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W irsbaitfiifr TagliM

61 . Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 6«» Pfg. monatlich, durch die

Verlag: Langgasse 27.

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Abend-Ausgabe.

Die Kroatische Bewegung.

Alle Vertuschungsversuche der ungarischen Regierung können nicht mehr über die Tatsache hinwegtäuschen, daß die Aufstandsbewegung in Kroatien euren immer größeren Umfang und bedrohlicheren Charakter an­nimmt, und daß vor allem die kroatische Bewegung über das eigentliche Kroatien hinaus ihre Wellen schlägt. Wie ernst die Zustände in Kroaüen sind, geht einerseits -daraus hervor, daß bereits über mehrere Ortschaften das Standrecht werhängt werden mußte, und andererseits daraus^ daß der Bonus von Kroatien, Graf Khuen Hedervwry, nach Wien berufen worden ist, wo chm übrigens die kroatischen Studenten einen recht unfreund­lichen Empfang bereitet haben.

Daß nicht nur die ungarische, sondern neuerdings auch die österreichische Regierung von Sorge über das Anwachsen der kroatischen Bewegung erfüllt ist, hat seinen guten Grund, denn diese Bewegung hat bereits auf die österreichischen Kroaten in Dalmatien und im Küsten­lande, sowie auf die Slowenen in Krain übergegriffen, und man befürchtet in Österreich, daß sie sich bei weiterer Fortdauer auch auf die Kroaten in Bosnien und der Herzegowina übertragen könnte. Die Interpellation der Kroaten im österreichischen Reichsrat hat deutlich er­wiesen, daß die Führer der kroatischen Bewegung die kleinkroatische Frage gern zu einer großkroatischen machen würden, und in der Tat ertönt bereits allenthalben der Ruf zur Sammlung aller kroatischen Elemente.

Es ist ja bekannt, welche „weitherzige" Auslegung man in Kroaüen der Parole „Kroaüen den Kroaten!" beüegt. Das Königreich Kroaüen bildet mit Slawvmen und der sogenannten Militärgrenze einen Teil des ungarischen Staates, doch besitzt es eine durch den un­garisch-kroatischen Ausgleich gewährleistete Autonomie mit eigener Landesregierung, an deren Spitze der Banus stcht, und mit einem eigenen Landtage. Kroaüen umfaßt 42 533 Quadratkilometer mit nicht gcmz^ 21/2 Millionen Einwohnern, während ganz Ungarn 325 324 Quadrat­kilometer mit 18 Millionen Einwohnern umfaßt. Kroaüen sendet zum ungarischen Reichstag 40 und zur Delegaüon 12 Depuüerte. Im kroatischen Landtag geben selbstverständlich die Kroaten, und zwar die Anhänger der großkroatischen Bewegung, den Ausschlag, und die Serben, welche mit den Kroaten das Land bewohnen, find durch das nach rmgarischem Bküster zugeschnittene Wahlrecht, welches artt die Unterdrückung der Minori­täten berechnet ist, so ziemlich kältgestellt.

Wenn nun auch die ungarisch-kroatischen Ausgleichs­

gesetze den Kroaten eine weitgehende Autonomie im Ver bande der ungarischen Krone eingeräumt haben, >o oe haupten doch die Kroaten, daß diese Gesetze von den Magyaren nicht-korrekt befolgt werden. kroatischen Landtag sind erst unlängst lebhafte Klagen darüber er­hoben worden, daß Kroatien von den Ungarn ftnanzreu übervorteilt, daß die kroatisckje Amtssprache widerrechtlich von der magyarischen und die kroatische Beamtenschaft von den magyarischen Beamten allmählich verdrängt werde. Diese Beschwerden sind die unmittelbare Ursache der Aufstandsbewegung, die sich mit besonderer Wut gegen die ungarische Staatsbahn richtet, welche Kroatien durchquert und als das Hauptwerkzeug zur Magyarr- sierung betrachtet wird. Daher richtet sich die Wut der Aufftändischen. nicht nur gegen die unganschen Bahnen und die zweisprachigen und ungarischen Inschriften an den ösfenmchen Gebäuden, sondern auch gegen die Bahn­höfe, die Bahngeleise und die ungarischen Beamtm.

Auch für den Nichtkenner der kroatischen Verhältnisse wird es von vornherein nicht zweifelhaft sein, daß eme so tiefgehende Bewegung nicht ohne Verschulden der un­garischen Regierung entstanden sein kann. Und dem ist in der Tat so, weim auch nicht zu verkennen ist, daß die großkroatischen Agitatoren es verstanden haben, die Un­zufriedenheit im Lande für ihre Zwecke zu benutzen. Gerade die Magyaren sind es gewesen, welche die naüonale Idee auf die Spitze trieben und sie zu einer nationalistischen gestalteten, indem sie die anderen Nationalitäten im Lande, nicht nur die Kroaten, sondern auch die Deutschen, zu entrechten suchten. Was sich jetzt in Kroaüen vollzieht, ist die natürliche^Reaktion auf jenes Vorgehen, denn wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Die kroatischen Agitatoren, die, wie wir schon beton ten, die Unzufriedenheit im Lande für ihre Zwecke aus zubeuten suchten, halben den Zeitpunkt nicht übel ge wählt, denn gerade jetzt, wo in Ungarn infolge der Obstruktion im Parlament dm Gang der Staatsmaschme ins Stocken geraten ist, kommt die kroatische Bewegung der ungarischen Regierung doppelt unangenehm. Frei­lich ist diese Bewegung ebenso aussichtslos, wie ihre Ziele weitgehend sind. Die Führer der grotzkroatischen Be­wegung wollen nichts mehr und nichts weniger, als die staatsrechtliche Gestaltung Österreich-llngarns dahin ab­ändern, daß im Süden der Monarchie ein eigenes kroa üsches Staatengebilde aus Kroatien, Slavonien, Dal matten, Jllyrien (Istrien), Bosnien und der Herzegowina gebildet werden soll, in dem natürlicherweise die Kroaten die allein maßgebende Rolle zu spielen hättm.

Das sind Phantastereien, die niemals in Erfüllung gehen können und die ebenso aussichtslos sind wie der derzeitige Aufstand in Kroaüen, der in kurzem mit Hilfe der Bajonette unterdrückt werden wird. Wenn aber die Ungarn überhaupt fähig sind zu lernen, so sollten sie aus diesen blutigen Ereignissen die Lehre ziehen, daß die

Gewaltpolittk, wie sie in Ungarn ja auch gegen die Deut- chen betrieben wird, nicht staatserhaltend, sondern aus die Dauer staatszeistörend wirkt.

« *

wb. Wien, 24. Mai. Der Kaiser empfing heute vor­mittag den Banus Grafen Khuen-Hcdervary in beson. derer Audienz, die eine Stunde währte.

wb. Wien, 24. Mai. Heute nachmittag wollten un­gefähr 100 südslavische Studenten vor dem ungarischen Ministerpalais gegen den Banus, Grasen Khuen-Heder- vary, welcher im Palais nicht anwesend war, demon­strieren. Eine sofort erschienene Wacheabteilung zer­streute die Demonstranten, von denen elf verhaftet wur- den. Die Demonstration währte ganz kurze Zeit. — Der Banus ist nach Agram zurückgekehrt.

wb. Laibach, 24. Mai. Hier fand eine von 3000 Personen besuchte Versammlung statt, in der die hiesigen Slovenen zu den Ereignissen in Kroatien Stellung nahmen. Sämtliche Redner ergingen sich in scharfen Ausfällen gegen das in Kroatien herrschende System, gegen den Banus und gegen die Verwendung der ge­meinsamen Armee anläßlich der Unruhen in Kroatien. — Auch in S p a l a t 0 und R a g u s a wurden ähnliche Versammlungen abgehalten. In Ragusa fand bei der Ankunft des Dampfers „Zagreb" eine Demonstratton behufs Streichung der ungarischen Postslaggen statt. Gendarmerie und Militär schritten ein.

Deutsches Deich.

Jesuitengefetz und Jesuitcnmoral.

L. Berlin, 23. Mai.

Der Evangelische Oberkirchenrat hat an den Kultus­minister eine Denkschrift gerichtet, in der er seine Be­denken wegen der beabsichtigten Aufhebung des 8 2 des Jesuitengesetzes ausspricht und die Berücksichtigung diesen Eingabe durch das Staatsministerium erbittet. Es ist nicht bekannt geworden, ob der Kultusminister die Denk­schrift beantwortet hat, und in welcher Weise er es eventuell getan hat. Die Angelegenheit regt aber zu der Frage an, wie der Beschluß des preußischen Staats­ministeriums zu stände gekommen ist, wonach im Bundes­rate der vom Grafen Bülow angekündigte Antrag auf Streichung jenes Paragraphen eingebracht werden sollte. Man wird so leicht nicht erfahren, ob das Staats­ministerium bei dieser Beschlußfassung einheitlich __ ge­stimmt hat, oder ob sich vielleicht Herr Studt hat über­stimmen lassm. Das Letztere ist das Wahrscheinlichere. Auf den Ausgang der Sache, der bekanntlich so ungewiß tote nur möglich ist, wird dadurch, ob der preußische! Kultusminister sich vielleicht abweichend verhalten. hat, allerdings keine Einwirkung geübt werden. — In diesem Zusammenhänge, in etwas losem Zusammenhänge frei­lich, seien einige Worte gestattet über den jetzt schon ge­raume Zeit sich hinschleppenden Streit zwischen den-

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sanbor).

(11. Fortsetzung.)

Der Arzt hatte inzwischen den auf der Straße Liegen­den näher ins Auge gefaßt. „Vorerst wollen wir der: armen Teufel aus seiner scheußlichen Lage befreien", sagte er, „fassen Sre an, bitte, hier unter dem rechten Arm, Herr Professor, und Sie, Herr Wachtmeister, packen ihn an den Hüften — so — rum — so. Der hätte auf ebener Erde das Genick brechen können, wie er da hingefallen war."

Sie hatten den noch immer holzsteifen Körper umge- dveht, so daß der Kopf jetzt gegen die Mauer lehnte. Der Arzt - zündete ein Wachshölzchen an und leuchtete dem Menschen ins Gesicht. Auch Gottburgsen beugte sich zu ihm nieder, unwillkürlich ergriffen von dem starren, glasigen Ausdruck der jungen leichenweißen abgezehrten Züge.

„Wie ein Gewohnheitstrinker sieht der nicht gerade aus", murmelte er.

„Gott bewahre! Der ist nicht betrunken, der ist ohn­mächtig", sagte der Arzt ernst, „und wie ohnmächtig. Eine Stunde später wäre nichts mehr zu retten gewesen."

„Vielleicht kann ich ihn mit meinem Lebenselixier kurieren", knurrte der Schutzmann und zog ein Fläschchen Cognac aus der 'Rocktasche. „Führe das Zeug in dieser verfluchten Jnfluenzazeit immer bei mir. So 'ne Nacht- patrouille bei dem Hundewetter ist wirklich kein Pläsier, meine Herren!"

„Geben Sie her, das wird dem armen Burschen das Blut auftauen."

Der Arzt kniete bei dem Kranken nieder. Nachdem er sich ein wenig Cognac in die hohle Hand geträufelt hatte, begann er Schläfen und Stirn des Bewußtlosen einzureiben. Nach ein paar Minuten gelang es mit Hülfe des Professors, der den Kopf des Ohnmächtigen stützte, ihm einige Tropfen einzuflößen. Die Wirkung war eme sofortige und überraschende. Durch den scheinbar leblosen

Körper lief ein Zittern, nach einer Weile schlug er lang­sam die Augen auf und blickte verständnislos um sich.

„Wo bin ich?" flüsterte er.

„Auf der Straße, mein Bester. „Sie sind umgefallen. Fühlen sich krank, was?"

Tie Augen des Unglücklichen schlossen sich für einen Moment, feine Denkfähigkeit schien noch nicht zurück­gekehrt.

„Haben Sie irgend welche Schmerzen?"

„Hunger!"

Wie ein leiser schneidender Pfiff kam es über die weißen Lippen.

„Auch obdachlos?"

Der junge Mann schüttelte den Kopf und machte An­stalt, sich zu erheben.

„Nehmen Sie noch einen Schluck Cognac — so — nun wird's gleich besser gehen."

Wirklich schien das erhitzende Getränk dem matten Körper eine trügerische Kraft einzuhauchen. Von dem Arzt und dem Schutzmann unterstützt, gelang es ihm mit einiger Anstrengung aufzustehen. Rasch atmend, lehnte er sich an die Mauer. Gottburgsen. der fremdem Unglück gegenüber, wenn es sich wie hier in unverhüllter Gestalt zeigte, von einer beinahe frauenhaften Weichheit war, hatte seinem Portemonnaie ein Zehnmarkstück entnommen und versuchte es dem Armen in die Hand zu drücken; aber kaum hatte dieser seine Absicht wahrgenommen, als er die Hand rasch zurückzog.

„Almosen, pfui!" sagte er abwehrend, „lieber tot als das."

„Sterben kann man nur einmal, junger Mann. Denken Sie, das hier käme Ihnen von jemand, der auch einmal Almosen empfangen hat und dem- es nachher doch noch gut ergangen ist. Nehmen Sie an, Sie hätten ge­träumt, und ein Traumgeist hätte Ihnen den Fuchs zu­gesteckt. Vielleicht bringt's Ihnen Glück."

„Schließlich sind wir auf dieser Welt alle Almosen- empfönger", setzte der Doktor hinzu.

„Und wenn der Magen knurrt, hört das Gepiepe auf", ergänzte der Wachtmeister.

Das letzte Argument mochte wohl das überzeugendste sein, denn die erstarrten Finger hielten das hineingesteckte Geldstück ohne weiteres Widerstreben fest, aber ein tiefer Seufzer begleitete die leise gemurmelten Dankesworte.

„Sind Sie überhaupt im stände zu gehen? Wo wohnen Sie?"

Der junge Mann nannte eine Straße im Norden; er fühle sich wieder ganz gekräftigt.

„Na, denn in Gottes Namen. Ein Stück Weges geh? ich noch mit Ihnen —"

„Ich dito", sagte der Schutzmann.

Mit einer matten Handbewegung lüftete der Unbe­kannte den Hut gegen den Professor.

Der Doktor schüttelte Gottburgsen die Hand: „Auf Wiedersehen unter erfreulicheren Umständen, Herr Pro­fessor."

Gottburgsen blieb eine Weile stehen und sah den dreien nach. Der junge Mann ging noch unsicher, aber nicht mehr ganz so schwankend wie vor dem Ohnmachtsanfall; immerhin war es ungewiß, ob seine scheinbar wieder aufgelebten Kräfte für die lange Strecke bis zu seiner Wohnung Vorhalten würden.

Gottburgsen spürte plötzlich das Verlangen, dem Un­glücklichen zu folgen, aber ein unbestimmtes, beinah« warnendes Gefühl hielt ihn ab, dem ftnpulsiven Drange nachgugeben. Obwohl oder vielleicht gerade weil an ihm ein heimlicher Kummer zehrte, ging ihm fremdes Leid immer sehr zu Herzen. Das kurze traurige Intermezzo auf nächtlicher Straße zauberte ihm die lebhafte Vor­stellung einer Zeit, in der er sich in der gleichen Lage be­funden hatte, ins Gedächtnis. Ärmer als jener Arm« war er damals gewesen, hungrig und obdachlos, kraftlos und lebensmüde, alle Bitternisse des Elends und der Not hatte er durchgemacht und bis zum Grunde ausgekostet: er kannte die Verzweiflung des Unglücklichen, der mut­los und ermattet den Kampf mit widrigen Verhältnissen aufgibt, und selbst jenen Zustand körperlichen und seeli­schen Stumpfsinns, der als höchstes Stadium des Ver- zweifelns die Vorstufe geistiger und moralischer Nacht . bedeutet, hatte er am -eigenen Leibe erfahren. Ihm war