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1 . Keilane nun Wiesbadener Tayblalt.

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Uo. 23V. Morgen Ausgabe.

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-« Der Hochmut de» Wisse»» ist dort z» Hause, wo eine U beschränkte, einseitige und engberzige Richtung vorherrscht.

" E. Curtiu».

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(30. Fortsetzung.)

Späte Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Nach einer Weile kam der Arzt, untersuchte, traf seine Lirordnungeir. Ellen vermittelte einen Austausch zwischen ihm und dem Gelähmten, sie erwies sich unge- mein geschickt zu entziffern, was der Finger auf der Bett- Lecke schrieb.

„Zunge schwer — alles gelähmt außer der rechten Hand, höre und weiß alles."

Es ließ sich wenig tun. Vielleicht giirg der Unfall vorüber, solche Lähmungen verschwanden mitunter nach xinigen Tagen, man mutzte abwarten.

„Bleiben Sie hier?" fragte der Medizinalrat Ellen.

„Diese Nacht jedenfalls", entgegnete sie.

Frau Holz war es unter diesen Umständen zufrieden, sie graulte sich, wie sie unaufhörlich wiederholte.

Ellen flößte denr Patienten einen Löffel Brühe ein und die Medizin, die der Arzt verschrieben hatte.

Das Schlucken war mühsam, es gehörte Geschicklich­keit und Geduld dazu, den Löffel richtig zu dirigieren, den Kranken so weit zu heben, daß die Flüssigkeit in die Kehle glitt.

Ellen verrichtete es wie die geübteste Krankenpflegerin. Sie machte sich geräuschlos ein Lager zurecht auf dem Sofa, und richtete sich für die Nacht ein. Aber der Kranke schlief nicht und sie saß meist an seinem Lager.

Die großen offenen Augen hatten jetzt einen hilflosen, flehenden Ausdruck.

Am anderen Morgen erst kam Leopold. Er war spät nach Hause gekommen, hatte während der Nacht nicht stören wollen, und zuckte nun beim Anblick des Zustandes die Achseln. Er sah, frisch frisiert, in elegantem modernem Anzug, sehr gut aus und schien in gehobener Stimmung zu sein, die er in diesen Räumen nur mühsam abdämpfte.

Durch Ellens Eingreifen hier schien er kaum über­rascht zu sein, er erwähnte es auch nicht weiter, als ettoas Besonderes. Er ließ sich von ihr, die übernächtigt und recht angegriffen aussah, genau berichten und meinte: ,„Na, lange kann dieser Zustand ja natiirlich nicht dauern, und ihm ist am wohlsten, wenn der Tod ihn erlöst. Es ist mir sehr lieb, wenn du hier ein wenig nach dem Rechten siehst, denn die Leute — man weiß wohl, wie es bei solchen Gelegenheiten her geht. Sein Geld wird der Alte unter sicherem Verschluß haben, seine Wertpapiere sind, so viel ich weiß, bei seinem Bankier, und das Testament ist beim Gericht deponiert. Das wäre so weit in Ord­nung, aber achte hier ein wenig auf die Sachen — in dem Schrank da hat er sein Silberzeug verwahrt, kostbare Stücke darunter."

Ellen saß in sich zusammengesunkcn und hörte die Reden des Bruders, in denen kein Wort der Liebe oder Teilnahme für den armen Kranken war. Sollte sie chm

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Sonntag, den 24. Mai

sagen, was sie gestern über Susi gehört hatte? Aber

nein, wozu? es würde wenig Eindruck auf chn machen. Hatte er ein Herz? Er ging fernen gefahrlrchwr Weg bergab, sagte ihr erne Strmme rn rhremAnnern. Uno ste sah'keine Möglichkeit chn zu retten. Aber Gotte.' Liebe verliert keinen der Seinen. .

Welcords Worte, die er neulich zu ihr gesprochen, kamen ihr wieder in den Sinn: „Wir Menschen müssen^z warten verstehen, und Liebe üben an unserem wo wir

„Leopold! Du hast dem Manne, der da wohl auf seinem letzten Lager liegt, viel zu danken, vergib e^ mm jetzt wenigstens mit deiner Liebe und Teilnahme, er Hort und versteht alles", sagte sie.

„9hm ja, ich kann ihn nicht gesund machen , entgeg- nete Leopold unwirsch, „und Klageweib zu spielen, ver­stehe ich nicht. Da bist du hier augenblicklich weit beste am Platz, als ich." , ,

Er küßte sie, was er selten tat, und gmg. Sie sah ihm lange mit einem trostlosen Blick nach.

Mit dem Justizrat wendete es sich aber noch nicht zum Ende. Seine zähe Natur widerstand. _ Die Lähmungen wichen, er vermochte bald beide Arme wieder zu bewegen, auch ein paar Minuten auf seinen Füßen zu stehen, so» daß Schneider ihn außer Bett und zeitweilig auf dm, Sofa bringen konnte. ,

Auch die Sprache kehrte zurück, wenn er auch noch schwer mit der Zunge anstieß, und sich michsam QuS*

drückte. „ „ . ...

Da es gerade in die Osterferien fiel, konnte Ellen taw lich kommen. Das Schlucken war für den Kranken noch immer sehr beschwerlich, er konnte es nur bewerkstelligen, wenn man ihn genau in die richtige Lage brachte, und da» verstand einzig Ellen.

Frau Holz hatte Respekt von ihr bekommen, weil sie in jtzner ersten greulichen Nacht allein bei dem Herrn ausgehalten, und obgleich sie ganz fremd da hmein- schneite, sich doch so rasch zu helfen gewußt hatte. ^I)r war es jetzt bequem, wenn das Fräulein kam und an- ordnete. Daß der Herr es litt, erschien ihr freilich als em

Wunder. . . ,

Der Justizrat war mitunter in schlimmer Laune, auf die Holzen hatte er seit der Katastrophe emen grimmen Haß geworfen, sie durfte ihm nicht mehr zu nahe kommen, und sie erklärte draußen trotzig, daß ihr das sehr ££cfyt jet.

Mit Schneider nörgelte er unablässig, Ellen hörte oft im Vorzimmer, wenn sie Mantel und Hut ablegte, seine rauhe, polternde, jetzt bei der noch nicht ganz beseitigten Lähmung immer stoßweise herausbreck-ende Stimme, und Schneiders ärgerliches Gemurmel dagegen.

Sobald sie eintrat, glätteten sich die zornigen Menen des Kranken, Ruhe legte sich über das gelbe, hagere, mumienhafte Gesicht. Er begrüßte sie höflich mnd über- ließ sich schweigend ihrer Fürsorge. Er hatte noch kein Wort über ihr unerwartetes Kommen und Eingreifen ge- äußert, ihr auch nicht gedankt, er fügte sich still, merk- würdig gelassen allen ihren Weisungen.

Sie hatte eine ernste feste Art mit ihm nmzugehen, sie ging umher, als sei sie in diesen Räumen von jeher zu Hause, tat alles, als sei es selbstverständlich. Sie wußte

genau die Stunden zu treffen, wo sie dem Krcmk m wtr?» lich nötig war, und kam dann prazrse, auf die Miuue.

Schneider berichtete ihr oft, der ^ustizrat verliere kern Auge von der Uhr, bis sie da sei. Es j^n immer dieser sichtbare Schein von Ruhe über sein Gesicht.

Sie gewahrte es nicht, wie gespannt er fede ihrer Be­wegungen verfolgte, wenn sie geräuschlos un Zimmer ym und her glitt, oder halblaut Schneider ihre bestimmten

Weisungen erteilte. , . ,. __. r „

Schneider brummte und grollte jetzt mittlerweile. Ein paar Löffel voll Medizin könne er auch erngeden, sei er doch nun seine 30 Jahre um den Herrn

Aber die Augen des Kranken fingen dann wieder an zu rollen. Er sei ein alter Tölpel, hieß es, seine Fault sei viel zu hart, er wisse den Löffel nicht iu drngmren.

Schneider zuckte die Achseln und war es schließlich zu­frieden, wenn Fräulein Kramer kam. „

Leopold kam täglich und machte seinen fornrelleii Be- such. Er redete dann viel iind laut, oberflächliche, Trost spenden sollende Phrasen, kleine aufmunternde Witze, als spräche er zu einem Kinde. ,

Der Alte erwiderte ihm meistens nichts, seine Augen nur, diese seit der Krankheit so merkwürdig gewordene, scharf beobachtenden Augen wichen nicht von dem Gesicht seines Besuchers, und Leopold sagte: ..

„Er ist ja nur halb zurechnungsfähig, ich tvette, er versteht gar nicht, was man ihm sagt." .

Ellen, die selten zu der Zeit, wo der Bruder seinen Besuch machte, anwesend war, hegte innerlich eine ganz andere Meinung. Sie sprach sie indes nicht aus, sie gmg überhaupt sehr still und blaß umher. Selbst an ihrer robusten Gesundheit zehrten alle diese Aufregungen unb Strapazen, welche sie willig auf sich nahm, ohne daß von irgend einer Seite dessen Erwähnung geschah. .

Einmal war sie nahe daran, mit Leopold eine Aus- spräche zu suchen. Sie erfuhr durch die Zermng, daß Fräulein Helmke am zweiten Osterfeiertage im Hostheater aufgetreten sei und sehr gefallen habe. So war also sust hier und konnte Leopold jeden Tag begegnen.

Ellen fragte sich, ob nicht ihr Anblick, die Kunde von ihrer Anwesenheit schon ihn aufschütteln werde, sein Ge­wissen wecken und ihn zu seiner Pflicht Suruckführen. Aber nach längerer Überlegung Vertvarf sie denGedanken. Jede Stunde, die sie mit dem Bruder zusammen der- brachte, gab ihr aufs neue den Eindruck, daß er nicht zu

beeinflussen sei. „ .

Im Roseschen Hause war sie lange Nicht gewe sen. Während der Ferien waren auch Angelikas Unterrrchw- stunden ausgefallen, und Herr Welcord war dort Er begegnete ihr eines Tages, als sre aus des ^zusnzrats

Er^grützte sie in seiner ernsten Weise, in der immer eine wohltuende Wärme lag, und schloß sich ihr auf chrem

^„Sie' haben, wie ich erfahre, noch wieder neue Mf- gaben übernommen", sagte er, „war das notwendig? Sie

sehen nicht gut aus." .. ™ r x t

Sie lächelte. Er war der erste Mensch, der auf ihr Ergehen achtete, selbst die Mutter sprach me davon. Sie war in einer fieberhaften Erregung wegen des Au^ ganges der Krankheit, im Hinblick auf die möglichen aroßen Veränderungen für ihren Sohn. (Forts, folgt.)

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