Die Arbeiter bilden dann Klubs untereinander, jeder widmet sich nach seiner Neigung der einen oder anderen Zerstreuung. Von denen einer Fabrik in Ohio sind nicht weniger als 30 Gesellschaften aller Art ins Leben gerufen worden, literarische, soziale, religiöse, Turn-, Theater-, Cricket- und Fußball-Gesell­schaften 2 c. Auch Klassen für fast jedes 'Alter werden abgehalten und selbst eine Krippe ist dort vorhanden, wo die Kinder in Verwahrung gegeben werden können, wenn die Eltern bei der Arbeit sind.

Eine empfehlenswerte Einrichtung ist auch die in manchen Fabriken vorherrschende, daß den Arbeitern und Arbeiterinnen, die nützliche Verbesserungen heraus­finden, Prämien erteilt werden. Dieselben sind natürlich verschieden hoch, erreichen aber bis 100 Dollar und

darüber. Der Gewinn liegt hier wieder auf beiden Seiten, denn abgesehen davon, daß den Brotherren da­durch schon häufig Ersparnisse erwachsen sind, fühlen die Arbeiter sich so gewissermaßen als Mitarbeiter und bekommen ein größeres Interesse für die Fabrik.

Philanthropie hat, wie ersichtlich, so gut wie gar keinen Anteil an den vielen Verbesserungen, die im Leben der Arbeiter hier geschaffen worden sind, aller­dings erweist sich praktischer Sinn für die, welchen man helfen will, oft als weit besser als das weitgehendste Mitgefühl. _ Karl S chenk.

Deutsches Reich.

* Hof. »ttö Personal-Nachrichten. Der Armee-Bischof

Or. A ß m a n n liegt in einem Sanatorium zu Ahrweiler lebend gefährlich erkrankt darnieder. Der Zustand des im 70. Lebens­jahre stehenden Prälaten ist hoffnungslos.

* Berlin, 25. Mai. Ter „Reichs-Anzeiger" schreibt im nichtamtlichen Teile seiner heutigen Nummer: Einem Beschluß des Staatsministeriums entsprechend, sind die Ressortminister ersucht worden, durch geeignete Anord­nungen dafür zu sorgen, daß bei den bevorstehenden Reichstagswahlen den Beamten ihres Ressorts die Aus­übung des Wahlrechtes an den Tagen der Haupt-, Stich- und Nachwahlen möglichst erleichtert werde.

Die „Nattonal-Zeitung" schreibt: „Papst Leo XIlfl soll den deutschen Bischöfen, wie auswärtige Blätter mel­den, die Instruktion erteilt haben, bei den bevorstehenden Wahlen für den deutschen Reichstag der Regierung jede Unterstützung zu gewähren. Zugleich wird behauptet, dis preußische Regierung wünsche die Errichtung des Postens eines päpstlichen Legates in Berlin. Wie wir von unter» richteter Seite erfahren, beruhen beide Meldungen auf Erfindung."

* Tasbach-Hoensbrocch. Der zwischen dem Grafen! Hoensbroech und dem Kaplan Dasbach entbrannte Streit um den Urspmng des Grundsatzes: „Der Zweck heiligt die Mittel" ist jetzt einen bedeutenden Schritt weiter ge­kommen. Wie das „B. T." aus Trier meldet, hat Kaplan Dasbach nunmehr drei katholische und drei evangelische Universitäts-Professoren als Mitglieder des Schiedsgerichtes ernannt. Es bedarf nur noch der Zu­stimmung des Grafen Hoensbroech zu dem Dasbachschen Schiedsgericht, das nicht ganz seinen Bedingungen ent­spricht.

* Prinz Arenbcrg. Die „Post" bestättgt, daß vor einiger Zeit ein Antrag auf Überweisung des im Gerichts- gesängnis zu Hannover internierten und durch Beschluß des dortigen Amtsgerichtes wegen Geisteskrankheit ent­

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sander).

(12. Fortsetzung.)

„Du ■— Du! Du Nichtswürdiger! Ist das dein Dank für alles, was ich an dir getan habe?" grollte es durch die Stille. „Was wärest du ohne mich? Nichts! — Ich hob dich aus dem Staub, ich führte dich bergan, ich glaubte dich gerettet, und zum Danke wurdest du ein

Wortbrüchiger, ein Heuchler, ein Schuft, ein-doch

genug — hüte dich! Du denkst, das Brandmal deiner Schuld glühe unsichtbar in deiner Seele — aber hüte dich! — Noch lebe ich — deine Stunde wird kommen."

Ein knallendes Geräusch im Ofen brachte Gottburg- fen zur Besinnung. Verstört blickte er um sich. Die stille Glut hatte nun doch die Sprödigkeit des Holzes über­wunden, laut knatternd schoß die breite funkelnde Flamme empor, und durch den Rauchfang zogen mit klagendem Geheul vielfältige Sturmstimmm: unheimlich wie das Wüten und Jammern gespenstischer Unwesen erfüllten die schwankenden, verschwommenen und doch lärmenden Töne die Stille. Gottburgsm versuchte über sich selber zu lächeln. Entschieden hatte er zu viel getrunken. Der physische und moralische Kater war da und trieb allerhand spukhafte Allotria mit ihm, das war alles. Lächerlich, sich darüber zu alterieren!

Auf seiner todblassen Stirn perlten eiskalte Tropfen. Dabei war es nicht das erste Mal, daß die Wirkung des WeineS, verbunden mit seinen schwermütigen Betrach­tungen, ihm dergleichen Wahnbilder vor die erregten Sinne gaukelte. Aber es verstimmte ihn doch jedesmal auf Tage hinaus.

4. Kapitel.

Gottburgsm hatte sich in seinem eigmm Hause eine Sühnestätte eingerichtet, eine Art Büßerzelle, einen Beichtstuhl, in dem sein Gewissm ihm eindringliche Büß­predigten hielt, einm Ort, an dem er durch seelische Kasteiungen wirklich sühnte, und an dem er deshalb für Augenblicke Ruhe und inneren Frieden fand. Er hatte sich diesm Raum schon bei Erbauung der Villa für seine Zwecke vorgesehen und dem ursprünglichen Plane des Architekten eingeschaltet. Vom Atelier führte eine Tapetmtür hinein; außer Gottburgsm selber hatte in den acht Jahren, welche die Villa jetzt stand keines Mmschm

Fuß dm Raum betreten. Den Schlüssel trug er stets in der Tasche, und wmn er hineinging, riegelte er die Tür hinter sich zu. Die notwendige Säuberung des Raumes besorgte er selber, sogar seiner Gemahlin war der Zu­tritt zu diesem Merheiligstm verwehrt gewesm. Zum Glück war Frau Thyra keine neugierige Frau; nachdem Gottburgsm chr einmal auf eine scherzhafte Anspielung eine ttefernste, beinahe schroffe Antwort gegeben hatte, war sie nie mehr darauf zurückgekommm, sein „Atelier­geheimnis", wie sie es nannte, zu ergründen.

In die „Büßerzelle" hinein trieb es ihn auch am Morgen nach jener Nacht, in der seine düsteren Phanta- siem ihm wieder das Schreckgespenst des mahnmdm Rächers heraufbeschworm hatten. Es war ein schmaler Raum, dessen einziges, gewöhnlich von einem gelbleinenen Vorhänge verhülltes Fenster auf den hinter der Villa liegmdm Garten hinausging. Wie er den Vorhang bei­seite schob, quoll das Mittagslicht in blendendem Strome herein und verteilte sich in goldsprühenden Reflexen über die drei weißgetünchten Wände, au denen je ein großes Gemälde hing. Die Bildnisse an der mittleren und der rechten Wand waren offenbar Pendants. Das an der Hauptwand stellte eine robuste, starkknochige Bauernfrau in ihrem Kirchenstaate dar. Mit seinen regelmäßigen, wenn auch groben Zügm, dm glashellen Augen und in seiner blühenden Gesundheitsfarbe war das große glatte Gesicht nicht häßlich zu nennen, aber es machte dennoch einen mehr charakteristischen als anheimelnden Eindruck. Durch die mächtige, in breiter Wölbung unter dem blondm Scheitel hervorspringende Stirn, die fest zu­sammenliegenden Lippen , und das unverhältnismäßig stark entwickelte Kinn erhielten die starren, harten Züge ein ausgesprochen männliches Gepräge. Das Porträt war ein Krstestück. Ein schlichtes schwarzes Kleid umgab den ungelmkm Körper und wurde am Halse von einer plumpen goldmen Brosche zusammmgehaltm, eine Hand- breit unter dieser hing an dicker goldener Kette ein prahlerisches Medaillon mit blauen Steinen: auch die

knochigen Hände warm überreich mit goldenen und silbemen Ringm geschmückt. Rechts von dem Bilde hing in derselbm schwerm Rahmung von dunkelgebeizter Eiche das Konterfei eines Bauem. Vielleicht war gerade dies Porträt eine der vollendetsten Schöpfungen, die unter dem Pinsel des großen Meisters hervorgegangen waren. In dem ausdrucksvollm, von unzähligen Fältchen durch-

rissenen, ledergelben Gesicht war jede Haarpore, jede noch so leise Rune, die Charakter, Leidenschaften und Leben hineingeschrieben hatten, von dem Künstler mit wunder­barer Feinheit wiedergegeben. Trotz seiner Häßlichkeit, die der bmtale Zug, um dm großen, spöttischen Mund noch verschärfte, wirkte der eigenartige Kopf interessanter und anziehender als das Frauengesicht.

In sonderbarem Kontrast zu dem Bauernpaare stand das in lebensfrohen Farben auf die Leinwand geworfene Bild der Frau Professor an der linken Wand. Es war noch unvollendete eine Studie, die Gottburgsm gleich nach dem ersten Begegnen mit seiner nachmaligen Gattin entworfen hatte. Wie er sie damals auf dem großen Wohltätigkeitsbazar, wo sie in der Sektbude das schäu­mende Naß Kredenzte, gesehen hatte, wie sie in ihrer prangenden Schönheit den ersten überwältigenden Ein­druck auf ihn machte, so hatte er sie festgehalten. Ranken blasser Malmaisons schlangen sich ihr um den Hals und um den Ausschnitt der duftigen weißen Gazerobe, Rosen bekränzten ihr Haar, und in tiefroter Rosenfarbe glühten ihre Lippen und Wangen. Sündhaft schön wie das volle, warmpulsende, rauschende Leben war sie an jenem Abende gewesen.

Inmitten des Raumes stand eine niedrige Bank. Hier saß Gottburgsm und ließ die Blicke langsam von einem Porträt zum anderen gleiten, und während seine Seele in Qual erbebte, während ein herzbeklemmender Druck ihn belastete und er alle Pein grausamster Selbst­marter mit einer gewissm Lust durchkostete, kam dann allmählich mit gewaltiger Kraft das sühnende, aus­gleichende Eleinent der Reue über sein Empfinden. Un­willkürlich wurden seine Gedanken zu Gebeten. In seiner Trauer fühlte er Gott sich nahe, und das Bewußt­sein tröstete ihn, beruhigte ihn, erfüllte ihn mit einer heimlichm Zuversicht auf künstigm Frieden. Er hatte sich früher nie mit religiösen Fragen beschäftigt; erst durch die fortgesetzten Kasteiungen, die er seinem Gewissm durch das anhaltende peinvolle Grübeln über die Schwere seines Frevels an menschlichem und göttlichem Gesetz auferlegte, lenkten sich> seine Gedankm allgemach auf dm höchsten, unsichtbaren Richter, dessen Auge in die dunkelsten Tiefen der Menschenseele hineinreicht, vor dem es kein Verleugnen und Vertuschen gibt, und der sich den letzten Urteilsspruch wie die Wendung aller Dinge Vorbehalten hat.