41 . Jahrgang.
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N». 23».
BerlagS-Ferufprecher Sl». 2958.
Sonntag» de« 24. Mai.
Redaktions-Fernfprecher No. 52. 1903.
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Zolltarif und Arbeiterinteresse.
Je nA)er die Wahlen rücken, desto intensiver beginnt die Arbeit mit den wählerfangenden Schlagworten. Daß sich die Rechtsparteien, die dem Antrag Kardorff zum Leben verhaften, darüber klar sind, wie sie sich durch die antisoziale Tendenz ihrer Bestrebungen die Sympathien der breiten Wählermassen bedenklich entfremdet haben, beweist das krampfhafte Bestreben ihrer Presse, immer von neuem das Arbeiterfreundliche der bekundeten Politik hervoczuheben.
Die Vertreter volkswirtschaftlicher Anschauungen dieser Richtung haben von jeher sich als Anhänger der sogen. Parallel-Theorie: steigende Getreidepreise —
steigende Arbeitslöhne bekannt. Diese Theorie würde in praxi eine Sozialreform auf der Grundlage möglichst hohen Zollschutzes bedeuten. Wie sich aber Arbeiterinteresse, Sozialreform und Zollschutz zu einander verhalten, dafür bringt einen interessanten Beitrag die Mai- Nummer der „Deutschen Wirtschaftspolitik" auf Grund der Untersuchungen des bekannten Nationalökonomen Prof. H. Dietzel-Bonn.
Die Schutzzöllner stützen sich bei der Bekämpfung des Freihandels auf zwei Argumente: 1. Beim Freihandel
steige die Gefahr, in Mitleidenschaft gezogen zu werden durch allerhand Auslandsereignisse, 2. der Freihandel erhöhe die Gefahr der Heimsuchung durch Krisen.
Während ein isoliert wirtschaftendes Volk sich nur um das zu bekümmern brauche, was innerhalb des nationalen Territoriums vor sich gehe, müsse im Zeichen des Verkehrs ein Volk sich sorgen um alles, was auf dem Erdball geschehe.
Demgegenüber ist zu bemerken, dieses Übel hat dre Tendenz, kleiner zu werden, je weiter ein Volk auf der Bahn weltwirtschaftlicher Entwickelung fortschreitet. Mit anderen Worten: je größer der Verkehr, desto großer dre Wahrscheinlichkeit, daß der Schaden, welcher für gewisse Arbeitergruppen dadurch erwächst, daß eines lener Auslandsereignisse ihnen die Beschäftigung verkürzt, für die Arbeiterklasse als Ganzes kompensiert wird durch mehr Bekräftigung anderer Gruppen, bezw. daß ein Schaden garnicht eintritt, weil einem Auslandsereignis, das als Moment fallender Konjunktur für eine Arbeitergruppe wirkt, ein anderes Auslandsereignis zur Seite tritt, das dm entgegengesetzten Effekt hat.
Daß von Zeit zu Zeit Krisen entstehen und den Arbeitsmarkt in Verwirrung bringen, dafür ist in wett höherem Maße das System des sog. „Schutzes" als das der „Preisgebung" der nationalen Arbeit verantwortlich zu machen, weil jede Anziehung der Zollschraube die Gefahr der Überproduktion für das Inland tzeraufbeschwört, und zwar desto gewisser, je kräftiger die Zollschraube angezogen wird.
Das Protektionssystem wirkt nicht nur nicht als Krisenschutz, sondern hat vielmehr die Tendenz, Krisen heraufzubeschwören und weiter Krisen zu verlängern.
Daran, daß die Vertreter des Sonderinteresses der Landwirtschaft, sowie die des Sonderinteresses gewisser Jndustrieen „nicht wollen", daß deren angestammte Rentabilität herabgehe, sondern es als ihr gutes Recht an- sehen, daß ihnen „hinreichende Produkttonsmöglichkeit", richtiger: „Rentabilitäts-Möglichkeit" verbleibe, ist
kein Zweifel. Sie müssen „sich selbst konservieren". Qb aber durch Erhaltung der Einnahmen dieser Sondergruppen auf dem bisherigen Stande die Einnahmeseite der gesamten Volkswirtschaft wachsen werde, ist nicht nur zweifelhaft, vielmehr ist umgekehrt gewiß, daß sie durch den Solidaritätsschutz von Industrie und Landwirtschaft sich mindern nmß. Die Einnahmeseite der gesamten ' Volkswirtschaft, das Gesamtprodukt, die nationale Dividende wächst, wenn nicht alle Produktionskräste vollkommen in den Dienst gestellt, sondern nur diejenigen Kräfte im reichsten Maße entwickelt werden, denen das Marimum an Produktivität eignet.
Diese Bewegung fördert der Freihandel, hemmt der Protekttonismus. Der Freihandel wirkt als Hebel, der Schutzzoll als Hemmschuh der Produktivität.
Wie der Staat einst die Zwangs- und Bannrechte der Gutsh ernsthaften, die Monopole der Zünfte, die Privi- legien der Städte gebrochen hat, kurz: die nationale Konkurrenz hergestellt chat, so muß er auch über die Sonderinteressen, die sich heute gegen die internattonale Kon- kurrenz zusammenscharen, hinwegschreiten. Nicht aus
kosmopolitischem Empfinden, nicht geblendet durch den schönen Traum, als ob im Zeichen der Weltwirtschaft de« Weltfriede kommen werde, sondern aus nationalem Egoismus, auf Grund nüchterner Erwägung des Wirt, schaftlichen Nutzens, welchen die territoriale Arbeitsteilung dem eigenen Volke erbringen muß, auf Grund der sicheren Berechnung, daß die Bllanz des internationalen Erwerbsgeschäftes sich damit so gut, als möglich ist, stellt.
Ein Schritt vorwärts auf der Bahn sozialer Gerech- ttgkeit ist getan, wenn ein Wechsel im Zolltarif nicht mehr hier Sonnenschein, dort Regen machen, — wenn die Güterverteilung, die Lage der Besitz- und Erwerbs-Verhältnisse nicht mehr ruckweise, kraft Übung des „Rechts des Stärkeren" verschoben werden kann. Deshalb- muß — wer die soziale Reform will, — wer die handelspolitischen Systeme unter dem Gesichtswinkel des Sozialproblems, des Verteilungsproblems anschaut, — Frei- Händler sein.
Deutsches Reich.
Der Reichskanzler Domherr?
L. Berlin, 22. Mai Auf einem Feiertagsausflug nach Brandenburg a. läßt sich gelegentlich auch Neues erfahren. Man wandert durch die fülle alte Stadt, die sich so behäbig an den anmutigen Havelufern hinstreckt; man freut sich an wohlerhaltenen Tortürmen und epheubewachsenen Mng- mauern; man bewundert die unvergleichliche Katharinenkirche mit dem Filigran ihrer üppigen Backsteingottk; man bestaunt den moosbewachsenen riesigen Roland am Rathaus. Man genießt die weite, schöne, freie Aussicht vom Marienberge, und dann bereitet sich der Kunstfreund ein besonderes Vergnügen, indem er seine Schritte zum Dom lenkt, dieser merkwürdigen Vereinigung von Kirche, Ritterakademie, Generalspalais und den sieben „Kurien" der Domherren, diesen schlafenden Häusern, die auf grasbewachsenem Platze rings den mächtigen Kirchenbau umstehen. In diesem Dom ist viel zu sehen, Reste aus der katholischen Zeit, wunderliche Reliquien, wie sie nicht viele andere Kirchen aufweisen mögen, darunter neben den üblichen Apostelknochen auch das Portemonnaie des Riesen Goliath und ein Knopf vom Bett der Jungfrau Maria. Wirklich, das wird gezeigt, aber (im Verttauen gesagt) der aufgeklärte evangelische Führer glaubt nicht daran, lind dann geht es einige Stufen abwärts in den romanischen Kapitelsaal, eine prachtvolle Kapelle, reich bemalt, in der sich alljährlich die Domherren gar feierlich versattlmeln. Wer sind diese Domherren? Was
Feuilleton.
Pas Verleihen van Cylinderhiilrn und seine gesundheilschädlichen Folgen.
Von vr. Ed. Bäumer - Berlin.
Vorbeugen ist wichtiger als Heilen, dieser Satz dient allen Bestrebungen unserer Zeit, welche die Gesundheit des einzelnen und des ganzen Volkes vor Schaden zu bewahren suchen, als wertvollste Richtschnur. Wir leben in einer ausgeprägt hygienisch denkenden Zeit, me vordem haben sich so viele geistige Kräfte in allen Schichten des Volkes geregt, welche den Hauptfeinden der Volksgcsundheit, wie z. B. Tuberkulose und Alkoholismus, den Krieg erklären. Hier und da schießt man wohl im Übereifer etwas über das gesteckte Ziel hinaus, im großen und ganzen ist aber diese hygienische Bewegung unserer Zeit von außerordentlich segensreicher Wirkung.
Bei dem Streben, die großen Fragen der Volks» gesundheitspflege ihrer Lösung näher zu bringen, dürfen wir aber nicht vergessen, daß auch im alltäglichen Leben so manche Unart, so manche Unsitte — um nicht schärfere Ausdrücke zu gebrauchen — weitverbreitet ist, welche leicht zu ernsten Gesundheitsgefahren für eine gxoße Anzahl von Menschen führen kann. Hier ist noch ein reiches, segenvolles Arbeitsfeld für alle, die da Augen haben zu sehen und Ohren zu hören.
„Aber was gehen mich die kleinen Unarten meiner Mitmenschen an!?" höre ich da einwenden. Gemach! Ja, so lange eine solche „Unart" nur dem Übeltäter selber Schaden bringt, mag dieser Einwand meinetwegen gelten. Sollen wir aber auch dann schweigen, wenn eine anscheinend geringfügige Unsitte im stände ist, viele Menschen in ihrer Gesundheit schwer zu schädigen?
Die Sünden gegen die eigene und fremde Gesundheit werden ja von den allermeisten nur aus Unkenntnis begangen, hier wollen wir belehren, aufklären, warnen und raten! Und welcher Einsichtige und Kluge wird sein Ohr dem Rat verschließen? Die genaue Einsicht in die Möglichkeit der Krankheitsübertragung und Gesundheitsschädigung macht in erster Linie die Arzte berufen, hier mit Rat und Belehrung zur Seite zu stehen. Leider
besitzt das große Publikum noch viel zu wenig Kenntnis davon, auf welchen Wegen ernste und ansteckende Krankheiten übertragen werden können. Die goldene Mittelstraße zwischen übertriebener Ansteckungsfurcht und allzu großer Sorglosigkeit und Vertrauensseligkeit wird leider nur von wenigen innegehalten! Hier muß noch vieles anders und besser werden.
Durch eine ganze Reihe betrübender Ereignisse sind wir leider belehrt worden, daß gewisse Krankheitskeime an Gegenständen des täglichen Gebrauches längere Zeit haften können, um dann dem Ahnungslosen, welcher zufällig mit diesen Dingen in Berührung gekommen ist, verderblich zu werden.
Ganz instinktiv suchen die allermeisten Menschen eine intime Berührung mit ihnen gänzlich Unbekannten zu vermeiden. Wir benutzen z. B. kein fremdes Etz- und Trinkgeschirr, ehe es nicht gründlich gereinigt ist, weil uns das „unappetitlich" wäre. In diesem instink- ttven Gefühl des Ekels liegt unbewußt ein Verlangen nach Schutz vor Ansteckung.
Wie überall im Leben, begegnen wir aber auch hier den größten Widersprüchen und Ungereimtheiten. Wohl jeder würde es als eine beleidigende Zumutung empfinden, wenn er eine ungereinigte Gabel, mit der kurz zuvor ein anderer gegesien, benutzen sollte, und doch scheut sich dieser selbe nicht, zum Ball einen geliehenen Frack zu tragen, in dem vor ihm schon viele wildfremde Menschen gesteckt und — geschwitzt haben! Hier wäre ja noch ein schwacher Einwand möglich, denn die eigene Unterkleidung schützt den Betreffenden vor der direkten Berührung mit dem fremden Kleidungsstück. Aber unser Ballbesucher hat sich nicht nur den Frack geliehen, sondern auch den Eylinder bezw. Chapeau claque! Stirn und Haare kommen also hier mit einem Kleidungsstück in direkte Berührung, das vorher von so und so vielen anderen benutzt wurde.
Die hier gerügte Unsitte ist nicht nur sehr verbreitet, sondern nimmt noch immer in bedenklicher Weise zu, gehen doch selbst gut situierte Leute in ihrer — Geschmacklosigkeit so weit, sich zur eigenen Hochzeit den obligatorischen Cylinder oder Chapeau claque zu leihen.
So mancher wird hier im stillen einwenden: Wie kann es mir schaden, wenn ich einige Stunden einen
I Hut trage, den schon andere vor mir getragen? Wir wollen von der ästhetischen Seite der Sache einmal ganz absehen, es ist und bleibt unappetitlich und ekelerregend,
mit den Schweißrückständen und Hantausscheidungen vieler mir ganz unbekannter Menschen in innigste Berührung zu geraten; wenn keine Gefährdung der Gesundheit damit verbunden wäre, so könnte man die Sache lediglich dem Geschmack des einzelnen überlassen.
Nun ist aber die Möglichkeit, oder besser gesagt, Wahrscheinlichkeit, sich durch das Tragen eines schon wiederholt getragenen Hutes anzustecken, nur zu groß. An der Stirn, der Stirnhaargrenze und auf dem behaarten Kopfe haben mehrere übertragbare Hautkrankheiten ihren Lieblingssitz, also nichts leichter, als eines von diesen Leiden auf dem in Frage stehenden Wege zu acquirieren! Es würde uns zu weit führen, alle Hautkrankheiten, die hier in Frage kommen, einzeln aufzu» führen, nur eine sehr ernste Krankheit, welche gerade in unserem Falle in erster Reihe steht, muß hier mit Nachdruck und Ernst Erwähnung finden: Die Syphilis.
Die letzten 10 bis 20 Jahre haben uns gelehrt, daß diese Krankheit so vielfach auf ganz unschuldigem Wege, durch Benutzung infizierter Gegenstände besonders, übertragen werden kann. Es ist somit unsere Pflicht, gerade hierauf mit besonderem Nachdruck hinzuweisen. An der Stirn in Form des sogenannten Venus-Kranzes und auf dem behaarten Kopse finden sich überaus häufig Erscheinungen dieses Leidens, wie leicht können da die Krankheitskeime an einem Hute haften bleiben und durch diesen Hut anderen Menschen Verderben bringen! Die medizinische Statistik belehrt uns nun in der Tat, daß an der Stirn sowohl wie an den Schläfen nicht gar so selten die ersten Erscheinungen der Krankheit beobachtet worden sind, mit anderen Worten, daß irgendwo an Stirn oder Schläfen eine winzig kleine, kaum sichtbare Wunde vorhanden war, durch welche das Gift seinen Eintritt in den Körper fand. Und wie viele solcher Infektionen kommen überhaupt nicht zur Kennntnis des Arztes, denn der schmerzlose „Pickel" an der Stirn wird meist garnicht beachtet.
Wie wir schon gesehen haben, haften diese Krankheitskeime um so leichter, wenn sie eine, wenn auch noch so winzig kleine Eingangspforte finden. Auf der erhitzten, durch Schweiß erweichten Haut, die zum Überfluß auch noch mit dem Taschentuch bearbeitet wird, kommt es leicht zu kleinen Schrunden und Rissen und dann brauchen an dem geliehenen Hute nur einige Keime zu haften und die Infektion erfolgt. Schwerlich wird dann der Betreffende, wenn nach 4 bis 8 Wochen sich die ersten
