JH. Jahrgang.
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Dienstag» de« SO. Mai. R.dakti--.SH-rn,pr-cher No. 52 . 1903*
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Elie purendtraonlttaiiaa in fontion.
Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt uns unterm 23. c.: Eine der größten, wenn nicht tatsächlich die größte Volksversammlung, die London je gesehen, fand heute unter freiem Himmel im Hyde-Park statt. Über die Zahl der Teilnehmer liegen vorläufig nur Schätzungen vor, die zwischen vier- und fünfhunderttausend schwanken, denn das Ergebnis der Zählung, welche die „Daily News", die leitende der hiesigen liberalen Zeitungen, durch sechshundert Herren vor- nehmen ließ, kann vor Montag nicht bekannt gegeben werden. Die Arbeit dieser letzteren wurde dadurch erleichtert, daß die Teilnehmer an der Versanrmlung je nach den Stadtgegenden, aus denen sie stammten, in gesonderten Zügen und durch verschiedene Tore des Hyde-Parkes herankanien. Sie setzten sich aus einer Gesellschaftsklasse zusammen, die sich sonst derartigen öffentlichen Kundgebungen fern zu halten pflegt, denn es war fast ausschließlich der bessere Mittelstand vertreten, unter dem die Geistlichen der Nonkonsormisten und der anderm, der Staatskirche antagonistischen Religionsgemeinschaften eine ganz besonders große Rolle spielten. Den Zweck der Demonstration bildete ein Protest gegen das vielumstrittene Schulgesetz, das die Regierung, unter dem Einflüsse der Staatskirche stehend, mit Hülfe ihrer „Stimmvieh-Majorität" der Naüon zum Teil bereits aufzwang. Die bei Gelegenheiten wie die heutige Versammlung übliche Resolution wurde unter stürmischem Beifall der ungeheuren Menschen- menge angenommen und lautste wie folgt: „Die gegenwärtige Massenversammlung von Bürgern Londons verwirft aufs energischste das dem Parlamente nun vorliegende Erziehungsgesetz, weil es Frauen aus den Schulräten ausschließt und solche als selbständige, für die Leitung des Eczichungswesens aus der Bürgerschaft gewählte Körperschaften aufhebt. Weil es ferner die Anstellung der Lehrer davon abhängig macht, daß diese
sich zu den Doktrinen der Staatskirche bekennen, und nicht für freien Elementar-, technischen und höherer Unterricht in gewöhnlichen Tag- und Iorwuoungs- fchulen, kontrolliert und verwaltet durch eine für den Zweck besonders gewählte Körperschaft, sorgt. — Das Erzichungsgesetz, das, wie angedleutet, aus Zlver Zeilen besteht, deren jeder aber ein geschlossenes Ganzes für sich bildet, ist zur Hälfte bereits endgültig angeirommen worden. Dadurch wurden die Schulen in der Provmz unlängst der Geistlichkeit der Staatskirche. ubeflwlf^u während man die Steuerzahler daselbst zwangt, fortab auch für die Unterhaltung der alten Kirchenschulen zu bezahlen, ohne daß sie auch nur das Geringste ber deren Leitung mitzusprechen haben. Die zweite Halste des ominösen Gesetzes bezieht sich auf London allein, und der heutige Protest galt daher auch nur dieser, weil gegen die erste nichts mehr ausgerichtet werden kann. Zwölf Rednertribünen waren in verschiedene Tellen des ungeheuren Parkes aus Wagen improvisiert worden, von denen herab Parlamentsmitglieder, Geisüiche und andere Leiter der Bewegung Ansprachen hielten. Die verschiedenen Redner können natürlich nur wiederholt haben, was sie bei zahlreichen früheren Gelegenheiten_ b-mesis geäußert, aber die Anwesenden brauchen auch getviß keine weitere Belehrung über den Gegenstand, mit dem sie zu ihrem Leidwesen nur zu gut vertraut sind Die Regierung hat das Gesetz lediglich auf Wunsch der Staatskirche eingebracht, die ihren Einfluß auf das Volk mehr und mehr schwinden sieht und wegen der Erfolge, welche die Nonkonformisten namentlich in der Mittelklasse erzielen, von Neid erfüllt ist. Sie sucht sich daher nun der Kinder zu bemächfigen, da sie die Alten nicht länger zu beeinflussen vermag. Zu diesem Zwecke ist es aber unu.mgänglich notwendig, die Erziehung lediglich Anhängern der Staatskirche anzuvertrauen, aber einem Vater, der Baptist, Nonkonformist oder ein anderer Sektarianer ist, paßt es natürlich nicht, sich seine Kinder durch die Priester entfremdet zu sehen. Ob die Proteswersammlung die Regierung abhalten wird, ihren Pakt mit den Schwarzröcken vollständig zu schließen, erscheint indes flaglich.
Deutsches Deich.
«- über die vorzeitige« Heirate« i« Preußen entnehmen wir der „Etat. Korr." folgende Angaben: Vor Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches erlangte im Deutschen Reich das männliche Geschlecht mit dem vollendeten 20., das weibliche mit dem vollendeten 16. Lebensjahre die Ehemündigkeit. Die Genehmigung, zu heiraten vor Erreichung dieses Alters, konnte in Preußen der Justizminister bewilligen. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch dürfen Männer nicht vor Eintritt der Volljährigkeit, Frauen, wie bisher, nicht vor Vollendung des 16.
Lebensjahres eine Ehe eingehen. Die Frauen können von dieser Vorschrift befreit werden, die Männer nicht. Dagegen kann dem Manne die Heirat vor dem 21. Lebensjahre dadurch ermöglicht werden, daß er durch das Vor- mundschastsgericht für volljährig erklärt wird, was nach Vollendung seines 18. Lebensjahres geschehen kann. Während vor dem Jahre 1000 durchschnittlich jährlich noch nicht 300 männliche Personen unter 20 Jahren mit Genehmigung des Jnstizministers die Ehe schlossen, hat seit dem Inkrafttreten der neuen das Ehemündigkeitsalter der Männer um ein Jahr erhöhenden gesetzlichen Bestimmung die Anzahl der vorzeitig heiratenden männlichen Personen eine sehr beträchtliche Steigerung erfahren,- denn im Jahre 1900 wurden 1546, im Jahre 1901 sogar 1848 männliche Neuvermählte unter 21 Jahren gezählt. Diese frühzeitig Heiratenden verteilten sich aus alle Berufe und fast alle sozialen Stellungen. Die Mehr, zahl von ihnen (1900: 640, 1901: 758) bildeten die Gesellen, Gchülfen und Lehrlinge und andere mit Berufs- oder gewerbsmäßiger Ausbildung versehene, in Industrie und Handwerk beschäftigte Personen, demnächst andere Hilfspersonen ohne gewerbliche Vorbildung (213 und 281), ferner ländliche Tagelöhner und Arbeiter (200 und 198) und ländliche Gesinde und sonstige ländliche Hilfs- pcrsonen (177 und 183). Militärpersonen, Beamte und Angehörige freier Berufsarten heirateten im Alter von weniger als 21 Jahren im Jahre 1900: 81, 1901: 42.
* Die vierte Wagenklasse. Mit Blitzesschnelle hak sich die Nachricht von der bevorstehenden Einführung der vierten Wagenklaffe im Reichslande verbreitet und überall Freude bereitet. „Andli ebbs güets vu Barlin", meinte ein Obstbaumbesitzer, der sich nun darauf freut, möglichst billig nach der Stadt fahren zu können, um sein Obst zu verkaufen. Besonders angenehm wird (nach einem Bericht der „Straßb. Post") die hoffentlich bald überall im Elsaß eingeführte neue Wagenklasse den Beerenhändlern sein, die nun mit einer größeren Anzahl von Körben zu Markt fahren können. Auch die Steinhauer und Waldarbeiter, die mit dem Arbeitsgerät häufig Widerspruch in der vollbesetzten dritten Wagenklasse fanden, werden die Vorteile der Neueinrichtung vollauf schätzen. Gerade aus dem Breuschtal stammen viele ehemalige Soldaten, die in Preußen die vierte Wagenklaffe kennen gelernt haben und diese billige Beförderungsgelegenheit durchaus zu würdigen wissen.
Ausland.
Begnadigung der Kapländischen Rebellen.
Der „Nieuwen Rotterdamschen Courant" wird aus D o r d r e ch t telegraphiert: Ich vernehme soeben von zuverlässiger Seite, daß General Louis B o t h a nach Holland telegraphiert habe, daß allen Kapländischen Rebellen (englische südafrikanische Untertanen, die im
Fenilletsn.
Mr Mötraullle am Aemnstranü.
Kml 200. Jahrestag ihrer Gründung (27. Mai 1703).
Von Dr. Rudolf Grnsclins.
Wenn in diesen Tagen die jüngste unter den großen Haupt- und Millionenstädten Europas, die Residenz des weißen Zaren am Newastrcmde, den Gedenktag ihrer vor zwei Jahrhunderten erfolgten Gründung mit Festen und Feierlichkeiten begeht, so beschäftigt sich das gebildete Ausland fast mehr als der Russe selbst mit dem interessanten Werdegänge dieser Stadt, die weniger dank günstiger, in der natürlichen Lage gegebener Entwickelungsbedingungen, sondern auf das Machtwort jenes Zaren, dessen Namen sie trägt, am Sumpfgestade eines Landes emporwnchs, das der große Peter eben erst seinen Feinden entrissen und durchaus noch nicht als gesicherten Besitz betrachten durfte.
Es ist weniger die periphere Lage der Stadt am äußersten Rande des sich über eine Strecke von mehr als tausend deutschen Meilen hinziehenden Riesenreiches, als die reaktionäre, allen westeuropäischen Einflüssen abgeneigte Gesinnung des Altrussentums, die ihn mit einem gewissen Gefühl der Abneigung auf das fast internationale Petersburg blicken läßt, wo der Stockrusse nicht allein herrscht, sondern eine Reihe anderer Nationen, namentlich Deutsche, Franzosen, Finnländer, Engländer und Italiener als erhebliche und ständig anwesende Bruchteile der Bevölkerung neben sich dulden muß. Für ihn bleibt Mütterchen Moskau, das sich mit niedrigen Häusern und großen Gärten schier unendlich weit im Machfeld der russischen Steppe ausdehnt und von den goldschimmernden Kuppeln des Kremlpalastes überragt wird, die nationale Hauptstadt des heiligen Rußlands, und innerlich grollend findet er sich mit der Tatsache ab, daß es eines für das heufige Rußland unerschwinglichen Milliardenaufwandes für Staatsgebäude bedürfe, wenn der Sitz der Zentralgewalt mit ihrm zahllosm Behörden «bts Verlegung erfahren lallte.
Mit ganz anderm Blicken betrachtet der Ausländer und namentlich der Deutsche die russische Hauptstadt, über die für ihn eine an blusigen Ereignissen reiche Geschichte den Nimbus des Geheiinnisvollen ausgebreitet hat. Die in hundert Erzählungen geschilderten Palast- revolntionm im Hause Romanow und der seit 140 Jahren dort herrschenden dmtschm Dynastie Holstein-Gottorp und nicht zum wenigsten auch die Tragödie des Deutsch- tums in den Ostseeprovinzen erregen im deutschen Leser ungefähr dasselbe Interesse wie der venetianische Markuspalast mit seiner Seufzerbrücke und den Gefängnissen unter den Bleidächern, und deshalb fühlt sich auch der, der nie die nordische Residenz betretm hat, gewissermaßen heimisch, sobald vom Winterpalast, dem Anitschkowpalais, der Peter-Paulsfestung und anderm historisch denk- würdigm Gebäuden St. Petersburgs die Rede ist.
Senn in der Einleitung gesagt wurde, daß Petersburgs Entstehung und Wachstum nicht auf die günstige Lage des Ortes zurückzuführm sei, so ist diese Behaup- tnng allerdings com grano salis zu verstehen. Richtig ist, daß vor dem Jahre 1703 dort keine nennenswerte Ansiedelung bestand. Zar Peter aber wußte genau, was er tat, als er vor nunmehr 200 Jahrm dm russischen Mnschik mit Knutenhiebm dazu zwang, seine nme Residenz in der sumpfigen Niederung des Newadeltas zu erbauen, deren todbringende Malariadünste Zehntausenden von Arbeitern und wahrscheinlich einer noch viel größeren Zahl seiner späteren Bewohner das Leben gekostet habm. Die den Einflüssen des europäischen Westens zugängliche nme Hauptstadt sollte nach einem oft gebrauchten Vergleich „das Fenster nach Europa" sein, durch das der warme Hauch moderner Kultur sich über sein in eisiger geistiger Erstarrung liegendes Rußland ergießen sollte. Mit Freuden sah er es daher, daß zu Beginn des nordischen Krieges der verrückte Karl XII. nach der für Peters Heer so unglücklichm Schlacht bei Narwa sich von der damals leichten Niederwerfung seines gefährlichsten Feindes, der Russen, abwandte, um sich an dem sächsisch-polnischen Könige, August dem Starken, zu rächen Vorsichsiaerweiie griff er die ihm entgegm-
tretmden kleinerm schwedischen Heerhaufen immer nur dann an, wenn er sich in der Übermacht befand. Auf diese Weise faßte er in Jngermannland, dem heutigm Gouvernement St. Petersburg, immer festerm Fuß und brachte im Jahre 1702 die am Ladogasee belegen« Festung Nöteburg, das heutige Schlüsselburg, über die seit Jahrhunderten eine wichtige Handelsstraße aus dem innerm Rußland und Asien nach Skandinavien führte,, in seine Gewalt.
Der Gründung der nmen Residenz stand nun kein Hindernis mehr im Wege, und im Mai 1703 konnte Peter auf der Insel am rechten Newaufer, die heute die Peter-Paulsfestung samt der gleichnamigen Kathedrale trägt, mit den ersten Bauten beginnen. Wie selbstherrlich der Monarch dabei zu Wege ging, erhellt daraus, daß er, wie Preußens zweiter König, die Großen und die Beamten förmlich zwang, dort zu bauen, daß er jeden Bauer, der nach der entstehenden Residenz kommen wollte, nicht hineinließ, wenn er nicht eine bestimmte Anzahl Steine mitbrachte, und daß er bei Strafe der Verbannung nach Sibirien auf die Dauer mehrerer Jahre das Bauen von steinernen Häusern in allen übrigen Teilen seines weiten Reiches nur zu dem Zwecke verbot, daß dadurch die bauliche Entwickelung Petersburgs ein um so regeres Tempo einschlage.
Den drastischen Mitteln entsprach aber auch der Erfolg. Als Peter 22 Jahre später an den Folgen einer Erkältung starb, die er sich bei der versuchten Rettung eines gestrandeten Bootes zugezogen hatte, zählte das junge, mit der größten Raumverschwendung und nach dem Lineal in westeuropäischen Baustilen angelegte Städtewesen bereits über 40 000 Einwohner. Von demjenigen, was damals gebaut wurde, ist heute allerdings nur noch wenig zu sehen. Jener ersten Bauperiode, bei der mit fieberhafter Eile kolossale, aber innerlich unsolide Steinkästen aufgetürmt wurden, folgte unter den trägen und reaktionären Nachfolgern und Nachfolgerinnen Peters ein rund vierzigjähriger Stillstand der Bautätigkeit und als Katharina II. das gewaltige Reform- werk Peters fortzusetzen begann, war es höchste Zeit, d«;
